Ein besonderes Kennenlernen
Liebe per Flaschenpost
Eine alte Flaschenpost, zwei Teenager und eine Liebe, die schon über 50 Jahre andauert. Die Geschichte der Arendsens zeigt, wie ein Zufall ein ganzes Leben verändern kann
Ingrid und Arnold Arendsen vor ihrem Haus in Rees-Bienen am Niederrhein. Kennengelernt haben sie sich 1965 durch eine Flaschenpost, die Ingrid als 13-Jährige in einen Fluss warf – und die Arnold einige Wochen später fand
Juliane Herrmann / chrismon
15.03.2026
8Min

Am Ende einer schmalen Landstraße in Rees-Bienen steht ein hundert Jahre altes Haus mit dunkelroten Klinkern. Dort wohnen zwei Menschen, deren Geschichte einen wieder an schicksalhafte Liebe glauben lässt.

Ingrid Arendsen macht die Tür auf, ihr Mann Arnold steht neben ihr. Beide sind 73 Jahre alt. Wie eine feste Einheit stehen sie dort im Türrahmen und winken hinein.

Sie sind seit einem halben Jahrhundert verheiratet.

Ingrid Arendsen serviert Tee in Tassen von Villeroy & Boch aus den Siebzigern, einst ein Aussteuergeschenk, sagt sie. An den Wänden hängen alte Bilder von Eisvögeln, auf dem Beistelltisch steht der Kopf einer Holzeule und auf dem Sofa liegt ein Kissen mit einem Wolfprint, der grimmig daher schaut. "Die sind friedlicher als Menschen", sagt Frau Arendsen.

Ob Kerzenhalter oder Fernbedienung, jeder Gegenstand hat ein kleines Unterdeckchen, auf dem er steht. Die Blumentöpfe am Fenster sind symmetrisch angeordnet. Durch das Fenster sieht man einen Teich, davor getrimmte Hecken. Das Zuhause der Arendsens wirkt genau wie sie: vollkommen aufgeräumt.

Die Geschichte der beiden beginnt vor sechzig Jahren, im April 1965.

Damals hieß Ingrid Arendsen noch Ebert und war 13 Jahre alt. Mit ihrer Familie verbrachte sie ein Wochenende auf einem Bauernhof in der Nähe der Issel unweit der deutsch-niederländischen Grenze.

Auf einer Karte zeigt Arnold Arendsen den Flusslauf der Issel, an dem er 1965 die Flaschenpost fand – rund 50 Kilometer von ihrem Ausgangspunkt entfernt

Als sie genug von Spaziergängen und langen Erwachsenengesprächen hatte, beschloss sie, mit ihrem kleinen Bruder eine Flaschenpost zu schreiben. Sie dachte: Vielleicht lerne ich ja eine Brieffreundin kennen. Schnell kritzelte sie im Stehen ihren Namen, ihre Adresse und eine Nachricht auf ein Papier:

"Ich bitte um Nachricht. Wenn die Flasche gefunden wurde, bitte sofort schreiben."

Den Zettel steckte sie in eine der alten Rotweinflaschen ihrer Eltern und drückte den Korken in den Flaschenhals.

Gemeinsam mit ihrem Bruder lief sie anderthalb Kilometer zur nächstgelegenen Brücke. Die Strömung war nicht besonders stark, und doch spülte sie die Flasche sofort wieder an Land. Also kraxelte sie vorsichtig den Hang hinunter und warf sie ein zweites Mal in das Flussbett.

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Dieses Mal trieb sie. Doch als nach wenigen Tagen noch keine Antwort gekommen war, fing sie an, die Flaschenpost zu vergessen. Zurück im Schulalltag in ihrer Heimatstadt Wanne-Eickel dachte sie gar nicht mehr daran.

47 Tage später und ungefähr 50 Kilometer weiter hinter der niederländischen Grenze saß der damals 13-jährige Arnold Arendsen in einem Ruderboot und trieb über die Issel. Er fischte, war auf der Suche nach Treibholz, das die skandinavischen Frachter regelmäßig dort verloren. Dann sah er die Flasche und den Zettel darin.

Ingrid Arendsen war 13 Jahre alt, als sie eine Flaschenpost in den Fluss warf – in der Hoffnung auf eine Brieffreundin. Stattdessen meldete sich Arnold aus den Niederlanden

Er fischte sie heraus, ruderte zum Ufer. Stocherte kurz in der Flasche herum, zerschlug sie dann aber an einem der Betonsitze für die Angler. Das Glas splitterte, und er hielt den gerollten Brief in den Händen.

