Am Wasser kann Iryna* abschalten. Kaum hält der Bus an der Bucht, springt sie heraus, zieht sich ihren orangefarbenen Bikini über und geht in den See. Erst knöcheltief, dann bis zu den Knien, schließlich kippt sie nach vorne und schwimmt los.
Sie treibt auf dem Rücken, Arme und Beine ausgestreckt, ihr Körper schwebt im Wasser wie eine Luftmatratze. Sie taucht die Ohren unter, und die Welt um sie herum wird still. Sie vergisst die Bomben, die auf ihr Land fallen, sie vergisst für einen Moment ihre Trauer.
Danach setzt sie sich in den Sand zu einer Gruppe Frauen, sie richtet den Blick in die Weite. "Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt geschwommen bin", erzählt sie. Auf jeden Fall in Berdjansk, ihrer Heimatstadt am Asowschen Meer, lange bevor Russland sie am 27. Februar 2022 besetzte.
In ihrer Erinnerung läuft sie mit ihrem kleinen Sohn ins Wasser, Hand in Hand, das Wasser spritzt, und beide lachen. Bei dem Gedanken zieht sie ihre Gebetskette aus der Tasche und lässt die Perlen durch ihre Finger gleiten. Ein stummes Ritual, wieder und wieder.
Ein Schmerz, der kaum Worte findet
Iryna ist eine von zwölf ukrainischen Frauen, die gemeinsam eine Woche lang durch die Oblast Odessa im Südwesten der Ukraine reisen, eingeladen von der NGO "Sei nicht gleichgültig!". Sie fahren mit einem Bus von Odessa nach Kordon, Schabo und Izmail. Alle paar Monate findet eine solche Reise statt, mit Frauen, die die Organisatorin Oksana sucht, viele muss sie überreden.
Die Reisenden kennen einander vorher nicht, teilen aber das gleiche unsichtbare Gepäck: Verlust, Ungewissheit, Trauer. Ihre Söhne, Soldaten, sind gestorben, verschollen oder in russischer Gefangenschaft. Das Ziel der Reise: für kurze Zeit loslassen, Kraft sammeln.
Seit Beginn der Vollinvasion am 24. Februar 2022 hat ein Viertel aller Ukrainer einen nahestehenden Menschen verloren. Diese Verluste reichen tief in den Alltag hinein: Familienstrukturen brechen weg, Zukunftspläne werden zerstört, und für viele bleibt ein Schmerz, der kaum Worte findet. Unterstützung von außen, durch Gemeinschaft, professionelle Hilfe oder Gedenkrituale können dabei ein wichtiger Anker sein: Sie helfen, den Verlust einzuordnen und Wege zu finden, mit der Trauer zu leben.
Viele Frauen tragen in dieser Situation doppelte Last. Während sie selbst trauern, müssen sie gleichzeitig den Alltag für ihre Familien sichern, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und funktionieren. Weitermachen - doch wie?
Die Frauen um Iryna begegnen sich zu einer Zeit, in der sich Deutschland an die Nachrichten aus dem Krieg längst gewöhnt hat. Die Toten der Nacht - eine Mitteilung unter vielen. Doch jeder Verstorbene eines Luftangriffs, jeder gefallene Soldat hat eine Familie und Hinterbliebene.
Wie viele genau für die Ukraine kämpfen, hält die Regierung unter Verschluss. Wie viele starben genauso; Daten zu militärischen Verlusten gelten als Staatsgeheimnis. Experten schätzen, dass bis zu 900.000 Soldaten an der Front kämpfen. Im Februar 2025 erklärte Selenskyj, dass Russland 46.000 ukrainische Soldaten getötet habe. US-Behörden schätzen die Verluste der ukrainischen Streitkräfte hingegen auf zwischen 60.000 und 70.000 Menschenleben.
Das alles vergessen die Frauen nicht, während sie am Meer sind und Wein in der bekanntesten Kellerei des Landes probieren, auf Booten die Donau hinabfahren, bis sie die Grenze der Nato erreichen. Sie essen Fischsuppe und lachen. Sie prosten sich zu und schweigen. Sie tanzen und brechen zusammen. Sie fahren mit, weil sie nicht nur überleben, sondern leben wollen.
Pünktlich um neun Uhr heulen in der Ukraine die Sirenen. Jeden Morgen. Für eine Minute hält das ganze Land inne und gedenkt seiner im Krieg gestorbenen Bürger. Auch Mila bleibt stehen. Sie legt die Hände auf die Brust, fast so, als würde sie sonst zerbrechen. Dann hebt sie das Kinn, und eine Träne läuft ihre Wange hinab.
Als die sechzig Sekunden vorbei sind, schaut sie wieder um sich. "Jeden Morgen empfinde ich dasselbe", sagt sie: Stolz und Schmerz zugleich. Stolz, weil ihr Land standhält und für die Unabhängigkeit kämpft. Schmerz, weil ihr Sohn sein Leben dafür gegeben hat.
