Die Christin
Vera Leisinger ist 22, sie studiert Französisch, Deutsch und Englisch auf Lehramt. Sie ist aktiv bei Peace for Future (P4F) und Mitglied der Evangelischen Stadtjugendvertretung.
In der Alten Nikolaikirche in Frankfurt habe ich mal ein Friedensliedersingen mit der Gitarre begleitet. "Das weiche Wasser" von Bots und "Soldat" von ok.danke.tschüss gehören zu meinen Lieblingsliedern. Ich bin gläubig, darüber kam ich zum Pazifismus. Alle Menschen sind von Gott geschaffen und gewollt, kein Mensch ist böse. Ich erkenne in jedem - egal ob Zivilist oder Soldat – eine Grundmenschlichkeit, darum würde ich niemals gegen jemanden Gewalt anwenden.
Ich habe auch mal die Dresdner Kreuzkirche besucht, wo zu DDR-Zeiten die Friedensgebete stattfanden, die schließlich zur Wende beigetragen haben. Dort hängt ein riesiges Banner mit "Schwerter zu Pflugscharen" – beeindruckend! Im Gegensatz dazu ist mir die evangelische Kirche heute zu gemäßigt in ihrer Haltung zum Krieg, ich finde, sie sollte radikaler auftreten. "Schwerter zu Pflugscharen" erinnert mich daran, wie Kirche sein könnte.
"Ich erkenne in jedem - egal ob Zivilist oder Soldat – eine Grundmenschlichkeit, darum würde ich niemals gegen jemanden Gewalt anwenden"
Vera
Ich bin ziemlich wütend, weil die Gesetze zur Wehrpflicht entschieden werden, ohne die, die es betrifft, miteinzubeziehen. Die Jugendlichen, die als Erste den Bundeswehrbrief erhalten, gemustert und möglicherweise eingezogen werden, dürfen zuvor als Minderjährige noch nicht einmal bei der Wahl zum Bundestag mitmachen! Den Vorschlag, auszulosen, wer zur Bundeswehr muss, habe ich zuerst gar nicht geglaubt. Das ist ja wie bei "Die Tribute von Panem – Hunger Games", wo die Ausgelosten lernen müssen, Menschen zu töten.
Ein verpflichtendes Dienstjahr ist auch nur eine Alternative, wenn es gute Zivildienste gibt – und wenn man seine Entscheidung gegen den Wehrdienst nicht begründen muss. Ich habe von ehemaligen Wehrdienstverweigerern gehört, wie schwierig es manchmal war, dass die Begründung akzeptiert wurde. Dann ist es ja keine freiwillige Entscheidung mehr. Diese Macht möchte ich dem Staat nicht zugestehen.
Ich finde, Deutschland sollte nicht in militärische, sondern in soziale Verteidigung investieren. Es braucht eine Gesellschaft, die geschlossen für ihre Werte einsteht und in der die Menschen einander nicht verraten. Denn Angreifer versuchen, eine Gesellschaft zu spalten. Dann ist Verweigern, Sabotieren und massenwirksam zu protestieren wichtig.
Übrigens ist es nach zivilem Widerstand wahrscheinlicher, dass demokratische Strukturen zurückkommen, als nach einer gewaltvollen Gegenwehr. Außerdem hat man die Hoffnung auf weniger Zerstörung und Blutbad, wenn die Gewalt früher endet. Das kann man alles in den Studien von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan in "Warum ziviler Widerstand funktioniert" nachlesen.
Der Sozialist
Bastian (Jahrgang 2005) trägt eine graue Schiebermütze. Er verteilt Flugblätter für die Komitees gegen Wehrpflicht vor Schulen. Er studiert Physik.
Eigentlich sollte ich gerade in der Vorlesung sitzen. Aber mein politisches Engagement ist wichtiger. Um etwas gegen die Wehrpflicht zu erreichen, braucht es deutschlandweite, koordinierte Demonstrationen. Deshalb habe ich die Komitees gegen Wehrpflicht mitinitiiert und helfe als Ehrenamtlicher mit. Wir vernetzen aktive Gruppen, aber auch unorganisierte Jugendliche miteinander, die gegen Militarisierung sind.
