Geist und Bewusstsein
Wenn Demenzkranke vor dem Tod noch mal klar werden
Auch in einem unrettbar geschädigten Hirn kann sich noch ein wacher Geist zeigen - für einige Momente, meist kurz vor dem Tod der Betroffenen. Kognitionswissenschaftler Alexander Batthyány erforscht das Phänomen
"...wir wissen immer noch nicht, wie Bewusstsein und Geist entstehen"
Jose A. Bernat Bacete/Getty Images
12.05.2026
6Min

chrismon: Demenz gilt als unumkehrbar. Doch es gibt Berichte von Momenten, in denen Erinnerungen, Sprache und Persönlichkeit für kurze Zeit plötzlich wieder da sind. Gibt es dieses Phänomen tatsächlich?

Alexander Batthyány: Inzwischen erforschen wir es sogar wissenschaftlich. Geistige Fähigkeiten können für Minuten zurückkehren, manchmal sogar für Stunden oder Tage. So etwas gibt es nicht nur bei Demenz, sondern auch nach Hirnverletzungen, bei Hirntumoren oder Schlaganfällen. In unseren dokumentierten Fällen traten rund 85 Prozent der klaren Episoden kurz vor dem Tod auf. Wir sprechen dann von terminaler Geistesklarheit.

Alexander BatthyányLarissa Batthyány

Alexander Batthyány

Alexander Batthyány ist Professor für Theoretische Psychologie an der Pázmány Catholic University in Budapest und Direktor am Viktor Frankl Institut in Wien. Er beschäftigt sich mit der Natur von Geist und Bewusstsein, der Rolle von Sinn in der Psychotherapie und der Psychologie von Tod und Sterben. Batthyány ist Autor zahlreicher Bücher und lebt in Wien.

Wie ist so etwas möglich?

Es ist rätselhaft, weil es allem zu widersprechen scheint, was wir über das Gehirn wissen. Es ist schwer oder irreparabel geschädigt. Dennoch kommt es zu geistesklaren Episoden. Man kann es sich vielleicht so vorstellen: Die Krankheit ist wie Schneefall, der eine schöne Skulptur nach und nach unter sich begräbt. Irgendwann ist die Figur unsichtbar geworden, doch im Verborgenen ist ihre Grundgestalt noch erhalten. Wäre der Wesenskern tatsächlich zerstört, wäre seine Rückkehr eigentlich unmöglich.

Wie laufen geistesklare Episoden ab?

Was geschieht, ist oft sehr berührend. Ich werte derzeit über 400 Gesprächsprotokolle aus, die mir Angehörige geschickt haben. Viele Patienten äußern körperliche Wünsche, wollen zum Beispiel noch einmal etwas Bestimmtes essen. Eine gläubige, demenzkranke Patientin erhielt während einer klaren Phase die Krankensalbung. Als ihre Tochter fragte, ob sie noch etwas für sie tun könne, bat sie um ein Twix. Zu erleben, wie sie den letzten Schokoriegel ihres Lebens zelebrierte, hatte für die Tochter etwas zutiefst Sakrales.

Eine andere Frau wollte, dass man ihr die Haare schön macht – nicht aus Eitelkeit, sondern aus Wertschätzung für die äußere Gestalt des Menschen. Ein sehr ordentlicher Mann plante akribisch sein eigenes Begräbnis. Ein Kunsthistoriker, der sich viele Bücher ausgeliehen hatte, wusste an seinem letzten Tag wieder genau, wem er welche zurückgeben musste, und veranlasste das. Ein dementer Dichter rezitierte an seinem letzten Lebenstag längst vergessene Verse. Er fragte seine Frau, ebenfalls eine Dichterin: Erinnerst du dich? Für einen Demenzkranken finde ich das eine bemerkenswerte Frage.

Sie haben terminale Geistesklarheit auch in der eigenen Familie erlebt?

Ich war damals Student in Wien. Meine Mutter rief an und sagte, ich solle mit meiner Großmutter in Genf telefonieren. Das war eigentlich völlig absurd, denn diese war nach mehreren Schlaganfällen seit anderthalb Jahren praktisch sprechunfähig. Nur wenige einfache Worte waren ihr geblieben. Am Telefon sprach sie auf einmal genauso ausdrucksstark wie früher.

Meine Großmutter hatte sich immer sehr schön ausgedrückt und dafür durch ihre Ausbildung am Theater ein besonderes Talent. Wir tauschten Erinnerungen aus, sprachen über den Park, in dem ich als Kind gespielt hatte. Die vergangenen Monate, sagte sie, seien für sie wie im Nebel gewesen.

Was haben Sie während des Gesprächs empfunden?

Unser Telefonat dauerte etwa zehn Minuten, kam mir aber viel länger vor. Es war hochgradig verblüffend. Aber es ist interessant: Wenn man sich in so einer Situation wiederfindet, nimmt man sie einfach so an, wie sie ist. Das Nachdenken kommt dann später. Allerdings ahnte ich bereits während des Gesprächs, dass es unser letztes sein würde. Und so war es dann auch.

Hat diese Erfahrung Sie dazu bewogen, sich später wissenschaftlich mit dem Phänomen zu beschäftigen?

Es hat eine Rolle gespielt. Einige Jahre nach dem Gespräch habe ich zusammen mit meinen Studenten begonnen, Fälle terminaler Geistesklarheit zu dokumentieren. Die eigentliche Forschung begann aber nach einem Expertenworkshop des US National Institute on Aging im Jahr 2018. Dort trafen sich Fachleute aus verschiedenen Disziplinen – der Neurowissenschaft, der Bewusstseinsforschung und den Pflegewissenschaften –, um das Phänomen überhaupt erst einmal zu beschreiben. Die Behörden stellten Millionen an Forschungsgeldern bereit, um geistesklare Episoden zu erforschen. Heute gibt es etwa zehn größere Arbeitsgruppen, die an dem Thema arbeiten. Für mich ist es ein Privileg, Teil davon zu sein.

