Ein Lob des Spaziergangs
Ich muss nichts tun – nur gehen
Draußen weht der Wind, Regenwolken ziehen auf: Trotzdem einfach loslaufen, ohne Fitnesstracker und große Ziele. Ein Spaziergang über den Deich genügt, und das Herz weitet sich
Standpunkt - Spaziergang
Katharina Gschwendtner
Christian O. Bruch
Aktualisiert am 22.07.2024
6Min

Vorgelesen: Standpunkt "Ich muss nichts tun – nur gehen"

Der Februar hat Regenwolken ge­­bracht, sie hängen schwer über einer eindrucksvollen Landschaft. Ich stehe auf der Deichkrone und schaue in das weite Bett des Elbstroms hinein. Vor mir das Deichvorland mit Strand und Watt, dahinter das Band der Fahrrinne, in der leise brummend ein Containerfrachter vorüberzieht.

Ich gehe los, gegen den böigen Westwind, es quaatscht unter meinen Sohlen. Wasser hat sich in den Schafs­tritten gesammelt. Ich freue mich auf ein paar Stunden am Elbdeich, westlich von Hamburg, in einer Landschaft der langen Linien. Nach kaum zehn Minuten wird mir warm, bald findet der Körper seinen Rhythmus, während meine Alltagsgedanken sich zwischen Wind und Wolken aufzulösen beginnen.

Christian O. Bruch

Christian Sauer

Christian Sauer lebt als Publizist, Coach und Dozent in Hamburg. Er gehört zu den Mitgründern von chrismon und war von 2000 bis 2006 stellvertretender Chefredakteur. 2019 erschien sein Buch "Draußen ­gehen. Inspiration und Gelassenheit im ­Dialog mit der Natur" im Verlag Hermann Schmidt.

An Wintertagen habe ich hier die Eiskristalle bewundert, die sich bei minus sieben Grad an jedem ein­zelnen Grashalm aufreihten. Im ­Sommer hat mich die Hitze umhüllt wie ein heißes Saunatuch. Im Spätherbst streckten die alten Eichen im Marschland ihre verwinkelten Äste aus dem Bodennebel. In dieser Landschaft ist jeder Gang eine Begegnung. Allerdings: Ich darf nichts erwarten, nichts Bestimmtes wollen – Entspannung, Stressabbau und dergleichen. Die Kunst besteht darin, der Landschaft absichtslos zu begegnen.

Je offener wir sind für das, was unterwegs passiert, desto intensiver kann eine Landschaft uns anrühren. Ich habe das in einem abgelegenen Hochkar in den Alpen erlebt, umringt von Felswänden und Geröllfeldern – Momente völliger Leere, außen wie innen. Auf Saumwegen im Mittelgebirge, entrückt vom tiefen Licht eines Sommerabends. Sogar mitten in der scheinbar langweiligen Norddeutschen Tiefebene, bei der Rast auf einer verschneiten Lichtung im Winterwald: Ich konnte in die Stille hineintauchen wie in einen tiefen, klaren See. Und auch jetzt, während ich den Blick über Feuchtwiesen und Wellenkämme wandern lasse, macht sich in meinem Hirn ein befreiendes Nichts breit. Momente sind das, in ­denen ich mich als Teil eines größeren Ganzen spüre.

Gehen um des Gehens willen

Draußen gehen, um zu sich selbst zu kommen – und darüber hinaus. ­Jede und jeder von uns mag in solchen Momenten etwas anderes erleben, aber eins haben sie gemeinsam: Wir können sie nicht gezielt herbeiführen. Wir können den Rahmen schaffen für solche Augenblicke. Alles Weitere liegt nicht in unserer Hand.

