chrismon: Herr Pohl, worüber sprechen wir, wenn von Manosphere die Rede ist?
Rolf Pohl: Wenn wir von der Manosphere sprechen, meinen wir kein klar abgegrenztes Milieu, sondern ein ganzes Spektrum digitaler Subkulturen. Was sie eint, ist eine bis zum Hass reichende Feindseligkeit gegenüber Frauen. Damit geht häufig die Vorstellung einher, dass Männer in der modernen Gesellschaft benachteiligt seien – und dass Frauen ihnen etwas weggenommen hätten, das ihnen eigentlich zustehe. Man könnte sagen: Es ist eine Gegenbewegung zur Gleichberechtigung, die sich vor allem im Netz organisiert.
Rolf Pohl
Welche Gruppierungen sind das?
Hier tummeln sich antifeministische Männerrechtler, die an eine totalitäre Herrschaft der Frauen über die Männer glauben, und dazu Gruppierungen wie die "Pick-up-Artists", die Frauen manipulieren und so ins Bett kriegen wollen, oder die "MGTOWs" (Men Going Their Own Way), die Frauen für so bösartige Schlangen halten, dass sie sich komplett zurückziehen. Neuerdings gibt es die "NoFaps", die asketisch auf Pornografie und Masturbation verzichten, um nicht durch sexuelle Fantasien über Frauen "entstählt" zu werden. Die extremste und potenziell gefährlichste Ausdrucksform dieser Manosphere sind die sogenannten Incels. Es handelt sich dabei um eine Wortneuschöpfung aus involuntary und celibate. Sie bezeichnen sich selbst als unfreiwillig im Zölibat lebende Männer, die trotz größtmöglicher Anstrengungen nicht in der Lage seien, eine Partnerin zu finden.
Was macht sie gefährlich?
Incels glauben, dass ihnen etwas vorenthalten wird, was ihnen eigentlich zusteht, nämlich ein Liebesleben und vor allem Sex mit Frauen. Sie politisieren ihre individuelle Situation: Aus "Ich habe keinen Erfolg bei Frauen" wird "Frauen sind schuld und müssen bestraft werden". Dieser Hass kann in Gewalt umschlagen. Mehrere Attentate werden mit der Szene in Verbindung gebracht. 2014 hat einer der Incel-Gurus in Kalifornien sechs Menschen getötet. Auch der Halle-Attentäter, der 2019 einen Anschlag auf eine Synagoge verüben wollte, sympathisierte mit der Incel-Bewegung.
Bei beiden Anschlägen waren auch Männer unter den Opfern. Der Halle-Attentäter wollte eine Synagoge angreifen, handelte also aus antisemitischen Motiven.
Frauenhass verbindet sich häufig mit anderen Ideologien wie Antisemitismus oder Rassismus. Dahinter steht ein ähnlicher Mechanismus: das eigene Selbstwertgefühl stabilisieren, indem man andere abwertet. In vielen dieser Milieus gibt es die Vorstellung einer bedrohten Ordnung – einer weißen, männlich dominierten Welt – die es zu verteidigen gilt.
Das zeigt sich auch darin, dass Täter ihre Gewalt oft gegen mehrere Gruppen richten. Die Incel-Ideologie ist ein Einfallstor für rechtsextreme Narrative. So machte der Halle-Attentäter Frauen etwa für einen "Gebärstreik" verantwortlich, der zum "Bevölkerungsaustausch" führe. Dahinter stünden nach seiner Ideologie, ganz klassisch antisemitisch, die Juden als Drahtzieher.
Auch in der deutschen Politik wird Sexismus oft als "importiertes Problem" durch Migration dargestellt. Als Reaktion auf den Fall um Collien Fernandes und Christian Ulmen sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, "dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt".
Das schiebt die Verantwortung weg und lenkt vom eigentlichen Problem in der eigenen Gesellschaft ab. Toxisch sind immer nur die anderen – so die selbstentlastende Botschaft. Tatsächlich ist Gewalt gegen Frauen aber ein weltweit strukturelles Problem – unabhängig von Herkunft oder Religion.
Die Wurzeln der Incel-Bewegung liegen in Nordamerika. In den USA haben solche Männlichkeitsbilder gerade politischen Rückenwind und werden auch von christlichen Nationalisten befeuert.
Es gibt starke Überschneidungen etwa zwischen radikalen evangelikalen Christen und der Manosphere. In beiden Gruppen wird ein sehr traditionelles Familienbild mit klarer männlicher Dominanz propagiert. Das ist für die Manosphere anschlussfähig. Viele Männer fühlen sich nicht mehr allein, sondern als Teil einer mächtigen politischen Gemeinschaft, wie der MAGA-Bewegung.
