Darja Bondar bezeichnet sich selbst als Mutter für die Trauer anderer Menschen: Sie arbeitet als sogenannte Todesdoula (Death Doula), sie begleitet sterbende Menschen oder unterstützt ihre Angehörigen in der Trauer. Im Englischen wird "Doula" oft als Begriff für Hebamme benutzt. Eine Death Doula ist eine Person, die Menschen nicht in das Leben hinein, sondern hinausbegleitet.
In der Ukraine arbeiten bislang nur einige Dutzend Todesdoulas, ihre Tätigkeit ist nicht staatlich verankert oder gefördert. "Menschen bezahlen mich dafür, frei weinen zu können", beschreibt Bondar ihren Beruf mit einem Augenzwinkern. In ihren Sessions bietet sie Gespräche über Ängste an, Rituale zum Abschiednehmen oder Körperarbeit. 60 Minuten pro Sitzung plant sie für Gespräche ein, 90 Minuten für Körperarbeit. Alles beginnt mit der grundlegenden Frage, wovor die Patient*innen am meisten Angst haben, erst danach beginnt die eigentliche Arbeit. Ziel sei, die Trauer aufzugeben.
Den Unterschied zu einer therapeutischen Behandlung erklärt die Todesdoula als die Fähigkeit, mit einer Person gemeinsam zu arbeiten, ohne zu kommentieren, einzuordnen, zu urteilen. Trotzdem werde auch die Arbeit von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen gebraucht. Aber man müsse kein Therapeut sein, um eine sterbende Person zu begleiten, sondern vor allem ein Mensch.
Neben vertrauten Fragen rund um Trauer beschäftigen sich Todesdoulas in der Ukraine auch mit anderen, schwer vorstellbaren Szenarien: etwa Menschen, die aus einer Stadt kommen, die nicht mehr existiert. Die um ihr altes Leben trauern. Die sich die Routine und Beständigkeit des Lebens vor dem Krieg zurückwünschen. Menschen, die die Ungewissheit zerfrisst. Oder Angehörigen von Soldaten, deren Körper nicht geborgen werden konnte. Wie trauert man um einen Menschen ohne Grab, ohne Abschied, ohne die üblichen Rituale? Bondar schlug etwas Neues vor: 40 Tage lang sollte eine Witwe eines Soldaten ihrem verstorbenen Partner Briefe schreiben. Und wenn sie bereit sei loszulassen, solle sie diese Briefe verbrennen, als letzten Abschied. Die Zahl 40 ist nicht zufällig gewählt: Nach orthodoxer und volkstümlicher Tradition gelten bestimmte Tage nach dem Tod als Übergangspunkte der Seele. Am dritten Tag vollzieht sich der Abschied vom Körper; bis zum neunten Tag, so der Glaube, verweilt die Seele zwischen Himmel und Erde, besucht vertraute Orte, steht den Lebenden noch nahe. Erst am 40. Tag gilt der Übergang als abgeschlossen. Mit ihm endet die intensivste Phase der Bindung zwischen Lebenden und Toten.
Seit mehr als vier Jahren lebt die Ukraine im permanenten Abschied. Der Tod ist allgegenwärtig, und gleichzeitig wird kaum offen darüber gesprochen, was diese kollektive, ununterbrochene Trauer mit einer Gesellschaft macht. In dieser Leerstelle entstehen neue Formen, mit dem Unbegreiflichen umzugehen: kleine, intime, oft selbst organisierte Räume, in denen Menschen versuchen, einen Umgang zu finden.
Trauer ist eine universelle Erfahrung, und doch erlebt sie jeder Mensch anders. In der Ukraine ist der persönliche Verlust eingebettet in die gemeinsame Erfahrung von Krieg und Gewalt, hier gibt es kaum jemanden ohne Verlust. Laut dem Kyiv International Institute of Sociology sind 80 Prozent der Ukrainer*innen von Verletzungen oder Todesfällen im Freundes- und Familienkreis betroffen. Mehr als 3200 Kinder sind laut Unicef seit Kriegsbeginn verletzt oder getötet worden. Und fast 6 Millionen Ukrainer*innen haben ihr Zuhause und ihre Heimat verlassen – nahezu 15 Prozent der Bevölkerung.
