Vor einigen Monaten saß ich mit einem jungen Mann zusammen. Er erklärte mit ernster Miene, westliche Politiker hätten den Plan, den Islam endgültig zu vernichten. Sie hätten Angst vor dem Islam, weil dieser die einzig wahre Religion sei. Es gäbe eine globale Verschwörung gegen den Islam. Wenige Wochen später hörte ich, in einer anderen Stadt und in einer anderen Runde, das spiegelverkehrte Narrativ: Muslime planten in Wahrheit die Übernahme Europas. Wir seien naiv, hieß es, wenn wir sehen wollten, was ganz klar vor unseren Augen liege.
Zwei unterschiedliche Ereignisse, die sich doch sehr ähneln. Beide offenbaren ein hermetisch geschlossenes Weltbild. Es gibt Gut und Böse, Freund und Feind, die und wir.
An diese Erfahrungen muss ich denken, wenn ich die Debatte über die sogenannte Brandmauer zur AfD verfolge. Und sie führen mich zu einer für mich zentralen Frage: Wie geht eine demokratische Gesellschaft mit Millionen Bürgern um, die eine Partei wählen, deren Rhetorik und Teile ihres Personals man mit guten Gründen für gefährlich hält? Reicht es, sie moralisch zu markieren und auszuschließen? Oder verschärft so ein Verhalten am Ende das Problem?
Fest steht: Es gibt Christen, die bewusst als Christen die AfD wählen
Christen fragen sich heute, ob ein Christ die AfD wählen darf. Fest steht: Es gibt Christen, die bewusst als Christen die AfD wählen. Mich erinnert das daran, dass nach jedem islamistischen Anschlag Muslime sagen: "Das hat mit dem Islam nichts zu tun." Dieser Satz ist gut gemeint. Wer ihn sagt, will sich distanzieren und klarmachen, dass die eigene Religion keine ist, die zu Terrorismus führt.
Der Satz ist dennoch problematisch. Er verklärt den Islam zu einer zeitlosen Religion und tut so, als gäbe es einen von aller Geschichte und Auslegung unberührten Islam. Für unsere Frage wichtiger ist aber ein anderes Problem: Der Satz beendet die Auseinandersetzung. Viel interessanter ist es doch, aus muslimischer Innenperspektive zu fragen: Wie widersprechen wir Islamisten aus der Tradition heraus, auf die sie sich berufen? Mit welchem Zugang zum Koran, mit welchen theologischen Argumenten, mit welchem Verständnis von Gott und Mensch?
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