Kurzgeschichte
Sicher
Ein Liebesbeweis: Seine Frau unterschreibt den Ehevertrag, vertraut ihm, ohne das Kleingedruckte zu lesen. Dann geht die Ehe in die Brüche und sie verliert alles - auch ihren Hund
Ein Mann mit Brille und Bart sitzt vor einem Computer und hält verschiedene Formulare und Dokumente in der Hand.
Er hat für alles vorgesorgt: Verträge, Zahlen, Nachweise. Sicherheit ist sein Prinzip – auch dort, wo sie Beziehungen ersetzt. Dass sich nicht alles berechnen lässt, zeigt sich erst, als es längst zu spät ist
Johanna Ploch für chrismon
20.06.2026
15Min

Ich habe nach Osten geschaut. Dort geht gerade die Sonne auf. Ich lebe seit dreißig Jahren hier, aber noch nie habe ich einen solchen Sonnenaufgang gesehen. Soll ich ihn beschreiben? Das kann ich nicht. Wenn nicht mal die Kamera die Farben einfangen kann, die so ein Sonnenaufgang bietet ...

Jedenfalls ist es der schönste Sonnenaufgang, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Ich bin jetzt Mitte vierzig, da hat man schon einiges gesehen. Aber eben noch nicht einen solchen Sonnenaufgang.

Vielleicht bilde ich mir das alles ja nur ein. Immerhin ist heute der Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben wieder allein bin, und dieser Sonnenaufgang symbolisiert meinem Unterbewusstsein die Befreiung, die Schönheit des Lebens oder was weiß ich.

Ich bin kein Dichter, noch nie habe ich solche Sachen so sagen können, dass irgendjemand was damit ­anfangen konnte. Ich bin Versicherungskaufmann. In meinem ­Leben ist es immer um Sicherheit gegangen. Die Menschen wollen Sicherheit, jeder will Sicherheit, sogar Tiere wollen das. Ich habe einen Hund, der bellt, wenn er draußen ein Geräusch hört, das er nicht kennt, weil er sich so selbst Mut macht. Man sagt, dass Hunde ein Spiegel ihrer Herrchen sind. Vielleicht ist mein Hund so ein Sicherheitsfanatiker, weil sein Herrchen in der Versicherungsbranche arbeitet, wer weiß das schon.

Ich hätte mir auch gewünscht, dass Bellos Frauchen bei uns bleibt. Unser Hund heißt wirklich Bello, ganz klassisch, ist ein Deutscher Schäferhund, aber aus irgendeinem Grund ein bisschen kleiner. Ein ganz Hübscher ist der Bello. Nur manchmal, wenn ich zu viel getrunken habe, bekommt er Angst oder Sorge, dann schaut er mich unsicher an und weiß nicht, wie er mich deuten soll. Hunde sind ja sehr sensibel, verstehen uns besser als wir uns selbst.

Und Bellos Frauchen war meine Frau, aber ein Frauchen war sie nicht. Eher eine Emanzipierte. Sie arbeitete als ­Grafikdesignerin, entwarf viele Cover für große Verlage. Sie verdiente nicht so regelmäßig wie ich, weil sie eine Freie war, aber übers Jahr kam mehr Geld bei ihr zusammen als bei mir.

Davon fuhren wir dann in Urlaub, nach Venedig, nach Rom oder nach Sizilien, meine Frau war ein richtiger Italienfan. Mir war das recht, ich bin ja keiner, der extra­vagante Wünsche hat. Ich habe mein kleines Büro hier in Schwabing, da steht "Allianz" drüber, und dort sitze ich jeden Tag und arbeite meine Aufträge ab.

Das bringt nicht so viel Geld, ein wenig Kommission, aber es ist ein sicheres Einkommen, und Versicherungen leben selbst am allersichersten, weil jeder eine Versicherung braucht, vor allem hierzulande, wo die Menschen so viel Angst vor allem Möglichen haben.

