Ein Monat ohne Masturbation - hält unser Autor durch?
Liudmila Chernetska
Enthaltsamkeit
Einen Monat ohne Sex - was macht das mit einem?
Kein Sex, nicht masturbieren und keine Pornos schauen: Unser Autor leidet unter Entzugserscheinungen. Doch dann verändert ihn der Verzicht
07.06.2026
7Min

Der letzte Tag davor

Am Tag, bevor es losgeht, masturbiere ich ein letztes Mal. Dabei schaue ich einer Frau zu, die einem Mann einen bläst. Die nächsten vier Wochen werde ich darauf verzichten. Freiwillig. Ich bin in keiner Beziehung, will aber eine. Steht mein Pornokonsum dem im Weg?

Ich masturbiere, um mit Stress, Langeweile und Einsamkeit klarzukommen, und frage mich: Kann das gesund sein? Ich habe deshalb schon ein paar Mal versucht, mit Masturbation und Pornografie aufzuhören. Und jedes Mal habe ich wieder damit angefangen. Das frustriert mich. Schaffe ich es jemals, auf Pornos zu verzichten? Meine Sexualität ist deshalb immer auch mit einem schlechten Gewissen verbunden.

Tag 1: Große Erwartungen

Der erste Tag verläuft problemlos. Einen Monat lang werde ich nun also Teil der NoFap-Bewegung sein. Der Name kommt vom englischen "to fap", was masturbieren bedeutet. Diese Community besteht überwiegend aus Männern, die ihren Pornokonsum als Problem erleben und davon loskommen wollen. Viele verzichten dafür auf Masturbation.

Der damals 21-jährige US-amerikanische Programmierer Alexander Rhodes gründete 2011 rund um diese Idee eine Gemeinschaft auf der Internetplattform Reddit. NoFap hat ein offizielles Logo, das phallische Macht symbolisiert: eine rote Rakete, die gen Himmel geschossen wird. Darunter steht der Slogan "Get a new grip on life" (Das Leben wieder in den Griff bekommen).

Eine Studie aus dem Jahr 2003 inspirierte Rhodes. Darin hieß es, dass der männliche Testosteronspiegel im Blut nach sieben Tagen Enthaltsamkeit auf das Anderthalbfache ansteigen könne. NoFapper erhoffen sich durch ihre Enthaltsamkeit aber trotzdem mehr Energie, Konzentration und Motivation.

Und das ist noch längst nicht alles: Der Verzicht soll auch Depressionen lindern, dabei helfen, eine Freundin zu finden, erfolgreicher im Beruf zu werden und das Selbstbewusstsein sowie die Männlichkeit steigern. Ein wahres Wundermittel. So scheint es zumindest.

Tag 6: Hart und verlockend

Ich stehe unter der Dusche. Als der Wasserstrahl mit Druck auf meinen Penis trifft, wird er hart. Ich lege meine Hand um mein erregtes Glied und bewege sie langsam auf und ab. So verlockend war das schon lange nicht mehr.

Normalerweise befriedige ich mich drei- bis viermal die Woche selbst. Das läuft sehr routiniert ab. Meistens sitze ich auf der Toilette und suche auf xbabe.com, der Pornoseite meines Vertrauens, nach einem Porno. Ich finde es am erregendsten, wenn ich nur den Penis des Mannes sehe. So kann ich mich besser in ihn hineinversetzen.

Wenn das Vorspiel im Porno beendet ist und der Mann in die Vagina der Frau eindringt, komme ich meist sehr schnell. Manchmal variiere ich das Ganze, indem ich meine linke Hand benutze oder auf dem Bett liege.

"Ich wache um sechs Uhr auf. Meine Unterhose ist voll mit getrocknetem Sperma"

Männer masturbieren im Schnitt 140 Mal pro Jahr, Frauen etwa 53 Mal. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage aus dem Jahr 2023. Trotzdem kursieren rund um das Thema viele Mythen: Masturbation mache unfruchtbar, verursache Akne und führe zu Erektionsstörungen. Nichts davon ist wahr. Masturbation ist weder körperlich noch sexuell oder emotional schädlich.

Tatsächlich kann Selbstbefriedigung sogar gesund sein, zeigen mehrere Studien. Selbstbefriedigung fördert die Entspannung, beugt Prostatakrebs vor, steigert eventuell sogar die Spermienqualität, verbessert den Schlaf, lindert Schmerzen, stärkt zumindest indirekt das Immunsystem, kann sich positiv auf Ängste und Depressionen auswirken, verbessert das Sexleben und steigert das Selbstwertgefühl und die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper. Also genau das, was sich die NoFapper durch ihren Verzicht auf Masturbation erhoffen.

Tag 10: Abgespritzt

Ich wache um sechs Uhr auf. Meine Unterhose ist voll mit getrocknetem Sperma. Ich weiß nicht, wann das das letzte Mal der Fall war. An meinen heißen Traum erinnere ich mich leider nicht mehr. Ist es gefährlich, wenn ein Mann länger nicht ejakuliert? Online kursiert der Begriff "Samenstau". Doch den gibt es nicht wirklich. Es kann zwar zu leichten Schmerzen kommen, aber der Körper baut alte Spermien selbst wieder ab oder es kommt eben zum nächtlichen Samenerguss.

Gib es andersherum ein "Zuviel" an Selbstbefriedigung? Eine kurze Google-Suche zeigt: So allgemein lässt sich das nicht sagen. Ob einmal pro Woche, mehrmals am Tag oder nur einmal im Monat – entscheidend ist, ob es einem guttut. Von einem "Zuviel" sprechen Fachleute dann, wenn jemand andere Lebensbereiche vernachlässigt. Also onaniert, statt sich mit Freunden zu treffen oder zu arbeiten.