Aufgewachsen bin ich in einem hessischen Dorf bei Fulda, als 15-Jähriger habe ich angefangen, Marx zu lesen. Nachdem ich drei Jahre lang über den Sozialismus gelesen hatte, dachte ich mir: Nur darüber zu lesen, bringt nichts. Über einen Freund stieß ich auf die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Der Name war mir anfangs suspekt. Aber die FDJ gab es schon vor der DDR, sie wurde von antifaschistischen Exiljugendlichen gegen Hitler gegründet.
Lesen Sie hier: Lieber unfrei sein als tot?
Aus der FDJ setzen sich viele gegen die Wehrpflicht ein. Kriege werden im Interesse von Oligarchen und Superreichen geführt. Um mehr produzieren zu können, brauchen Firmen mehr Ressourcen. Für diese Ressourcen werden Kriege geführt, unter denen die Bevölkerung leidet. Genau wie Bertolt Brecht geschrieben hat: "Die Kapitalisten wollen keinen Krieg, sie müssen ihn wollen." Westeuropa, China, Russland und die USA müssen imperialistisch sein, um ihre Stellung nicht zu verlieren. Kriege werden nicht begonnen, weil die Menschen böse wären, sondern weil das kapitalistische System uns zum Krieg drängt.
Dafür gibt es viele Beispiele. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro wurde entführt, damit die USA eine Ölkooperation mit Venezuela erzwingen können. Trump will Grönland haben, wegen all der wertvollen Ressourcen und der effizienten Seerouten, die es dort gibt.
"Industriearbeiter haben die Macht, um durch Streiks etwas zu verändern"
Bastian
In Deutschland werden jetzt Milliarden in Waffen investiert, um das marode kapitalistische System instand zu halten. Deutschland hat sich zu lange auf die Autoproduktion konzentriert, statt zu zukunftsfähigen Industrien zu wechseln. Es ist nicht im Interesse der arbeitenden Bevölkerung, so viel Geld in Waffen statt in Bildung und Gesundheitswesen zu investieren. Wieso sollte ich dieses System mit der Waffe verteidigen wollen? Nur in einem sozialistischen System werden die Menschen nicht mehr ausgebeutet. Jetzt erwirtschaften die Arbeitenden mehr, als sie ausbezahlt bekommen.
Um den Komitees gegen Wehrpflicht beizutreten, muss man kein Sozialist sein wie ich. Da geht es allgemein um Frieden und um die Frage, wie man einen Dritten Weltkrieg verhindern kann. Und darum, wie man gegen die Wehrpflicht protestieren kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt wird. In Israel wurden Einberufungsbriefe verbrannt. Das könnte man auch mit den Fragebögen der Bundeswehr machen.
Allerdings droht ein Bußgeld, wenn man den Fragebogen nicht oder falsch ausfüllt. Insofern sind die Fragebögen nicht freiwillig auszufüllen und sie machen eine spätere Verpflichtung einfacher, weil sie Fähigkeiten abfragen. Aber wenn man falsche Angaben macht, wie sollen sie das herausfinden? Aber um wirklich effektiv etwas gegen die Wehrpflicht zu tun, müssen wir die Industriearbeiter erreichen. Sie haben die Macht, um durch Streiks etwas zu verändern.
Der Kommunist
Robin steht auf dem Hans-Böckler-Platz in Köln, um gegen die Wehrpflicht zu demonstrieren. Er ist Azubi und wird zum Dreher ausgebildet. Im Hintergrund wird eine Gitarre gestimmt.
Ich mag Lieder aus der Arbeiterbewegung. "Occupiamola" ist ein tolles italienisches Streiklied. Da geht’s darum, eine Fabrik zu besetzen. An die Musik erinnern sich die Leute auch nach der Demo. Deshalb ist gute Musik entscheidend.
Ich bin Azubi in einem kleinen Metall verarbeitenden Betrieb. Die Aufrüstung hält in fast jeder Firma Einzug. Genossen von mir berichten aus der Automobilindustrie, dass immer mehr gepanzerte Fahrzeuge gebaut werden. In meiner eigenen Firma bekommen wir auch solche Aufträge. Bei den Teilen würdest du nicht erkennen, dass sie für einen Panzer sind. Aber allein wegen des Copyrights weißt du: Ich muss hier gerade ein Kriegsgerät bauen, auch wenn du da gar keine Lust drauf hast.
