Hände ragen in die Luft, als wollten sie abstimmen
Religion kann der Demokratie helfen - wenn sie richtig interpretiert wird
Ozgur Onmaz / Getty Images
Demokratie und Islam
Welche Rolle spielt der Islam für demokratische Werte?
Braucht Demokratie Religion? Nicht unbedingt, sagt unser Kolumnist, aber eine bestimmte Form von Religion kann hilfreich sein
Peter Grewer
08.06.2026
4Min

Bei einem Podiumsgespräch zum Thema "Braucht Demokratie Religion?" stellte mir letztens der Moderator folgende Frage: "Wenn Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit bereits vernünftig begründet werden können, warum brauchen wir dann noch religiöse Erzählungen? Und welche Rolle kann der Koran überhaupt für demokratische Werte spielen?"

Die Frage ist berechtigt. Sie verweist auf ein Grundgefühl vieler Menschen: Wir haben Verfassungen, Menschenrechte, Demokratien und philosophische Begründungen für Freiheit und Würde. Brauchen wir Religion überhaupt noch? Ist sie nicht bestenfalls eine kulturelle Ergänzung, schlimmstenfalls sogar ein Hindernis auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft?

Meine Antwort lautet: Ja, Demokratie kann ohne Religion begründet werden. Aber Demokratie kann von einer liberalen Religion profitieren. Denn diese erzeugt eine innere Haltung, die zur Demokratie passt.

Für viele gläubige Musliminnen und Muslime stellt sich zudem eine andere Frage: Stehen Menschenwürde, Freiheit und demokratische Werte auch im Einklang mit meiner Religion? Gibt es im Koran und in der islamischen Tradition Grundlagen, die es mir ermöglichen, diese Werte auch als Ausdruck meines Glaubens zu verstehen? Genau deshalb bleibt die theologische Begründung wichtig. Nicht als Alternative zur Vernunft, sondern als Brücke zwischen gläubigen Muslimen und unserer säkularen, demokratischen Gesellschaft.

Welche innere Haltung kann die Religion also hervorbringen, um die Demokratie zu fördern? Welchen Beitrag kann Religion zu einer demokratischen Kultur leisten?

Um diese Frage zu beantworten, fällt mir eine der für mich faszinierendsten Erzählungen des Korans ein: die Geschichte von Adam, den Engeln und Iblis, etwa in Sure 2 ab Vers 30. Iblis ist die muslimische Version des Satans.

Als Gott den Engeln mitteilt, dass er den Menschen erschaffen und auf die Erde setzen will, reagieren die Engel skeptisch. Sie fragen: "Willst Du jemanden einsetzen, der Unheil stiftet und Blut vergießt, während wir Dich lobpreisen und verherrlichen?" Die Engel sehen die Gefahren des Menschen. Gott hingegen sieht sein Potenzial.

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Dann geschieht etwas Überraschendes. Nachdem Adam erschaffen wurde, fordert Gott die Engel auf, sich niederzuwerfen; und zwar vor dem Menschen. Alle Engel folgen diesem Aufruf bis auf einen. Iblis verweigert sich. "Ich bin besser als er", erklärt er. "Du hast mich aus Feuer erschaffen und ihn aus Erde."

Hier beginnt die eigentliche Tragödie. Bemerkenswert ist nämlich, dass Iblis kein Problem mit Gott hat. Er glaubt an Gott. Er anerkennt Gottes Existenz. Sein Problem ist der Mensch.

Iblis verweigert einem anderen Wesen die Anerkennung. Er erkennt Verschiedenheit an, aber keine Gleichwertigkeit. In dieser Lesart der Geschichte liegt politische und ethische Sprengkraft, die bis heute kaum ausgeschöpft ist. Die nach dem Koran erste Sünde besteht dann nicht primär in einem Vergehen gegen Gott. Sie besteht in der Weigerung, den Menschen anzuerkennen. Iblis wird zum Teufel, weil er ein anderes Geschöpf Gottes herabwürdigt. Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer Weltanschauung abwertet, bewegt sich auf genau jener teuflischen Bahn, die diese Erzählung beschreibt.

Innerhalb der islamischen Tradition existiert allerdings eine zweite, weit verbreitete Lesart dieser Geschichte. Nach ihr liegt die eigentliche Sünde des Iblis darin, Gottes Befehl missachtet zu haben. Im Zentrum steht dann nicht der Mensch, sondern der Ungehorsam gegenüber Gott. Aus der Frage nach der Würde des Menschen wird eine Frage des Gehorsams.

Gerade hier liegt eine der wichtigsten Herausforderungen islamischer Theologie heute. Denn die Wahl zwischen diesen beiden Lesarten ist keineswegs folgenlos. Wer Religion primär als Gehorsamssystem versteht, wird auch andere Koranstellen eher wortwörtlich lesen und ihre historische Einbettung sowie ihre ethische Zielrichtung leichter aus dem Blick verlieren. Das kann dazu führen, dass Körperstrafen, patriarchalische Geschlechterordnungen oder gewaltbezogene Texte unreflektiert in die Gegenwart übertragen werden.

Wer Religion hingegen als Schule der Anerkennung versteht, wird dieselben Texte nach ihrem ethischen Ziel befragen. Demokratie braucht genau diese zweite Haltung. Nicht deshalb, weil Religion politische Programme liefern müsste. Sondern weil sie Menschen dazu befähigen kann, im Anderen mehr zu sehen als einen Konkurrenten, Gegner oder Nutzenfaktor.

Hier kommt ein Gedanke ins Spiel, den moderne Demokratien oft vergessen: Der Mensch ist nicht nur Vernunft, nicht nur Konsument, Produzent oder Wähler. Er hat ein Herz. Im Koran ist das Herz weit mehr als ein Organ der Gefühle. Es bezeichnet das innere Zentrum des Menschen, also den Ort, an dem Verstehen, Gewissen, Empathie und Gottesbeziehung zusammenkommen.

Das mag paradox klingen: Demokratie lebt von Menschen, die ihre Freiheit nutzen. Aber sie lebt ebenso von Menschen, die sich von etwas Höherem als ihren eigenen Interessen korrigieren lassen.

Genau hierin liegt die spirituelle Ressource der Religion. Sie erinnert den Menschen daran, dass er mehr ist als seine Bedürfnisse, seine Identität oder seine Macht. Demokratie braucht nicht irgendeine Religion, erst recht keine fundamentalistische oder autoritär denkende. Aber Demokratie braucht Menschen, deren Herz gelernt hat, den Wert des anderen Menschen zu erkennen. Und dazu kann die Religion verhelfen.

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Kolumne

Mouhanad Khorchide

Für den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide ist die Freiheit des Glaubens sehr wichtig. Er tritt ein für einen Glauben, der die Menschen frei macht und die Liebe Gottes vermittelt. Für chrismon blickt er auf Gott und die Welt, mal religiös, mal politisch, immer pointiert.