Einmal, als mein Ex-Freund mich fragte, ob ich am Abend mit ihm zu einem Tischkickerturnier gehen wolle, hatte ich vor Wut Tränen in den Augen. Ich hatte mich auf einen ruhigen Abend in unserem Airbnb-Zimmer mit Snacks und einem Film gefreut. Aber statt Nein zu sagen, sagte ich: "Können wir schon machen."
Danach antwortete ich nur noch einsilbig.
Beim Kickerturnier bekam ich von den Männern ungefragt Tipps, andere lobten, dass ich gar nicht schlecht spielte "für eine Frau". Ich fühlte mich den ganzen Abend unwohl. Für mich war klar, wer schuld daran war. Am nächsten Tag sprach ich kein Wort mit meinem Freund. Einer unserer vier Urlaubstage war damit gelaufen.
Den Urlaub machten wir vier Monate vor unserer Trennung. Das war nicht das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, was für ein Arschloch ich in Beziehungen sein konnte. Nicht nur ein bisschen pieksig oder frech, sondern ein absolutes Riesenarschloch.
Mal nervte mich, wie er mit mir sprach, mal, wie viel Aufstrich er sich aufs Brot schmierte oder wie er tanzte. Ich fühlte mich in solchen Momenten gefangen in meiner Genervtheit. Meine Beziehung fühlte sich dann an, als sei sie Arbeit, als würde sie mir meine Energie aus dem Körper ziehen.
Ich stehe nun am Beginn einer neuen Beziehung. Und seitdem beschleicht mich die Angst, dass alles so weitergehen könnte. Irgendwann, als auch meine zweite Beziehung zerbrach, googelte ich meine Gefühle. Die meisten Treffer erklärten, wie man eine toxische Beziehung verlässt, aber nicht, wie man aufhört, selbst toxisch zu sein. Seitdem frage ich mich, ob ich einfach nicht in der Lage bin, eine glückliche Beziehung zu führen. Und ich frage mich: Wenn das so ist, was kann ich dagegen tun?
Kann ich eine glückliche Beziehung führen?
Aber erst mal zum Anfang. Die Kennenlernphasen meiner zwei Ex-Beziehungen waren beide schön. Ex-Freund Nummer eins traf ich während meines Auslandssemesters in Kanada. Er war ebenfalls deutscher Student und so verbrachten wir das erste halbe Jahr mit Reisen. Wir schlenderten Hand in Hand über die Fifth Avenue in New York, tanzten in Montreal und Toronto die Nächte in Clubs durch und verbrachten unseren Spring Break am Strand in Kuba. Alles fühlte sich verdammt leicht an.
Zurück in Deutschland ging er mir jedoch zunehmend auf die Nerven. Er spielte ununterbrochen Schach. Wenn ich etwas fragte, antwortete er nicht, um seine virtuellen Partien nicht unterbrechen zu müssen. Generell sprach er fast nur über Schach. Und über Fußball. Wenn er denn überhaupt sprach. So zumindest mein Empfinden.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass er völlig unselbstständig war. Die Taschen für unseren Fahrradurlaub packte ich allein. Aber statt ihn darauf anzusprechen, knallte ich ihm bei jedem Stopp das Zelt vor die Füße, damit auch er mit anpacken musste.
Immer häufiger kritisierte ich an ihm herum, weil er mich so aufregte. Wenn ich über ein Thema sprach, das mich interessierte, wartete ich nur darauf, dass er nicht weiter darauf einging, um ihm anschließend Vorwürfe zu machen, ihn zu ignorieren oder zu provozieren und damit aus der Reserve zu locken. Ich fragte leicht gereizt: "Willst du nichts mehr dazu sagen?" Wahrscheinlich in der Hoffnung, ich könne ihn durch Druck verändern.
Ich wusste, dass mein Verhalten unfair war, und doch kam es immer wieder zu solchen Situationen. So sehr ich auch versuchte, mich zu ändern, so wenig gelang es mir. Ich fand mich selbst so unerträglich, dass ich beschloss, dass es so nicht weitergehen konnte. Nach zwei Jahren und sieben Monaten beendete ich die Beziehung. Im Nachhinein redete ich mir ein, dass wir einfach nicht zueinander gepasst hätten, da wir so unterschiedlich waren.