Sie ist Leiterin eines Museums und findet langsam zurück in ein Leben ohne ihren Sohn. Als der Krieg ausbrach, fuhr sie als Erstes ins Museum, um die Bücher zu retten, das ukrainische Kulturgut. Ihr Sohn meldete sich freiwillig als Soldat. Er diente in Cherson, dann in Bachmut und Soledar.
Ortsnamen, die inzwischen wie Sinnbilder für die Grausamkeit der russischen Armee stehen. In Soledar traf er auf Wagner-Söldner, Kämpfer einer russischen, ehemals privaten paramilitärischen Gruppe. Kurz nach seinem Tod filmte ihn eine russische Militärreporterin. Das Video fand Mila im Internet. Die Bilder kann sie nicht vergessen.
Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Mila an ihren Verlust erinnert wird. Der Tod ist in ihrer Heimat allgegenwärtig. Auf den Friedhöfen werden getötete Soldaten geehrt, auf ihren Gräbern wehen blau-gelbe Flaggen. Autokorsos fahren durch die Städte, um den Toten zu gedenken.
Auch in Ismajil, einer Stadt an der Donau, zieht eine Prozession an den Müttern vorbei. Passanten knien am Straßenrand, während sich Mila und ihre Reisegenossinnen in die Arme schließen. "Es ist das Einzige, was wir tun können", sagt Mila. Einander stützen in der Trauer. "Nur eine Mutter versteht, wie sich der Verlust eines Kindes anfühlt."
Für die Frauen gehört beides zusammen: die Sehnsucht nach Leben und die Trauer. Wie man sie überwindet? "Es gibt kein Rezept. Man macht einfach weiter", antwortet Mila. Sie hat sich in die Arbeit gestürzt, lebt weiter, von Tag zu Tag. Momentan versuche sie, ihre Beruhigungstabletten abzusetzen.
"Ihr seid die Heldinnen dieses Landes"
Auf der ersten Etappe, von Odessa nach Kordon, bleibt es lange still im Bus. Wenn jemand etwas sagt, geht es um die immer gleichen Fragen: Wo ist mein Kind? Wie lange bleibt ihr Sohn noch in russischer Gefangenschaft? Langsam lernen sie sich kennen, Freundschaften entstehen. Die Stimmung ist gelöster. Sie beginnen, ihre Sorgen und Erinnerungen zu teilen und so entstehen Zeichen der Verbundenheit: ein tröstendes Schulterklopfen, ein stilles Nicken, das gemeinsame Schweigen beim Gedenken. Von Station zu Station wächst ihre Verbundenheit.
Der Abend endet für die Frauen auf einer Schneckenfarm in Safjany. Als der Bus ankommt, steht Andriy am Wegrand, die Hand auf der Brust. Er betreibt die Farm. Er teilt das Schicksal der Frauen. Die Farm war der Traum seines im Kampf gestorbenen Sohnes: Die wollte er leiten, wenn sein Dienst endet. Nun führt sein Vater den Hof weiter.
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Andriy führt erst über das Gelände, dann ins Restaurant, er lädt zum Essen ein. Immer wieder gießt er Wein nach. Sie stoßen an: auf die Ukraine, auf die Freude. Beim dritten Trinkspruch wird es still, alle schweigen. So will es die ukrainische Tradition, der dritte gilt den Toten. Dann sagt der Mann: "Ihr seid die Heldinnen dieses Landes."
Iryna, die Frau, die das Meer so liebt, steht auf und erwidert: "Dieser Ort hier ist so wichtig. Es gibt Kraft, wenn man spürt, dass andere dasselbe empfinden und trotzdem weitermachen." Sie gibt sich an diesem Abend ein Versprechen: Sie werde nicht aufhören zu demonstrieren, bis sie wieder im Asowschen Meer baden kann und ihre Heimat von der Ukraine kontrolliert wird, sagt sie. Das sei sie ihrem Sohn schuldig. Während sie spricht, nimmt sie das Kreuz in die Hand, das um ihren Hals hängt, und küsst es.
Die Abende im Verlauf der Reise verbringt Nataliia am liebsten für sich. Die Direktorin, wie einige hier sie nennen, weil sie bis vor einiger Zeit ein Hotel geleitet hat, hat kurze Haare. In ihr Gesicht schleicht sich ein Lächeln, wann immer sie von ihrem Sohn erzählt. In der Hand hält sie ihr Handy und schaut ihre Bildergalerie durch. Jedes gespeicherte Bild, jedes Video zeigt ihren Sohn oder seine Brigade. Sie kommt kaum hinterher: Endet ein Video, öffnet sie das nächste. Es ist alles, was ihr geblieben ist, sagt sie.
