Musikverein auf dem Land
So trotzt die Blaskapelle von Waldau dem Vereinssterben
Viele Vereine scheitern mit ihrer Suche nach Nachwuchs. In Waldau im Schwarzwald zeigt eine Blaskapelle mit hundertjähriger Geschichte, wie es auch anders geht
Junge Mitglieder des MV Waldau spielen in der Trompeten-Flügelhorn-Gruppe. Der Verein versucht, vor allem junge Menschen für sich zu gewinnen
Katharina Osterhammer
29.05.2026
10Min

In einem kleinen Dorf im Schwarzwald wird die Zukunft des Zusammenlebens verhandelt. Und zwar, wie an diesem Februartag, immer donnerstags – bei der Blaskapellenprobe. Immer mehr Autos schlängeln sich in der Abenddämmerung auf der schmalen Fahrbahn zum Gemeindehaus hinauf, das über Waldau thront. Vorbei an der Wiese, die vom Winter ausgelaugt und struppig ist. Vorbei an einem Bauernhof. Der Landwirt hebt die Hand zum Gruß. Vorbei am Friedhof. Die meisten Gräber dort teilen sich dieselben acht Familiennamen.

Gerhard Winterhalder rückt seine Lesebrille zurecht. Feines, silbernes Gestell, in derselben Farbe wie sein Flügelhorn. Er holt tief Luft, hebt das Instrument, setzt es an die Lippen, senkt den Blick und spielt den ersten Ton. Seine Augenbrauen formen sich zu strengen Wellen, die Furche in seiner Stirn wird mit jedem Takt tiefer. Gerhard bereitet den Bässen mit einer Fanfare den Weg – und: Abbruch. Die Bässe haben ihren Einsatz verpasst. "Atlantic Overture" – die Partitur schlägt ein Metronom-Tempo von 108 vor, also Andante, Schritttempo. Die Waldauer spielen es schneller.

Seit 126 Jahren gibt es den Musikverein Waldau. Er hat zwei Weltkriege überlebt, die französische Besatzung des Schwarzwaldes, mehrere Wirtschaftskrisen, die Corona-Pandemie. Seine Musikanten haben Hunderte Stücke eingeübt und sind rund 4000-mal aufgetreten. Wie schafft ein Verein es, zu bestehen, während in ganz Deutschland vom Vereinssterben die Rede ist? Reicht die Musik als Kitt zwischen den Generationen?

Die Waldauer haben ihr eigenes Rezept entwickelt. Aus der Vereinsgeschichte gelernt haben sie dabei etwas über Verantwortung, Rücksicht und Generationenwechsel. Lehren, die das Leben nicht nur im Verein, sondern im ganzen Dorf prägen können.

Der Dienstag vor der nächsten Probe. Draußen schmelzen die letzten Schneereste. Hinter manchen Musikanten liegt ein Fastnachtswochenende: Zwischen Konfetti und Fratzenmasken haben sie in der Nachbargemeinde den Umzug begleitet. Gerhard ist zu Hause geblieben. "Ich muss nicht mehr alles mitmachen, dafür haben wir jetzt die Jungen", sagt er und bittet in sein Wohnzimmer. An den Wänden hängen Bilder seiner drei Töchter, alle im dunklen Dirndl mit rankenden Stickereien.

Während der Proben werden auch kurze Videos für TikTok aufgenommen: So spricht der Musikverein Waldau gezielt junge Menschen an

Gerhards Beziehung zum Musikverein ist ausdauernder als viele Ehen. Seit über 50 Jahren gehört der zu seinem Leben, seit seinem 16. Lebensjahr. Gerhard hat Generationen an Musikanten erlebt. Einst gehörte er selbst zu den Jungen, jetzt ist er der Älteste. Wöchentliche Proben am Flügelhorn oder der Trompete, niemals Urlaub in der ersten Pfingstferienwoche: Beim Pfingstkonzert durfte er nicht fehlen. Spätestens als die drei Töchter auch in den Verein eintraten, bestimmten die Termine der Blaskapelle den Familienrhythmus. "Musik war Priorität Nummer eins. Zum Fußball statt zur Vereinsprobe? Das war verpönt!"