In der zweiten Beziehung sollte alles besser werden
Mein zweiter Freund war ganz anders. Wir führten von Anfang an stundenlange Gespräche. Was mich interessierte, interessierte ihn auch. Außerdem passte er sich nicht allem an und er widersprach mir auch mal – eine Eigenschaft, die mir viel wichtiger war, als ich gedacht hatte.
Ich hoffte, dass jetzt alles anders werden würde. Doch dann waren da wieder diese Kleinigkeiten: ein leerer Kühlschrank, herumliegende Klamotten, zehn Minuten Verspätung. Dinge, die ich bei Freundinnen und Freunden großzügig übersehen hätte. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart auf einmal wie erdrückt. Und schnell war ich wieder am gleichen Punkt wie mit meinem ersten Freund.
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Meine Wut staute sich im Stillen an. Als wir für ein Wochenende zum Campen an einen See fuhren, platzte sie aus mir heraus. Schon im Vorfeld hatte mich genervt, dass er mich nicht in die Planung eingebunden hatte. Die Stimmung war schlecht. Ich wollte ihn spüren lassen, wie unzufrieden ich war. Und als wir über unsere Beziehung sprachen, sagte ich ihm, dass meine Freundinnen mit ihren Partnern besseren Sex hätten als wir. Das war zu viel.
Es ging noch eine Weile hin und her, aber schlussendlich beendete ich die Beziehung wieder. Das war der Moment, in dem ich verstand, dass sich etwas ändern musste.
Woher kommt diese Wut?
Bis heute denke ich regelmäßig darüber nach. Auch das hat mich dazu gebracht, diesen Text zu schreiben. Aber weil ich allein nicht richtig weiterkomme, rufe ich die Paartherapeutin Claudia Brinkmann an. Sie berät Paare im Medizinischen Versorgungszentrum Köln für Psychotherapie. Bisher fühlte ich mich in meinen Beziehungen immer ähnlich. Genau das ist ja mein Problem. Kann es also an etwas liegen, das tief in mir liegt?
"Manche Erlebnisse, die in der Kindheit liegen, prägen unser Bindungsverhalten im Erwachsenenalter", sagt Brinkmann. Wenn es zum Beispiel zu Verunsicherungen kommt, wie wenn die Eltern einen oft zu spät aus dem Kindergarten abholen, kann sich das festsetzen und später an anderer Stelle wieder hochkommen.
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Ich habe meine Kindheit als sehr behütet erlebt, noch heute telefoniere ich jede Woche mit meinen Eltern. Dennoch bin ich mit klassischen Rollenbildern aufgewachsen: Wenn meine Mutter mich mal nicht zu einer Freundin fahren konnte, konnte ich nicht kommen. Mein Vater hatte dafür keine Zeit oder war zu erschöpft. Er arbeitete viel und wenn er zu Hause war, musste er sich ausruhen. Ich habe früh gelernt, ihn dabei nicht zu stören.
Meine Mutter erzählte mir einmal, dass ich mich schon als Kind immer sehr vorsichtig verhielt und erst mal beobachtete, wie die Laune der Menschen um mich herum war. Ich sagte nicht einmal, wenn ich mich krank fühlte, sondern ging trotzdem zur Schule aus Angst vor einer Konfrontation.
Und auch sonst habe ich mir als junger Mensch angewöhnt, meine Bedürfnisse zurückzustellen und selten Nein zu sagen. Einfach, weil ich niemandem zur Last fallen wollte. Darauf bin ich im vergangenen Jahr auch immer wieder in meiner Psychotherapie gestoßen. Dort habe ich gelernt, dass Wut auch dann entsteht, wenn man seine eigenen Gefühle für sich behält, sie einfach herunterschluckt.
In meinen Beziehungen habe ich das nicht immer sofort gespürt. Der Wunsch, die andere Person nicht einzuschränken, war immer größer als meine eigenen Bedürfnisse. Auch wenn mein Ex-Freund häufig sagte: "Sag doch einfach, wenn du keine Lust hast", konnte ich es nicht und schwieg.
Stattdessen wurde ich wütend. Brinkmann sagt, diese Reaktion sei gar nicht ungewöhnlich. "Manchmal übergehen wir unsere eigenen Bedürfnisse, damit alles harmonisch ist, aber dann passieren unbewusste Grenzüberschreitungen."
