Musiktipps im März
Swissmade Music
Drei Alben aus der Schweiz. Sie klingen weder neutral noch heimatverbunden, auch nicht klischeehaft eidgenössisch. Geht unter die Haut!
Swissmade - Musiktipps
pr
Tim Wegner
09.03.2026
4Min

Black Sea Dahu schöpfen aus Trauer und Natur

Der Dahu ist laut Wikipedia ein alpines Fabeltier, ähnlich wie der Wolpertinger. Die Band um die Schwestern Janine und Vera Cathrein, die den Dahu im Namen trägt, hat selbst etwas Fabelhaftes, nicht sofort Einzuordnendes an sich. Und das liegt nicht nur daran, dass sie ihr erstes Album 2012 – damals noch mit Bruder Simon Cathrein am Cello – unter dem Namen "Josh" veröffentlichte.

Vielmehr scheinen Black Sea Dahu in einer ganz eigenen Soundsphäre zu arbeiten, ihre Alben, die kleine, hermetische Meistwerke sind, entziehen sich jeder klaren Einordnung, sogar Beschreibung. Oft klingt es wie Filmmusik, die mit orchestralen Arrangements einen imaginären Bilderreigen erzählt. Dann wieder ist es eigentlich zarter, fast zerbrechlicher Kammerpop, der aber zu laut weinendem Rock anwachsen kann. Oder auch perlender Americana-Folk, der mit souligen Elementen versetzt gewunden dahinfließt.

Immer aber scheint die Musik zu leben und zu atmen, sich jenseits des Erwartbaren zu entwickeln und doch eingängig genug zu sein, um tief zu berühren. Das zumal auf dem neuen Album: Ist dieses doch der Versuch der Cathrein-Geschwister, den Verlust ihres Vaters zu verarbeiten. Dazu zog sich die Band nach intensivem Arbeiten im Proberaum für die Aufnahmen in ein von uraltem Bergwald umgebenes Haus in Flims zurück. Dort lebten Black Sea Dahu, irgendwo zwischen Kollektiv und Familie, zusammen und arbeiteten an den Stücken weiter. Und immer mit dabei: Verlust und Schmerz.

"Nichts verschwindet wirklich", sagt Sängerin Janine: "Die Toten bleiben. Sie leben in deiner Stimme, deinen Händen, deinen Träumen. Alles geschieht zur selben Zeit." Das scheint sich tatsächlich in den Songs auf "Everything" niederzuschlagen. Beim Hören erlebt man Stille und Gewitterluft, Verlorenheit und Spannung, tosenden Schmerz und Liebe gleichzeitig. Ein bisschen so, wie Janine Cathrein die Umgebung beschreibt, in der diese Musik entstanden ist: "Im Wald ist alles ruhig genug, damit die Trauer ein Geräusch machen kann. Die Welt dreht sich weiter, selbst wenn ich es nicht tue. Aber die Musik … die Musik dreht sich mit mir, als meine Begleiterin. Sie ist das Einzige, das sich meinem Tempo anpasst."

Louis Matute folgt den Spuren seiner Vorfahren

Im neuen Album des Schweizer Jazzgitarristen und Komponisten Louis Matute spielt der Großvater eine große Rolle. Der Arbeiterrechte-Aktivist Carlos Humberto Matute wurde 1971 von Ernesto Cruz, dem frisch gewählten Präsidenten von Honduras, zum Wirtschaftsminister ernannt. Während seiner Amtszeit widmete er sich besonders dem Kampf gegen den Analphabetismus, von dem die Hälfte der damaligen Bevölkerung betroffen war. Eineinhalb Jahre später aber wurde die kurze Phase der Demokratie bereits wieder durch einen Putsch beendet, und Matute musste nach der Ermordung eines Familienmitglieds fliehen. Auf Umwegen landete er mit seiner Familie in der Schweiz.

Sein Enkel Louis beleuchtet unter dem ironischen Titel "Dolce Vita" (Schönes Leben) die bewegte Historie Lateinamerikas, das jahrzehntelang unter der brutalen Herrschaft von Militärregimen und imperialistischen Großkonzernen litt. "Dieses Album ist mehr als nur Musik", so Matute: "Es ist eine Suche nach Identität. 'Dolce Vita' erzählt von der Flucht meiner Familie und der Rolle meines Großvaters in Tegucigalpa im Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und dessen Bestreben, Zentralamerika durch die United Fruit Company zu unterwerfen."

Lesetipp: der chrismon-Serie "Tonspuren" erzählen Menschen verschiedener Religionen von ihrem Bezug zu spirituellen Liedern

Diese Suche und diese Kämpfe macht Louis Matute in der Musik auf diesem Album hörbar: Mit seinem Ensemble verwischt er die musikalischen Grenzen zwischen honduranischen und brasilianischen Einflüssen, Jazz, Groove und (karibischem) Rock. Besonders beeindruckend sind die ruhigen Passagen in Matutes Kompositionen, die anklagend, wehmütig und versöhnlich zugleich klingen. Aber auch die Wut hat ihren Platz, etwa im stürmischen Schlagzeug und den energetischen Trompeten im Stück "Tegucigalpa 72". Kongenial fügen sich die Vokalist*innen ein: der Schweizer Rapper Rico TK und die brasilianischen Sängerinnen Joyce Moreno und Dora Morelenbaum sowie Gabi Hartmann aus Frankreich. Diese Musik ist sowohl persönlich als auch universell, getragen von der Sehnsucht nach Menschlichkeit.

Pina Palau erforscht das Beziehungen

Das Persönliche und das Universelle verbindet auch die Zürcher Sängerin und Gitarristin Pina Palau – auf vollkommen andere Art und Weise. Bei ihr geht es um das Hinsehen in Beziehungen zwischen Menschen. Was persönliche Beobachtungen dabei zutage fördern, wird verarbeitet und zu universellen, berührenden Erzählungen und Erkenntnissen geformt.

Dabei kommt, wie in einem musikalischen Tagebuch, auch und vor allem das zur Sprache, was sonst oft unausgesprochen bleibt: Widersprüche, Fragen, Geständnisse, Verunsicherung, Frust – und vor allem Veränderungen. Auch in der Entstehung nahmen die Songs von "You Better Get Used To It" den Weg vom intim-persönlichen Raum nach draußen in die Welt der anderen: Sie wurden im Schlafzimmer von Pina Palau begonnen, im Wohnzimmer von Simon Borer weiterentwickelt und anschließend mit den Langzeit-Kooperateuren Mario Hänni und Vojko Huter in der Schweiz und im Butterama-Studio in Berlin aufgenommen.

Gemischt und gemastert wurden sie schließlich in Winterthur und Paris. Der Sound passt zum Sujet des Albums: Er bewegt sich zwischen folkiger, fast zerbrechlicher Intimität und roher, emotionaler Indie-Rock-Direktheit. Die Melodien nehmen einen an die Hand und scheinen zu sagen: "Hör mal, ich möchte dir was zeigen …" Und was es dabei zu hören gibt, ist eine universelle, eine schöne Erkenntnis, die hilft, sich auch selbst besser zu verstehen. "Ich habe gemerkt, dass ich noch mehr Zeit investieren möchte, um Beziehungen zu führen, Freundschaften, Liebe, das echte Leben", sagt Pina Palau dazu. Genauer hinsehen eben. Und das fordert auch diese Musik ein: Commitment und Zeit zum Zuhören – Zeit, die sich lohnt zu investieren.

Dreimal Musik aus der Schweiz, die regelrecht unter die Haut geht!

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.