Sollten evangelische Bischöfe und andere kirchenleitende Personen ihren Kirchenmitgliedern Wahlempfehlungen geben? Noch vor kurzem hätten wohl die meisten Theologen klar gesagt: Nein. Und auch unter den leitenden Geistlichen wäre die Ablehnung vermutlich deutlich gewesen. Immer wieder haben Kirchenvertreter betont, dass die Kirche zwar politisch sei, aber nicht parteipolitisch. Die EKD-Ratsvorsitzende und chrismon-Herausgeberin Kirsten Fehrs sagte 2025 der Zeitschrift Publik-Forum: "Die Kirche ist überparteilich."
Doch die Zeiten haben sich geändert. Das zeigt ein neues Statement leitender Geistlicher aus Niedersachsen und Bremen. Darin warnen sie davor, dass demokratische Grundwerte wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz zunehmend unter Druck geraten. Führende Vertreter der AfD würden sich verfassungsfeindlich und rechtsextremistisch äußern, betrieben Ausgrenzung und stellten ethnische Zugehörigkeit über gleiche Bürgerrechte.
All das ist weder neu noch überraschend. Doch dann folgt ein Satz, der aufhorchen lässt: "Nach unserer Überzeugung ist die AfD für Christinnen und Christen daher nicht wählbar." Diese Zuspitzung markiert eine neue Qualität kirchlicher Stellungnahmen.
Nun könnte man sagen: Endlich sagt es mal jemand! Und vermutlich werden sich die wenigsten darüber wundern, dass viele Bischöfe so denken. Doch spricht so jemand, der noch vor kurzem erklärt hat, die Kirche sei überparteilich? Und führt die Aussage, die AfD sei für Christen nicht wählbar, tatsächlich zu etwas Gutem?
Beide Fragen müssen eher mit Nein beantwortet werden. Denn mit solchen Sätzen überschreiten Kirchenleitende die Grenze theologischer Interventionen. Wer erklärt, eine konkrete Partei sei für Christen grundsätzlich nicht wählbar, verlässt die Rolle der überparteilichen Stimme und wird selbst zum politischen Akteur. Genau darin liegt das Problem.
Die inhaltliche Kritik an der AfD ist nachvollziehbar und oft auch theologisch gut begründet. Die zusätzliche Aussage, die Partei sei für Christen prinzipiell nicht wählbar, fügt dieser Kritik aber kaum etwas hinzu außer einem merkwürdig paternalistischen Unterton. Als ob es zu den Kompetenzen evangelischer Kirchenleitender gehören würde, verbindlich festzulegen, welche Parteien Christen wählen dürfen.
Der Anteil evangelischer Kirchenmitglieder, die AfD wählen, dürfte ungefähr dem Anteil in der Gesamtbevölkerung entsprechen. Das haben beispielsweise Befragungen nach der Bundestagswahl 2025 ergeben. Je nach Umfrage liegt der Anteil der AfD-Wähler in Niedersachsen und Bremen derzeit zwischen 15 und 20 Prozent. Natürlich sagen die Kirchenleitenden nicht ausdrücklich, diese Menschen seien keine Christen mehr. Aber diese Konsequenz schwingt mit.
Aber können Bischöfe und andere Kirchenleitende wirklich darüber entscheiden, wer Christ ist und wer nicht? Und wollen sie die Trennlinie wirklich entlang einer politischen Einstellung ziehen und nicht entlang des Glaubens? Dann würden Sie wirklich allen Vorurteilen entsprechen, die sagen: Die Kirche ist eine politische Organisation geworden.
Man kann dieses harte Vorgehen gegen die AfD dennoch verstehen. Das Papier mit der umstrittenen Aussage steht im Zusammenhang eines immer weiter eskalierenden Streits zwischen den großen Kirchen und der AfD. Zuletzt wurde etwa heftig über das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt diskutiert. Die Partei wirft den großen Kirchen vor, sich von ihrem christlichen Auftrag entfernt zu haben und stattdessen vor allem gesellschaftspolitisch zu agieren. Sie fordert deshalb, kirchliche Sonderrechte und Staatsleistungen abzuschaffen. Das würde die Kirchen durchaus hart treffen.
Die Kirchenleitungen in Sachsen-Anhalt reagierten scharf. Die Positionen der AfD seien mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar, erklärten sie. Das ist inhaltlich ebenso deutlich wie das neue Papier aus Niedersachsen und Bremen. Doch der entscheidende Unterschied liegt im Ton. Die ostdeutschen Kirchen erklären nicht pauschal, dass Christen die AfD nicht wählen könnten. Sie kritisieren politische Inhalte und halten damit die Gesprächskanäle zu denjenigen offen, die trotzdem AfD wählen.
Lesetipp: Wie sollen Christen mit der AfD umgehen?
Das ist klüger. Die niedersächsischen und bremischen Bischöfe teilen die Welt in Gut und Schlecht ein, hier die richtigen Christen, dort die falschen. Das mag vielen gefallen, die genauso denken. Doch die Realität ist selten schwarz-weiß. Außerdem ist es in seiner Schlichtheit gegenwartsblind. Es ist nicht gut, wenn ausgerechnet die Kirchen, die Menschen zusammenbringen wollen, die Polarisierung im Land weiter verschärfen. Es löst Konflikte auch nicht, wenn die Kirchen die Augen vor der Realität verschließen.
Die AfD ist ja offensichtlich für viele Christen unterschiedlicher Konfessionen wählbar – ob man das gut findet oder nicht. Es zeigt, dass die Wählbarkeit der AfD eben keine einfache Frage des Christseins ist.
Man muss also theologisch argumentieren, statt parteipolitisch zu poltern. Es fällt ja nicht schwer, Positionen der AfD christlich zu kritisieren. Und das wird und wurde auch vielfach getan. Die Argumente sind zigfach ausgesprochen und niedergeschrieben. Am naheliegendsten ist der Verweis auf Jesus selbst. Die christliche Idee der Nächstenliebe oder die Vorstellung, dass Christinnen und Christen zur Nachfolge Jesu verpflichtet sind, steht offensichtlich in einem Spannungsverhältnis zu einer Migrationspolitik im Stil der AfD – um nur ein Beispiel zu nennen.
Vertrauen die Kirchenleitenden ihrem eigenen theologischen Fundament nicht? Das wäre kläglich. Die theologischen Argumente gegen die AfD sind viel stärker als bischöfliche Abkanzelungen. Die Kirchen sollten sich von der AfD nicht zu Aussagen treiben lassen, die am Ende den eigenen Anspruch auf Überparteilichkeit untergraben. Auch um ihrer Glaubwürdigkeit willen.