Erfährt Misogynie generell gerade wieder Aufwind?
Geschlechterpolitische Fortschritte erfolgen nicht linear, sondern in Wellen. Wir haben ohne Zweifel Fortschritte erzielt, wenn man bedenkt, dass Vergewaltigung in der Ehe in den 1990er Jahren noch nicht verboten war und Frauen in den 1970er Jahren noch nicht ohne Einwilligung ihres Ehemanns arbeiten durften. Es gibt aber immer auch Gegenbewegungen. Die Manosphere ist im Grunde die digitale Neuauflage eines alten Musters und zielt darauf ab, traditionelle Männlichkeitsbilder zu verteidigen.
Woher kommt diese tiefe Feindseligkeit gegen Frauen?
Häufig aus Kränkung. Wenn Männer glauben, ihnen stehe etwas zu – etwa Sex oder Macht – und sie bekommen es nicht, fühlen sie sich ungerecht behandelt. Dazu kommt ein verzerrtes Verständnis davon, was Sexualität ist, etwa durch Pornografie: Frauen erscheinen als bloße Objekte des männlichen Zugriffs. Wenn die Realität dem nicht entspricht, schlägt Enttäuschung in Wut um.
Zudem erleben viele Männer gesellschaftliche Veränderungen wie die zunehmende Gleichstellung von Frauen als Bedrohung ihrer Identität. Diese Männer sind verunsichert und projizieren ihre Verunsicherung auf Frauen. Frauen werden zum gefährlichen Gegenüber, das den Mann "entmannt" oder manipuliert.
"Der Feminismus wird zum Sündenbock gemacht"
Glauben Sie, dass Misogynie potenziell in jedem Mann vorhanden ist?
In gewisser Weise ja. Wir alle wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Geschlechterhierarchien geprägt ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mann zwangsläufig misogyn oder gewalttätig wird. Entscheidend ist, wie reflektiert jemand mit dem umgeht, was er gelernt und verinnerlicht hat. Wir gehen davon aus, dass es weltweit Zehntausende Incels gibt. Wenn wir jedoch alltäglichen Sexismus, Cybermobbing, häusliche Gewalt und Femizide dazunehmen, ist das keine Randerscheinung mehr. Es ist nicht hilfreich, immer nur auf die extremen Erscheinungsformen zu zeigen und zu sagen: Die sind so, aber ich bin ganz anders. Manchmal müssen wir auch dem Grauen ins Auge sehen – auch in uns selbst.
In den sozialen Netzwerken ist häufig von der "Krise der Männlichkeit" die Rede. Dabei wird oft behauptet, dass Männer eingeschüchtert seien und nicht einmal mehr flirten oder Komplimente machen dürften. Kurz: Männer dürften überhaupt nichts mehr sagen.
Anstatt sich mit den Gründen für die Kritik an der dominanten Männlichkeit zu beschäftigen und nach alternativen Rollen zu suchen, wird der Feminismus zum Sündenbock gemacht. Damit vermeiden es manche Männer, sich mit problematischer Männlichkeit auseinanderzusetzen.
Was können wir als Gesellschaft tun, um gegenzusteuern?
Es muss ein allgemeiner gesellschaftspolitischer Aufschrei erfolgen, der deutlich macht, dass wir diese Zustände nicht mehr akzeptieren und gemeinsam versuchen müssen, sie zu ändern. Derzeit ist jedoch das Gegenteil der Fall: Es gibt einen Diskurs, der mittlerweile bis in die Mitte von Politik und Gesellschaft reicht und in dem gegen alles gekämpft wird, was mit dem Begriff "woke" verbunden wird – beispielsweise gendergerechte Sprache, Diversität und die Rechte queerer Menschen. Diesen "Antigenderismus" müssen wir stärker bekämpfen, damit geschlechterpolitische Fortschritte nicht weiter unter Druck geraten.
Dabei sollten wir schon bei Kindern und Jugendlichen ansetzen und ihnen keine starren Bilder von "typisch Junge" und "typisch Mädchen" vermitteln. Das prägt Kinder stärker, als viele denken, und transportiert Hierarchien zwischen den Geschlechtern. Außerdem müssen wir, sowohl im Privaten als auch auf politischer Ebene, stärker regulieren, welche Inhalte junge Menschen online konsumieren.
Wie erkenne ich, ob jemand in meinem Umfeld in die Manosphere abdriftet? Gibt es bestimmte Zeichen wie Kleidung oder konkrete Aussagen?
