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Selbstverständlich ist dem Autor bewusst, dass in Frankreich nicht nur Chansons im Radio laufen. Englischsprachige Texte hört man dort allerdings tatsächlich nicht ganz so häufig. Trotzdem singen diese drei Französinnen alle auf Englisch – und haben jeweils ihre ganz eigene musikalische Ausdrucksform gefunden.
Ganz und gar im Moment
Melody Prochet stammt aus dem Departement Alpes-de-Haute-Provence und ist in der Nähe von Aix-en-Provence aufgewachsen. In der Indie-Musikszene ist sie schon längst keine Unbekannte mehr. Ihr erstes Album mit der Band My Bee’s Garden veröffentlichte sie bereits vor über 15 Jahren, das erste Werk ihres eigenen Projekts Melody’s Echo Chamber erschien 2012.
Von Anfang an waren gitarrenlastiger Psychedelic Rock, Shoegaze- und Dreampop das Metier der gelernten Violinistin. Waren ihre Texte in früheren Jahren auch oft noch in fabelhaften "Wolkenwelten" beheimatet, heißt das neue Album nicht von ungefähr "Unclouded". Dieser Titel ist inspiriert von einem Zitat des japanischen Künstlers Hayao Miyazaki über das Streben nach Ausgeglichenheit: "You must see with eyes unclouded by hate. See the good in that which is evil, and the evil in that which is good. Pledge yourself to neither side."
Bei Melody Prochet war es wohl so etwas wie ein Trotz gegen das Erwachsenwerden, der sie immer wieder in Traumwelten flüchten ließ und so Wolken zwischen sich und das reale Leben schob. Das ist mittlerweile anders, wie sie sagt: "The more experience I have of living, the deeper I love life and the less I need to escape."
Die dunklen Wolken sind buchstäblich einem sonnendurchfluteten Horizont gewichen. Schimmernde Gitarren, bunte Klangteppiche, freundliche Melodien und schicke Fransen überall. Wenngleich natürlich die Nachdenklichkeit bleibt.
Prochet sagt: "I still get ups and downs, but I’m faster at getting back to more harmonious feelings, enjoying the beauty of transient things and the bittersweet feeling of their impermanence." Die Vergänglichkeit als bittersüße Wahrnehmung und unausweichlicher Fakt – mit allen Vor- und Nachteilen. Und "Unclouded" als ein Album, das in der Beschäftigung damit ganz und gar im Moment zu existieren scheint.
"Unclouded" von Melody Prochet bei Spotify anhören
Eine Holzhütte und ein entwendeter Schuh
Die in Caen geborene Mélanie Pain ist erst recht keine Newcomerin mehr im internationalen Pop-Business. Als eine der Hauptstimmen des New-Wave-Coverprojekts Nouvelle Vague sang sie Titel wie "The Killing Moon" und "Blue Monday" für die Formation ein und ging mit dem erfolgreichen Projekt auch auf Tourneen.
Schon seit langem aber schreibt und veröffentlicht die Sängerin und studierte Politikwissenschaftlerin auch eigene Songs. Ihr erstes Soloalbum "My Name" erschien bereits 2009. Mit ihrem neuen, mittlerweile vierten Album "How and Why" kehrt sie nach eigener Aussage zu ihren Wurzeln zurück: "I wanted to reconnect with my first loves: bare folk, clear melodies, with just guitar and voice to guide me." Einfach und intim sollte die Musik klingen.
Folgerichtig schrieb Mélanie Pain die neuen Songs auch zurückgezogen in einer Holzhütte in der Nähe von Bordeaux am Ufer der Garonne. Als Inspiration nennt sie Künstler und Künstlerinnen wie Iron & Wine, Kings of Convenience und Emiliana Torrini. Tatsächlich ist dabei eine Art feenhafte Folkmusik herausgekommen, zart, melancholisch und federleicht hingetupft.
Verstärkt wird dieser Eindruck sicherlich durch ihre immer noch mädchenhaft helle Stimme. Trotzdem klingt die Musik gleichzeitig auch tief, elegant und, ja, sogar altersweise. Schließlich geht es in den Texten auch überwiegend um Verlust und Vergangenheitsbewältigung.
Und dann gibt es da noch dieses türkische Stück, eine Coverversion: "Senden Daha Güzel" von der Band Duman, das eine wunderbare Geschichte hat. Vor 15 Jahren trat Pain mit Nouvelle Vague in einem Seebad in der Türkei auf. Während dieses Konzerts stahl ein Fan einen von Mélanies Schuhen - direkt vor der Bühne von ihrem Fuß.
Einige Wochen später aber kam der Schuh per Post zurück, zusammen mit einem Entschuldigungsbrief, Süßigkeiten und einer CD mit türkischer Musik. Damit begann Mélanies Liebe zur türkischen Kultur, und die Idee für eine Coverversion eines türkischen Songs entstand. Ein Freund schickte ihr dann im vergangenen Jahr schließlich "Senden Daha Güzel" - und damit das Stück für das Album.
"How and Why" von Mélanie Pain bei Spotify anhören
Düstere Themen - aber extrem tanzbar
Die dritte Sängerin aus Frankreich heißt Nili Hadida und bildet zusammen mit Benjamin Cotto das Duo Lilly Wood & The Prick. Werden die beiden bei Wikipedia noch als "Folkpopduo" bezeichnet, ist davon auf dem neuen Album "Christina" nicht mehr viel zu hören. Lediglich der letzte Song "Zero Fucks" erinnert daran: Nur mit Stimme und Akustikgitarre umgesetzt, hätte er so auch auf dem Album von Mélanie Pain unterkommen können.
Auf den restlichen zehn Stücken hat der vor allem für knackige Rhythmen und elegante Dance-Tracks bekannte Produzent Myd den beiden ein Gewand aus trockenen Dancebeats und euphorisierend-hymnischen Synthie-Harmonien und Riffs maßgeschneidert, das die tänzelnd phrasierende Stimme von Nili Hadida derart kleidet, dass es nur so glitzert.
Auch die beiden von Lilly Wood & The Prick sind übrigens schon alte Hasen im Popzirkus: Ihr Debüt datiert aus dem Jahr 2008, eine EP mit dem selbstironischen Titel "Lilly Who and the What?". Schon zwei Jahre zuvor hatten sie ihre ersten gemeinsamen Stücke im Netz veröffentlicht. Ihr erstes Album "Invincible Friends" hielt sich nicht weniger als zwei Jahre in den französischen Top 200.
Auch ihr wohl größter Erfolg bisher stammt von ihrem Debütalbum: Der Song "Prayer in C" wurde 2014 von Robin Schulz geremixt – und innerhalb kürzester Zeit millionenfach im Netz gestreamt. Die Single ging dann in der Folge in diversen Ländern an die Spitze der Charts, in Deutschland ist sie sogar eine der meistverkauften Singles überhaupt. Und nun der nächste Dance-Beat-Aufschlag mit "Christina".
Anders als bei der oft mitreißenden Musik vielleicht zu erwarten, handeln die Texte auf dem neuen Album übrigens oft von düsteren Themen: Es geht unter anderem um die Angst vor Verlassenheit, die Schwierigkeiten von Verbindungen und das Problem, man selbst zu sein. Und es geht um Einsamkeit. Lilly Wood & The Prick singen aber auch von Liebe und Freundschaft und der Akzeptanz von Chaos. Und das extrem tanzbar.
Écoutez bien!
Produktinfo
Melody's Echo Chamber: Unclouded. Domino
Mélanie Pain: How and Why. Capitane
Lilly Wood & The Prick: Christina. Cinq7