Nachdem ihr Sohn verschollen war, haben seine Freunde ihr Bilder und Videos geschickt. Auf einem liegt er im Schnee mit einem Kameraden. Das sei in Kreminna gewesen. Er filmt sich selbst und sagt: "Linie null und wir haben uns verlaufen." Er stand in der vordersten Kampfzone, also dem Punkt, an dem sich die eigenen Truppen direkt gegenüber den feindlichen Kräften befinden. In einem anderen Einsatz verlor seine Gruppe den Kontakt zu ihm. Seither sucht Nataliia ihn.
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Sie ist bei praktisch jedem Gefangenenaustausch dabei. Seit Februar 2022 fanden mehr als 60 solcher Rückführungen statt. Die Männer und Frauen werden dabei häufig an symbolträchtigen Orten wie dem Lwiwer Rathaus oder an Flughäfen in Kyjiw oder Charkiw feierlich begrüßt.
Dort steht sie in der ersten Reihe und hält ein Foto des jungen Mannes hoch: 25 Jahre, jugendliches Gesicht, leichter Bartansatz. Um seinen Helm hat er Grasbüschel gehängt. Dann ruft sie den Freigelassenen zu: "Haben Sie ihn gesehen?" Ihre Zimmernachbarin hört ihr zu, während Nataliia davon erzählt. Sie selbst könne das nicht: jedes Mal hinfahren, jedes Mal dieselbe Enttäuschung.
"Das ist zu viel für mich"
Bislang haben sie und ihre Zimmernachbarin noch keine Nachricht erhalten, kein Lebenszeichen. Doch solange seine Leiche nicht identifiziert wird, bleibt die Hoffnung. Vielleicht lebt ihr Kind, ist Gefangener Russlands. Vielleicht erhält sie eines Tages den ersehnten Anruf. Vielleicht erkennt jemand sein Gesicht, seinen Namen. Vielleicht wird sie irgendwann Gewissheit haben. Mehr als zwei Jahre wartet sie darauf.
Über 2.500 ukrainische Soldaten befinden sich derzeit in russischer Gefangenschaft. Die tatsächliche Zahl könnte höher sein, da Russland nicht alle Gefangenen bestätigt. Mindestens 70.000 Männer und Frauen - Soldat*innen wie Zivilist*innen - sind als vermisst gemeldet.
Am nächsten Morgen besucht die Gruppe eine Pferdefarm. Tanya streicht durch die Mähne eines Tieres. Die Frauen erfahren, dass der Halter die Pferde und Hunde aus Saporischschja gerettet hat. Viele andere mussten zurückbleiben. "Die Tiere sind traumatisiert", sagt der Mann. Tanya dreht sich weg. "Verlassene Tiere, das ist zu viel für mich", murmelt sie und entfernt sich von der Gruppe. Eine der Frauen folgt ihr.
Tanyas Sohn kämpfte in Mariupol. Die Stadt wurde seit Februar 2022 monatelang von russischen Truppen belagert. Ukrainische Soldaten, darunter solche des Asow-Regiments, und Bewohner der Stadt zogen sich in das Stahlwerk von Asowstal zurück. Sie kapitulierten auf Befehl der ukrainischen Streitkräfte.
Seither sitzt er in russischer Gefangenschaft. Zwanzig Jahre Haft, so das Urteil. Man sagte ihr, die Männer würden nach einigen Monaten im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikommen. Tanya hielt es nicht aus. Schon bei den ersten Nachrichten über einen bevorstehenden Austausch fuhr sie nach Kyjiw. Sie wollte die Erste sein, die ihren Sohn in die Arme schließt.
Dafür brach sie aus dem Osten der Ukraine auf, aus den besetzten Gebieten, überquerte russische Checkpoints in Richtung Hauptstadt. Sie ließ ihre invalide Mutter zurück. Ihr Mann sollte sich die paar Wochen um die alte Frau und die Tiere kümmern. Kurze Zeit später schloss Russland den Grenzübergang. Seit drei Jahren wartet sie nicht nur auf ihren Sohn, sondern auch darauf, ihre Familie wiederzusehen.
Am Morgen vor der Abfahrt zum Bahnhof in Odessa hat Tanya tiefe Augenringe. Das Lächeln, das sonst ihr Gesicht erhellt, ist verschwunden. In der vergangenen Nacht, erzählt sie nervös, konnte sie nicht schlafen. Über ihrem Kopf flog ein Storch, und sie sah, wie er in einem Nest landete. Für sie ist das ein Zeichen: Ihr Sohn werde zurückkommen.
*Der Text verzichtet auf Nachnamen, um die Anonymität der Frauen zu wahren
Die Recherche wurde ermöglicht durch ein Stipendium der Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung in Bremen.
