chrismon: Auf meinen Social-Media-Kanälen, vor allem auf Linkedin, werden täglich neue tolle Projekte verkündet. Vom Beenden ist da fast nie die Rede …
Marina Schakarian: Stimmt. Und wenn, dann sind es traurige Geschichten. Das aktive Beenden kommt fast nie vor – nur, wenn man es zu einer Erfolgsstory umschreiben kann. Nach dem Motto: Wir haben das beendet, und dadurch ist es noch viel, viel toller geworden!
Was spricht gegen Erfolgsstorys?
Wir müssen auch über Enden sprechen, die nicht der volle Erfolg waren. Ich nenne es lose Enden. Die werden oft weggenuschelt. Oder das Beenden findet gar nicht erst statt, Dinge werden ewig weitergeführt.
Wir müssen viel mehr Dinge aktiv beenden, um unsere Ressourcen zu schonen. Denn in den meisten Betrieben fühlen sich die Menschen überlastet. Bei Befragungen sagen sie, sie wissen am Ende des Tages nicht, was sie eigentlich geschafft haben.
Marina Schakarian
Woran liegt das?
An vielen Faktoren, einer ist Homeoffice. Hat viele Vorteile, aber: Unsere Arbeit wird im Homeoffice noch abgegrenzter, jeder macht sein Arbeitspaket. Man nennt es die Fragmentierung der Arbeitswelt. Als alle noch im Büro waren, konnte man kurz eine Tür weiter gehen, vielleicht zur Buchhaltung, und sehen, wie der Fertigungsprozess weitergeht. Jetzt sitzen wir am Rechner und sehen den ganzen Prozess nicht mehr.
Gleichzeitig ist mit dem Laptop auf dem Küchentisch die Arbeit in unser Privates eingezogen. Klar, mit Kind zum Beispiel ist das praktisch, aber es trägt zum Gefühl der Überlastung bei, denn wir haben räumlich keinen Feierabend. Man fühlt sich in einem Hamsterrad, an dem diffuse Mächte drehen und wo die To-do-Listen nie ganz abgearbeitet sind. Viele denken dann, sie müssten noch produktiver werden, sie müssten immer noch mehr machen, um hinterherzukommen.
Und Sie sagen jetzt: Nicht mehr, sondern weniger machen ist der Weg. Sagt sich so leicht …
Nein, einfach ist es nicht, sonst hätte man es ja schon gemacht.
Wie erkennt man, welche Dinge man lassen und welche man weitermachen soll?
Es gibt drei Kriterien: Man schaut auf die Zahlen, wie sich ein Projekt entwickelt hat und wie gut es zur strategischen Ausrichtung passt – ohne es schönzurechnen. Man fühlt in sich und in das Team hinein, wo Energie fließt. Welche Projekte und Aufgaben bereiten Freude? Beflügelt es mich regelrecht? Oder kriege ich schon Angstschweiß, wenn ich daran denke?
Und man guckt, wie hoch ist der Aufwand? Nervende Sachen mit viel Aufwand und schlechten Ergebnissen – das sind eher die Streichkandidaten. Die haben vielleicht ihre Hochphase hinter sich und werden nur so weitergeschleppt.
Stichwort Freude: Ist das wie beim Ausmisten im Kleiderschrank? Was sich nicht mehr gut anfühlt, kann weg?
Ja, ich denke manchmal an Marie Kondo und ihre Aufräumbücher. Sie rät ja: Was keine Freude macht, kann weg. Was wir beim Ausmisten der Klamotten genauso spüren wie beim Ausmisten von Arbeit, ist die Verlust-Aversion.
Was ist das?
Wir mögen lieber das Vertraute behalten, etwas scheinbar zu verlieren, schmerzt uns. Den Pulli, der uns so lieb war, der aber eigentlich nicht mehr passt – den behalten wir oft, obwohl er schon abgetragen ist. Wir haben viele erfolgreiche Termine damit absolviert, das Teil gibt uns Sicherheit. Also bleibt es im Kleiderschrank, und wir schleppen es vielleicht sogar in die nächste Wohnung mit. So ist es auch bei Projekten: Das Vertraute weiterzumachen, fühlt sich oft besser an.
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Wenn wir lieber das weitermachen, was uns Spaß macht – wie kommen wir dann überhaupt zu neuen Ufern? Gerade bei uns im Journalismus fühlt sich zum Beispiel das Denken in gedruckten Medien oft viel besser an als im Digitalen …
Gewohntes mag sich angenehm anfühlen – dennoch können wir uns nicht der Entwicklung entgegenstellen. Daheim hält uns vielleicht niemand ab, den alten Pulli zu behalten.
