Es ist Sonnabend, der 9. Mai 2026. Um 13.49 Uhr poppt eine Nachricht bei Signal auf, von meinem älteren Sohn. Ein Foto eines von mir in Handschrift geschriebenen Textes:
"Immer, wenn ich in dieses Buch schreibe, denke ich, ob das wohl mal später einen der beiden Jungs interessieren wird?"
Seine Antwort: "JA :)))!"
Ich antworte ihm gleich: "Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mich das freut."
Worum geht es?
Tagebuch schreiben war nie so meins, auch wenn ich es immer mal wieder probiert habe, weil so viele Freundinnen mir davon vorschwärmten. Mal notierte ich, in wen ich gerade und warum unglücklich verliebt war und andere Seelenkrisen; oder, ganz simpel, mit wem ich im Theater gewesen war. Es war ein unsortiertes Text-Kuddelmuddel; fast alle Hefte oder Notizbücher habe ich entsorgt.
Doch dann bekam ich Kinder. Und zum ersten Mal in meinem Leben schrieb ich viele Jahre lang auf, was gerade los war. Denn jetzt hatte ich ein Ziel: Ich schrieb nicht für mich, sondern für sie.
Warum?
Von unserer Mutter bekamen wir alle drei Geschwister zur Konfirmation eine Zusammenfassung ihrer Aufzeichnungen aus den jeweils letzten 15 Jahren geschenkt. Pro Jahr ein paar Seiten, immer retrospektiv geschrieben. Wo wir im Urlaub waren, welche Kindergesellschaften wir feierten, wie wir in der Schule waren. Alles schöne Erinnerungen und eine unglaubliche Arbeit für sie – doch einen wirklichen Einblick in meine Kindheit und Jugend bekam ich nicht.
Wie ging es ihr, meiner Mutter, mit mir, der Tochter, der sie nach zwei schlimmen Fehlgeburten den Namen Dorothea (Gottesgeschenk) gab, obwohl sie so auf einen Sohn gehofft hatte? Wie ging es ihr mit ihrem Ehemann: Soldat im Krieg, schwer traumatisiert durch eine Beinamputation; mit 50 (mittlerweile drei Kinder, endlich auch der Sohn) schwer an Darmkrebs erkrankt? Wie hat sie das alles geschafft? Haus, Kinder, Ehrenämter?
Zu all dem steht wenig in den Aufzeichnungen. Zu wenig für mich, die viele Jahre später bei einer Therapeutin sitzt und aufarbeiten will, was da eigentlich in dieser nach außen so prachtvoll bunten und finanziell abgesicherten Kindheit in unserer Familie schiefgelaufen ist. Denn obwohl es nach außen so behütet aussah, hatte ich als junge Frau große physische wie psychische Probleme.
Festhalten, wie es wirklich war
Als ich selbst Kinder hatte, wollte ich es anders machen. Ich wollte, dass die Kinder möglichst authentisch nachlesen können, wie das so war. Mit ihnen und mir, mit ihnen und ihrem Vater; zwischen uns als Liebespaar. Wie der Alltag aussah, beide berufstätig mit zwei Jungs. Jungs, die süß und toll, manchmal aber auch unfassbar anstrengend waren. Wie wir damit umgingen, dass unsere eigenen Eltern sehr präsent im Familienleben waren; wie es war, als diese dement wurden oder starben …
Der erste Eintrag trägt das Datum 2. Juni 1995, am dritten Tag nach der Geburt unseres ersten Sohnes, der letzte am 16. Mai 2016. Anfangs schreibe ich im wöchentlichen Abstand, dann werden die Abstände länger und länger. Je älter die Kinder werden, umso seltener greife ich zum Stift. Aber ich tue es, immer wieder. Viele Einträge beginnen mit: Gerade sitze ich da und da … und dann erzähle ich, was die letzten Tage los war; wo ihr Vater gerade ist; was der eine Sohn macht oder der andere.
Mal schreibe ich über aktuelle Lieblingsgerichte; in welchen Erziehungsfragen wir uns uneins sind. Ich zitiere die Kinder ("Mami, ich kann nicht einschlafen, meine Augen gehen immer wieder auf"), mich selbst, meinen Mann, die Lehrerin. Mal geht es absatzweise um Lieblingsfreunde, den Sport, Mobbing in der Schule.
Ich erzähle, was es für Glücksgefühle in mir auslöst, wenn ich die beiden auf dem Schulheimweg zufällig treffe, tief ins Gespräch vertieft über Harry Potter oder ihr aktuelles Computerspiel. Wie sie sich, größer werdend, hasserfüllt prügeln. Mal ist der eine "ätzend", der andere "göttlich", dann umgekehrt. Immer schreibe ich auf, wie ich mich gerade fühle: verzweifelt, glücklich, dankbar, wütend.
Viel, sehr viel, steht da über Streitereien zwischen uns Eltern: Darf sich der jüngere Sohn vom Konfirmationsgeld einen Fernseher kaufen, ja oder nein? Berufliche Neuanfänge stehen an. Wir beiden haben einen anstrengenden Pendlerjob. Es gibt Kräche mit den Großeltern, doch immer mal wieder retten uns die "Omimi" oder die "Oma", wenn eines der Kinder krank ist und ich arbeiten muss. Unseren Norwegen-Urlaub 2006 beschreibe ich täglich von Station zu Station; andere Urlaube werden gar nicht erwähnt.