Inzwischen ist das anders. Man müsse die Realität zur Kenntnis nehmen, sagt Gerhard. Viele Bewohner des Dorfes sind Mitglied in mehreren Vereinen. Mal überschneiden sich die Termine der Blaskapelle mit denen der Feuerwehr, mal mit denen des Skiclubs. "Man muss halt ein bisschen tolerant sein", sagt Gerhard und zuckt die Schultern. Ist das Resignation vor den Blaskapellenmitgliedern der Gen Z, die sich angeblich nichts mehr komplett widmet? Noch bevor die Frage ganz gestellt ist, winkt er ab. "Nee, nee, also da sind wir raus. Das Problem haben wir hier nicht." Ist denn der Musikverein das wichtigste Hobby aller Mitglieder? Nein, auch nicht, diese Zeiten seien vorbei. "Aber das ist okay. In Sturheit zu leben isoliert." Vereinsleben im Tausch gegen Rücksichtnahme.

Und trotz der Konkurrenz durch andere Vereine: Wer Mitglied im MV Waldau ist, widmet ihm jede Woche mehrere Stunden. Bei der wöchentlichen Probe. Beim Organisieren von Mitgliederversammlungen, wie Gerhard als Fördervereinsvorsitzender. Beim Drehen von Social-Media-Videos für die Tiktok- und Instagram-Kanäle des Vereins.

Oder wie Marcel als Vereinsvorstand. Mit Nachnamen heißt er Spiegelhalter, wie viele im Verein. Sein Vater ist im MV Waldau, sein jüngerer Bruder, seine Frau an der Querflöte; seine Mutter war eine der ersten Frauen, die in den 1970ern der Blaskapelle beigetreten sind.

"Wir stecken da alle unseren Urlaub rein!"

Am Donnerstagabend der Vereinsprobe hat sich draußen die Dunkelheit breitgemacht. Drinnen im Gemeindehaus leuchten die LED-Lampen noch immer. Der letzte Takt ist gespielt, wie auf Knopfdruck werden Notenpulte zusammengeklappt, Instrumente verstaut und die Stühle im Nebenraum gestapelt. Der Schlagzeuger schiebt einen Rollwagen mit Bierkästen in den Raum. Nach drei Stunden Musizieren folgt Orga. Die ersten Kronkorken zischen.

Nur noch vier Monate bis zum großen Jubiläum. Fünf Jahre lang hatten die Musikanten des MV Waldau dem Sommer 2025 entgegengefiebert: 125 Jahre Blaskappelle. Ein Konzert, vier Tage Festwochenende, Tausende Besucher im 400-Seelen-Dorf. Kein Musikant wollte das verpassen: Selbst Ehemalige probten dafür wieder mit. So wie Gerhards Tochter, die eigentlich schon längst nicht mehr in Waldau wohnt. Für die Blaskapellenproben reiste sie mit ihrem Horn monatelang jeden Donnerstag eine Stunde aus Freiburg an.

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An diesem Donnerstagabend vor einem Jahr lehnt Marcel an der holzvertäfelten Wand des Gemeindesaals, neben ihm seine Frau. Zur Hochzeit zwei Jahre zuvor war die ganze Blaskapelle eingeladen, vor der Kirche spielte sie dem Brautpaar ein Ständchen. Nun will Marcel die anderen Musikanten auf den aktuellen Stand der Jubiläumsorganisation bringen, bei ihm laufen alle Fäden zusammen: das Magazin zur Vereinsgeschichte, die Straßensperrung, die Lotteriesteuer, 500 Weinflaschen mit Jubiläumslogo …

Ein Trompeter hebt die Hand. "Haben sich denn inzwischen alle freigenommen?" Ein Dutzend Musikanten meldet sich. Die restlichen 40 checken ihre Handykalender oder weichen dem Blick des Trompeters aus. "Aufbau, Festwochenende, Abbau: Selbst wenn jeder von uns zehn Tage freinimmt, ist nur ein Bruchteil der Schichten abgedeckt", mahnt der. "Wir stecken da alle unseren Urlaub rein!"

125 Jahre MV Waldau im Juni 2025: Den Umzug des Musikvereins und seiner Gäste wollen sich auch die älteren Waldauer auf keinen Fall entgehen lassen

Am Festwochenende im Juni 2025 kann von mangelnder Beteiligung dann nicht mehr die Rede sein. 300 Helfer aus der ganzen Region sind ununterbrochen auf den Beinen. 10.000 Gäste tanzen auf Bierbänken, füllen ihre Mägen mit Bier und Pommes. Als der Blaskapellen-Umzug losgeht, sitzt eine alte Dame aus dem Nachbardorf mit ihren Freundinnen in der Dorfstraße. Ihr Enkel hat sie samt Klappstühlen nach Waldau gefahren, extra für den Festumzug.

