Christina sitzt am Strand, in der einen Hand einen Piccolosekt, in der anderen ihr pinkes Handy. Sie klappt es auf und tippt aus dem Gedächtnis die Nummer ihres Freundes Marc, der wie sie ständig unterwegs ist. Sie möchte ihm einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen.
Auf der Hamburger Reeperbahn ist derweil die Hölle los. Es ist Silvesterabend. Uwe schlängelt sich mit Freunden durch die Feierwilligen. Sie wollen ins Tiefenrausch, einen kleinen Kellerclub mit Elektromusik, ihren Stammladen. Es ist laut auf dem Kiez – und doch hört Uwe sein Handy, als es plötzlich klingelt.
Als das Tuten in Christinas Handy in ein Knackgeräusch übergeht, meint sie, ihren Freund Marc ausnahmsweise mal erreicht zu haben und quatscht direkt los. Dass sie gerade mit einem Sekt am Strand sitze. Und überhaupt, wie schön es sei, auf den Atlantik zu schauen. Es vergehen einige Sekunden, bis Uwe auf der Reeperbahn klar wird, dass er die Frau, die so nett plaudert, gar nicht kennt: "Aber ich dachte mir: Mal sehen, wann sie es mitbekommt."
Auch Christina merkt irgendwann, dass der Mann am anderen Ende nicht Marc ist. Aber sicher ist er ein Freund von ihm, denkt sie, weil der gerade nicht rangehen kann. Nach ein paar Minuten fragt sie: "Sag mal, warum gehst du eigentlich an Marcs Telefon?" Erst nach der erstaunten Gegenfrage, "Welcher Marc?", wird ihr klar, dass sie sich verwählt haben muss.
Erst spät wird ihr klar, dass sie sich verwählt hat
Normalerweise würde die Geschichte hier zu Ende sein. Wer sich verwählt, entschuldigt sich und legt auf. Das machte damals auch Christina. Und trotzdem sitzt sie heute neben Uwe. Die beiden sind verheiratet und leben in Buchholz in der Nordheide. Sie haben einen Hund namens Wito, tragen beide Hoodies und Brille und fallen sich bei der Schilderung ihrer wundersamen Kennenlerngeschichte ständig ins Wort. Man ahnt: Sie haben sie schon oft erzählt.
Wer wen vor 27 Jahren ein zweites Mal angerufen hat, wissen sie nicht mehr genau. "Wahrscheinlich wollte ich wissen, wie ihr Silvesterabend gelaufen ist. Die Nummer hatte ich ja im Display", vermutet Uwe.
Uwe ist Softwareentwickler, er ging damals gern mit Freunden feiern, war ständig auf der Reeperbahn, ist verheiratet. Aber warum ruft er nach einer kurzen Plauderei einen Tag später eine völlig fremde Frau an? So wirklich kann sich Uwe das heute auch nicht mehr erklären. Vielleicht war er einfach neugierig und wollte gucken, was passiert. Damals im Jahr 1998.
Es ist ein Jahr, in dem Christina auf Teneriffa beruflich viel mit deutschen Pauschaltouristen zu tun hat. Als Reiseleiterin muss sie sich Nörgeleien und Beschwerden anhören. Alle paar Monate wird sie an einen anderen Ort versetzt. Freundschaften zu knüpfen ist da schwierig. "In dem Job bist du sehr, sehr einsam", sagt Christina. "Und als ich dann zum zweiten Mal mit Uwe telefonierte, war das einfach erfrischend und witzig." Dass Uwe verheiratet ist, verheimlicht er nicht. Einmal spricht Christina sogar kurz mit seiner Frau, als das Paar zusammen im Auto sitzt. "Endlich eine normale Ehe!", denkt sie.
Christina ist es gewohnt, Dinge allein zu erleben und nur am Telefon andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Uwe wird einer von ihnen. Einmal sei sie in Spanien auf einen Berg gestiegen und habe im Nirgendwo plötzlich Empfang gehabt.
"Da habe ich Uwe angerufen." Der sitzt da gerade bei Burger King und hört sich interessiert ihre Naturbeschreibungen an. Romantisch sei damals nichts gewesen, beteuern beide. "Jeder von uns war ein Neutrum", sagt Christina. Aber: Sie haben denselben Humor. Ihre Gespräche sind leicht und lustig. Wie war dein Tag? Was machst du am Wochenende? Wohin bist du gerade unterwegs? Mal hören sie sich die beiden jede Woche, mal ist monatelang Pause.
