chrismon: Herr Schuch, Sie haben in den vergangenen Monaten "Verständigungsorte" besucht, das sind Veranstaltungen, bei denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen miteinander ins Gespräch kommen können. Die Diakonie unterstützt diese Idee. Was haben Sie dort erlebt?
Rüdiger Schuch: Ich war in Sachsen und in Thüringen bei je einer solchen Veranstaltung, beide drehten sich um Corona. Eingeladen waren Menschen mit sehr unterschiedlichen, oft stark polarisierten Meinungen und Gefühlen. Wir saßen in kleinen Gruppen zusammen und hörten einander zu.
Jeder hatte eine Stimme, jeder durfte erklären, warum er so denkt, wie er denkt. An so einem Verständigungsort einigt man sich nicht – aber man lernt, sich besser zu verstehen. Wer spürt, dass ihm jemand wirklich zuhört, fühlt sich ernst genommen.
Rüdiger Schuch
Corona ist nun aber echt lange her …
Die Pandemie ist aber immer noch ein Thema! Eine Frau erzählte mir, wie sehr es sie bis heute schmerzt, dass ihre Mutter im Krankenhaus starb und sie nicht bei ihr sein durfte. Eine Pflegekraft sagte, gefühlt seien viele Menschen eher an der Einsamkeit gestorben als an Corona. Medizinisch stimmt das vielleicht nicht, doch die Isolation hat viele Menschen tief verletzt. Manche Gespräche gingen bis an die Schmerzgrenze. Mich hat das nachhaltig geprägt.
Warum sind Ihnen solche Begegnungen wichtig?
Ich höre in vielen politischen oder auch persönlichen Gesprächen Ansichten, denen ich maximal widerspreche. Trotzdem verstehe ich inzwischen besser, warum Menschen so denken. Hinter diesen Positionen liegen häufig viele Verletzungen. Sehr viele Menschen haben Erfahrungen gemacht, die sie anfällig machen für einfache Antworten.
Ist die Gesellschaft wirklich so gespalten, wie es oft heißt?
Ein Teil der Menschen hat sich von der Mitte abgewandt. Im Herzen teilen viele die radikale Rhetorik vielleicht gar nicht; aber sie wollen sich gehört und gesehen fühlen. Meine Beobachtung ist: In der Corona-Zeit hat der Staat Probleme mit viel Geld zu lösen versucht. Daraus ist eine Erwartungshaltung erwachsen, er könne das immer und überall.
Nun leben wir in einer Art Erwartungsdemokratie nach dem Motto: Liebe Politik, ihr habt gefälligst zu liefern – und wenn ihr das nicht macht, stellen wir das System infrage. Ich finde, das ist eine gefährliche Entwicklung. Kritik an der Politik ist aber natürlich berechtigt. Die formulieren wir als Diakonie ja auch. Aber wir müssen zwischen dem System und der konkreten Politik unterscheiden.
Wie meinen Sie das?
In der Politik passieren Fehler – die freiheitliche Demokratie aber bleibt trotzdem ein ungeheurer Gewinn, weil sie lernfähig ist und alte Fehler korrigieren kann.
Populistischen Parteien gelingt es aber leider zunehmend, die Demokratie gegen die Forderungen der Menschen auszuspielen. Und ihre Rhetorik richtet sich immer öfter gegen die Schwächsten, gegen die Ärmsten. Deshalb schauen wir als Diakonie genau hin.
Stabil wird die Demokratie nämlich erst, wenn Menschen spüren: Neben innerer und äußerer Sicherheit zählt auch die soziale Sicherheit. Wer weiß, dass diese Gesellschaft ihn auffängt, wenn er Hilfe braucht, der fasst Vertrauen in die Demokratie. Deshalb ist der Sozialstaat das Fundament unserer Demokratie.
Im vergangenen Bundestagswahlkampf wurde die Sozialstaatsdebatte mit Zahlen geführt, was beim Bürgergeld an Milliarden zu holen sei – es waren Angaben, die schlicht nicht stimmten. Wie sehen Sie das heute?
