Herr Gross, Ihre Kirchengemeinden liegen in und um Odessa. Was bekommen Sie vom Krieg mit?
Alexander Gross: Der Krieg ist ständig da, es gibt Drohnen- oder Raketenangriffe, auch hier. Und vor allem haben wir ständig Stromausfall, auch jetzt gerade. Das ist mittlerweile Alltag bei uns. Es kommt eine Nachricht von der Stadt: "Heute drei Stunden Strom, von da bis da …" Und dann richten wir uns danach. Schlimm ist, dass in ganz Odessa keine Busse und Straßenbahnen mehr fahren können.
Werden die Stromnetze nicht repariert?
Natürlich, aber unsere Energieunternehmen kommen einfach nicht mehr hinterher. Gerade ist etwas repariert, dann schießen es die Russen wieder kaputt. In Kyjiw gehen sie davon aus, dass es bis in den Sommer hinein so weitergeht.
Wir zoomen gerade, wie geht das ohne Strom?
Ich habe eine gute Powerbank, die hält zehn Stunden. Aber auch ich muss immer planen, immer gut rechnen, was wann geht.
Haben Sie Kontakte nach Kyjiw?
Ja, wir haben als Kirche zwei Gemeinden in Kyjiw: St. Katharina und St. Martin. St. Martin arbeitet mit Obdachlosen und baut gerade ein Zentrum außerhalb der Stadt, um dort Menschen unterzubringen, die kein Heim haben. Die Straßen sind zu unsicher. Da sollte niemand übernachten.
Alexander Gross
Wo ist die Not zurzeit am größten?
Hier auf den Dörfern, auch in Odessa, können wir mit dem Krieg, so schrecklich er ist, leben. Aber in Kyjiw ist es ganz furchtbar. Ich bin mir absolut sicher, dass gerade jetzt, wo wir miteinander sprechen, alte Menschen in ihren Wohnungen erfrieren. Das ist eine Tragödie für mich, eine Tragödie für uns alle.
Was können die Kirchen tun?
Die Kirchen machen viel, in Kyjiw und auch hier in Odessa. In den Dorfgemeinden, für die ich zuständig bin, haben wir ein Hilfsprogramm für Rentnerinnen und Rentner eingerichtet. Die bekommen hier in der Regel nicht mehr als 60 oder 70 Euro im Monat. Davon können sie nicht leben.
Wie sieht die Hilfe aus?
Wir besuchen sie zu Hause, die Menschen sind wegen ihres hohen Alters nicht mehr mobil. Seit Ausbruch des Krieges konnten wir so über 1250 Bedürftige erreichen. Wir helfen vor allem mit Lebensmitteln oder Medikamenten.
Wie finanzieren Sie das? Ihre Gemeinden in Odessa sind ja eher klein . . .
Nach der Invasion haben wir viele Mitglieder verloren, die ins Ausland geflohen sind. Aber wir versuchen, auch mit wenigen Händen zu helfen, und wir erhalten Hilfe von Kirchen im Ausland. Mal aus der Slowakei, aus Ungarn, Tschechien oder Polen; und auch sehr viel aus Deutschland. Allerdings ist das nie ständig, sondern immer nur projektbezogen. Jetzt gerade bekommen wir Geld, das letztes Jahr bei der Fastenaktion der bayerischen Landeskirche gesammelt wurde. Damit können wir bis Sommer unsere Lebensmittellieferungen finanzieren. Die kosten uns gut 5000 Euro im Monat. Wenn das Geld aufgebraucht ist, müssen wir neu schauen.
Kümmern Sie sich auch um Geflüchtete aus den besetzten und vom Krieg zerstörten Landesteilen der Ukraine?
Das ist ein wichtiges Projekt für uns. In Petrodolinsk haben wir einen Campus errichtet, wo jetzt sieben Familien mit ihren Kindern in ehemaligen Gemeindebauten oder kleinen Fertighäusern leben.
Sind das alles Christen?
Vielleicht werden sie es gerade, aber tatsächlich hatten viele von ihnen bisher mit der Kirche nichts zu tun. Nun kommen sie zu unseren Gottesdiensten - mittlerweile auch ein paar Männer, die brauchten etwas mehr Zeit als ihre Frauen. Das ist ein schönes Gefühl, wenn ich sonntags den Gottesdienst feiere und in ihre Gesichter blicke.
Können diese Familien jemals wieder zurück in ihre Heimat?
Nein, die Dörfer sind vollkommen zerstört und überall gibt es Minenfelder. Da kann über Jahrzehnte hinaus niemand leben.
In deutschen Medien gab es auch schon den Vergleich mit der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg. Über 800 Tage hat die deutsche Wehrmacht damals die Stadt ausgehungert. Ein grausames Kriegsverbrechen. Ist der Vergleich überzogen?
Nein, leider nicht. Wir sprechen hier längst vom Genozid. Russland will uns umbringen, ganz gezielt, eben auch dadurch, dass Zivilisten erfrieren. Wie sollen sie in einer Großstadt auch überleben? In einem Hochhaus? Ohne Licht, Strom oder Wasser ...
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Wie schaffen Sie es, solche Gespräche wie dieses hier zu führen und nicht vollkommen zu verzweifeln?
Wissen Sie, wir leben geistlich. Wir helfen und wir versuchen, gut zu überleben, aber wir machen auch Gottesdienste, Bibelstunden, Konfirmandenunterricht, Kindersonntagsschule, einen Weihnachtsmarkt oder feiern Ostern. Wir versuchen, die täglichen schrecklichen Nachrichten nicht ständig wahrzunehmen. Und wir lassen uns nicht auf den Hass ein. Hass zerstört als Erstes uns selbst. Kirchen können Oasen der Liebe sein. Genau das versuchen wir hier. Gott ist ganz nahe bei uns. Das fühlen wir.