"Ich baue gern Kinderspielzeug aus Holz, das ist mein Hobby, eine echte Leidenschaft"

Sie glauben ja nicht, was mir schon hereingeflattert ist. Die Leute wollen alles versichern, was es überhaupt gibt, da sind die ausgefallensten Wünsche dabei.
Bello muss jetzt natürlich ins Büro mitkommen, sonst wäre er den ganzen Tag allein zu Hause. Morgens gehen wir zu Fuß hin, da macht er Gassi und vielleicht auch groß, dann lümmelt er sich in einer Ecke, die ich ihm eingerichtet habe, nagt an seinem Kunstknochen, frisst sein ­Trockenfutter oder schläft, während ich Aufträge abarbeite, Besprechungen habe oder Kundengespräche vor Ort führe.

Um die Mittagszeit drehe ich dann erst mal eine Runde mit ihm, damit er sich die Beine vertreten kann. Anschließend gehe ich was ­essen. Und dann gehts schon wieder zurück ins Büro bis um vier. Danach haben wir beide frei und ich mache einen ausgiebigen Spaziergang mit dem Bello, meistens im Englischen Garten, da kann er richtig rennen und mit anderen Hunden spielen. So sieht mein Alltag aus.

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Wenn ich abends nach Hause komme, ist meine Frau auch schon da und hat gekocht oder Abendbrot zubereitet. Meistens essen wir vor dem Fernseher, schauen uns die Tagesschau an und unterhalten uns über die Nachrichten aus aller Welt.

Später ziehe ich mich dann zurück in mein Arbeitszimmer. Ich baue gern Kinderspielzeug aus Holz, das ist mein Hobby, eine echte Leidenschaft. Stundenlang kann ich Berechnungen anstellen, Zeichnungen anfertigen und Holzteile zurechtsägen, die ich dann genau nach Plan zusammenbaue. Ich habe schon alles Mögliche gebaut, Holzeisenbahnen, die Wuppertaler Schwebebahn, die schiefen Aufzüge von Lissabon, den Eiffelturm – alles aus dünnen Holzplatten.

"Meine Frau sagt, ich bin verrückt"

Der Eiffelturm war das Schwierigste. Zuerst ­habe ich alle Streben gezählt, und ich kann Ihnen ­sagen, es sind eine Menge, die genaue Zahl habe ich inzwischen vergessen, aber es waren knapp über 18.000. Die habe ich alle maßstabsgerecht nachgebaut und das Ganze dann in monatelanger Fleißarbeit zusammengeleimt. Meine Frau sagt, ich bin verrückt, dass ich solche Sachen mache, aber irgendwas muss der Mensch doch tun, und ich bin nun mal leidenschaftlicher Hobbybastler.

Na ja, meine Frau, ich sags immer noch, mit der Zeit werde ich mich daran gewöhnen, dass ich jetzt wieder ­allein bin. Das ging einfach alles zu schnell, und wir ­waren so lange verheiratet, man gewöhnt sich aneinander, wer kennt das nicht?

Meine Frau ist ein guter Mensch, jetzt kann ich das wieder sagen. Das war nicht immer so. Als ich herausfand, dass sie diese Affäre mit dem Restaurantbesitzer hatte, so einem Italiener, wir waren früher sogar häufiger dort essen!

Nicht, dass ich sie nicht verstehen könnte, der war wirklich ein Netter, zumindest dachte ich das damals, bevor ich herausfand, was er mit meiner Frau trieb. Das war ein ganz blöder Zufall, und manchmal denke ich, was wäre gewesen, wenn ich es einfach nicht erfahren hätte? Was du nicht weißt, das macht dich nicht heiß, so heißt es doch.

"Erst als ich nichts sagte, merkte der Kerl, dass etwas nicht stimmte"

Vielleicht wären wir noch immer glücklich miteinander, falls wir glücklich waren, inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Aber wir waren zufrieden, oder zumindest ich war zufrieden.

Ich weiß gar nicht, was sie bei dem ­Italiener suchte. Vermutlich Exotik, die Italiener haben ja den Ruf, so feurige Romantiker zu sein, sind eben Südländer, aber ich habe auch mal ­gelesen, dass sie das Latin-­Lover-Syndrom ­haben: Viel Gehabe, doch wenn es im Bett zur Sache geht, dann versagen sie.

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Ich kann mir kaum vorstellen, dass der ihr groß was geboten hat, was sie nicht auch von mir bekommen konnte. Aber sie wollte halt Exotik, die konnte ich ihr natürlich nicht bieten, wir kannten uns ja schon ein halbes ­Leben lang, da gibt es keine Exotik, keine Chance, man kennt sich in- und auswendig, weiß alles voneinander, hat keine Geheimnisse mehr vor dem anderen.