"Dir wird aktiv beigebracht, auf deinesgleichen zu schießen. Das ist doch keine normale Ausbildung"
Robin
Es nicht zu bauen, wäre Arbeitsverweigerung, gerade in der Ausbildung ist das schwierig. Die meisten meiner Kollegen finden sich damit ab, Waffenteile zu bauen, auch wenn sie anfangs dagegen waren. Wenn ich sie frage, ob sie nichts dagegen haben, an einem Panzer zu bauen, sagen sie: "Wenn wir die Panzerteile nicht drehen, macht es halt jemand anderes." Dieses Mindset hat in der Vergangenheit furchtbare Gräueltaten ermöglicht, weil wir das große Ganze nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten.
Soldaten sind Arbeiter, genau wie ich. Es ist schrecklich, wenn Menschen aus ökonomischen Gründen in die Armee müssen, weil sie sonst keine Arbeit finden. Und es ist schrecklich, wenn Arbeiter dann gezwungen werden, ihresgleichen zu töten. Denn was unterscheidet uns, abgesehen vom Pass? Nichts.
Um was dagegen zu unternehmen, verteile ich Flugblätter gegen die Wehrpflicht vor meiner Berufsschule. Mir ist wichtig, jungen Männern klarzumachen: Es sind nicht nur ein paar Monate in der Kaserne, sondern dir wird aktiv beigebracht, auf deinesgleichen zu schießen. Das ist doch keine normale Ausbildung.
Die Pazifistin
Judith Busse hat Mathematik und Philosophie studiert. Sie ist Landesgeschäftsführerin der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK) für Hessen und Rheinland-Pfalz.
Als Kind habe ich in Freundschaftsbücher unter "was ich nicht mag" geschrieben: "Krieg und bittere Sachen". Meine Einstellung zu bitteren Sachen hat sich mittlerweile geändert. Die zum Krieg nicht.
In den Philosophieseminaren haben wir nur abstrakt über Ethik nachgedacht, aber nichts verändert. Das war mir zu wenig. Darum habe ich Anfang 2025 ehrenamtlich bei der Deutschen Friedensgesellschaft angefangen. Ich wollte mich aktiv für Frieden einsetzen. Es ist prinzipiell falsch, Menschen zu zwingen, andere zu töten und sich selbst in Gefahr zu bringen – und darauf bereitet der Wehrdienst im Militär vor.
Was bringt es den Ukrainerinnen und Ukrainern, wenn es jahrelang Krieg gibt und so viele Menschen sterben? Ich finde es sinnvoller, hartnäckig an Friedensverhandlungen festzuhalten, als Waffen zu liefern. In einem Krieg leiden sehr viele Menschen, ohne eine Garantie, das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Darum muss immer die Bestrebung da sein, Kriege so schnell wie möglich zu beenden.
"Um Frieden zu ermöglichen, müssen friedliche Maßnahmen benutzt werden"
Judith Busse
Wenn ein Land als Feind gesehen wird, lässt das nur noch die Logik der militärischen Verteidigung zu. Die Androhung von Gewalt, etwa durch Aufrüsten oder eine vergrößerte Armee, macht eine Eskalation wahrscheinlicher. Wenn Menschen aus verfeindeten Ländern miteinander sprechen, kann diese Logik durchbrochen werden. Um Frieden zu ermöglichen, müssen friedliche Maßnahmen benutzt werden.
Was wäre, wenn ein Mensch mich angreifen und versuchen würde, mich umzubringen? Dann würde ich wegrennen. Die Eskalation zu vermeiden, ist immer der erste Schritt. In einer Nahkampfsituation würde ich versuchen, meinen Körper irgendwie abzuschirmen und notfalls zurückzuschlagen, um mich aus einem Klammergriff zu befreien. Den Vergleich zur Kriegssituation finde ich nicht passend, weil ich als Bürgerin in einem Krieg nicht mich selbst verteidige. Stattdessen würde ich die Interessen des Staates verteidigen, der aus irgendeinem Grund Konflikte mit anderen Staaten hat.