Tag 16: Bin ich pornosüchtig?

Nach einem stressigen Arbeitstag scrolle ich fast schon automatisch durch Pornos. So auch an diesem Abend. Und das, obwohl ich weiß, dass Pornos Frauen zu Sexobjekten degradieren, ein verzerrtes Bild von Sexualität liefern und es bei vielen Produktionen zu Gewalt kommt. Ich frage mich, ob sich mein Gehirn durch meinen Pornokonsum verändert. Stumpfe ich mit der Zeit ab und brauche immer härtere Inhalte?

Das frage ich den Psychologen Rudolf Stark. Er forscht seit Jahren an der Universität Gießen zum Thema Pornografie. Stark schätzt, dass etwa 90 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen in Deutschland zumindest gelegentlich Pornografie konsumieren.

"Nach dem Interview erfüllt mich das Verlangen, endlich mal wieder zu masturbieren"

In einer Studie verglich er die Reaktion auf sexuelle Inhalte von Menschen, die häufig Pornos schauen, mit der Reaktion von Menschen, die wenig oder gar keine Pornos schauen. Überraschenderweise fand er keine Unterschiede.

Mich selbst zu befriedigen, verschafft mir einen kurzen Glücksmoment und hilft mir, zu vergessen, dass ich niemanden habe, mit dem ich Sexualität leben kann. Aber ich befürchte, dass ich mein Gehirn darauf konditioniere und irgendwann nicht mehr anders mit diesen Gefühlen umgehen kann.

Lesen Sie hier: Bekanntschaften helfen gegen Einsamkeit.

Eine Angst, die nicht ganz unberechtigt ist, wie der Psychologe Stark in unserem Gespräch bestätigt. Doch solange ich Selbstbefriedigung wohldosiert einsetzen würde, bestehe auch hier keine Gefahr.

Nach dem Interview erfüllt mich das Verlangen, endlich mal wieder zu masturbieren. Ich erlebe Selbstbefriedigung zum ersten Mal als eine Möglichkeit, für mich selbst zu sorgen, und nicht als traurigen, einsamen Ersatz für Geschlechtsverkehr oder als Beruhigungsmittel für Ängste. Das verstärkt meine Lust nur noch mehr.

Tag 20: Auf ein Date

Ich bin zu einem Kaffeedate verabredet. Werde ich selbstbewusster sein oder mehr flirten, so wie es die NoFapper versprechen? Bisher merke ich in meinem Alltag keinen Unterschied. Ich sexualisiere Frauen nicht mehr oder weniger als vorher. Und auch nach dem Date bin ich ernüchtert: absolut kein Unterschied zu sonst. Wir haben uns trotzdem richtig gut unterhalten und wollen uns demnächst noch mal treffen.

Tag 22: NoFap und Frauenhass

Ich schreibe die ersten Tagebucheinträge für diesen Artikel. Das erregt mich. Und die Erregung lässt nicht nach. Selbst nach einer Stunde nicht. Mein Penis ist dauersteif. Mein Herz schlägt schneller.

Auch wenn ich gerade unter NoFap leide, halte ich es erst einmal für nichts Negatives. Wenn es jemanden belastet, dass er zu oft masturbiert und Pornos schaut, dann ist es sinnvoll, das zu reduzieren. Gefährlich wird NoFap erst, wenn man es mit Männlichkeitsmythen verbindet. Und das geschieht auf Social Media sehr schnell.

NoFap berge die Gefahr, dass Leute frauenfeindliche Botschaften an Selbsthilfetipps knüpften, sagt der Politikwissenschaftler Dominik Hammer. Er hat sich in einer Studie mit der deutschen Manosphere, einem frauenfeindlichen Netzwerk, beschäftigt. Dazu gehören unter anderem Pick-up-Artists, Männlichkeitsinfluencer und Incels, das sind Männer, die unfreiwillig sexuell enthaltsam leben. Sie alle eint, dass sie Frauen abwerten und verachten.

Leider ist Frauenhass kein Nischenphänomen. Das zeigt sich daran, wie viele junge Männer die Manosphere anzieht. An NoFap knüpfen auch Rechtsextreme an. Die faschistischen "Proud Boys" aus den USA halten es zum Beispiel für erstrebenswert, auf Masturbation zu verzichten. Und in den Foren der NoFap-Community wurden antisemitische Memes gepostet. So soll die Pornoindustrie angeblich Teil einer jüdischen Verschwörung sein, um weiße Männer vom Geschlechtsverkehr und der Fortpflanzung abzuhalten.

Tag 26: Eine Überraschung

Ich beende das Experiment. Zum ersten Mal seit fast vier Wochen befriedige ich mich wieder selbst. Die Vorfreude ist groß, aber der Orgasmus nichts Besonderes. Fast schon enttäuschend. Doch endlich kehrt Ruhe in meinem Kopf ein. Ich fühle mich befreit.

Die vergangenen Tage habe ich viel zu oft ans Masturbieren gedacht, beinahe zwanghaft. Ständig kreisten meine Gedanken darum. Meine Konzentration litt darunter. Ganz anders, als von der NoFap-Community versprochen.

NoFapper sehen sich im "Krieg" gegen andere Kräfte und Frauen, die Männer schwächen und kontrollieren wollen. Sie können nicht akzeptieren, dass sie selbst, ihr Unbewusstes und ihre Triebe, hinter ihrer Masturbation und ihrem Pornokonsum stecken. Ich merke, dass ich so nicht leben möchte. Ich will meine Sexualität erkunden und ausleben, nicht unterdrücken. Ich will masturbieren. Und das ist auch gut so.

Der Autor möchte anonym bleiben.

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