Zumindest dachte ich das. Dass meine Frau doch ein Geheimnis hatte, wusste ich nicht, bis ich an ihr Handy ging. Sie saß auf der Toilette, und ihr Handy lag auf der Truhe im Flur und klingelte plötzlich. Unbekannte ­Nummer. Ich hob ab und wollte was sagen, aber da hörte ich eine Männerstimme, die etwas von Schatz sagte und wann sehen wir uns morgen, und ich freue mich auf dich, und erst als ich nichts sagte, merkte der Kerl, dass etwas nicht stimmte, und legte auf.

"Als es einmal raus war, änderte sich ihr ­Verhalten von einem auf den anderen Tag"

Als meine Frau dann von der Toilette kam, sagte ich noch zu ihr, du, da hat sich einer verwählt, so ein ­Ausländer, hat was von Schatz gefaselt. Wenn sie gelacht hätte, hätte ich mitgelacht und wir hätten einfach weitergemacht mit unserem Leben.

Aber sie stand da und fing an zu stottern und wollte mir irgendwas erklären, was ich gar nicht verlangt hatte. Da habe ich natürlich gemerkt, dass wirklich etwas nicht stimmt, und dann fiel der Groschen bei mir. Ich fragte noch naiv, hast du eine Affäre? Und als sie nickte ... sagen konnte sie nichts, dafür war die ganze Sache zu heikel, sie nickte nur stumm und sah mich an, als würde sie sagen, es tut mir leid, mit großen, traurigen Augen.

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Tja, und als es einmal raus war, änderte sich ihr ­Verhalten von einem auf den anderen Tag. Plötzlich ­konnte sie es nicht mehr erwarten, bis sie ausziehen konnte, um mit ihrem Italiener zusammenzuleben.

Es gibt Leute, die kommen zu mir und wollen eine Versicherung gegen mögliche Seitensprünge ihrer Ehepartner abschließen, aber ich sage denen, das wird teuer, das ist eine Spezialversicherung.

"Das war ein echter Liebesbeweis, und das sagte sie mir auch"

Die meisten kommen gar nicht auf solche Gedanken, die schließen einen Ehevertrag ab, der sich gewaschen hat, und das wars dann. Den meisten empfehle ich, den ­gleichen Ehevertrag abzuschließen wie ich. Das überzeugt die Leute. Ein Restaurantbesitzer sollte auch am liebsten sein eigenes Essen essen, sonst stimmt was nicht.

So ist das mit allem. Das ist dann natürlich keine ­Sache der Versicherung, sondern eher eine private Beratung, aber mein Ehevertrag ist einer, der sich gewaschen hat, und das wusste meine Frau natürlich, sie war ja einverstanden gewesen, obwohl ihre Freundin ihr gesagt hat, so was macht man doch nicht, wenn man jemanden liebt, aber das war ihr damals egal, sie war ja verliebt und achtete natürlich nicht auf das Kleingedruckte.

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Nicht, dass ich sie über den Tisch gezogen ­hätte, aber ein Ehevertrag ist eine vernünftige ­Angelegenheit. Nichts dauert ewig, alles geht irgendwann mal vorbei. Deshalb haben wir uns auch nicht kirchlich trauen lassen, obwohl meine Frau das romantisch gefunden hätte. Bis dass der Tod uns scheidet, das braucht doch kein Mensch mehr heute.

Ich habe da direkt Nein gesagt, nicht mit mir, ich glaube nicht an die Ewigkeit, wir sind alle nur Menschen, und Menschen ändern sich. Wenn wir uns mal nicht mehr ­lieben, sagte ich zu ihr, dann sollten wir das vernünftig regeln wie zwei Erwachsene, und sie verstand, was ich meinte, und unterschrieb den Ehevertrag, ohne ihn zu lesen.

Das war ein echter Liebesbeweis, und das sagte sie mir auch. Sie sagte, ich vertraue dir. Das kannst du auch, antwortete ich, und dann unterschrieb ich den Ehevertrag.

"Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann war das alles nicht so ganz in Ordnung, so ehrlich muss man sein"

Im Nachhinein muss ich sagen: Es war das Beste, was mir passieren konnte. Wir hatten strenge Gütertrennung, und ich habe alle Quittung von allen Anschaffungen, die ich aus eigener Tasche bezahlt habe, aufbewahrt, lückenlos. Fünfundzwanzig Jahre! Wie eine Zeitreise ist das, wenn ich die alle durchgehe.
Andere Leute schreiben ein Tagebuch, in dem drinsteht, am Soundsovielten kaufte ich einen Mixer der Marke Bosch für unseren gemeinsamen Haushalt in der Herzogstraße 33. Ich muss das nicht tun, ich muss nur zurückblättern ins Jahr 95, und da ist die Quittung: 39,95, bei Karstadt an der Münchner Freiheit gekauft am 12. April. Mehr benötige ich nicht.

Tja, und als es dann an die Gütertrennung ging, konnte ich natürlich mit den Ordnern aufwarten. Sie war halt ungeschickt, finanzierte unsere Urlaube, anstatt Hausrat und andere bleibende Gegenstände anzuschaffen, das tat ich. So auch mit der Wohnung, sie wollte lieber zur ­Miete wohnen, wehrte sich gegen einen Bausparvertrag, obwohl ich das Geld von meiner Tante geerbt hatte. Laufzeit höchs­tens fünfzehn Jahre, wenn wir den gesamten Betrag als Anzahlung auf die Wohnung zahlten.

So viel Geld war es ja auch gar nicht, 100.000 Mark hatte jeder bekommen, meine zwei Schwestern, mein Bruder und unsere Mutter. Die zahlte ich komplett für die Wohnung an, meiner Frau sagte ich gar nichts davon, ich wollte sie überraschen, irgendwann hätte der Vermieter einfach keine Miete mehr von uns verlangt, weil die Wohnung in meinen Besitz übergangen war, und dann hätte ich zu ihr gesagt, Schatz, wir brauchen nie wieder Miete zu zahlen.

Sie wunderte sich dann natürlich doch, weil die 100 000 Mark plötzlich wieder verschwunden waren, da log ich sie zum ersten und einzigen Mal an und sagte ihr, ich hätte meiner jüngeren Schwester ein Darlehen für ihre Familiengründung gegeben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann war das alles nicht so ganz in Ordnung, so ehrlich muss man sein, dass man das zugibt. Ich kaufte ja die Wohnung quasi hinter ihrem Rücken. Das konnte ich tun, weil ich als Versicherungsmann das Finanzielle regelte.

"Das Gericht war sofort für mich eingenommen, und der Rest war ein Heimspiel"

Meine Frau ist kein Zahlenmensch, sie ist künstlerisch begabt. Ihre Cover sind wirklich wunderschön, ich habe eine ganze Sammlung davon in unserer Wohnung, die jetzt natürlich meine Wohnung ist.

Meine Frau fiel aus allen Wolken, als es daran ging, die Gütertrennung zu vollziehen, und sie feststellte, dass sie diejenige war, die ausziehen musste, weil ich der ­Besitzer der Wohnung war. Sie wollte noch gegen mich ­prozessieren, weil sie glaubte, sie hätte fünfzehn Jahre lang ihren Anteil der Miete gezahlt, und ich hätte mit dem Geld die Raten abgezahlt.

Doch ich bin Versicherungsmann. Ich habe natürlich nicht nur an mich gedacht, sondern auch an sie. Mit dem Geld, das sie mir für die Miete gab, richtete ich ihr eine ­satte Lebensversicherung ein, und als wir vor Gericht standen und ich die aus dem Hut zauberte, waren alle sprachlos.

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Mit einem Schlag hatte meine Frau einen dicken Geldbetrag zur Verfügung, um ihr neues Leben mit dem ­Italiener zu beginnen. Das Gericht war sofort für mich eingenommen, und der Rest war ein Heimspiel. Meine Frau konnte nicht einmal richtig wütend auf mich sein, weil sie jetzt nicht mittellos dastand, sondern versorgt war. Besser als Miete zahlen, nicht wahr, sagte ich noch zu ihr, alles vor Gericht. Das war ja unsere Diskussion gewesen. Sie konnte nur nicken.

