chrismon: In den sozialen Medien kursiert derzeit ein Beziehungstipp mit großer Reichweite: Wer seinen Partner mehr liebt, als er selbst geliebt wird, solle die Beziehung beenden – auch wenn es wehtut. Was halten Sie davon?
Wolfgang Schmidbauer: Ich finde den Rat idiotisch. In längeren Beziehungen ist er völlig unbrauchbar. Das Gefühl, mehr zu investieren, dem anderen stärker hinterherzulaufen – das taucht in jeder Partnerschaft immer wieder auf. Das ist normal. Daraus sofort den Schluss zu ziehen, man müsse die Beziehung beenden, halte ich für kurzsichtig. Für sehr junge Menschen in einseitigen Schwärmereien mag das sinnvoll sein – für gewachsene Beziehungen nicht.
Wolfgang Schmidbauer
Gerade in der Kennenlernphase hat einer oft mehr Interesse.
Dazu gibt es ja viele tiktokmäßige Ratschläge in der Art: Willst du gelten, mach dich selten. Das formuliert aber derjenige, der spröde ist und den anderen warten lässt. Der hat dann die besseren Karten in der sich anbahnenden Beziehung. Aber es ist ein ziemlich negativer Rat. Das ist wie ein Machtpoker. Es hat nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern mit einem Spiel, das man gewinnen will.
Gehört ein Ungleichgewicht zur Liebe?
Ja. In jeder längeren Beziehung gibt es Phasen, in denen einer das Gefühl hat, sich mehr anzustrengen. Entscheidend ist nicht, ob dieses Gefühl auftaucht, sondern ob man darüber sprechen kann und ob es in der Bilanz für beide tragbar bleibt. Beziehungen leben nicht von perfekter Symmetrie, sondern vom Ausgleich. Es muss halt in der Bilanz für beide stimmen.
Ich denke, eine Beziehung stabilisiert sich nicht dadurch, dass man sich am Anfang super liebt und dann einfach dabeibleibt. Sondern dadurch, dass man die zahlreichen Enttäuschungen, die nach der ersten Verliebtheit immer wieder passieren, gemeinsam verarbeitet. Dadurch kann die Beziehung stärker werden als während der anfänglichen Verliebtheit.
Sie leben seit über vier Jahrzehnten in einer Beziehung. Erleben Sie das selbst?
Natürlich. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, meine Frau stärker zu begehren, während sie das Gefühl hat, sich mehr um mich zu sorgen. Beides sind Formen von Liebe. Wenn man aufmerksam ist, kann man diese Unterschiede wahrnehmen und kommunizieren, statt sie gegeneinander aufzurechnen.
Haben Paare oft unterschiedliche Vorstellungen von Liebe?
Das ist das Grundproblem. Paare gehen häufig davon aus, es gebe "die" Liebe. In Wahrheit gibt es immer zwei. Wenn einer seine Definition zur allein gültigen erklärt, entsteht ein Machtgefälle. Beziehungen werden erst stabil, wenn beide ihre unterschiedlichen Liebesvorstellungen respektieren.
Haben Sie ein Beispiel?
Ein Klassiker ist der Umgang mit Nähe. Der eine möchte häufig telefonieren, der andere vermisst einfach weniger. Wenn man das als Liebesmangel interpretiert, entsteht Streit. Wenn man es als Unterschied erkennt, kann man Kompromisse finden – etwa anzurufen, nicht aus eigenem Bedürfnis, sondern dem des Partners zuliebe. So entstehen feste Bindungen.
Beim Thema Ungleichgewicht in der Liebe wird in den sozialen Medien oft von "toxischen Partnern" gesprochen. Wie sehen Sie das?
Diese Einteilung wird der Realität nicht gerecht. Jeder Mensch hat nährende und problematische Anteile. In Beziehungen geht es darum, die gesunden Seiten zu stärken und mit den schwierigen umzugehen. Die Vorstellung, man könne einen Partner ohne Schattenseiten finden, ist illusionär. Es liegt in der Verantwortung beider, zu verhindern, dass sie überhandnehmen. Das gilt vor allem für Versuche, das Gegenüber zu kontrollieren, ihm andere Beziehungen mieszumachen oder gar zu verbieten. Toxische Entwicklungen führen dazu, dass die Liebe nicht mehr durch Anziehung, sondern durch Angst bindet.
"Liebe ohne Verletzungen ist eine Illusion"
Wolfgang Schmidbauer
Wie verhindere ich, aus Liebe in eine ungesunde Abhängigkeit zu rutschen?
Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass Menschen primär soziale Tiere sind, ihre Paarbeziehungen also immer in einen größeren sozialen Kontext eingebunden bleiben. Ungesunde Abhängigkeiten entstehen, wenn ein Liebespartner versucht, Beziehungen mit Geschwistern, Freunden, Angehörigen zu kappen und Hörigkeit als besonders intensive Liebe verkaufen möchte. Wenn ich bemerke, dass eine solche Entwicklung droht, sollte ich bereit sein, die Beziehung infrage zu stellen.
Immer mehr Menschen wollen aber lieber Single bleiben, als "problematische Anteile" in Kauf zu nehmen.
Wer keine Beziehung eingeht, kann auch nicht verletzt werden. Aber es ist eine existenzielle Entscheidung. In meiner langjährigen therapeutischen Praxis habe ich den dauerhaft glücklichen Single noch nicht kennengelernt – zumindest nicht in der Langzeitperspektive. Natürlich kommen glückliche Menschen selten zur Therapie. Trotzdem habe ich Zweifel an der Idee eines erfüllten Lebens ohne Bindung.
Warum?
Das Ideal des glücklichen Singles verspricht zwar Unabhängigkeit, aber der Mensch ist ein soziales und sexuelles Tier. Nähe, Bindung und Abhängigkeit sind keine Schwächen, sondern Grundbedingungen menschlichen Lebens. Eine Beziehung einzugehen, bedeutet, sich verletzbar zu machen. Wer das vermeiden will, reduziert seine Beziehungsmöglichkeiten drastisch. Liebe braucht den Mut zur Abhängigkeit so gut wie den zur Trennung.
Streit, Enttäuschung oder Trennung: Am Ende läuft vieles auf das Risiko hinaus, verletzt zu werden.
Ja. Liebe ist schön und traurig zugleich, weil alle Beziehungen endlich sind. Aber der Mensch ist so gebaut, dass er diesen Schmerz ertragen kann. Und meist wiegt das, was man durch Beziehung gewinnt, schwerer als das Risiko der Enttäuschung. Liebe ohne Verletzungen ist eine Illusion.
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