Da es sich nicht um eine geschlossene, männliche Subkultur, sondern um eine heterogene Szene handelt, gibt es keine einheitlichen äußerlichen Erkennungsmerkmale. Dass jemand in die Szene abdriftet, ist aber an jeweils szenetypischen Floskeln und einer fast sektenartigen Überzeugung, zu den überlegenen "Wissenden" zu gehören, zu erkennen. Die "Pick-up-Artists" nutzen eine Art englische Businesssprache mit immer wiederkehrenden Kürzeln wie HB für Hot Babe. Für die Incels ist es typisch, sich resigniert über das eigene, als minderwertig empfundene Aussehen zu beklagen. Was bei allen immer wieder auftaucht, ist das inflationäre Gerede über "Alphamänner" und die Tatsache, dass sie Frauen und Weiblichkeit hassen und beschimpfen.
"Oft spielen auch Einsamkeit und Selbstzweifel eine Rolle"
Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Sohn in die frauenfeindliche Onlineszene abdriftet?
Sie sollten mit ihm über seine Ansichten sprechen und diese dabei nicht einfach als Blödsinn abtun oder in eine pauschale Gegenrede verfallen. Anschließend können sie ihm aufzeigen, wo sich seine Argumente widersprechen. Oft spielen auch Einsamkeit und Selbstzweifel eine Rolle, die bis hin zu Depressionen und Suizidalität reichen können. In solchen Fällen ist es hilfreich, wenn man den Jungen dazu bewegen kann, eine Therapie zu machen.
Außerdem kann potenziell alles helfen, was den Selbstwert stärkt, wie beispielsweise Sport, Hobbys oder soziale Verantwortung übernehmen. Die Soziologin Veronika Kracher berichtet beispielsweise von Aussteigern, denen der Anschluss an eine Yogagruppe geholfen hat. Hier könnte auch die Kirche ansetzen, indem sie junge Männer in Gemeinschaften wie Jugendkreisen oder Pfadfindergruppen aufnimmt, in denen es nicht darum geht, andere abzuwerten.
Vorbeugend kann es außerdem hilfreich sein, die Bildschirmzeit und die Nutzung sozialer Netzwerke des Sohnes einzuschränken. Wenn sich diese Ideologie erst einmal eingenistet hat, stößt rein rationale Aufklärung schnell an ihre Grenzen.
Heißt das, ich soll das als Mutter dann einfach akzeptieren?
Nein, auf keinen Fall! Unbedingte Liebe und Fürsorge für die eigenen Kinder haben hier ihre Grenze, und diese muss auch entschieden gezeigt werden. Das ist nicht leicht, denn es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, dem Kind in anderen Bereichen weiterhin anerkennend zu begegnen. Hier gibt es keine festen Rezepte. Der Austausch mit anderen betroffenen Eltern und Selbsthilfeangebote könnten helfen.
Wie geht man damit um, wenn ein guter Freund plötzlich Incel-Thesen verbreitet?
Ansprechen, klar widersprechen. Und wenn nichts hilft, auch Konsequenzen ziehen und den Kontakt abbrechen. Schweigen wirkt sonst wie Zustimmung.
Was können Männer tun, um Misogynie zu bekämpfen?
Männer sollten klarmachen, dass ihnen bewusst ist, dass der Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Problem, das eine alltägliche Bedrohung für Frauen darstellt. Und dass sie dieses Ausmaß an Frauenfeindlichkeit nicht mehr hinnehmen wollen.
Frauen werden beinahe täglich auf der Straße mit Sprüchen oder Blicken belästigt. Manchmal ist es schwer einzuordnen, ob die Situation bedrohlich ist.
Dass diese Situationen so schwer einzuordnen sind, ist leider Teil des Problems. Das hat viel mit Macht und Wirkung zu tun. Viele dieser Bemerkungen oder Blicke zielen genau darauf ab, Frauen zu verunsichern und zu erniedrigen. Wenn das gelingt, fühlt der Mann sich überlegen. Deshalb ist es für Frauen so schwer, eindeutig zu reagieren – weil die Situation bewusst ambivalent gehalten wird. Eine einfache Gegenstrategie gibt es nicht. Es ist beängstigend, aber Frauen können sich im Grunde nie sicher sein, weder zu Hause noch in der Öffentlichkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass die bisherigen geschlechterpolitischen Fortschritte nicht ins Wanken geraten, sondern dass es in diesem Bereich weiter vorangeht. Und dass sich vor allem auch Männer entschieden gegen jede Form von Misogynie stellen.