Aber verziehen hat sie mir trotzdem nicht. ­Irgendwie fasste sie es als Verrat auf, dass ich ihr nichts davon gesagt hatte, weiß der ­Himmel, warum. Ausgerechnet sie mit ihrem Italiener! Ich weiß bis heute nicht, wann das angefangen hatte, und ich will es gar nicht wissen, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

"Der Streit um den Hund war wirklich der Wendepunkt, danach sprach sie kaum noch mit mir"

Doch das ist jetzt ohnehin alles nicht mehr wichtig. Seit heute bin ich wirklich wieder allein, eigentlich seit gestern Nacht, gestern Nacht wurde die letzte Verbindung zwischen uns gekappt, und jetzt bin ich wirklich wieder allein.
Das heißt, Bello ist natürlich noch da, für ihn hatte ich auch eine Quittung, obwohl er eigentlich mehr ihr Hund war, so viel Ehrlichkeit muss sein. Sie und Bello waren ein Herz und eine Seele, aber ich hatte ihn bezahlt, und ich hatte die Quittung, da war es nur logisch, dass ich ihn bekam.

Wegen nichts hat sie mich angebettelt, alles ließ sie einfach los, als würde es ihr nichts bedeuten. Aber als Bello an der Reihe war, verlor sie ihren ganzen Stolz, weinte sogar vor Gericht und flehte mich an, ihr den Bello zu lassen. Was sollte ich tun? Sie hatte ihren neuen Kerl, und ich hatte nur noch einen Hund. Sollte ich ihr auch noch den Hund lassen? Das wäre nicht nur ungerecht gewesen, es wäre dumm gewesen. Und es gab ja die Quittung, sollte ich die einfach ignorieren? Der Hund gehörte mir, das hatte ich schwarz auf weiß.

Danach hasste sie mich, glaube ich. Frauen sind manchmal so emotional, ich nahm ihr das nicht übel, aber es kränkte mich doch. Zuerst geht sie hinter meinem Rücken fremd, und dann hasst sie mich, weil ich wenigstens den Hund behalten will! Das soll einer verstehen.

Der Streit um den Hund war wirklich der Wendepunkt, danach sprach sie kaum noch mit mir. Ich trug es mit Fassung, ich sagte mir, wir hatten ein schönes Leben und jetzt ist es vorbei, das ist der Lauf der Welt. Wenn Sie mich fragen, ob ich noch einmal eine Frau haben will, dann sage ich, es müsste schon mit dem Teufel zugehen. Frauen sind ein Risiko, im Nachhinein kommt mir der Gedanke an eine Versicherung gegen Seitensprung gar nicht mehr so ausgefallen vor, auch wenn es das Pferd von hinten aufzäumt. Ohne Frau braucht man diese Versicherung nämlich gar nicht.

"Zwei Prozent! Ich hab Nein gesagt, kommt nicht infrage, viel zu unsicher"

Wenn wir wenigstens Kinder bekommen hätten, aber es hat nie geklappt, wir haben uns immer gesagt, es muss auf natürliche Weise klappen, sonst ist es wie Pfuschen. Na ja, ich habe das gesagt, meine Frau äußerte sich nicht dazu, aber sie widersprach mir auch nicht. Wir versuchten es ja auf natürliche Weise, zumindest in den ersten zehn Jahren, danach wurde das Natürliche etwas seltener, und, so viel Ehrlichkeit muss sein, in den letzten Jahren sehr selten.

Tja, jetzt hat sie ihren Italiener, der bietet ihr bestimmt ein stürmisches Vorspiel, ob es dann im Bett genau so ­weitergeht, sei dahingestellt, bei den Südländern ist ja viel Brimborium dabei, viel Amore, Amore, aber wenn es dann ans Eingemachte geht ...

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Jedenfalls war irgendwann der Zug abgefahren. Als meine Frau zweiundvierzig war, ging sie doch zur Frauenärztin und erkundigte sich nach Möglichkeiten, schwanger zu werden, doch die Ärztin sagte ihr, die Wahrscheinlichkeit, jetzt noch ein gesundes erstes Kind zu bekommen, liege bei zwei Prozent.

Zwei Prozent! Ich hab Nein gesagt, kommt nicht infrage, viel zu unsicher, einem Versicherungsmann kann man nicht mit einer Erfolgsquote von zwei Prozent kommen, da könnte ich ja gleich meinen Beruf an den Nagel hängen. Ich wäre mir unseriös vorgekommen, wenn ich damit einverstanden gewesen wäre.

