chrismon: Das Internet ist voll von sogenannten Life Coaches, ihre Kongresse ziehen Zehntausende Besucher an, die die Formel zum Glück finden wollen. Was ist ein Life Coach überhaupt?
Michael Utsch: Ein Coach ist ja ursprünglich ein Trainer. Im Sport ist das jemand, der wichtig ist, wenn ich meine Leistungen verbessern will. Oder auch im Beruf, um mich weiterzuentwickeln. Beim Life Coaching geht es aber darum, nicht nur eine spezielle Fähigkeit zu optimieren, also eine sportliche Leistung oder eine Berufstätigkeit, sondern das ganze Leben. Dabei wird teils auch eine Weltanschauung untergejubelt.
Coaches steigen oft mit einer persönlichen Geschichte ein - teilweise gleicht die einem Erweckungserlebnis: Vorher war ich der Loser und mir ging’s ganz schlecht, doch seit ich dies und das beherzige, bin ich voll in meiner Kraft. Sie sind eine Identifikationsfigur. Menschen sagen dann: So ein Leben will ich auch haben. Besonders zugenommen hat der Markt von spirituellen Coaching-Angeboten, die im höchst privaten Bereich beraten, wo es um persönliche Werte und das Wohlbefinden geht. Das Problem an den Versprechen ist, dass sie so universell und allgemeingültig sind und nicht auf eine spezifische Person in ihrer Situation eingehen.
Michael Utsch
Woher kommt dieser Trend?
Die Coaching-Szene ist ein bisschen ein Nachfolger der Bhagwan-Szene. Schon damals gab es diese Angebote, die mit einem gewissen Heilsanspruch auftreten. Momentan geht der Trend zu Online-Coachings, verbunden mit Kongressen und Seminaren. In den letzten Jahren melden sich häufig besorgte Angehörige von Betroffenen solcher Life Coaches bei Beratungsstellen wie unserem Institut. Sie merken, dass sich eine Person verändert hat, nicht mehr offen redet von den Seminaren, die sie da besucht. Es ist zu beobachten, dass dieser Markt größer wird und es keinen wirksamen Verbraucherschutz gibt.
Wie erklären Sie sich diesen Trend?
Der Beratungsmarkt ist auch durch gesellschaftliche Umbrüche gewachsen. Wir alle sind affiner gegenüber Online-Coachings geworden, und dadurch wurde diese ganze Branche gepusht. Außerdem sind liebgewonnene Sicherheiten brüchig geworden. Corona, die Klimakrise. Oder politisch: Unser Verhältnis zu den USA hat sich geändert, Europa muss sich quasi neu erfinden und allein zurechtkommen. Es gibt eine große Verunsicherung. Viele suchen deshalb nach gutem Kontakt zu sich und Selbstsicherheit. Aber wo kriege ich das? Genau da kommt dann jemand und sagt: Ich helfe dir, unter veränderten Umständen neu in dein Leben zu finden.
Was für eine Art von Glück oder neuem Leben versprechen die Coaches?
Das Feld ist sehr breit und bunt. All diese Coaches sagen aber: Ich weiß, was ein Leben glücklich macht. Wenn du meine fünf oder neun Ratschläge befolgst oder wenn du meinen Kurs buchst, dann wirst du zu dem Menschen, der du sein möchtest. Ein wesentliches Versprechen ist auch Verbundenheit, eine tiefere Verbindung zum Leben. Life Coaches behaupten: Ich bin mit mir selbst im Einklang, ich habe keine inneren Konflikte, ich habe guten Kontakt zu mir, zur Umwelt und zum Kosmos. Und die Menschen sind heutzutage einsam. Da ist ein Eins-zu-eins-Coaching, bei dem man miteinander in Kontakt kommt, sehr attraktiv.
Warum sind die Menschen so anfällig dafür?
Die Vielfalt dessen, was ich mit meinem Leben anfangen kann, ist groß geworden. Individualismus ist ja eigentlich eine Errungenschaft der Moderne. Aber durch die große Auswahl trauen sich viele nicht mehr zu, zu wissen, was zu ihnen passt, was sie glücklich macht. Wenn dann jemand sagt: Ich helfe dir, dass du zu deinem eigenen Kern und zu deinem Wesen findest, ist das eine Erklärung, warum diese Angebote so zugenommen haben. Auch durch Social Media: weil es Nähe vorgaukelt, auch wenn eigentlich keine Nähe da ist. Die Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit ist für viele nicht einfach. Es ist eine Traumwelt, und die möchte man im eigenen Leben haben.