Alte Verletzungen zwischen Kindern und Eltern heilen
Es gibt kein System, keine Regeln, es ist ziemlich chaotisch, meine Handschrift manchmal fast unleserlich. Und dann finde ich auch die oben zitierte Frage: Wird es die Jungs überhaupt irgendwann mal interessieren?
"Für viele Themen, die uns ein Leben lang begleiten, gibt es kein einzelnes, alles erklärendes dramatisches Ereignis. Vielmehr geht es oft um Atmosphären – den emotionalen Grundton einer Familie –, um unausgesprochene Erwartungen oder sich wiederholende Abläufe im Miteinander."
Ich lese diesen Satz in dem Buch "Jetzt bin ich schon wie meine Eltern", geschrieben vom prominenten Psychologenpaar Cécile Loetz und Jakob Müller. Es geht darum, wie und warum ich als Mutter (oder Vater) Probleme mit den eigenen Kindern habe, auch wenn sie schon erwachsen sind.
Wie ich Verletzungen heilen kann, weil ich mit ihnen spreche, ihnen erkläre, warum wir als Eltern so oder so reagiert haben; es geht, so schreiben die beiden, um die "unbewusste Seite unseres Erlebens": "Es ist eine der wichtigsten psychologischen Einsichten, dass wir nicht immer wissen, was wir tun, und nicht immer verstehen, warum andere, auch Kinder, so handeln, wie sie handeln. Viele Konflikte und Missverständnisse zwischen den Generationen entstehen genau an diesem Punkt."
Stimmen die Vorwürfe der Kinder?
2016 hatte ich mit dem Schreiben aufgehört. Beide Söhne waren längst ausgezogen, wir waren umgezogen. Die fünf unscheinbaren und schmalen Bände standen weit oben fast vergessen im Bücherbord. Ungefähr mit dem Start von Corona bekam der eine Sohn mit Mitte zwanzig ganz plötzlich gesundheitliche Probleme. Brutale Darmkoliken, er probierte alles aus, begann eine Therapie. Irgendwann, als die beiden uns besuchten und wir zu viert am Esstisch saßen, konfrontierte er uns: "Ihr habt echt viel Leistungsdruck aufgebaut, damit wir funktionieren." Der andere Sohn widersprach, nein, das stimme nicht. Ich ging zum Bücherschrank: "Ihr könnt es nachlesen."
Fast zwei Jahre lang blieben die Bücher bei dem einen Sohn, dann schnappte sie sich der andere.
Cécile Loetz und Jakob Müller schildern in ihrem Buch viele Einzelfälle. Sie gehen mit ihren Klienten Jahre zurück, lassen sich erzählen, wie die eigene Kindheit des heute rund 40-jährigen Vaters "Harald" war, der in die Therapie kommt, weil er seinen pubertierenden Sohn nicht so lieben, annehmen kann, wie er es gerne würde.
Lesetipp: In der Kolumne "Väterzeit" schreiben zwei Väter über ihren Alltag mit Kindern
In den Therapiestunden erzählt er auf den Wortlaut genau, wie sie am Esstisch sitzen, sich missverstehen. Zitat aus dem Buch dazu: "Der Schlüssel zur Veränderung ist, dass Harald sich auf eine Begegnung mit seinen eigenen Gefühlen einlässt und die gefrorene Trauer, die sich meist unbemerkt in ihm verbirgt, in flüssige, lebendige verwandelt."
Während ich diese Textpassagen lese, greife ich immer wieder zu den Tagebüchern, die jetzt wieder bei uns sind. Ich bin zutiefst entsetzt darüber, dass ich tatsächlich die Wutanfälle des Jüngeren noch im Alter von sieben (!) Jahren mit einem "Klaps auf den Po" gestoppt hatte. Seiten später könnte ich heulen, weil ich lese, wie wunderschön wir es oft zu viert hatten. Und vor allem realisiere ich eigentlich erst jetzt, wie wechselhaft und inkonsequent wir in Erziehungsfragen waren. Wie unsicher ich oft als Mutter war, wenn Probleme auftauchten.
Der ältere Sohn hat mittlerweile einen Großteil der Seiten eingescannt, umgewandelt in ein Word-Dokument. Darin können wir alle jetzt sogar nach Stichworten suchen – zum Beispiel "Krach", "Opa" oder "Liebe". Aber lieber blättere ich durch die Seiten, entziffere mein Gekrakel. Hin und wieder schicken wir im Familienchat kleine Scans mit Fotos und Zitaten herum.
Noch einmal Cécile Loetz und Jakob Müller: "Für Eltern und Kinder kann ein gemeinsames Einordnen, auch in späteren Lebensjahren, etwas Lösendes und Versöhnendes haben – etwas, das wir in der Psychoanalyse Nachträglichkeit nennen. Dieser Prozess ist das Gegenstück zu den vielen Formen der Abwehr, denen erwachsene Kinder häufig begegnen, wenn sie mit ihren Eltern über die eigenen Erfahrungen sprechen wollen."
Einer der beiden Söhne hat neulich seine Freunde, gerade frisch gewordene Eltern besucht. Er erzählte mir, was er ihnen empfohlen habe: "Schreibt es auf, jetzt, für Eure später erwachsenen Kinder."


