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Als Kurt (Harald Krassnitzer) plötzlich vor Hannes (Dagmar Manzel) Haus auftaucht, das sie einmal gemeinsam bewohnt haben, und sie fragt, ob sie ein Glas Wasser möchte, ist diese völlig perplex. Denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat sie ihren Ex-Mann nur zwei Mal gesehen, sie ist glücklich mit Bernd (August Zirner) verheiratet und kann sich Kurts unvermittelte Art absolut nicht erklären. Bis sie auf einem Armband, das Kurt trägt, eine Telefonnummer findet.
Seine Tochter erklärt ihr daraufhin, dass Kurt an Alzheimer erkrankt ist, sich in Kurzzeitpflege befindet, weil sie selbst im Ausland sei und sich nicht kümmern könne. Hanne und Bernd versuchen nun, Kurt in das Pflegeheim zurückzubringen und, als das misslingt, eine neue Unterkunft für ihn zu finden. Schließlich wird er als Dauergast in ihrem Gästezimmer landen, denn für Kurt ist die Ehe mit Hanna gegenwärtig, die letzten 30 Jahre hat er schlicht aus seinem Gedächtnis verbannt.
Was wie eine Demenzgeschichte beginnt, wird in den folgenden Minuten zu einem außergewöhnlichen Beziehungsdrama. Denn Hanne, die die Trennung von Kurt nur sehr schwer verwinden konnte, findet sich immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Trotz seiner Demenz hat Kurt seine Persönlichkeit behalten. Er ist nach wie vor ein Charakter, charmant, aufmerksam und liebebedürftig. Selbst wenn Bernd erst mal mitspielt und jede Eifersucht verdrängt, ist es am Schluss an ihm, der unfreiwillig offenen Zweierbeziehung ein Ende zu setzen.
In seinem Langfilmdebüt geht Regisseur Welf Reinhart sehr behutsam zu Werke. Ihm sind die Symptome einer Alzheimer-Erkrankung wohl vertraut, und er weiß, dass ein Zugang zu der Welt des Kranken einzig über dessen Sprach- und Reaktionsmuster möglich ist. Und genau daran scheitern Hanne und Kurt. Immer wieder kommt es zu alltäglichen Konflikten, wie sie in einer normalen Beziehung vorkommen.
Hanne verliert sich in Erinnerungen, die für Kurt gegenwärtige Wirklichkeit sind, und beide haben nur eine Welt der Irrationalität. Die ist allerdings nicht von Dauer. Die Krankheit ist fortschreitend, und so finden sich Hanne und Kurt am Schluss dort wieder, wo es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt. Und da wartet, zu beider Glück, Bernd.
"Der verlorene Mann" ist mehr als die Geschichte einer Krankheit, er ist auch eine Liebesgeschichte. Sie erzählt davon, wie ein gelebtes Leben, und sei es noch so vergangen, in kleinen Gesten und Ritualen plötzlich zur Gegenwart wird und wie Sehnsüchte und Erinnerungen sich vermischen, obwohl die Ratio weiß, dass es keine Zukunft geben kann. Die Emotionen spielt Welf Reinhart nicht aus, vielmehr setzt er auf die Kraft der Imagination des Zuschauers. Er hat einen sanften kleinen Film geschaffen, der vollends auf seine großartigen Schauspieler vertraut und darin so gefühlvoll wie bilderreich bleibt.
Deutschland 2026. Regie: Welf Reinhart. Buch: Tünde Sautier, Welf Reinhart. Mit: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, Lene Dax, Dionne Wudu. Länge: 106 Min. FSK: ab 12.
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