Die Arbeit der Todesdoulas hat sich in dieser Extremsituation als wertvoll erwiesen, denn Trauer wurde lange Zeit in der Ukraine als ein persönliches Problem betrachtet. Die Kultur, nicht über Tod und emotionales Leid zu sprechen, sei ein Erbe der Sowjetunion, berichtet Bondar. Harte Zeiten galt es auszuhalten, nach Hilfe zu fragen konnte als Zeichen von Schwäche wahrgenommen werden. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Trauer in der Ukraine nicht immer so privat war. So gab es hier lange die heute fast verschwundene Institution des Klageweibs. Diese Frau wurde zu Beerdigungen gerufen, um laut zu weinen, den Tod zu benennen, die Lebensgeschichte der Verstorbenen zu erzählen und den Schmerz hörbar zu machen. Ihr Klagen hatte eine klare soziale Funktion: Trauer wurde ausgesprochen, statt im Stillen getragen. Angehörige mussten ihren Schmerz nicht allein und nicht sofort selbst ausdrücken.
In der Nähe des Todes wird das Leben intensiver
Paradoxerweise findet sich hier, zwischen Schutt und Asche, auch etwas, das dem Krieg zu widersprechen scheint: Menschen leben bewusster, konzentrierter, intensiver. Das Leben wird nicht kleiner, sondern dringlicher, Prioritäten klarer, Präsenz größer. Dass Leben und Tod nah beieinander liegen, merkt man hier besonders deutlich. Denn nach einer zerbombten Nacht, in der die Shahed-Drohnen und Iskander-Raketen durch die Luft zischten, die Sirenen heulten und Menschen in ihren Häusern oder unterirdischen Schutzräumen um ihr Leben bangten, setzt kurzzeitig eine große Erleichterung ein. Nicht ich, nicht heute.
Krieg könne helfen, wirklich zu verstehen, dass und wie man leben will, so Bondar. So wurde einer Ukrainerin erst durch den Krieg klar, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen möchte. Eine andere Frau hat endlich eine Hündin adoptiert: "Ich wollte schon immer einen Hund haben, seit ich klein bin. Ich könnte morgen schon tot sein und das nie gemacht haben." Auch das gehört zur Arbeit einer Todesdoula: gemeinsam mit ihren Patient*innen herauszufinden, wie genau sie eigentlich weiterleben wollen. Darja Bondar selbst glaubt, dass im Thema Tod auch viele Fragen um das Thema Leben stecken: "Die Nähe des Todes erinnert mich immer daran, gut zu leben."
Nach dem Krieg werden andere Themen in den Fokus ihrer Arbeit rücken, vermutet Bondar: "Es wird schwer sein ohne Drohnen, ohne Luftalarm, ohne den permanenten Alarmzustand des Körpers." Eine Patientin aus Saporischschja beschreibt Angstzustände, wenn die Explosionen in ihrer Stadt für einige Tage ausbleiben. Nicht, weil es ruhiger wird, sondern weil die Stille unruhige Fragen aufwirft: Was passiert als Nächstes? Bedeutet die Pause, dass ein noch massiverer Angriff bevorsteht?
Digitale Erinnerungskulturen in der Ukraine
Wenn man mit dem Zug in die Ukraine einreist, beginnt die Konfrontation mit den kollektiven Verlusten des Landes schon in der grenznahen polnischen Stadt Przemyśl: Auf der Strecke nach Kyjiw laufen auf den Screens an der Waggondecke ununterbrochen kurze Clips. In einem Video wird vor Minen gewarnt, die in Kuscheltieren auf Spielplätzen herumliegen – eine Sprengfalle für Kinder. Darauf folgt ein Videoclip, in dem verstorbene Soldat*innen zu sehen sind, mit Namen, Foto, Dienstgrad und kurzer Biografie. Bis der Zug in Kyjiw angekommen ist, wiederholen sich manche Anzeigen und Werbeclips. Nur die Namen der toten Soldat*innen nicht: Es kommen immer neue hinzu.
Erstellt werden die Spots in der Bahn von der Memorial-Plattform Memorial.ua. Sie sind Teil einer bewussten Erinnerungskultur: Der Verlust wird sichtbar gemacht, auch im Alltag wie auf Bahnfahrten. Plattformgründerin Haiane Avakian arbeitete ursprünglich als Journalistin in Bachmut. Die Stadt im Oblast Donezk ist mittlerweile fast komplett zerstört, von den rund 70.000 Einwohner*innen sind nur wenige Hundert geblieben. Damit gehört Avakian zu den 4,6 Millionen Binnenvertriebenen des Landes.
