chrismon: Frau Büttner, Sie arbeiten als Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd. Was sagt der christliche Glaube über Schuld, Strafe und Vergebung – und wie passt das zu einem System des Freiheitsentzugs?
Büttner: In einem so stark reglementierten System wie dem Gefängnis hat Seelsorge die Aufgabe, Vergebung von Schuld zu verkündigen. Das Evangelium sagt: Auch wenn ihr schuldig geworden seid, ist euch Freiheit in Christus zugesagt. Das ist relevant für Gefangene, die Enge und Zwang erfahren. Seelsorge schafft Räume, in denen Freiheit spürbar wird.
Kann ein Gefängnis ein Ort von Umkehr und Neuanfang sein – oder bleibt das eine fromme Hoffnung?
Hoffnung ist wichtig, weil sie von der Zukunft her denkt. Wenn man sich am Reich Gottes orientiert, sagt Christus, dann ist es bereits unter uns. So sehe ich das auch für das Gefängnis. Andererseits zeigen Studien, dass über 80 Prozent der Inhaftierten das Gefängnis verlassen, ohne sich mit Reue oder Umkehr befasst zu haben.
Susanne Büttner
Woran liegt das?
Weil sie von morgens bis abends damit beschäftigt sind, ihren Alltag im Vollzugssystem zu bewältigen. Und wenn sie doch Reue oder Scham empfinden, dann eher ihren Angehörigen als den Opfern gegenüber.
Wo bleibt dann die Hoffnung?
In der JVA Schwäbisch Gmünd haben wir Angebote wie "Kloster im Gefängnis" – Schweigetage für Inhaftierte – und wöchentliche "Übungen der Stille": innere Freiräume, sich selbst wahrzunehmen und zu schauen, wo persönliche Schmerzpunkte liegen. Dabei kommen Prozesse in Gang, in denen Menschen sich intensiv mit ihrer Tat beschäftigen.
Wie gehen Sie mit Menschen um, die schwere Schuld auf sich geladen haben, aber keine Reue zeigen?
Der anfängliche Schock, den zunächst die Untersuchungshaft auslöst, macht Inhaftierte offen für Gespräche, einfach aus der Not heraus. Oft verschwindet diese Bereitschaft im regulären Strafvollzug wieder, weil Mechanismen der Verdrängung greifen. Denn es ist hart, sich ein schweres Vergehen einzugestehen – etwa wenn ein Mensch ums Leben gekommen ist. Einige nehmen ihre Schuld im Rahmen der Seelsorge ernsthaft in den Blick, viele aber finden dazu kein Verhältnis.
Was sagt der Zustand der Gefängnisse über den Zustand unserer Gesellschaft aus?
Wenn soziale Probleme zunehmen, merken wir das sofort. Die Klientel der Gefängnisse besteht zunehmend aus armutsbetroffenen Menschen. Der Anteil derjenigen, die sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen verbüßen, liegt inzwischen bei über zehn Prozent.
Was haben diese Menschen verbrochen?
Oft sind es Menschen, die sich öffentliche Verkehrsmittel nicht leisten können und wegen Delikten wie Schwarzfahren, aber auch Ladendiebstahl oder Beleidigung in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Personen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen, und nur straffällig werden, weil sie in Not sind.
Lesetipp: Seelsorge veranstaltet Gottesdienst für Häftlinge
Die JVA Schwäbisch Gmünd setzt Arbeit und Ausbildung ins Zentrum ihres Vollzugskonzepts. Erleben Sie diese Angebote als wirksam?
Inhaftierte sind froh, dass Arbeit ihren Alltag strukturiert und sie dafür entlohnt werden. In Untersuchungshaft gibt es meist keine Arbeitsmöglichkeiten, das empfinden Häftlinge als große Belastung. Arbeit wird als sinnstiftend gesehen.
Das klingt nach einem ersten Schritt zur Resozialisierung.
