Liebe im Ukraine-Krieg
"Was willst du mit einem wie mir?"
Tatjana und Pavlo lernen sich in einem Kyjiwer Krankenhaus kennen und verlieben sich – er hat als Soldat seinen Arm und sein Bein verloren. Wie geht Nähe, wenn einer noch den ganzen Schrecken des Krieges in sich trägt?
Tatjana und Pavlo in ihrer Wohnung auf dem Sofa. Pavlo hält Tatjana in seinem gesunden linken Arm
Pavlo kämpfte an der Front, verlor Arm und Bein. Dann lernte er Tatjana kennen und die beiden verliebten sich
Marina Klimchuk
Marina KlimchukPrivat
31.05.2026
6Min

Sie wird ihn verlassen und mit der Tochter in Karlsruhe bleiben. Der Anruf kommt nach Monaten im Krankenhaus, als schon Dutzende Operationen hinter Pavlo Tsatsenko liegen. Endlich spricht sie aus, was er schon längst geahnt hat. Kurz darauf besuchen die Frau und das Kind ihn zum letzten Mal in Kyjiw. Das Mädchen schaut ihn befangen an. Wo ist ihr starker Papa geblieben? Im Krankenbett liegt ein Mann mit Stomabeutel, ohne Bein und mit einem vier Zentimeter langen Armstummel.

Eine Woche später, im September 2024, klopft es an der Tür.

"Wollen wir spazieren gehen?", fragt eine rothaarige Fremde. Tsatsenko nickt und hievt sich in seinen Rollstuhl.

Tatjana Tschetschenko denkt: Der hat was. Sie fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Schnell schüttelt sie den Gedanken ab. Unpassend wäre das. Sie hat Psychologie studiert und arbeitet als Sales-Managerin. Parallel zu ihrem Job hat sie gerade erst einen Kurs zur psychologischen Rehabilitierung von verwundeten Soldaten abgeschlossen. Ihr erstes ehrenamtliches Beratungsgespräch ist mit Pavlo. Sie ist nervös.

Tsatsenko denkt: noch so ein Therapiegespräch. Aber eigentlich ist sie ganz nett.

Seit Beginn der russischen Vollinvasion vor vier Jahren gibt es offiziellen Angaben zufolge etwa 400.000 Verletzte und 100.000 Ukrainer:innen, die wie Pavlo Tsatsenko einen Körperteil verloren haben und Prothesen brauchen. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich viel höher.

Der Krieg hat Liebe und Intimität verändert. Am allermeisten für Soldaten, Kriegsversehrte und ihre Partnerinnen. Ehefrauen sind unfreiwillig zu Pflegekräften geworden und fühlen sich mit der Situation oft überfordert. Männer schämen sich, über ihre Ängste zu sprechen und können ihren neuen Körper nicht akzeptieren. Paarbeziehungen und Familien zerbrechen.

Kann Nähe auf Augenhöhe überhaupt funktionieren, wenn der eine ein zufriedenes, erfolgreiches Leben führt und der andere alles verloren hat – seinen alten Körper, seine Familie, seinen Job?

Ein Donnerstag im Januar am Stadtrand von Kyjiw, fast anderthalb Jahre nach ihrer ersten Begegnung. Draußen fallen dicke Schneeflocken, drinnen sitzen Tatjana Tschetschenko, 48, und Pavlo Tsatsenko, fast 39, bei Kerzenschein in Tatjanas Wohnung, sie noch im Morgenmantel. Es gibt keinen Strom und kein heißes Wasser. Die russische Armee hat das Stromnetzwerk in der Stadt fast vollständig zerstört. Hunderttausende Menschen frieren.

Mit dem gesunden linken Arm schüttelt er Hankey Bannister Whisky in zwei Gläser und mischt sie mit Eis und Cola. Er blickt grimmig drein und spricht nicht viel, nicht über seine Verletzungen und auch nicht über die Liebe. Er hält die ganze Situation mit Tatjana ja auch für selbsterklärend: verliebt, Schmerzen, getrennt, wieder zusammen, zack, bumm. Er rechtfertigt sich nicht, bereut nichts.

Eine kleine Nachricht auf einem Zettel auf dem Tisch. Das Wort bedeutet "mit Küsschen".

Sie werkelt in der Küche, holt Speckröllchen mit Frischkäse und Rucola aus dem Kühlschrank und stellt sie auf den Tisch.

Sagt: "Ihm fehlt ein Bein und ein Arm, aber er ist so männlich wie bisher kein Mann in meinem Leben. Und ich war zweimal verheiratet." Sie errötet und kichert wie ein Mädchen, das von ihrem Schwarm erzählt.

Damals, ein paar Tage nach dem ersten Treffen, schickte Tschetschenko ihm eine Nachricht und erkundigte sich, wie es ihm geht. Aus Freundlichkeit, ohne Hintergedanken, versichert sie heute. Sein Krankenhaus lag auf ihrem Nachhauseweg von der Arbeit. Nach zwei Wochen schaute sie noch einmal vorbei und brachte ihm dickes Wollgarn mit – gut zum Trainieren seiner Feinmotorik. Mit der linken Hand häkelte er seiner neunjährigen Tochter damit eine bunte Kuscheldecke. Beim dritten Besuch kam sie mit Kräutertee. Jedes Mal fuhren sie mit dem Rollstuhl auf dem Krankenhausgelände spazieren. Monatelang ging das so. Selbst als er sie bat, ihn aus dem Krankenhaus abzuholen und mit ihm zum Konzert seiner Lieblings-Hip-Hop-Gruppe TNMK zu gehen, siezten sich die beiden noch, erinnert sie sich.