Begonnen hat die Erinnerungsarbeit für Avakian 2022, als sie über die zivilen Opfer bei der Eroberung der Stadt Mariupol berichtete. Sie begann, Namen zu recherchieren und Opfer zu dokumentieren. Heute gilt ihre Memorial-Plattform als das größte digitale Archiv dieses Kriegs. Hinter der Initiative steht ein kleines Team mit Redaktion, das über Spenden und nicht staatliche Förderungen finanziert wird. Ihre Mission: Geschichten von getöteten Soldat*innen und Zivilist*innen sammeln und erzählen. Die Todesfälle werden teils selbst recherchiert, teils melden sich Angehörige direkt bei der Plattform. Neben der Dokumentation sammelt Memorial verifizierte Informationen zu den Opfern und bietet Angehörigen Orientierung, Sichtbarkeit und Zugang zu weiterführender Unterstützung. Es sei wichtig, Erinnerungskultur weiterzudenken, so Avakian, auch digital: "So leben Erinnerungen nicht nur hinter Friedhofsmauern und sind auch für Kinder und Enkelkinder zugänglich."
Memorial möchte über digitale Formate auch eine neue Sprache für die Erinnerungskultur finden. "Wir mussten Repressionen und Zensur durch dieses totalitäre Regime erleben", so Avakian über die Sowjetzeit. Dass Erinnerung heute auch offen, zugänglich und jenseits staatlicher Kontrolle möglich ist, zeigt die Memorial: "Wir haben zuerst gezögert, ob wir einen Tiktok-Kanal bespielen wollen." Lange hielt Avakian diese Social-Media-Plattform für reine Unterhaltung. Schließlich entschied sich das Team, Content über Verlust und Erinnerung bewusst auch in einen digitalen Unterhaltungsraum zu tragen. Die Resonanz ist groß: Die kurzen Videos und Clips, auf denen oft Hinterbliebene über ihre verstorbenen geliebten Menschen erzählen, werden bereits von 66.000 Follower*innen geklickt.
Erinnerungen an die alle Verstorbenen, ohne jede Diskriminierung
Es gibt weltweit zahlreiche andere Beispiele, wie Gedenken, Kriegsopfer oder Erinnerungen online sichtbar gemacht werden: etwa Every Casualty, eine weltweit zugängliche Datenbank, die Zahlen und Hintergründe von Konfliktopfern sammelt, oder die Oral-History-Sammlung des National-WWII-Museums in New Orleans von Veteranen und Zivilisten aller Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkriegs, die online zugänglich sind. Die Besonderheit von Memorial ist, dass während des Kriegs dokumentiert wird, nicht danach. Auch Avakian betont immer wieder die Notwendigkeit ihrer Arbeit: "Fast jede*r denkt regelmäßig an Menschen, die gestorben sind. Angehörige haben ein großes Bedürfnis zu gedenken, weil es ihnen hilft, den Verlust zu verarbeiten und weiterzuleben."
Fast jede*r kann in die Kartei aufgenommen werden, der ethische Kodex schließt niemanden aufgrund politischer Überzeugung, sexueller Orientierung oder anderer Diskriminierungsgründe aus. Nur die Namen von Menschen, deren Verwandte in den besetzten Gebieten leben, werden aus Sicherheitsgründen derzeit nicht veröffentlicht. Auch Menschen, die als vermisst gelten, werden nur aufgenommen, wenn eine Beerdigung stattgefunden hat oder Soldat*innen ihrer Einheit vor Gericht den Tod bestätigt haben. Avakians Traum ist es, in fünf bis zehn Jahren einen physischen Ort zu schaffen, ein modernes Museum, das digitale und interaktive Technologien miteinbezieht. Es gibt schon viele Ideen, etwa Künstliche Intelligenz zu nutzen, um Menschen oder konkrete Ereignisse zu rekonstruieren und greifbar zu machen. Doch ist hierfür noch manches zu klären, nicht zuletzt ethische Bedenken.
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Die digitale Erinnerung an die Gefallenen in der Ukraine ist fragil: Die Instagram- und Facebook-Accounts von Memorial.ua wurden mehrfach gesperrt, Anfang Dezember 2023 löschte Meta ihre Accounts ganz, ohne konkrete Begründung. Nach öffentlichen Protesten wurden sie im Januar 2024 wiederhergestellt. Den Kampf um Sichtbarkeit auf Youtube hat Memorial verloren: Mindestens sechsmal wurde ihr Kanal dort gelöscht, offiziell wegen "Spam und Betrug", ohne dass die Vorwürfe nachvollziehbar erklärt wurden. Ein schmerzhafter Verlust: "Für uns war das ein wichtiger Kanal, wir haben dort die Geschichten von mindestens 400 Menschen gesammelt, die von Russland getötet wurden." Für Avakian ist klar, dass dahinter koordinierte Meldungen von russischer Seite stecken, um digitale Formen des Gedenkens zu sabotieren: "Es ist sehr offensichtlich, dass Russland Angst davor hat, seine Kriegsverbrechen dokumentiert und öffentlich zugänglich zu sehen, weil es diese Informationen vor seinen eigenen Leuten verstecken will."