Aber im Arbeitsalltag stehen das Produkt und das veränderte Nutzungsverhalten an erster Stelle. Wir alle möchten ja, dass das, was wir täglich machen, möglichst erfolgreich ist. Und das ist nun mal nicht mehr nur Print. Dafür müssen wir unsere Stärken fokussieren und zu neuen Ufern reisen.
Gibt es Menschen, die leichter aussortieren und beenden können?
Jeder Mensch ist anders und unser Verhalten von Umständen und Situation abhängig. Wer im Leben schon viel beendet hat, vielleicht eine Arbeitsstelle oder auch eine Ehe, hat mehr Resilienz aufgebaut als eine Person, die seit 20 Jahren dasselbe gemacht hat. Man kann aber beenden lernen.
Wie?
Eine erste Übung: Schließen Sie jetzt alle Tabs auf dem Handy! Ja, da ist noch ein Pastarezept von vor drei Wochen offen. Das kochen Sie eh nicht mehr. Weg damit.
Wissenschaftlich bewiesen ist: Eine Entscheidung ist immer besser als keine. Selbst wenn sie sich später als falsch herausstellt. Leider neigen wir aus Überlastung eher zur Lähmung, anstatt aktiv Entscheidungen zu treffen. Wollen erst das noch klären und jene Konsequenz … und so schleppt man viel zu lange halbgare Projekte und To-dos mit sich rum.
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Die meisten Menschen sind ja keine Führungspersonen – was ist, wenn meine Chefin das Ende verkündet?
Das Wichtigste, egal wer die Entscheidung trifft: Klarheit. Was wird beendet, was heißt das, und wer ist beteiligt? Man muss es aussprechen. Und als Mitarbeiterin: Man muss es einfordern. Nachfragen. Was genau wird beendet, klare Sätze. Gilt fürs Große und fürs Kleine. Auch für die eigene To-do-Liste auf dem Handy – einmal klar und laut zu sagen: Ich lasse das jetzt.
Und dann?
Helfen manchmal Rituale.
Was für Rituale?
Gemeinsam nach hinten schauen, das Vergangene wertschätzen, bevor man gleich weiter nach vorne rennt. Dazu muss man gar keine Führungskraft sein. Alle im Team, am besten gemeinsam, können sagen: Das war toll, dafür bin ich dankbar. Das schauen wir uns noch mal in einem Video, auf Fotos an. Wir packen eine Box oder einen Koffer mit Erinnerungen. Es muss ja kein therapeutischer Stuhlkreis werden. Aber oft ist da viel Trauer, und Trauer wird potenziert durch Einsamkeit. Es hilft sehr, wenn man merkt: Die anderen trauern auch. Wir halten das jetzt gemeinsam aus. Ich habe in einer Firma mal eine Erinnerungsküche gesehen …
Küche?
Ja, die mussten in einem Jahr echt viel beenden und dann noch in ein neues Hochhaus ziehen. Sie haben die alten Türschilder in die neue Teeküche mitgenommen und da aufgehängt. Andere gestalten eine wall of fame mit Awards und Gruppenfotos. Dann hat man auch Gesprächsanlässe beim Kaffeekochen. Das tut gut.
Und was mache ich, wenn der Chef etwas beendet hat, an dem ich sehr gehangen habe?
Fremdbestimmtes Beenden kommt häufig vor. Oft verlieren wir dann kurz den Halt. Dann sind Geländer umso wichtiger: das Abschiedsritual und der Gegenstand aus dem geliebten Projekt. Man stellt ihn ins Regal, dann hat er einen Platz.
Und dann kann ich für mich klären: Was sind die Dinge, die ich jetzt gestalten kann? Immer wieder die blöde Entscheidung des Chefs hinterfragen? Frisst viel Energie. Besser überlegen: Was habe ich selbst in der Hand, und wie soll das Neue aussehen? Das sind die sinnvollen Schritte.
Was haben Sie in Ihrem eigenen Leben erfolgreich beendet?
Erfolgreich? Na ja. Die Jazzband, in der ich jahrelang gespielt habe, hat mit mir Schluss gemacht, während ich gerade an meinem Buch saß. Nicht schön, und dann auch noch per SMS. Ich bin ja die Expertin fürs Aufhören, da muss ich doch lässig damit umgehen, oder? Aber das hat echt wehgetan.
Wir alle müssen viel geduldiger mit uns selbst sein. Wir sind nicht perfekt, und ich bin nicht die perfekte Beenderin und rutsche immer noch ab und zu in die Überlastung. Wichtig ist, dass wir da milde mit uns sind und uns Zeit lassen. Uns einen Zwischenraum gönnen zwischen dem Alten und dem Neuen.


