Psychologie
Was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen
In jedem Menschen schlummern animalische Anteile, sagt der Psychologe Wolfgang Schmidbauer. Wenn wir sie beleben, können wir besser mit unseren Gefühlen umgehen
Springen, rennen, reagieren – ohne Zögern: Hunde und Kinder handeln unmittelbar im Hier und Jetzt. Für den Psychologen Wolfgang Schmidbauer liegt darin eine Qualität, die vielen Menschen verloren gegangen ist
Noel Hendrickson / Getty Images
Tim Wegner
14.04.2026
4Min

chrismon: Welches Tier kann, was Sie auch gern könnten?

Wolfgang Schmidbauer: Manchmal bringen Patienten oder Patientinnen ihre Hunde mit, und wir erleben ihre Unbefangenheit in einer für sie neuen Situation. Die täte sehr vielen Menschen gut. Gerade meine Patienten und Patientinnen sind geplagt von Unsicherheit, Skrupeln, Schuld- und Schamgefühlen. Dem Tier ist das fremd. Es handelt einfach und reagiert auf das, was auf seine Handlungen erfolgt. Es ist doch das Beste, in unbekannte Situationen sorglos hineinzugehen. Man kann sich auf das erste Date ja nicht vorbereiten, auch nicht wirklich auf ein Bewerbungsgespräch.

Sie beschreiben in Ihrem Buch "Das animalische Echo – was wir von Tieren über unsere Gefühle lernen", dass die Menschen an den Hürden ihrer Zivilisation scheitern.

Wir müssen so viele Entscheidungen treffen, dass es immer schwerer wird, sich an Gefühlen zu orientieren. Aber Gefühle sind die beste Orientierung. Zum Beispiel sollten wir essen, wenn wir Hunger haben, und aufhören, wenn wir satt sind. Aber in jeder Gymnasialklasse essen 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen nicht so, weil sie mit ihrem Körper nicht einverstanden sind. Der Mensch erkennt sich im Spiegel und vergleicht sich, auch mit einem Ideal - das von der Kultur geschaffen ist. Tiere beurteilen sich nicht.

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