Was fasziniert Sie an den klaren Momenten?

Sie führen uns vor Augen, dass das Gehirn-Geist-Problem nach wie vor ungelöst ist. Und dass wir vielleicht ein tieferes Verständnis davon erlangen müssen, was Personsein bedeutet.

Was meinen Sie damit?

Wir alle wissen aus unserem Alltag, wie eng der Geist an das Gehirn gebunden ist: Müdigkeit, Fieber, Alkohol und eben auch eine Demenzerkrankung führen uns vor Augen, wie stark geistige Fähigkeiten vom Organischen abhängen. Bei der Demenz gehen ganze Verbände von Nervenzellen zugrunde. Dass in einem derart schwer beschädigten Gehirn der Geist plötzlich völlig klar zurückkehrt, widerspricht allem, was wir in der Medizin lernen. Wir haben zwar enorme Fortschritte in der Hirnforschung gemacht. Aber wir wissen immer noch nicht, wie Bewusstsein und Geist entstehen.

"Das Selbst kehrt nochmals ins Hier und Jetzt zurück"

Alexander Batthyány

In Ihrem Buch "Das Licht der letzten Tage" beschreiben Sie terminale Geistesklarheit als eine Art Übergang des Bewusstseins von einer Phase in eine andere, bei dem sprunghaft eine neue Ordnung entstehen könnte – vergleichbar mit Phasenwechseln in physikalischen Systemen.

Diese Parallele bietet sich an: Physikalische Gesetze, die in unserem normalen Alltag gelten, verlieren bei bestimmten Grenzüberschreitungen ihre universelle Gültigkeit. Auch der Tod ist eine Grenzbedingung. Es ist also zumindest denkbar, dass hier die Abhängigkeit zwischen Gehirn und Geist nicht mehr in der gleichen Form gilt.

Gibt es Parallelen zwischen terminaler Geistesklarheit und Nahtoderfahrungen?

Beides sind äußerst unwahrscheinliche Ereignisse. Sowohl bei der terminalen Geistesklarheit als auch bei Nahtoderfahrungen nach Herz- und Atemstillstand, wenn das Gehirn stark unterversorgt ist, dürften komplexe geistige Leistungen eigentlich nicht möglich sein. Und doch kommen sie vor. Das oft beschriebene Element des Lebensrückblicks bei Nahtoderfahrungen ähnelt den detaillierten Erinnerungen, die Menschen in geistesklaren Episoden mit ihren Angehörigen teilen. Es gibt aber auch Unterschiede zwischen den beiden Phänomenen.

Lesen Sie hier: Wie es ist, Sterbende zu begleiten - und was jeder tun kann

Zum Beispiel?

Die Richtung des Erlebens ist unterschiedlich. Betroffene beschreiben Nahtoderfahrungen als einen Austritt aus der Welt: Sie nehmen sich selbst als tot wahr und beobachten das Geschehen von außen – etwa das Chaos der Wiederbelebung im Raum. Bei der terminalen Geistesklarheit ist es genau umgekehrt. Das Selbst kehrt nochmals ins Hier und Jetzt zurück.

Für Angehörige ist es sicher wie ein Geschenk, einen klaren Moment eines geliebten demenzkranken Menschen erleben zu dürfen.

Es ist oft ambivalent – einerseits wunderschön, andererseits schmerzhaft. Häufig stirbt der Mensch, kurz nachdem er noch einmal "da" war und man ihn festhalten möchte. Angehörige haben sich innerlich vielleicht schon vor Jahren von der Person verabschiedet, weil sie sich durch die Krankheit stark verändert hat. Es kann sein, dass sich Angehörige schuldig fühlen und sich fragen, ob sie die Person zu früh in ein Pflegeheim gegeben haben. Manche sorgen sich, sie könnten dadurch frühere, geistesklare Momente verpasst haben.

Sind diese Sorgen berechtigt?

Wer sich derartige Gedanken macht, hat sich vermutlich nicht leichtfertig dafür entschieden, die Person in ein Pflegeheim zu geben. Das Tröstliche ist ja: Wer einen geistesklaren Moment bei einem Angehörigen erlebt hat, war ja am Ende für die Person da. Das zählt.

Wissen medizinische Fachkräfte, wie sie Angehörige durch solche Situationen begleiten?

In einer Befragung gaben rund 80 Prozent der Pflegekräfte an, in der Ausbildung nicht ausreichend vorbereitet zu werden. Angehörige berichten, dass selbst Klinikseelsorger – von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie mit solchen Situationen umgehen können – oft unsicher sind und wenig hilfreiche Ratschläge geben, statt zuzuhören. Teilweise mag das daran liegen, dass terminale Geistesklarheit noch wenig bekannt ist.

Wie häufig kommt terminale Geistesklarheit vor?

In einer Studie kam sie bei 6 von 100 Hospizpatienten vor. Das sind nicht besonders viele. Es wäre problematisch, wenn die Erwartung entstünde, ein ‚guter‘ Tod brauche noch einen letzten klaren Moment. Sterblich zu sein bedeutet, verwundbar zu sein. Das größte Geschenk am Ende eines Lebens ist nicht ein letzter klarer Moment, sondern bedingungslos an der Seite eines sterbenden Menschen zu sein – ganz gleich, wie es ihm körperlich oder geistig geht.

Infobox

Dr. Alexander Batthyány: Das Licht der letzten Tage. Das Phänomen der Geistesklarheit am Ende des Lebens. Verlag O.W. Barth, 288 Seiten, 26 Euro.

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