Christina hat Angst vor ihrem aktuellen Mann
Bis sie sich zum ersten Mal treffen, vergehen volle zwei Jahre. Christina reist für ihren Job durch Europa. Von Teneriffa wird sie nach Barcelona geschickt, dann nach Bologna, an die Adria-Küste, nach Rimini und Venedig. Meckernde Touristen gibt es überall. Und trotzdem macht das ständige Kofferpacken Christina nichts aus. Im Gegenteil. Denn auch sie ist verheiratet, aber mit jemandem, vor dem sie sich fürchtet und von dem sie sich trennen möchte. Doch ihr tunesischer Mann will die Scheidung nicht akzeptieren und die notwendigen Papiere nicht unterschreiben. Das gemeinsame Haus in Tunesien hatte Christina da bereits fluchtartig verlassen – nur mit einem Koffer und ihrem Hund unterm Arm.
Auch davon erzählt sie Uwe bei ihren unregelmäßigen Telefonaten. "Dass sie große Angst vor ihm hatte, habe ich aber erst später erfahren", sagt er. Irgendwann findet Christina die unterschriebenen Scheidungspapiere ihres Exmanns endlich im Briefkasten. Sie hat zu diesem Zeitpunkt länger nichts von Uwe gehört, aber das Bedürfnis, ihm davon zu erzählen. Er kennt ja die ganze Geschichte. "Stell dir vor, meine Scheidung ist bald durch." Uwes Antwort darauf: "Meine auch."
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Einige Monate später, kurz vor Weihnachten, sagt Christina Uwe am Telefon: "Rate mal, wo ich bin!". Zum ersten Mal sehen sich die beiden im echten Leben – in einem italienischen Restaurant unweit von Hamburg. An dem Abend kommt es ihnen vor, als würden sie sich ewig kennen. Uwe erzählt ihr, er sei durch mit Beziehungen. Und auch Christina berichtet von ihrer traumatischen Ehe. Und doch ist da trotz schwerer Themen ein Gefühl von Leichtigkeit im Umgang miteinander.
Das erste Mal zusammen unterwegs
Christina ist nur kurz in Deutschland. Bald muss sie als Reiseleiterin in die Dominikanische Republik fliegen. Spontan fragt sie Uwe, ob er sie besuchen kommen möchte. Seine Freunde raten ihm ab, eine Frau, die er nur wenige Male gesehen hat, am anderen Ende der Welt zu besuchen. Aber Uwe hat Lust, Zeit und bucht einen Flug.
"Ich fand sie schon toll", erinnert sich Uwe heute. "Aber ich wollte keine neue Beziehung." Und doch beginnt er auf dieser Reise, Christina mit anderen Augen zu sehen. Bei einem Kurztrip mit dem Bus ins benachbarte Haiti schaut sich auch Christina den Mann, der ihr gegenübersitzt, zum ersten Mal mit Muße an.
"Und plötzlich habe ich gemerkt: Wow, das ist ja ein total toller Typ." Zufall oder Schicksal? Im haitianischen Hotel ist statt der zwei Einzelzimmer aus Versehen ein Doppelzimmer gebucht. Sie reklamieren es nicht. Das Zimmer ist fantastisch, mit Aussicht auf das Meer. Und dann ist da noch dieser Blick, der länger dauert, als er sollte. Und obwohl sie sich bis jetzt sicher waren, nicht bereit für eine neue Beziehung zu sein, entscheiden sie, es gemeinsam zu versuchen.
Es gibt ein Foto aus dieser Zeit in Haiti. Sie stehen auf dem Gipfel eines Berges. Christina reicht Uwe bis zur Schulter. Sie haben die Arme umeinander gelegt und sehen sehr glücklich aus.
Sechs Monate führen sie eine Fernbeziehung und haben Handyrechnungen von über dreihundert Mark im Monat. Dann kehrt Christina nach Deutschland zurück und soll zwei Jahre später Trauzeugin bei der Hochzeit einer Freundin werden. "Wollt ihr nicht gleich mitheiraten?", fragt die Freundin Christina unvermittelt. Und tatsächlich wird kurz darauf auf einem Leuchtturm an der Schlei Doppelhochzeit gefeiert.
Über zwanzig Jahre ist das nun her. Uwe ist dieses Jahr 60 geworden, Christina 58. Beide singen im Chor. Und immer noch reisen sie gern. Wenn Christina und Uwe nicht wegfahren können, verbringen sie ihre Wochenenden in ihrem karibisch gestalteten Wohnwagen auf dem Campingplatz. Das reicht aus, um ihre Liebe immer wieder aufleben zu lassen.
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