Fast 500 Jahre lang hat sich das westliche Denken abseits der Natur bewegt. Der Rationalismus hat sie als Objekt definiert, das dem Subjekt Mensch nachgeordnet ist. Zurzeit ­suchen viele den Weg zu einer neuen Partnerschaft zwischen Mensch und Natur. In der sich verschärfenden Klimakrise dämmert uns, dass die Natur aus eigener Würde lebt. Vielleicht könnte sie uns sogar helfen, ein gutes Leben inmitten der Digitalisierung zu führen, während immer mehr Bildschirme sich zwischen ­unsere Sinne und die dingliche Wirklichkeit schieben . . .

Aber, Moment: Bin ich mit solchen Gedanken nicht schon wieder dabei, die Natur zu verzwecken? Erst haben wir sie zur Begleiterscheinung de­gradiert, nun soll sie uns retten? Den Widerspruch kann ich gerade noch feststellen, während ich im Regen auf dem Elbdeich voranstapfe, dann versinkt er im Matsch unter meinen Füßen. Macht nichts. Ich muss jetzt schauen, wohin ich trete. Das ist das Wunderbare am Gehen: Es holt uns ins Jetzt.

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Derzeit entdecken viele diese uralte Kulturtechnik wieder. Während das traditionelle Wandern des 20. Jahrhunderts – karierte Hemden, große Wandergruppen, ausgedehnte Einkehr – an Boden verliert, gewinnt eine neue Spielart Anhänger, gerade auch j­üngere. Allein, zu zweit oder im engeren Freundeskreis erkunden die Gehenden eine Landschaft. Sie nehmen das Wetter, wie es ist, und stellen sich der Anstrengung. Sie gehen um des Gehens willen und nicht nur, um diesen Gipfel oder jenes Gasthaus zu erreichen.

Wohin zieht es mich heute? Ich könnte einen Bogen durchs Hinterland zurück zum Ausgangspunkt schlagen, über schmale Straßen, die selten Autoreifen spüren. Auch schön, aber ich bleibe auf dem Deich, setze Schritt vor Schritt, übersteige ab und zu einen Schafszaun, folge dem breiten Rücken in die Ferne. Es gibt hier nichts zu erreichen. Es gibt einen Weg, kein Ziel.

Hörtipp: Hörbuch von Christian Sauer

Der Akt des Gehens erscheint uns so selbstverständlich, in Wahrheit handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel Hunderter Muskeln und etlicher Gelenke mit einem hellwachen Hirn. Und genau deshalb, weil Gehen viel anspruchsvoller ist, als es scheint, stellt sich oft diese besondere, meditative Stimmung ein. Was eng war, wird wieder weit. Was getrennt war, findet zusammen. Erstaunlich, wie Beschreibungen von aktiver Naturerfahrung und innigem Gebet sich gleichen.

Dieses Gehen ist natürlich keine Erfindung unserer Tage. Schon die griechischen Philosophen dachten am liebsten beim Umhergehen. Spätes­tens seit Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert das Gehen nutzte, um seine Schaffenskrisen zu be­wältigen, wissen Künstler und Dichter es als Kreativmethode zu schätzen. Dem Amerikaner Henry David Thoreau gelang hundert Jahre später das Kunststück, die Natur als Gegenüber wiederzuentdecken. Derzeit entdeckt eine ganze Autorenbewegung das "Nature Writing" und sucht eine ­eigene Sprache.

Auch die deutsche Wanderliteratur boomt. Seit ihr Urvater Johann Gottfried Seume um 1800 von Leipzig nach Sizilien spazierte, gab es selten so viele literarische Berichte über Wanderungen wie derzeit. Zu Fuß zum wahren Ich! Und es stimmt ja, Gehen ist der einfachste, jederzeit verfügbare Zugang zu einer Welterfahrung. Neue Wege beginnen hinter jeder Haus- und Bürotür.
Meine Leidenschaft ist das Gehen am Rande des Alltags. Überall locken mich Straßenzüge, Grünanlagen, Waldpfade, Brachflächen. Selbst wenn ich mitten in einer Großstadt zu tun habe und nur wenig Zeit, ­gehe ich los. Nach wenigen ­Schritten ­bleiben die Verkehrsadern hinter mir, ­spaziere ich durch Wohn- und Einkaufsstraßen; ich entdecke Ver­bindungswege, finde Reste von Feld und Wald, folge Bächen und Gräben, gehe immer weiter.

