Ein Arbeitskollege verursacht einen tödlichen Unfall, die Freundin wird beim Joggen begrapscht, ein Mitfahrer in der U-Bahn wird ausgeraubt und zusammengeschlagen: Etwa zwei von drei Menschen erleben im Laufe ihres Lebens mindestens ein Trauma, also eine seelische Verletzung, die durch extrem belastende Ereignisse entsteht. Schon das Beobachten von Unfällen oder häufiges Hören von Gewaltgeschichten kann "sekundäre" Traumata auslösen. Seelsorgliche Erste Hilfe kann dabei helfen, Erlebnisse gut zu verarbeiten und psychischen Störungen wie Traumafolgestörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen.
Kerstin Lammer
"Traumatischer Stress entsteht, wenn ein Mensch eine Situation als extrem bedrohlich erlebt und sich zugleich vollkommen hilflos fühlt", sagt Kerstin Lammer. Sie leitet das Evangelische Militärdekanat Mitte und hat als Theologie-Professorin zur Wirksamkeit von Seelsorge geforscht.
Wie erkennt man, ob ein Mensch traumatisiert ist, und wie reagiert man am besten? Typische Anzeichen sind körperlich sichtbar: Betroffene zucken zusammen, schauen sich hektisch um, haben weit geöffnete Augen, schwitzen oder sind blass, die Atmung ist schnell, der Körper zittert. Dahinter stehen die Überlebensreflexe Angriff, Flucht und Erstarrung. Nach der akuten Belastungssituation erzählten viele "wie überflutet", als ob das traumatisierende Erlebnis in diesem Moment passieren würde, erklärt Lammer. Andere spalteten das Erlebte ab, erzählten "gefühllos", als wäre das Erlebte gar nicht ihnen selbst passiert.
Bei traumatischen Erlebnissen helfen die üblichen Methoden der Seelsorge – erzählen lassen oder Raum für die Angst und das Weinen geben – nicht weiter. "Sie können sogar schaden", sagt Lammer. Denn unkontrolliertes Erinnern könne die innere Alarmreaktion wiederbeleben.
Auch weitere Fragen nach Gefühlen seien in dieser Phase nicht sinnvoll: Bei Flashbacks sind die Gefühle ohnehin überwältigend oder bei Abspaltung nicht spürbar. Wichtig ist, dass verängstigte und verstörte Menschen aus dem Alarmmodus kommen. Lammer empfiehlt dafür drei Methoden der seelsorglichen Ersten Hilfe: stabilisieren, orientieren und Ressourcen aktivieren.
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Stabilisieren
Sätze wie "Du bist jetzt außer Gefahr. Du hast es geschafft" wirken beruhigend. Auch körperliche Nähe kann helfen, die Kontrolle dabei muss aber bei der traumatisierten Person liegen. Man könnte fragen: "Möchtest du mal meine Hand nehmen, damit du spüren kannst, dass ich jetzt bei dir bin?"
Nie einfach die Hand nehmen. "Das wäre übergriffig und könnte als Form von Gewaltausübung erlebt werden", sagt Lammer. Auch eine umgelegte Decke kann helfen, sich geborgen zu fühlen. Rituale, Gebete oder ein Segen können stabilisieren. Warme Kleidung, ein ruhiger Ort, etwas zu essen – all das hilft der Seele, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. "Fragen Sie, was jemand gerne mag, und ermutigen Sie ihn dazu."
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Orientieren
Wichtig sei, die Person ins Hier und Jetzt zu holen. Die Betroffenen sollen merken, dass sie außer Gefahr sind. Das gelingt oft über Sinnesübungen. Man könnte sagen:
"Klatsch mal in die Hände, oder möchtest du mir in die Hände klatschen?"
"Lies mal vor, was auf dem Plakat steht."
"Zähl mal von 5 auf 1 runter."
Es hilft auch, über den nächsten Morgen zu sprechen, etwa, wer Frühstück macht.
"Viele Traumatisierte haben Angst, verrückt zu werden", sagt Lammer. Es ist gut, über die Symptome aufzuklären und sie einzuordnen, etwa so: "Es ist normal, dass du so reagierst, ganz viele reagieren ähnlich." Auch eine moralische Bewertung des Erlebten hilft, etwa so: "Was dir angetan wurde, war böse. Der Angreifer ist schuld, nicht du."
Ressourcen aktivieren
Hilfreich ist, den Fokus weg vom Trauma hin zu den Ressourcen zu lenken: etwa auf Familie, Freunde, Gemeinde, Haustiere, Sport, Hobbys, materielle Sicherheit. Wer ist der Mensch jenseits des Traumas? Was kann er noch? Was gibt Freude, Sinn und Halt? Auch der Glaube kann eine wichtige Rolle spielen.
"Religion kann heilsam sein und traumaresistent machen", sagt Lammer. Gebete, in denen man sich an ein behütendes Gegenüber wendet, wirken stabilisierend und beruhigend. So wie die Worte aus Psalm 23: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir."
Kerstin Lammer sagt: "Erste Hilfe für die Seele kann große Unterschiede in der Traumabewältigung machen. Sie hilft, psychisch gesund zu bleiben. Doch sie ist keine Therapie für Erkrankte." Dafür gibt es Ärztinnen und Psychotherapeuten.
Wie aus Belastungssituationen PTBS werden
Normalerweise klingen akute Belastungssituationen innerhalb von vier Wochen ab. Verfestigen sich Angst oder Wut, könne sich daraus aber auch eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Dabei spielt es eine große Rolle, wie man die eigene Handlung deutet. Wird man etwa überfallen und wehrt sich nicht, könnte man es so interpretieren: Ich war total hilflos, und das bedeutet, dass ich mich immer hilflos fühlen werde. Positiv bewertet, könnte man die Reaktion auch so interpretieren: Ich habe mich nicht gewehrt, damit ich nicht noch schlimmer verletzt oder sogar getötet werde. Das war in der Situation eine gute Entscheidung, und in anderen Situationen kann ich anders handeln.
Videos von Kerstin Lammer zur seelsorglichen Ersten Hilfe: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/militaerseelsorge/evangelische-militaerseelsorge/dienststellen/militaerdekanate/berlin/seelsorgliche-erste-hilfe-fuer-menschen-mit-traumatisierungen-5392180