"Ich sagte ihr klipp und klar, dass ich kein dunkelhäutiges Kind großziehen würde"

Danach war meine Frau depressiv, zwei, drei Wochen lang ging es ihr nicht gut. Sie sagte nichts, ging zum Arzt und nahm Antidepressiva, und nach einiger Zeit ging das auch vorbei. Für mich war die Angelegenheit damit beigelegt, wir konnten keine Kinder mehr bekommen und Adoption kam für mich nicht infrage, das war nur eine Schnapsidee, die sie hatte, als ihre Depression vorbei war.

Sie wollte ein Kind aus Indien oder Afrika adoptieren, ein Waisenkind, das Pech gehabt hatte im Leben, dem wollte sie ein neues Zuhause, eine Ausbildung und eine bessere Zukunft geben, wie sie sagte. Aber das war nur eine Schnaps­idee, deshalb nahm ich es erst einmal gar nicht ernst.

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Erst, als sie immer wieder davon anfing und begann, im Internet nach Organisationen zu suchen und sich Fotos von kleinen Kindern anzuschauen, die auf Adoptiveltern warteten, als wir Post von diesen Organisationen bekamen und sie begann, mir Prospekte zu zeigen, da wurde mir klar, dass sie ein klares Wort von mir brauchte.

Das gab ich ihr dann, ich sagte ihr klipp und klar, dass ich kein dunkelhäutiges Kind großziehen würde, das ­käme für mich überhaupt nicht infrage, das sähe ja ganz anders aus als wir und jeder wüsste sofort, dass es nicht unser Kind wäre, und manche würden vielleicht sogar denken, dass sie zwar die Mutter, ich aber nicht der Vater wäre. Auf keinen Fall.

"Wenn ich mir anschaue, was so in der Welt passiert, dann muss ich oft sagen: selbst schuld"

Meine Frau starrte mich einen Moment lang an und nickte dann langsam. Damit war das Thema vom Tisch. Ich wollte sie natürlich nicht im Regen stehen lassen, deshalb bot ich ihr an, einen Hund zu kaufen. Sie nahm das wohl nicht wirklich ernst, aber als ich zwei Wochen später mit Bello ankam, war sie überglücklich.
Von da an ging es uns eigentlich wieder gut, zumindest hatte ich den Eindruck. Ich irre mich selten in Menschen, aber bei meiner eigenen Frau habe ich mich offenbar ziemlich vertan.

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Als Versicherungskaufmann muss ich ja die Kundschaft einschätzen, zugegeben, das meiste läuft über Zahlen. Zahlen sagen immer die Wahrheit, wie hoch ist das Einkommen, wie hoch sind die monatlichen Belastungen, und schon weißt du, wo ein Mensch steht, schon kannst du dir vorstellen, wie er ungefähr lebt und was er sich leisten kann, unsere Gesellschaft ist ja nach Einkommensgruppen sortiert, in Deutschland gibt es nur eine kleine Minderheit von Freien, die nicht genau wissen, wann ihr Geld kommt, die Deutschen sind ein Volk von Menschen, die es gern sicher haben, ein sicheres Einkommen, eine sichere Lebensgrundlage, eine sichere Zukunftsperspektive und eine sichere Altersvorsorge.

Es gibt kein vernünftigeres Denken, wenn ich mir anschaue, was so in der Welt passiert, dann muss ich oft sagen: selbst schuld. Wenn sich andere Länder ein Beispiel an uns Deutschen nähmen, dann ginge es bei denen nicht ständig drunter und ­drüber. Man muss sich nur die Amerikaner ansehen, was die da machen, grenzt an Dummheit. Die halten sich für frei, wenn sie nicht versichert sind, und das in einem Land, wo jeder eine Waffe hat! Das kann ja nicht gutgehen.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Ich habe nach Osten geschaut. Seltsamer Moment. Sonnenaufgänge interessieren mich eigentlich nicht. Doch irgendetwas ist heute anders gewesen. Ich kann noch nichts sagen, muss es erst beobachten. Die Farben vielleicht. Die haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Als ob alles vor demselben Hintergrund abläuft. Eigentlich mag ich Sonnenaufgänge nicht. Ich mag eindeutige Lichtverhältnisse, Tag oder Nacht. Das ist eine klare Angelegenheit. Aber dieser ­Sonnenaufgang ... Seltsam.

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