Feminismus und Beziehungen
Die Feminismuslüge der Boomerinnen
Wir sind erfolgreiche und laute Feministinnen über 60, lassen uns nichts gefallen. Nur in der Liebe machen sich viele von uns immer noch klein. Warum?
Links: Frauen demonstrieren 1970 für Frauenrechte, rechts: ein Paar tanzt in 1970er-Ästhetik
Unserer Autorin fiel es im Laufe ihres Lebens immer wieder schwer, ihre feministische Haltung auch in ihrem Beziehungsleben zu etablieren
The New York Historical / Kontributor, Tom Kelley Archive / Getty Images, [M] chrismon
28.06.2026
7Min

In der Liebe habe ich mir erschreckend oft selbst ein Bein gestellt. Meine Emanzipation endete verlässlich dort, wo eine Beziehung begann. Ich spreche für mich, aber auch aus der Beobachtung feministischer Frauen, Freundinnen, Kolleginnen meiner Generation. Ich bin Mitte 60, beruflich recht erfolgreich, habe mir ein selbstbestimmtes Leben erarbeitet, aber mein Selbstbewusstsein in Partnerschaften lange Zeit eher runtergedimmt. Ein blinder Fleck, den ich erst allmählich losgeworden bin.

Wir haben für unsere Emanzipation gekämpft, waren an der Uni in Frauengruppen, haben Simone de Beauvoir gelesen. Und trotzdem: Viele Frauen in meinem Umfeld stecken immer noch in einer erstaunlichen Gefügigkeit fest und neigen dazu, sich vor ihren Partnern zu verzwergen. Obwohl sie nach außen die kämpferische Feministin geben. Das macht mich wütend. Aber da ist auch eine Menge Ärger über mich selbst. Denn ich war lange Zeit auch nicht viel besser.

Als ich studierte, war ich mit meinem damaligen Freund André auf Sardinien. Ein Typ, der wusste, was er wollte. Das hat mir imponiert. An einem Abend ging es mir richtig schlecht, mein Magen rebellierte, ich konnte nicht mitkommen in die Pizzeria, wo wir mit einem anderen Pärchen reserviert hatten. André war wütend, meinte, er fühle sich von mir im Stich gelassen. Kein Mitleid, keine Fürsorge, nichts.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich uns den Abend versaut hatte. Anstatt ihm klar zu sagen, dass ich ihn total egoistisch fand. Auf der Rückfahrt auf der Fähre nach Genua war ihm dann kotzübel, und das kam nicht vom Seegang, das Meer war ruhig. Ich gebe zu, dass sich in dem Moment eine gewisse Schadenfreude in mir regte. Aber warum habe ich nichts gesagt? An der Uni hatte ich kein Problem, den Mund aufzumachen.

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