"Nach dem Lesen hatte ich zwei Gedanken: Erstens: Hoffentlich ist sie nicht zu alt. Und zweitens: Hoffentlich ist sie keine Katholikin", sagt Arendsen und lacht. Er habe natürlich nichts gegen Katholikinnen, aber schließlich sei ihm klar gewesen, dass man mit einer unterschiedlichen Konfession nicht zusammen sein könne.

Da hakt Frau Arendsen ein: "Also so einen Gedanken hatte ich damals noch gar nicht", sagt sie.

Herr Arendsen schmunzelt nur.

Damals lief er sofort nach Hause, um eine Antwort zu formulieren. Schließlich stand in dem Brief: "sofort schreiben", und so etwas sollte man ernst nehmen, sagt er.

"Liebes Fräulein Ebert, heute Morgen, den 27. Mai, habe ich Ihre Flasche mit dem Zettel gefunden. Die Flasche lag bei uns in der Issel in der Nähe von Terborg. Ich bin 13 Jahre alt und gehe in Terborg auf die Schule. Herzliche Grüße, A. Arendsen."

Als die junge Ingrid den Brief aufmachte, konnte sie es kaum glauben: ein Junge in ihrem Alter.

Ab diesem Moment fingen sie an, sich regelmäßig zu schreiben. Sie schrieben über die Schule und Hobbys: Ingrid über das Akkordeonspielen, den Chor und Arnold über das Briefmarkensammeln.

Im gleichen Jahr, kurz vor den Sommerferien, fragten Ingrids Eltern, ob sie ihren niederländischen Brieffreund nicht einmal besuchen wolle. Kurze Zeit später fuhren sie als Familie nach Holland. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Fotos ausgetauscht.

"Das war damals nicht so, dass man total aufgeregt war und Herzklopfen hatte, so wie später", sagt Frau Arendsen.

"Du vielleicht nicht, ich schon", sagt Herr Arendsen.

Arnold Arendsen fand 1965 als 13-Jähriger eine Flaschenpost in der Issel nahe Terborg

Ihr erstes Treffen war schön. Sie verstanden sich auf Anhieb. Ingrids Eltern schlossen Arnold direkt in die Arme. Sie schrieben sich jede Woche. Die Schulferien und Feiertage nutzten sie, um sich gegenseitig zu besuchen.

So ging das über Jahre. Klar, sagt Herr Arendsen, er habe schon von Anfang an ein Gefühl der Verliebtheit verspürt. Aber man wolle eine so schöne Freundschaft ja nicht kaputt machen. Man müsse sich also ganz sicher sein, dass daraus mehr werden könne.

Also ließen sie sich Zeit.

Ingrid Arendsen beugt sich dicht über einen runden Holztisch, als sie nach dem Beweis für ihre gemeinsame Geduld sucht. Vor ihr liegen zwei Ordner auf dem Tisch. Auf den dicken weißen Seiten hat sie jeden einzelnen Brief seit ihrem Kennenlernen eingeklebt. Schnörkelige Schönschrift, jeder Brief ist mit einem Datum versehen. Im ersten Ordner sind es 203, im zweiten 142 Briefe. Zeugnisse ihrer langjährigen Freundschaft.

Und dann hält sie einen bunten Zettel in der Hand:

"Jubiläumsurkunde: fünf Jahre treue Brieffreundschaft", steht darauf, ausgestellt von Ingrid Ebert an Arnold Arendsen. Darunter hat sie einen langen Fluss gemalt, in dem eine Flaschenpost schwimmt. Kurz nach diesem Brief müssen sie sich das erste Mal nähergekommen sein.

An ihren ersten Kuss können sich Herr und Frau Arendsen nicht mehr erinnern. Da waren sie aber schon volljährig, erinnern sich die beiden. Frau Arendsen hatte ihren Führerschein bekommen, dazu einen VW Käfer. Damit war sie nun eine junge Frau, also auch bereit, sich zu binden, sagt sie.

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Es klingt wie eine sehr pragmatische Entscheidung. "Das war damals alles anders als heute", sagt Frau Arendsen, "da hat man nicht lange gedatet. Und es hat gedauert, bis man Zärtlichkeiten miteinander ausgetauscht hat."

Mit zwanzig zog Arnold nach Deutschland. Zuerst wohnten sie im Elternhaus von Ingrid. Er fand schnell einen Job bei einer Exportfirma, später dann bei Unilever, für die er mit Rohstoffen handelte. Durch den Kontakt mit Ingrid sprach er fließend Deutsch, außerdem Niederländisch und Englisch, was ihm beim Kontakt mit Kunden aus der ganzen Welt half. Ingrid arbeitete zunächst in einer Brauerei und später bei Katjes. Ein schöner Job, sagt sie. Einmal sei Heidi Klum - das Werbegesicht der Firma - zu Besuch gewesen, daran erinnert sie sich noch gut.