Trotz der fast 30 Grad wartet die Frau im schwarz-roten Schwarzwalddirndl darauf, dass die Musikanten losmarschieren, 50 befreundete Musik- und Traditionsvereine in Tracht aus ganz Deutschland aufgereiht, angeführt vom 125-jährigen Geburtstagskind MV Waldau. Der Enkel hat immer wieder einen wachsamen Blick darauf, ob seine Großmutter noch größtenteils im Schatten des Hauses sitzt oder ob die Sonne schon zu weit gewandert ist. Hier im Schwarzwald sei das noch so, sagt die Frau. "Je kleiner das Dorf, desto mehr wird das Alter geschätzt."

Es herrscht nicht immer Frieden

Der MV Waldau ist nach Zahlen von 2022 einer von fast 87.000 Vereinen in Baden-Württemberg. Es gibt nur in zwei anderen Bundesländern noch mehr Vereine als hier: Baden-Württemberg ist Vereinsland. Obwohl immer wieder vom Vereinssterben die Rede ist – besonders auf dem Land –, wächst ihre Zahl nach wie vor, wenn auch langsamer als früher. Was Studien allerdings auch zeigen: Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich dauerhaft einbringen wollen. Besonders junge Menschen für Leitungsaufgaben zu gewinnen, ist für viele Vereine ein Problem, auf das sie keine Antwort finden.

In der Waldauer Blaskapelle liegt das Durchschnittsalter unter 31 Jahren. Im Jubiläumsjahr war Marcel mit seinen 32 Jahren schon der Älteste im Vorstandsteam. Als er den Posten von Gerhard übernahm, war er erst 22 und lebte noch zum Studieren in Konstanz, General Management. Nach Waldau ist er direkt nach dem Studium zurückgekehrt, die ersten Sitzungen hielt er im Kinderzimmer seines Elternhauses ab. "Der Verein war auch ein Grund, warum ich zurückgekommen bin", sagt er.

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Ende 2025 ist Marcel umgezogen – allerdings nur einmal quer durchs Dorf. Seine Zukunft soll in Waldau stattfinden: Parallel zu den Jubiläumsvorbereitungen hat er mit seiner Frau ein Haus gebaut. Bauherr und Musikproben an den Wochenenden und Abenden, während er tagsüber als Abteilungsleiter Firmen aus Baden-Württemberg zu Globalisierung und Finanzen beriet. "Beruflich bin ich in einer totalen Bubble unterwegs", sagt er. Im Verein treffe er auch mal andere Leute.

Musik verbindet. Man komme ins Gespräch, bevor man wisse, wie der andere denkt und politisch eingestellt ist. "Unser Auftrag ist, Musik zu machen, für uns und fürs Dorf. Wenn wir alle in derselben Tracht unsere Märsche spielen, sind wir erst mal alle gleich." Politische Diskussionen fänden trotzdem statt, Differenzen gebe es auch mal. Aber die müsse man aushalten. "Auf dem Dorf kann man sich der Realität nicht einfach entziehen."

50 Traditionsvereine und Musikkapellen aus dem ganzen Land sind nach Waldau gekommen, um das 125-jährige Jubiläum der Blaskapelle zu feiern. Im großen Festzelt wird jeder Verein begrüßt

Sobald Marcel die Leitung der Blaskapelle übernommen hatte, führte er Microsoft Teams zur Vereinsorganisation ein. Es habe Gewöhnungszeit gebraucht für die Technik, vor allem bei den Älteren. "Aber die muss man ihnen eben auch geben", sagt er. Nach und nach hätten auch sie erkannt, dass sich dadurch vor allem fürs große Jubiläumswochenende Aufgaben leichter verteilen ließen. Und als der Verein einen neuen Dirigenten suchte, stimmten die Musikanten online ab, welchen Bewerber sie besser fanden.

Marcel ist damit einen Schritt gegangen, an dem andere Vereine scheitern und sich dadurch neuen Mitgliedern verschließen: Niedrigschwelliges Engagement und weniger Papierkram dank digitaler Technik ist eine zentrale Stellschraube für die Zukunftsfähigkeit von Vereinen, sagen Studien. Manche Änderungen hin zu einer schlankeren Vereinsorganisation liegen in der Hand der Vereine. Viele jedoch auch in der des Staates.