Und doch ist Arbeit allein nicht ausreichend im Sinne der Resozialisierung – zumal die Vergütung so gering ist, dass Gefangene nicht in die Sozialversicherung einzahlen und Rentenpunkte sammeln können.
Was wird gegen diesen Missstand unternommen?
In Baden-Württemberg ist ein Gesetz zur Resozialisierung verabschiedet worden, für das auch die Kirchen zuvor um Stellungnahme gebeten wurden.
Welche waren denn die Vorschläge der Kirchen dazu?
Wir haben empfohlen, die Gefangenenvergütung deutlich spürbar anzuheben, wie es z. B. Nordrhein-Westfalen macht. Auch offene Vollzugsformen müssen so weit als möglich genutzt werden, um Resozialisierung besser vorzubereiten.
Wird Strafvollzug restriktiver und gerät dadurch der Gedanke der Resozialisierung ins Hintertreffen?
Allein die Tatsache, dass die Gefängnisse voller werden, erzeugt personellen Druck und verringert die Möglichkeit, Freizeitangebote zu generieren. Um eine größere Zahl Inhaftierter zu "managen", setzt sich der Gedanke durch, dass vor allem der Betrieb funktionieren muss. In den 25 Jahren, die ich beruflich überblicke, haben sich die Einschlusszeiten deutlich verlängert. Sicherheit zu priorisieren, scheint den geregelten Ablauf hinter Gittern bewältigbarer zu machen.
Gibt es weitere Faktoren?
Auch die Haftpopulation verändert sich – es gibt mehr Insassen mit psychischen Auffälligkeiten, die den Vollzug an die Grenzen des Machbaren bringen. Die Betreuung solcher Personen bindet viele Ressourcen und geht zulasten sinnvoller Angebote für andere Inhaftierte.
"Übergriffe auf das Personal nehmen zu, und es wird wichtiger, die Bediensteten zu schützen"
Susanne Büttner
Erhöht das auch die Risiken für die Vollzugsbeamten?
Ja, die Übergriffe auf das Personal nehmen zu, und es wird wichtiger, die Bediensteten zu schützen. Das kann ich nachvollziehen, obwohl ich keine Freundin einer Verschärfung des Strafvollzugs bin – und ich denke auch nicht, dass das ein gutes Konzept ist.
Lesetipp: Was bringt Strafe eigentlich?
Wie sieht ein humanes Vollzugskonzept aus, das Sicherheit ernst nimmt?
Ein früherer Anstaltsleiter sagte mir: "Sicherheit ist soziale Sicherheit." Damit meinte er: Je besser wir in Kontakt mit Inhaftierten sind, desto höher ist die interne Sicherheit – und diesen Gedanken halte ich nach wie vor für richtig. Doch die veränderten Rahmenbedingungen erschweren es, diesen Standard zu halten. Bedienstete klagen, sie hätten zu wenig Zeit, mit Inhaftierten eingehender zu sprechen. Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was angebracht wäre, und dem, was real möglich ist.
Gleicht Gefängnisseelsorge Defizite im Vollzugssystem aus?
Wir Seelsorger fragen uns: Sind wir Öl oder Sand im Getriebe? Ich denke, wir sind beides. Wenn Seelsorge Räume bietet, in denen Menschen frei sprechen, kreativ sein und sich kurz so fühlen können, als wären sie nicht im Gefängnis, dann trägt das zum Frieden aller bei, die hinter Gittern leben oder arbeiten.
Sand im Getriebe – das knirscht zuweilen, oder?
Das Gute ist, dass wir mit den Anstaltsleitungen eine Kultur pflegen, in der wir Themen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und das Ganze dennoch als gemeinsamen Auftrag begreifen. Aber manchmal lässt sich Reibung nicht vermeiden.
Lesetipp: Lebenslang im Gefängnis, wie sieht der Alltag dort aus?
Zum Beispiel?