Einfach los, mitten in der Woche. Gehen, anstatt endlose Stunden im Outdoorladen zu verbringen, wie es manche Weitwanderer und Pilger ­tun, um noch das kleinste Detail ihrer Ausrüstung zu optimieren. Gerade Tourenwanderer hören sich manchmal allzu perfektionistisch und ehrgeizig an. Sie "kämpfen" gegen schlechtes Wetter, "bezwingen" schwierige Wegpassagen, "besiegen" Gipfel. Sogar im Modebegriff "Mikro-Abenteuer" schwingen Kampf und Dramatik mit – eine Kurzvorstellung auf der Bühne unserer Selbstoptimierung.

Pläne und Vorsätze vergessen

Passend dazu versprechen uns Outdoor-Industrie und Life­style-Medien: Wenn du wanderst, dann erwartet dich ein dramatischer Zugewinn an Erlebnisqualität und Fitness. Du kommst als neuer Mensch nach Hause! Einfach mal so ins Gehölz um die Ecke gehen? Zählt nicht, wenn man nicht gleich ­einen Kurs im "Waldbaden" dazubucht. Dabei ist alles so einfach, wenn es aus dem Moment heraus gelingt: ganz da sein, sich selbst in der Natur und als Teil der Natur wahrnehmen. Nicht spektakulär, aber inspirierend.

Irgendwo, irgendwann habe ich mich umgedreht, der richtige Moment war da. Habe die Deich­krone ver­lassen, den Wind im Rücken ­gespürt, die Elbe zu meiner Rechten betrachtet wie einen unbekannten Fluss. Jetzt ­raschelt Röhricht, alte Weiden schwanken im Wind. Ich ­betrachte die tiefen Furchen ihrer Rinde. Die Weidenpeitschen rauschen und scharren aneinander. Wieder zieht ein Containerschiff vorbei – ­seltsam unwirklich, eine bewegliche Fata Morgana. Ich habe längst ver­gessen, was ich mir am Morgen für diesen Tag vorgenommen hatte.

Dann bin ich zurück am Ausgangspunkt. Kurz ist mir danach, mich in die Landschaft hinein zu verbeugen: Danke für die selbstvergessenen ­Stunden zwischen Himmel und Erde. Für Augenblicke im großen Ganzen, die im Rhythmus meiner Schritte ­kamen und gingen. Ich musste nichts dafür tun. Nur weitergehen.

Eine erste Version dieses Textes erschien am 26. Februar 2020.

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Sehr geehrte Redaktion!
Einen Dank an Herrn Christian Sauer für den bei allen Katastrophenmeldungen so wohltuenden Bericht über den " Spaziergang über den Deich , nichts tun nur gehen ". Einen herzlichen Gruß aus Münster
Margret Linge

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Lieber Herr Christian Sauer,
mit großer Freude habe ich Ihren Artikel in der Zeitschrift gelesen. Ich war auch etwas verwundert, dass ein anderer Mensch meine persönlichen Empfindungen, die ich beim Gehen vor der Tür erlebe, so genau beschreiben kann und fühle mich Ihnen als Seelenverwandte. Vielen Dank.
Mit herzlichen Grüßen
Annegret Kourelas

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Hormone, die für die Muskeln gut sind, fördern auch das Gehirn. Deswegen bin ich für viel Sport bei unserem Nachwuchs. Den aber im Freien. Da würde ich die Turnhallen entsprechend umbauen. Das bringt mehr als angstbesetztes Bio-Essen.

Steve Jobs- der von Apple- ist auch gern spazieren gegangen und dabei sollen ihm gute Ideen gekommen sein.