Als Marcel Spiegelhalter den Vereinsvorstand im MV Waldau übernahm, war er gerade 22 Jahre alt. Jetzt, mit 33, hat er den Generationenwechsel eingeläutet und sein Amt an einen 23-Jährigen übergeben

An der Bushaltestelle im Dorf hält am Wochenende je Fahrtrichtung zweimal am Tag ein Bus. "Wenn wir besser angebunden wären, würden bei uns bestimmt noch mehr mitspielen", sagt Marcel. Die katholische Kirche Sankt Nikolaus ist frisch renoviert. Hier findet mehrmals wöchentlich ein Gottesdienst mit Eucharistiefeier statt. Einst wurde in Waldau die berühmte Schwarzwalduhr erfunden, heute ist der Ort durchwoben vom Skitourismus. Im Gegensatz zu anderen Skigegenden bleibt es hier jedoch auch belebt, wenn die Wintersportgäste abgereist sind.

Der Gasthof kurz vorm Ortsausgang wird seit Jahrzehnten von der Familie Winterhalder betrieben. "Der Leopold Winterhalder, der ist so was wie unsere Vereinslegende", sagt Marcel andächtig und schaut die Fassade mit dem Holzbalkon empor. Als Leopold Winterhalder aus dem Krieg heimkam, ging er noch am selben Abend zur Blaskapellenprobe. Ein Auge hatte er im Zweiten Weltkrieg verloren. Seine Klarinette aber brachte er unversehrt zurück. Seine Liebe zum Verein, erst als Musiker, dann als Dirigent, treibt die Musikanten auch heute noch an, zehn Jahre nach seinem Tod. "Man muss auch die Arbeit wertschätzen, die Generationen vor uns schon in den Verein gesteckt haben", sagt Marcel.

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Um dieses Erbe weiterzuführen, bemüht sich der MV Waldau ständig um neue Mitglieder. Junge Musikanten gewinnt er, indem er dort ist, wo sie sind: zum einen auf Instagram und Tiktok – mehrmals pro Woche werden dort Videos von Proben gepostet, von Auftritten bei Hochzeiten oder gemeinsamen Skiausflügen. Zum anderen in der Dorfgrundschule. Gemeinsam mit der Blaskapelle aus dem Nachbardorf hat der MV Waldau eine Bläserklasse gegründet. Alle Kinder dürfen ein Instrument lernen.

Wer nach ein paar Jahren Lust hat, weiterzuspielen, tritt ein in den Mini-MV. Fast alle Kinder machen das. Wer gut genug spielt, wechselt schließlich zu den Großen im MV Waldau. Die jüngste Musikantin, die der Verein so gewonnen hat, war 14. "Hier ist es einfach cool, wegen der Gemeinschaft und so. Und die Stücke machen Spaß", sagt sie bei einer Probe. Inzwischen hat sie schon drei Altersgenossen als junge Verstärkung für die Blaskapelle gewonnen.

Schon in der Vergangenheit wurden jungen Musikanten wichtige Aufgaben übertragen. Alle Musikergenerationen hätten beim MV Waldau die Erfahrung gemacht, dass man den Verein im rechten Moment in neue Hände geben müsse, sagen Marcel und Gerhard in fast gleichem Wortlaut. "Dafür muss man den Jungen aber auch etwas zutrauen", sagt Gerhard in Gedanken an seine eigene Übergabe an Marcel. "Die wissen besser, was man heutzutage hören will. Ein Marsch ja, aber eben auch mal ein Medley." Durchregieren gibt es im MV Waldau nicht, auch die Stückauswahl wird mehrheitlich beschlossen. Selbst der Dirigent darf nicht allein bestimmen.

Vor zehn Jahren hat Marcel den Vereinsvorstand von Gerhard übernommen. Im Februar 2026 kam der Vorstand in Marcels neuem Haus zusammen, seine Frau und er hatten es einen Tag vor Weihnachten bezogen. Die erste Sitzung im selbst gebauten Haus – und Marcels letzte als Vorstand. Übertragen hat er das Amt an seinen kleinen Bruder, Marc Spiegelhalter, 23 Jahre alt. Auch der ist nach dem Studium wieder zurück nach Waldau gezogen. "Zur Zeit ist es in der Blaskapelle, wie wenn’s beim Skifahren im Team läuft", sagt Marcel. "Wir fahren alle in die gleiche Richtung, im gleichen Tempo. Ein guter Moment, um Platz zu machen für den Nachwuchs." Das Jubiläumsfest vergangenen Sommer habe den Verein zusätzlich zusammengeschweißt. Am runden Eichentisch in Marcels neuem Esszimmer tat der MV Waldau also, was er schon immer konnte: beizeiten den Generationenwechsel einläuten.

"Am besten funktioniert das, wenn die Alten die Jungen in Wohlwollen begleiten. Das ist vielleicht so was wie unser Erfolgsrezept", sagt Marcel. Schon das Vereinsheft zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2000 schließt mit den Worten: "Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft."

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