Etwa zur Corona-Zeit, als es unterschiedliche Meinungen gab, wie rasch man zur regulären Form der Gottesdienste zurückkehren sollte. Oder wenn jemand vom Gottesdienst ausgeschlossen werden soll – dann gilt es, seelsorgerische Aspekte gegen Sicherheitsbedenken abzuwägen.
Trägt die Seelsorge auch zur Reformwilligkeit des Justizvollzugs bei?
Seelsorge will nicht nur begleiten, sie will reformieren. Nicht im Kampf gegen das System, sondern im Dialog mit ihm. Die Seelsorge-Generation von früher verstand sich als Wächterin der Moral, heute geht es mehr um gemeinsame Lösungen, um konkrete Freiheit. Und um die Frage: Wie kann Zeit im Gefängnis so gestaltet werden, dass sie nicht nur abgesessen, sondern gelebt wird?
Welche positiven Reformen würden Sie hervorheben?
2023 wurde das Projekt zur Förderung eines familienfreundlichen Strafvollzugs auf den Weg gebracht. Seitdem haben wir hier an der JVA eine Sozialarbeiterin, die eigens dafür tätig ist.
Und wie könnte ein Strafvollzug der Zukunft aus christlicher Sicht aussehen?
Strafvollzug muss den Gedanken in sich tragen, dass er sich selbst abschafft. Wir sollten auf andere Formen von Strafe und Sühne hinarbeiten und neue Wege der Wiedergutmachung in offenen Vollzugsformen finden.
Woran denken Sie dabei konkret?
An den Ansatz der Restorative Justice (deutsch: wiedergutmachende Gerechtigkeit), ein in Kanada und den USA entwickeltes Konzept, das den Fokus auf die Bedürfnisse der Opfer, die Verantwortung der Täter und die Einbeziehung der Gemeinschaft legt, anstatt nur zu strafen.
Findet Restorative Justice Anwendung im deutschen Strafvollzug?
In Deutschland ist Restorative Justice vor allem als Täter-Opfer-Ausgleich im Strafrecht etabliert. Insbesondere im Jugendstrafbereich gibt es restaurative Projekte, die dialogische Begegnungen zwischen Täter und Opfer ermöglichen. Allerdings spielen solche Projekte im deutschen Justizalltag bislang nur eine marginale Rolle.
Gefängnisseelsorge in Deutschland
In größeren Justizvollzugsanstalten gehört Gefängnisseelsorge zum festen Bestandteil des Vollzugs. In sogenannten Hauptanstalten gibt es in der Regel jeweils eine evangelische und eine katholische Seelsorgestelle. Auch muslimische Seelsorge hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend etabliert, wenn auch je nach Bundesland unterschiedlich organisiert.
In Anstalten mit mehr als 100 Inhaftierten wird Gefängnisseelsorge hauptamtlich ausgeübt. In kleineren Einrichtungen übernehmen Pfarrerinnen oder Pfarrer aus der umliegenden Kirchengemeinde diese Aufgabe zusätzlich zu ihrer Gemeindearbeit. Dabei handelt es sich nicht um ein Ehrenamt, sondern um ein offizielles Zusatzamt im kirchlichen Dienstauftrag.
Wie stark die Angebote genutzt werden, lässt sich nur bedingt in festen Zahlen messen, da seelsorgerliche Kontakte sehr unterschiedlich aussehen können – von kurzen Gesprächen im Alltag bis hin zu regelmäßiger Begleitung. Nach Erfahrungen aus einer mittelgroßen Anstalt wie der JVA Schwäbisch Gmünd mit rund 380 Inhaftierten steht die Seelsorge mit etwa der Hälfte der Gefangenen regelmäßig im direkten Kontakt. Rund ein Drittel besuchen Gottesdienste, etwa ein Fünftel nehmen regelmäßig an Gesprächen oder Gruppenangeboten teil.