Das halte ich für wirklich gefährlich. Die Erzählung ging so: Der Sozialstaat ist in Not, weil manche ihn ausnutzen; stoppen wir den Missbrauch, sparen wir Milliarden. Das ist schlicht falsch. 2024 haben wir rund 1,3 Billionen Euro für den Sozialstaat ausgegeben – der größte Teil floss in Rente und Sozialversicherung. Das Bürgergeld ist daran gemessen ein kleiner Posten.
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Die eigentlichen Herausforderungen liegen woanders: in einer alternden Gesellschaft und in leeren Kassen, und weil uns Krisen wie etwa der Angriff Russlands auf die Ukraine belasten. Wirklich missbraucht wird das System nur von sehr wenigen. Trotzdem hat die Debatte alle, die Grundsicherung beziehen, pauschal an den Pranger gestellt. Man unterstellt ihnen, sie ruhten sich aus und wollten gar nicht arbeiten.
Und das stimmt nicht?
Die allermeisten kämpfen mit echten Hürden: Sie ziehen ihre Kinder allein groß und finden keine verlässliche Betreuung. Sie pflegen Angehörige. Sie sind psychisch krank. Wer die Debatte so eng führt, schadet der demokratischen Kultur – und er schadet den Menschen.
"Die Politik könnte viel stärker auf die Zivilgesellschaft setzen"
Rüdiger Schuch
Warum schadet ein solcher Generalverdacht gegenüber Ärmeren der demokratischen Kultur?
Wer lange ohne Arbeit ist, traut sich irgendwann nicht mehr, sich zu bewerben. Das ist kein Versagen, das ist menschlich. Stärkt man diese Menschen, statt sie zu stigmatisieren, erlebe ich immer wieder, wie sie ihr Leben zurückgewinnen. Wie stolz jemand ist, der wieder für sich und seine Kinder sorgt – das ist überwältigend!
Suggeriert der politische Diskurs aber, diese Menschen seien das eigentliche Problem, entsteht etwas Giftiges: das Gefühl, als armer Mensch nicht mehr richtig dazuzugehören. Und wenn man die Schwächsten ausschließt, verträgt sich das nicht mit dem demokratischen Miteinander.
Wo sehen Sie die größte Baustelle im Bereich der Sozialpolitik?
In den kommenden Jahren werden sehr viele Menschen pflegebedürftig. Schon heute steht die Finanzierung auf wackligen Füßen, und ich beobachte mit Sorge, dass man Pflegegrade neu definieren und damit Menschen, die eigentlich Pflege brauchen, offiziell durchs Raster fallen lassen könnte. Wenn sich viele Familien finanziell wie menschlich überfordert fühlen, leidet unmittelbar ihr Vertrauen in die Demokratie. Dann haben wir ein ernstes Problem.
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Wir brauchen auch deshalb eine Pflegereform, die Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen größtmögliche Sicherheit gibt. Das, was wir jetzt von der Politik sehen, ist leider das Gegenteil: Es soll auf dem Rücken der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und der Mitarbeitenden in der Pflege gespart werden. Das ist nicht sozial und schon gar nicht nachhaltig.
Was würde wirklich helfen, das Vertrauen in die Demokratie zurückzugewinnen? Die Migrationspolitik wurde beispielsweise verschärft, aber die AfD legt trotzdem zu.
Es hilft nicht, rechtspopulistische Positionen zu kopieren. Alle Analysen zeigen: So gewinnt man niemanden zurück, der zur AfD abgewandert ist. Was hilft, ist, sehr genau hinzuhören. Keine bezahlbare Wohnung zu finden, die Angst vor dem Jobverlust, die ungeklärte Pflege der Großmutter – das sind ganz konkrete Sorgen. Die Menschen wollen, dass man ihre Schieflagen erst einmal wahrnimmt, bevor man ihnen Antworten anbietet.
Und die Zivilgesellschaft ist enorm wichtig. Sie gerät zu Unrecht unter Generalverdacht, an den extremen Rändern mitzumischen. Darüber wird vergessen, wie sehr das ehrenamtliche Engagement diese Gesellschaft trägt – und den Sozialstaat gleich mit.
Die Politik könnte viel stärker auf die Zivilgesellschaft setzen, denn dieser Staat lebt davon, dass Menschen einander wahrnehmen und vor Ort im Kleinen helfen. Darin steckt eine ungeheure Stärke. Es ist ein Zusammenspiel – Menschen unterstützen und stärken und sie zugleich ermutigen, selbst Verantwortung zu tragen.