Eine selbst gestaltete "Jubiläumsurkunde", die Ingrid ihrem Brieffreund Arnold nach fünf Jahren Briefkontakt überreichte – ein frühes Zeichen ihrer besonderen Verbindung

Drei Jahre später heirateten sie und zogen in ihre erste eigene Wohnung. Wenige Jahre später kauften sie das Haus in Rees-Bienen, in dem sie jetzt auf dem Sofa sitzen und fotografiert werden.

Gerade saßen sie noch für Einzelporträts getrennt voneinander, jetzt hakt sich Frau Arendsen wieder bei Herrn Arendsen ein: "Endlich wieder zusammen", sagt sie.

Es gibt Menschen, die nach vielen Jahren Beziehung keine Lust mehr aufeinander haben. Und dann gibt es Paare wie die Arendsens, die dem anderen nach 50 Jahren Ehe noch aufmerksam zuhören, als sei es das erste Date. Die über Anekdoten lachen, auch wenn der andere sie schon unzählige Male erzählt hat.

Wenn man die beiden fragt, wie sie ihren Alltag hier verbringen, ob sie gemeinsame Rituale haben, reagiert Frau Arendsen mit Unverständnis. "Wir machen alles zusammen", sagt sie dann. Bei gutem Wetter fahren sie mit dem Fahrrad durch die Wälder, hängen Nistkästen an die Bäume oder stutzen die Kopfeichen, die sie vor ein paar Jahren gemeinsam gepflanzt haben. Neulich sagte ihnen ein Nachbar, dass man die Straße, in der sie wohnen, eigentlich nach ihnen benennen müsste, so wie sie sich um alles hier kümmern würden.

Seit sie zusammengekommen sind, haben sie sich noch nie für eine längere Zeit getrennt. Eigentlich nur, wenn Herr Arendsen ins Krankenhaus oder in die Reha musste. Als er 30 war, diagnostizierten die Ärzte Morbus Bechterew bei ihm, eine rheumatische Erbkrankheit. Seine Gelenke fingen an zu schmerzen, er konnte sich immer schlechter bewegen. Selbst Sitzen fiel ihm schwer. Um die Schmerzen einzudämmen, mussten "immer wieder Ersatzteile erneuert werden", wie Arendsen sagt. Eine Krankheit, die ein Leben voller Schmerzen bedeutet.

Häufig mussten sie deswegen Feiern absagen.

"Da hättest du mich nie allein gelassen", sagt Herr Arendsen.

"Natürlich nicht", sagt Frau Arendsen. "Wir haben gelernt, dass wir nicht mehr alles können. Dass der Strand in Samos zu steinig ist und wir lieber nach Thüringen fahren. Aber es hat uns nie an etwas gefehlt."

Zusammen zu sein, das sei ihr größtes Glück gewesen.

In all den Jahren haben sie natürlich auch über Kinder nachgedacht. Doch weil Morbus Bechterew vererbbar ist, sei das für sie keine Option gewesen. Wenn die Arendsens darüber sprechen, auf was sie im Leben verzichtet haben, dann spürt man keine Verbitterung, kein Bereuen. Natürlich sei das eine harte Entscheidung gewesen. Aber man müsse das Leben eben so nehmen, wie es kommt, sagt Frau Arendsen.

Ein Rezept für eine glückliche Ehe gibt es nicht, sagt er. Man dürfe nicht immer alles auf die Goldwaage legen, sagt sie. Und es müsse immer einen geben, der auch mal nachgeben kann. Die beiden schauen sich an und lachen. Die Rollenverteilung scheint klar zu sein. "Ich gebe meistens nach", sagt er und hängt noch ein "gefühlsmäßig" dran. Außerdem haben die Arendsens eine Regel: Man dürfe Probleme niemals mit ins Bett nehmen, davor müsse man sich unbedingt aussprechen.

Wenn einen der Zufall auf eine dermaßen romantische Weise zusammengeführt hat, könnte man an Schicksal glauben. "Aber es war einfach eine glückliche Fügung", sagt Herr Arendsen. "Wahrscheinlich das größte Glück in meinem Leben." Sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen, stärke auch die Liebe.

Und man wisse ja nie, wann es einmal vorbei ist, sagt er. "Deshalb planen wir jetzt schon mal für unseren ewigen Abschied." Dafür haben sich die Arendsens einen Baum in der Nähe ausgesucht, dort soll ihre Asche verschüttet werden. So hat auch der Wald etwas davon. Und sie sind dort, wo sie sich am wohlsten fühlen: in der Natur – und das gemeinsam.

Ingrid und Arnold Arendsen gehen Hand in Hand durch den Wald nahe ihrem Zuhause. Seit mehr als fünf Jahrzehnten sind sie ein Paar
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