Death Cafés bietet der Trauer neue Räume
Umso sichtbarer wird die Erinnerung im öffentlichen Raum. Auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem zentralen Platz Kyjiws, ist ein Fahnenmeer entstanden, er gilt als einer der eindrücklichsten öffentlichen Trauerorte des Landes. Schnee liegt über dem Gedenkort, Fahnen mit Gesichtern gefallener Soldaten auf blau-gelbem Hintergrund schaukeln im Wind. Viele der Verstorbenen lächeln in ihren Uniformen, besonders die jungen, auf diese selbstverständliche, offene Art, mit der man lächelt, wenn man eigentlich noch das ganze Leben vor sich hat. Die Menschen kommen hier vorbei, um zu erinnern, legen Blumen oder Fahnen nieder, zünden Kerzen an. Die Toten werden nicht an den Rand der Stadt verdrängt, sondern bewusst ins Zentrum gerückt.
Dennoch kritisiert die ukrainische Theatermacherin Nataliia Vainilovych, die auch als Dozentin an der National Technical University of Ukraine "Igor Sikorsky Kyiv Polytechnic Institute" lehrt, dass es nicht mehr physische Orte zur gemeinsamen Trauer gebe. Deshalb hostet Vainilovych ein sogenanntes Death Café, eine Veranstaltungsform, bei der sich Menschen treffen und über den Tod sprechen können. Es geht dabei weniger um akute Trauerbewältigung oder therapeutische Unterstützung, sondern um einfache Gespräche um ein nicht einfaches Thema, Trauer und Tod. Vainilovych hält die Todescafés oft im Winter ab – Winter symbolisiert für sie Tod. Nicht nur, weil im Winter 2022 die Vollinvasion begann, sondern weil kurz zuvor ihre Mutter starb. Selbst auf der Suche nach einem Ort, an dem sie über Tod sprechen konnte, fand sie das Death Café.
Mittlerweile lädt Vainilovych unregelmäßig zum Lemon Death Café ein – so genannt, weil Zitronen sauer sind und bitter, wie der Tod. "Wenn ich das mit Menschen teile, dann kann ich etwas damit anfangen", so Vainilovych. Trauer ist leichter zu bewältigen, wenn man sie gemeinsam erlebt, deshalb wird bei diesen Veranstaltungen auch Essen mitgebracht, das Menschen verbindet. Auch Themen jenseits von Trauer sind zugelassen; so können beispielsweise eigene Bestattungswünsche oder Vorstellungen über das Lebensende besprochen werden.
Vainilovychs Lemon Death Café wird häufig von eher jüngeren Menschen besucht, ist aber für alle Altersgruppen offen. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um ein tatsächliches Café, also einen gleichbleibenden Ort, es kann überall stattfinden. Vainilovych hat auch schon in ihre Wohnung eingeladen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Gesprächsmoderatorin zu sein. Jede und jeder darf dann erzählen, nur andere zu verurteilen oder zu unterbrechen ist nicht erlaubt. Und natürlich darf auch geweint werden, Taschentücher stehen bereit.
Und obwohl sie das Death Café unregelmäßig veranstaltet und ihre Veranstaltungen kaum bewirbt, steigt die Nachfrage immer mehr. Vainilovych bewirbt das Death Café nur in kleinem Rahmen: Sie hat eine Telegram-Gruppe, die aus Teilnehmer*innen früherer Treffen besteht. Schon lange im Voraus wird sie dort regelmäßig nach neuen Veranstaltungen gefragt. Sobald sie ein Event ankündigt, reagieren die Mitglieder schnell und sichern sich innerhalb kürzester Zeit ihre Tickets.
Die Trauer folgt dem Krieg, über physische, mentale und auch geografische Grenzen hinweg. Sie sammelt sich in Cafés, auf Bahnfahrten, in digitalen Archiven. Der Krieg hat ihre Orte verschoben, ihre Sichtbarkeit verändert. Doch egal, wo sie stattfindet: Sie ist Teil desselben Verlustes.
Mitarbeit: Dzvinka Pinchuk
Diese Reportage wurde durch die Initiative "Women on the Ground: Reporting from Ukraine’s Unseen Frontlines" der International Women’s Media Foundation in Partnerschaft mit der Howard G. Buffett Foundation unterstützt.