Hinter Wut kann auch Verlustangst stehen
Hinter der Wut könne sich außerdem auch Verlustangst verbergen. Unter dem Motto: Wenn mein Partner mir zu nahekommt, wächst meine Angst, ihn zu verlieren. Könnte es also auch sein, dass ich wütend werde, um ihn nicht zu nahe an mich heranzulassen?
Wenn ich ehrlich bin, war die Distanz zwischen uns immer so groß, dass mich ein Ende der Beziehung zu keinem Zeitpunkt wirklich schlimm getroffen hätte. "Vermeidender Bindungsstil", nennt Brinkmann das. Dadurch, dass ich mich stets auf die negativen Eigenschaften meines Partners konzentrierte, wollte mein Unterbewusstsein mich wohl vor erneuten Verletzungen schützen.
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"Das ist aber kein feststehendes Stigma", betont Brinkmann. In einer Partnerschaft könne sich das auch wieder ändern. "Es kann sein, dass wir uns mit jemandem in einer Situation sicher fühlen, in der wir uns mit jemand anderem nicht sicher gefühlt hätten", sagt sie. Aber wie schafft man es, diese Mechanismen zu durchbrechen?
Brinkmann empfiehlt mir, in solchen Situationen klar zu kommunizieren: "Ich merke, dass ich gerade wütend bin und einen Moment Abstand brauche." Generell sei es die wichtigste Grundlage einer funktionierenden Partnerschaft, über alles zu sprechen, aber nicht direkt in Vorwürfen. Lieber in Ich-Botschaften. Wenn man bereit ist, daran zu arbeiten, dann habe man sehr gute Chancen, solche Muster zu durchbrechen.
"Das Wichtigste ist, über die gegenseitigen Erwartungen zu sprechen", sagt Brinkmann. Wenn ich mir einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher wünsche, es meinem Freund aber nicht sage, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Wenn ich dann noch das Gefühl habe, ich müsste mit zum Kickerturnier kommen, weil er das von mir erwartet, entlädt sich der Druck in Form von Wut.
Vor allem die richtige Kommunikation ist wichtig
Mit meinem neuen Partner versuche ich jetzt, genau das anders zu machen. Manchmal stehe ich aktuell sogar auf der anderen Seite. Er hat eine schmerzhafte Trennung hinter sich und flüchtet sich bei Zurückweisung auch schnell in Wut.
Vor ein paar Wochen merkte ich, dass er sich mir gegenüber dauerhaft einsilbig verhielt – das kannte ich ja schon von mir selbst. Ich erinnerte mich an das Gespräch mit Claudia Brinkmann und fragte meinen Freund, ob er sich in meiner Gegenwart unwohl fühle. Daraus entstand ein langes Gespräch über seine Ängste und über mein Verhalten, das die Ängste ausgelöst hatte.
In dieser Beziehung hatte ich mich zunächst nämlich nicht in Wut, sondern in Aktivitäten geflüchtet: Ich blieb lange im Büro und ging so regelmäßig zum Fußballtraining wie nie zuvor und schaffte es nicht, ihm in der Öffentlichkeit Zuneigung zu zeigen, weil es mir unangenehm war. Er fühlte sich dadurch abgelehnt und bereitete sich innerlich schon auf eine Trennung vor. Erst durch seinen emotionalen Rückzug merkte ich, wie sehr ich ihm aus dem Weg gegangen war.
Wir brauchten eine Weile, um zu merken, dass wir unsere Verlustängste gegenseitig befeuerten. Seither versuchen wir uns regelmäßig darüber auszutauschen, wie wir uns gerade miteinander fühlen und was wir voneinander erwarten. Dadurch gelingt es mir immer besser, ihn in mein Leben zu lassen.
Trotzdem sind wir vor solchen Situationen immer noch nicht gefeit. Manchmal nehme ich mir wieder nur einen Abend in der Woche Zeit für ihn. Manchmal spricht er seinen Unmut nicht aus, sondern ist wieder abwesend. Manchmal suche ich dann kein konstruktives Gespräch, sondern werde ebenfalls wütend. Aber wir haben gelernt, geduldiger miteinander zu sein. Auch diese Beziehung ist nicht immer leicht. Aber sie fühlt sich zum ersten Mal verstehbar an.
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