Kann man diesen Traum denn erreichen?
Menschen wenden sich solchen Angeboten häufig in Lebenskrisen zu. Ich habe einige getroffen, die sagten: Ja, das hat mir ein paar Wochen aus einem tiefen Loch geholfen. Sie haben dann ein paar Kurse gebucht, aber eigentlich hat das nicht ihr Problem gelöst. Es war so ein Notpflaster, das aber keine Heilung oder Veränderung gebracht hat. Und letzten Endes nur teuer war.
"Ich kenne tragische Verläufe, bei denen Leute einem Guru gefolgt und am Ende obdachlos sind"
Michael Utsch
Wie teuer wird das denn?
Erst mal werden Kongresse von Coaches genutzt, um Kundschaft zu generieren. Da wirkt vor allem die Gruppendynamik. Auf diesen Events herrscht eine euphorisierende Atmosphäre, da werden Emotionen gepusht. Dann kommt ein Gratis-Kennenlernabend und dann ein Wochenendseminar für 800 Euro. Der Aufbaukurs kostet dann 1.500 Euro, der Fortgeschrittenenkurs schon 2.500. Da gibt es Leute, die am Ende 10.000 oder 20.000 Euro verlieren, weil sie glauben, sie müssen das in sich selbst investieren. Ich kenne ganz tragische Verläufe, bei denen Leute einem Guru gefolgt und am Ende obdachlos sind.
Wollen Life Coaches also nur ans Geld?
Ich glaube, dass es da unterschiedliche Motive gibt. Manche sind sozusagen Überzeugungstäter. Die haben nach einer Lebenskrise die Erfahrung gemacht: Diese fünf goldenen Regeln funktionieren bei mir. Andere wollen schnelles Geld machen. Aber das kann auch mehr als nur finanziellen Schaden anrichten. Wenn Menschen mit psychischen Störungen bei diesen Life Coaches nach Hilfe suchen, etwa weil sie keinen Therapieplatz finden. Dann kommt so ein Coach zum Beispiel bei Traumatisierungen oder bei einer schweren Depression mit Wohlfühlparolen. Wenn ich versuche, diese Glaubenssätze nachzusprechen, die dann aber bei mir nicht funktionieren, weil ich krank bin, kann das die Symptome verstärken und das Krankheitsbild verfestigen. Bei Depressionen kann es die Überzeugung verstärken, ich schaffe es nicht, ich bin selbst schuld, dass es mir so schlecht geht, oder ich bin ungeeignet für das Leben. Das ist eine echte Gefahr.
Wie schütze ich mich vor jemandem, der nur mein Geld will oder meine Probleme verschlimmert?
Ich sollte schon genau prüfen und kritisch hinterfragen, was die Ziele und die Grundlagen eines Coachings sind. Für mich ist es immer ein Alarmsignal, wenn allgemeingültige Entwicklungsziele in Aussicht gestellt werden, die man nicht überprüfen kann. Zum Beispiel: Werde der Mensch, der du sein könntest. Man sollte auch darauf achten, wie guruhaft ist diese Person? Hat sie auch Schwächen oder ist immer alles nur Glanz und Licht? Ganz wichtig ist: Wie geht der Coach mit Kritik um? Es wird dann gern auf Erfolgsberichte von anderen Schülern und Schülerinnen verwiesen. Wenn die es schaffen und du nicht, hast du es noch nicht richtig verinnerlicht, der Fehler liegt bei dir. Bei vielen Dingen wäre aber ein kritisch-konstruktives Gespräch mit einem Freund, einer Nachbarin, einem Familienangehörigen genauso wertvoll wie Coaching. Und kostengünstiger.
Es hat natürlich nicht jeder so ein gutes soziales Netz. Was dann?
Zwei Dinge sollten schon an den Schulen gelehrt werden. Das eine ist Social-Media-Kompetenz. Das andere wäre eine Grundausbildung, wie man mit den eigenen Gefühlen umgeht. Mancherorts gibt es auch so was wie "Glück" als Schulfach. Dort könnten dann genau diese Coaching-Themen besprochen werden: Was bin ich für ein Mensch, was für eine Kommunikationsstruktur habe ich, und was sind meine Stärken und Schwächen? Das würde vorbeugen und Abhilfe schaffen. Und dem Life-Coaching-Markt Einhalt gebieten.