"Quatsch, was erzählst du da! Da waren wir längst per Du!", widerspricht er ihr. Sie lachen.

Im Februar 2025 lud eine Stiftung ihn zur Prothesenanpassung nach Minnesota ein. Kurz vor seiner Abreise in die USA küssten sie sich zum ersten Mal.

Vier Monate lang sprechen sie täglich über Video. Er schickt ihr Rosen, Orchideen, Schwertlilien. Sie wischt auf ihrem Handy und zeigt stolz die Blumensträuße. Sie erzählt ihrem erwachsenen Sohn von diesem Pavlo, der viel jünger ist als sie. "Hauptsache, Mama, du bist glücklich!", sagt der.

Als er nach Kyjiw zurückkommt, versuchen sie, eine normale Beziehung zu führen.

"Noch zehn Jahre und ich werde nicht mehr so gut aussehen. Ich werde älter", warnt sie ihn.

"Was willst du mit einem wie mir überhaupt?", fragt er sie andauernd. Er hat Angst, nicht genug zu sein für sie. Er boxt, geht joggen, schwitzt mit Verbissenheit an Fitnessgeräten. Aber der Mann, der er einmal war, wird nie mehr zurückkommen.

Er kauft ihr Wanderschuhe. Verspricht, ihr eines Tages die Karpaten zu zeigen. Bis er sich ehrenamtlich für den Kriegsdienst meldete, war er Wanderführer in den Bergen und koordinierte Naturreisen.

In ihrer ersten gemeinsamen Nacht reißt er sie mit seinen Schreien aus dem Schlaf. Sie hat bei ihrem Kurs gelernt, was das ist, ein Flashback, und weiß, wie gefährlich das sein kann – die Betroffenen nehmen die Situation nicht als Alptraum, sondern als Realität wahr. "Ich war wieder dort, im Sturm." Mehr sagt er zu dem Vorfall nicht. In einer Minute durchlebt er alles noch einmal. Die Russen greifen seine Aufklärungseinheit mit Artillerie, Drohnen und Raketenwerfern an. Er liegt da und sieht seinen abgetrennten Arm mit dem riesigen Tattoo nationaler ukrainischer Ornamente neben sich.

Auch als sie zum ersten Mal miteinander schlafen, fürchtet sie, ihm wehzutun. Seine Fäden von den vielen Operationen sind noch nicht gezogen. Einige Stellen an seinem Körper fühlen sich taub an. Er muss ihr genaue Anleitungen geben.

"Und was, wenn ich merke, ich schaffe diese Beziehung nicht? Wenn ich Schluss mache und sein Leben kaputt mache?", fragt sie ihre Therapeutin, als es ernst wird. Die antwortet: "Würdest du dir diese Gedanken bei einem anderen auch machen?" – "Nein!" – "Dann behandle ihn wie jeden anderen!"

Das könnte es sein, das Happy End. Nur ist es so, dass Pavlo noch zwei weitere Operationen bevorstehen. Es entstehen Komplikationen, er fällt und bricht sich drei Rippen. Er will nicht, dass Tatjana ihn im Krankenhaus besucht, schreibt er ihr. Sie ist verletzt und zieht sich zurück. Er verfällt in eine Depression. Monatelang haben die beiden keinen Kontakt.

"Ich hasste mich selbst und meinen kaputten Körper. Lag im Bett, dachte an sie und wusste, dass ich ihr wehtue. Aber ich konnte nicht anders." Er zieht sie an sich, legt den Kopf auf ihre Schulter. Er sieht viel älter aus. Sie schaut ihn halb ironisch, halb vorwurfsvoll an. Nicht die Verletzungen und Traumata seien das Problem, deutet sie an. Sondern seine Art, zu kommunizieren.

"Ich sehe lauter Warnsignale bei dir. Ich verzeihe dir immer wieder, weil du du bist!"

Im Herbst fängt er wieder an, mit der Beinprothese joggen zu gehen. Besucht zwei Wochen lang seine Tochter in Deutschland. Zusammen albern sie herum und machen einen Roadtrip. Wenn er von dem Kind spricht, verändert sich sein Blick. Er sagt nichts über den Schmerz, aber man sieht es ihm an: Er erträgt es nicht, sie nicht bei sich aufwachsen zu sehen.

Nach der Reise schickt er Tatjana eine Nachricht. Sie antwortet: "Ich vermisse dich!" Sie verabreden sich zum Konzert von TNMK. Seitdem sind sie wieder ein Paar.

Beobachtet man die beiden, wirken sie wie zwei verknallte Teenager. Flüchtig, spielerisch, sprunghaft. Für ein paar Augenblicke vergessen sie die Luftangriffe, die Stromausfälle, die Operationen und Schmerzen. Dann sind sie nur Tanja und Pascha.

Auch wenn nicht alles einfach ist, haben die beiden immer wieder zusammengefunden
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