Es gibt nur gute Geheimnisse, sagt man im Seehaus Leonberg. Doch manchmal brodelt es unter der Oberfläche, der Druck steigt, und bevor alles explodiert, leiten die Mitarbeiter die Energie in geordnete Bahnen. Dann beginnt, was sie hier "Aufdeckrunde" nennen. Die jugendlichen Straftäter kommen zusammen, sollen Fehlverhalten zugeben. Diesmal dauert es vier zähe Stunden, bis die Jungs zurück in ihre Wohngruppen dürfen.
Ein Jugendlicher wird später sagen, er habe ganz oben im Protokoll der Mitarbeiter gelesen: "WG Bauer hält wasserdicht zusammen, wirkt alles abgesprochen." Deshalb, so der Jugendliche, hätten sie den Betreuern "Futter" geliefert. Ja, es stimmt: zu lange am Handy gewesen, ein Regelverstoß hier, einer da. Doch das, was wirklich wehtut – zum Beispiel die Ohrfeigen im Badezimmer –, hätten sie verschwiegen. Im Seehaus Leonberg gibt es auch schlechte Geheimnisse.
Zwei Abende später wird ein Jugendlicher in Handschellen abgeführt.
Das Seehaus Leonberg liegt zehn Kilometer vor Stuttgart, ein ehemaliger herzoglicher Landsitz, umgeben von Wald. Schafe weiden am Teich, Kaninchen hoppeln durchs Gehege. Das rund 200 Meter weite Gelände zieht sich etwa 90 Meter den Hang hinauf, vorbei an Tieren, Trampelpfaden und dem Gemüsegarten. Dort, wo früher Pferde standen, hämmern heute Jugendliche in der Zimmerei und schweißen in der Metallwerkstatt. Neben dem historischen Fachwerkhaus steht ein moderner Neubau mit Holzfassade.
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