Psychologie
Was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen
In jedem Menschen schlummern animalische Anteile, sagt der Psychologe Wolfgang Schmidbauer. Wenn wir sie beleben, können wir besser mit unseren Gefühlen umgehen
Springen, rennen, reagieren – ohne Zögern: Hunde und Kinder handeln unmittelbar im Hier und Jetzt. Für den Psychologen Wolfgang Schmidbauer liegt darin eine Qualität, die vielen Menschen verloren gegangen ist
Noel Hendrickson / Getty Images
Tim Wegner
14.04.2026
4Min

chrismon: Welches Tier kann, was Sie auch gern könnten?

Wolfgang Schmidbauer: Manchmal bringen Patienten oder Patientinnen ihre Hunde mit, und wir erleben ihre Unbefangenheit in einer für sie neuen Situation. Die täte sehr vielen Menschen gut. Gerade meine Patienten und Patientinnen sind geplagt von Unsicherheit, Skrupeln, Schuld- und Schamgefühlen. Dem Tier ist das fremd. Es handelt einfach und reagiert auf das, was auf seine Handlungen erfolgt. Es ist doch das Beste, in unbekannte Situationen sorglos hineinzugehen. Man kann sich auf das erste Date ja nicht vorbereiten, auch nicht wirklich auf ein Bewerbungsgespräch.

Volker Derlath / SZ Photo

Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer wurde 1941 geboren. Er lebt in München und Dießen am Ammersee, hat drei Töchter und arbeitet als Psychoanalytiker und Familientherapeut in privater Praxis. Schmidbauer veröffentlichte zahlreiche Sachbücher, darunter die Bestseller "Hilflose Helfer" und "Die Angst vor Nähe".

Sie beschreiben in Ihrem Buch "Das animalische Echo – was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen", dass die Menschen an den Hürden ihrer Zivilisation scheitern.

Wir müssen so viele Entscheidungen treffen, dass es immer schwerer wird, sich an Gefühlen zu orientieren. Aber Gefühle sind die beste Orientierung. Zum Beispiel sollten wir essen, wenn wir Hunger haben, und aufhören, wenn wir satt sind. Aber in jeder Gymnasialklasse essen 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen nicht so, weil sie mit ihrem Körper nicht einverstanden sind. Der Mensch erkennt sich im Spiegel und vergleicht sich, auch mit einem Ideal - das von der Kultur geschaffen ist. Tiere beurteilen sich nicht.

Warum suchen Sie ausgerechnet bei Tieren nach Inspiration und Lösungsansätzen?

Viele Menschen beurteilen sich stark selbst, wollen gut dastehen und verlieren darüber ihre Unbefangenheit. Sie wollen spontan richtig reagieren – daran ist die Psychologie nicht unschuldig. Paare scheitern zum Beispiel an folgender Situation. Die Frau sagt: "Ich spüre dich nicht, du hast keine Gefühle." Der Mann antwortet: "Welche soll ich denn haben?" Er könnte auch sagen: "Diese Frage macht mich stinkwütend." Das wäre das, was er eigentlich fühlt. Aber er sagt es nicht, weil es unfreundlich wäre.

Er reagiert politisch korrekt.

Genau. Aber er ist dann nicht spürbar. Der Gegensatz fiel mir in einer Sitzung mit einer Patientin ein: Sie hatte einen Mann kennengelernt, und es lief gut – bis er sie einmal zum Kochen einlud. Sie fand in der Pfanne ein Stück Gemüse, das noch zu groß war, und zerschnitt es. Er schrie sie an, das mache die Pfanne kaputt. Sie war völlig eingeschüchtert. Obwohl er danach wieder nett und besorgt war, konnte sie ihm nicht sagen, was sie bedrückte, ging nach Hause, die Beziehung endete.

Was hätte geholfen?

Es gibt die animalische und die narzisstische Reaktionsmöglichkeit. Die narzisstische Reaktion ist: "Katastrophe, der Mensch ist nicht immer gut. Ich muss mich von ihm fernhalten." Oder: "Ich muss so lange darüber reden, bis er das sicher nie wieder tut." – Aber wenn ich mit meinem Partner regeln will, dass er mich nie anschreit, dann kann ich die Beziehung gleich beenden.

Was wäre die animalische Reaktion?

Dass ich sofort reagiere. Sie hätte ihn auch anschreien können: "Ist dir deine Pfanne wichtiger als ich, oder warum bist du so aggressiv?" Nachher hätten sie sich versöhnen können. Soziale Tiere machen das perfekt. Kommen Sie der Katze zu nahe, wenn sie ihre Ruhe will, faucht oder kratzt sie. Aber sie ist Ihnen ja nicht dauerhaft böse. Beim nächsten Mal schnurrt sie und lässt sich streicheln. Von dieser Regelung von Nähe und Distanz können wir viel lernen: die Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern zu kommunizieren, bereit zu sein, sich zu wehren - aber auch, sich wieder zu vertragen.

Sie bezeichnen das als "animalisches Echo" - was ist das genau?

Wir haben nun mal sehr viele animalische Anteile. Wir können sie nur noch als Echo wahrnehmen, denn Sprache und Erleben haben unser Bewusstsein geformt. Aber unter der Schicht namens Kultur funktionieren die animalischen Anteile weiter. Indem wir uns für soziale Tiere interessieren, beleben wir dieses Echo. Ich habe oft beobachtet, dass es sozialphobischen Menschen unheimlich guttut, wenn sie sich einen Hund anschaffen. Und viele Kliniker atmen auf, wenn ein Patient mit einer schweren Persönlichkeitsstörung eine Zimmerpflanze pflegen kann. Solche Menschen haben eine viel bessere Prognose.

Sie schreiben ja auch: Tiere und Pflanzen sind unsere Schutzgeister.

Das ist die schamanische, alte Auffassung. In einer schamanischen Kur wird versucht, die Störung des Kranken mit einem Geschehen in der tierischen und pflanzlichen Welt zu verbinden. Eine magische Vorstellung. Aber es ist klar, dass wir das immer noch fühlen. Auch die naturfernsten Menschen empfinden intakte Natur als wohltuend. Es gibt viele - auch banale - Studien, dass zum Beispiel Patienten schneller gesund werden und gegenüber dem Pflegepersonal netter sind, wenn ihre Zimmer ins Grüne weisen.

Was haben Tiere uns emotional voraus?

Sie beherrschen perfekt das Leben im Hier und Jetzt, was von allen Philosophen als erstrebenswert angesehen wird. Doch wir Menschen sind eigentlich immer von Sorgen über die Zukunft oder auch negativen Erinnerungen belastet. Das Leben im Augenblick erreichen Menschen nach langer meditativer Übung und bezeichnen es als Erleuchtung.

Scheitern wir Menschen, kommen wir schnell in ernste – emotionale – Bedrängnis. Was machen Tiere anders?

Sie haben keine Schuldgefühle und auch kein Verlangen, einen Schuldigen zu benennen. Menschen vergleichen sich. Daraus entsteht eine sehr destruktive Emotion, die dazu führt, dass man dem anderen lieber sein Glück kaputt macht, als zu akzeptieren, dass er glücklicher ist und man selbst auch etwas tun kann, um glücklicher zu werden.

Was kann man denn tun?

Für Menschen ist es hilfreich, einen anderen Menschen zu finden, der sie von dem Zwang befreit, sich zu vergleichen, der tröstet. Eine Annäherung an eine Grundkompetenz der sozialen Tiere ist das Trösten, so wie es Kinder brauchen: die Fähigkeit, einem unglücklichen Menschen einfach nahe zu sein, ohne ihn zu belehren.

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