Umgang mit Extremisten
Nicht ausschließen, widersprechen!
Soll man AfD-Wähler und Islamisten moralisch bewerten und ausgrenzen? Damit machen es sich gerade Gläubige zu leicht, kommentiert der islamische Theologe Mouhanad Khorchide. Er plädiert für einen anderen Weg
Abstrakte Illustration von mehreren Gesichtern, die sich überlagern und sich teils zu - und abwenden
Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide hält es für unklug, Andersdenkende auszugrenzen
John Wood Cock / Getty Images
Peter Grewer
24.06.2026
5Min

Vor einigen Monaten saß ich mit einem jungen Mann zusammen. Er erklärte mit ernster Miene, westliche Politiker hätten den Plan, den Islam endgültig zu vernichten. Sie hätten Angst vor dem Islam, weil dieser die einzig wahre Religion sei. Es gäbe eine globale Verschwörung gegen den Islam. Wenige Wochen später hörte ich, in einer anderen Stadt und in einer anderen Runde, das spiegelverkehrte Narrativ: Muslime planten in Wahrheit die Übernahme Europas. Wir seien naiv, hieß es, wenn wir sehen wollten, was ganz klar vor unseren Augen liege.

Zwei unterschiedliche Ereignisse, die sich doch sehr ähneln. Beide offenbaren ein hermetisch geschlossenes Weltbild. Es gibt Gut und Böse, Freund und Feind, die und wir.

An diese Erfahrungen muss ich denken, wenn ich die Debatte über die sogenannte Brandmauer zur AfD verfolge. Und sie führen mich zu einer für mich zentralen Frage: Wie geht eine demokratische Gesellschaft mit Millionen Bürgern um, die eine Partei wählen, deren Rhetorik und Teile ihres Personals man mit guten Gründen für gefährlich hält? Reicht es, sie moralisch zu markieren und auszuschließen? Oder verschärft so ein Verhalten am Ende das Problem?

Fest steht: Es gibt Christen, die bewusst als Christen die AfD wählen

Christen fragen sich heute, ob ein Christ die AfD wählen darf. Fest steht: Es gibt Christen, die bewusst als Christen die AfD wählen. Mich erinnert das daran, dass nach jedem islamistischen Anschlag Muslime sagen: "Das hat mit dem Islam nichts zu tun." Dieser Satz ist gut gemeint. Wer ihn sagt, will sich distanzieren und klarmachen, dass die eigene Religion keine ist, die zu Terrorismus führt.

Der Satz ist dennoch problematisch. Er verklärt den Islam zu einer zeitlosen Religion und tut so, als gäbe es einen von aller Geschichte und Auslegung unberührten Islam. Für unsere Frage wichtiger ist aber ein anderes Problem: Der Satz beendet die Auseinandersetzung. Viel interessanter ist es doch, aus muslimischer Innenperspektive zu fragen: Wie widersprechen wir Islamisten aus der Tradition heraus, auf die sie sich berufen? Mit welchem Zugang zum Koran, mit welchen theologischen Argumenten, mit welchem Verständnis von Gott und Mensch?

Islamisten aus dem Islam auszuschließen, ohne in die inhaltliche Debatte zu gehen, entlastet vor allem die Person, die so redet. Doch so überlässt man den Islamisten das Feld der religiösen Deutung. Sie können dann ungestört behaupten, nur sie verkörperten den wahren Islam.

Genau diese Problematik droht sich derzeit in der Brandmauerdebatte zu wiederholen. Wenn Christen heute sagen: "Ein Christ kann die AfD nicht wählen", dann geht es auch hier um die nötige Distanzierung von einer zutiefst problematischen Partei. Wer so spricht, will klarmachen: Die eigenen christlichen Überzeugungen kollidieren mit den Ideen dieser Partei. Nur: Wer an einem Gespräch interessiert ist, kommt so nicht weiter. Was hat das Christentum konkret gegen die Positionen zu sagen? Und was ist mit den Christen, die die AfD wählen? Wie können sie ihre Wahlentscheidung christlich begründen?