"Dieses Land würde nicht mehr funktionieren"
Rüdiger Schuch
Brauchen wir neben Effizienz auch eine ehrlichere Debatte über höhere Steuern auf Erbschaften und Vermögen?
Effizienz zuerst! Wer mehr Effizienz und weniger Bürokratie verlangt, hat recht. Wir geben zu viel Geld für Verwaltung aus. Hier schlummern erhebliche Mittel. Die Erbschaftssteuer halte ich auch für wichtig: zum einen, weil in diesem Land sehr unterschiedlich vererbt wird – in den östlichen Bundesländern deutlich weniger als im Westen.
Zum anderen, weil bei sehr großen Erbschaften nicht nur der Wohlstand der nächsten Generation gesichert sein sollte, sondern auch unser soziales System solidarisch mitgetragen wird. Diese Diskussion müssen wir jetzt führen.
Vor zwei Jahren haben Sie ein Interview gegeben, das eine intensive Debatte ausgelöst hat. Es ging um die Frage, ob Menschen, die AfD wählen, in der Diakonie arbeiten können. Wie weit ist diese Debatte seitdem gekommen?
Das Interview wurde populistisch zugespitzt. Mir ging es nie darum, zu sagen, jemand dürfe nicht bei der Diakonie arbeiten. Mir ging es um etwas anderes: Völkischer Nationalismus und Menschenfeindlichkeit stehen im Widerspruch zum christlichen Menschenbild. Und dieses Menschenbild ist die Grundlage der Diakonie.
Wir unterstützen Menschen, ganz gleich, woher sie kommen, wie sie leben, wen sie lieben. Wenn die, die unsere Angebote nutzen, sich bei uns nicht sicher fühlen können, weil Mitarbeitende sie verbal angreifen oder schlechter behandeln, hätten wir unseren Daseinszweck verloren. Das ist mir wichtig.
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Beeindruckt hat mich, wie ernsthaft und intensiv viele der 5000 diakonischen Träger seitdem diskutieren: Was sind unsere Werte? Was unsere Leitbilder? Diese Fragen stellen sie offensiv nach vorn – damit alle, die zu uns kommen, wissen, auf welchem Fundament wir arbeiten, und damit sich auch die Mitarbeitenden ihrer Sache vergewissern, in einer Zeit, in der das christliche Menschenbild immer weniger selbstverständlich ist. Dieser Diskussionsprozess geht bis heute weiter.
In Sachsen-Anhalt werden Umfragewerte von über 40 Prozent für die AfD gemeldet, eine absolute Mehrheit ist möglich. Es ist allerdings auch ein bevölkerungsarmes Bundesland. Also alles halb so schlimm?
Nein. Die AfD greift das Subsidiaritätsprinzip an. Sie will nicht, dass die Zivilgesellschaft Leistungen erbringt und mitgestaltet. Das Prinzip der Subsidiarität ist im Kern antitotalitär und antiautoritär. Übernähme die AfD die Regierung, zöge sie also autoritäre Strukturen ein, dann ist zu erwarten, dass man Hilfefeldern das Geld entzieht und Träger ihre Angebote kaum noch halten können. Wichtige Angebote für Menschen in Not müssten schrumpfen – und diese Menschen blieben unversorgt.
Gibt es eine Aussage, eine Rhetorik, bei der Sie persönlich denken: Das hätte ich vor zwanzig Jahren für unmöglich gehalten in Deutschland?
Ein Wort ist Ende 2023 in der politischen Debatte angekommen und breitet sich seitdem aus: Remigration. Von Angst will ich nicht sprechen – aber das Menschenbild hinter dieser Rhetorik bereitet mir Sorge. Würde man solche Pläne umsetzen, verließen viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte dieses Land – oder müssten gehen.
Wir verlören Nachbarinnen und Nachbarn, Mitmenschen, die längst Teil unserer Einwanderungsgesellschaft sind. Es sind aber auch Fachkräfte in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft, in der Industrie, überall. Verließen Hunderttausende das Land, brächen unsere Sozialversicherungen zusammen. Dieses Land würde nicht mehr funktionieren. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern eine nüchterne Folgenabschätzung.