Ich denke: Wer behauptet, der Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun, und wer behauptet, christliche AfD-Wähler können keine Christen sein, begeht denselben Denkfehler. In beiden Fällen wird eine harte Linie gezogen und die inhaltliche Auseinandersetzung verweigert.

Das ist strategisch unklug! Wie Islamisten so nicht auf religiöser Ebene attackiert werden, werden sich als christlich verstehende AfD-Wähler nicht auf ihre Religion hin angesprochen, sondern ausgeschlossen. Und für die AfD und rechtsextreme Christen bietet das die Chance, sich als echte Christen zu bezeichnen oder sich gar als Märtyrer zu stilisieren. Natürlich muss die AfD mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln kritisiert werden. Nur: Die Kommunikation in ihre Richtung abzubrechen, führt zu nichts. Es gibt gute Gründe, mit der AfD keine Koalitionen einzugehen und ihr keine Regierungsverantwortung zu verschaffen. Die Wähler der AfD allerdings einfach moralisch zu diskreditieren, ist das Gegenteil davon, sie überzeugen zu wollen.

Sowohl Islam als auch Christentum kennen die Idee einer unantastbaren Würde des Menschen

Warum spreche ich darüber als Muslim? Weil ich aus meiner eigenen Tradition weiß, wie sehr sich Gemeinschaften verhärten, wenn es kein Gespräch mehr gibt, sondern einfach abgeurteilt wird. Der Koran sagt in Sure 16, Vers 125: "Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung und streite mit ihnen auf die beste Weise." Dieser Satz enthält eine wichtige Einsicht: Streit über die Inhalte ist wichtig und notwendig. Und die Religionen haben in einem solchen Streit viel beizutragen, und zwar nicht nur Ausgrenzung: Denken wir an die religiösen Menschenbilder.

Sowohl Islam als auch Christentum kennen die Idee einer unantastbaren Würde eines jeden Menschen. Der Mensch wurde geschaffen nach dem Bilde Gottes oder als Kalif, wie es im Koran heißt. In den Religionen wird die Menschenwürde nicht an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gebunden. In beiden Religionen ist die Rede von der Feindesliebe, es wird daran erinnert, dass auch das eigene Volk einmal Fremdling war. Der Islam kennt in Sure 49, Vers 13 die Aussage, dass Gott die Menschen in Völker und Stämme aufgeteilt hat, damit sie einander kennenlernen – nicht, damit sie einander bekämpfen.

Völkisches Denken passt nicht zu diesen religiösen Quellen. Mehr noch: Es kann mit diesen Quellen als unreligiös entlarvt werden. Allerdings ist das natürlich anstrengender, als schnell zu sagen: "Das hat mit unserem Glauben nichts zu tun."

Andersdenkende nicht mehr überzeugen zu wollen, sondern auszugrenzen, ist eine Versuchung. Und auch die demokratische Mitte erliegt ihr zuweilen. Dabei ist es doch ein Kern von Demokratie, den anderen überzeugen zu wollen und nicht, ihn zu exkommunizieren. Wer nur noch in den Kategorien DIE und WIR denkt, in Freund oder Feind, tut der Demokratie keinen Gefallen.

Die eigentliche Brandmauer, die unsere Demokratie braucht, sollte also nicht zuerst zwischen Menschen verlaufen, die unterschiedliche Parteien wählen. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Sind wir bereit, demokratisch zu streiten, oder ergeben wir uns der Versuchung eines autoritären Denkens? Wir müssen die Mühe der inhaltlichen Auseinandersetzung auf uns nehmen: nicht den Islamismus aus dem Islam ausschließen, sondern ihm aus dem Islam heraus widersprechen. Nicht die AfD aus dem Christentum ausschließen, sondern ihre Positionen aus dem Christentum heraus widerlegen und zugleich zeigen, wofür das Christentum eigentlich steht.

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