Was schiefläuft bei der KI-Entwicklung, veranschaulicht Papst Leo am Turmbau zu Babel.
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KI-Enzyklika
Warum sich der Papst mit Big Tech anlegt
In seiner KI-Enzyklika kritisiert der Papst einen technischen Fortschritt, der nur der Leistungssteigerung dient, erklärt die Technikphilosophin Anna Puzio. Damit fordere er technikgläubige US-Christen heraus
Lino WimmerLisa Bittner
02.06.2026
5Min

chrismon: Papst Leo XIV. trägt eine Apple Watch und liebt Autos. Ist der Heilige Vater ein Technikfan?

Anna Puzio: Er versteht jedenfalls mehr von Technik als seine Vorgänger. Von der ersten Sekunde seines Pontifikats an hat er Künstliche Intelligenz zu seinem Thema gemacht. Für mich war er gleich der KI-Papst.

Warum?

Mit seinem Namen knüpft Robert Prevost an Leo XIII. an. Dieser sogenannte Arbeiterpapst setzte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit den Folgen der industriellen Revolution auseinander. Technologien wie die Eisenbahn oder der mechanische Webstuhl veränderten die Gesellschaft grundlegend, und neue soziale Nöte entstanden.

Leo XIII. suchte nach kirchlichen Antworten auf das industrielle Zeitalter. Leo XIV. sieht mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz einen ähnlichen Umbruch. Das betonte er bereits bei seiner Amtseinführung.

privat

Anna Puzio

Die Philosophin und Theologin Anna Puzio arbeitet an Universitäten in Bern und dem niederländischen Twente. Sie forscht zu Technikethik, Transhumanismus und den Schnittstellen von Künstlicher Intelligenz und Religion.

In seiner gerade veröffentlichten Sozialenzyklika legt Papst Leo die Haltung des Vatikans zur Künstlichen Intelligenz dar. Er fordert, die KI zu "entwaffnen". Das klingt nach einer Kampfansage.

Seine Argumentation ist differenzierter. Vor wenigen Monaten warnte er Priester davor, Predigten mit Hilfe von KI zu verfassen. In seiner Enzyklika lehnt er Künstliche Intelligenz nicht grundsätzlich ab, sondern kritisiert ihren Missbrauch. Mit "Entwaffnung" meint er den Widerstand gegen Marktmonopole und den Wettlauf um technologische Vorherrschaft. Er fordert, die Technologie solle lebensfreundlichen Zwecken dienen, nicht nur der Effizienzsteigerung.

Das würde eine strenge Kontrolle der KI-Plattformen erfordern.

Leo entwirft keinen konkreten Plan, sondern stellt dem Leistungsideal andere Werte entgegen: soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohl, menschliche Würde und Beziehungen. Damit bleibt er oft vage, lässt aber auch Raum für Christen in Nordamerika oder Afrika, die Lehre an ihre jeweilige Situation anzupassen.

Der Papst hat aber verstanden: Wir könnten andere, sozialere Technologien haben. Wir müssen fragen, welche Technik wir wirklich brauchen. Dass er dabei von "Entwaffnung" spricht und ein Kriegsszenario heraufbeschwört, halte ich für problematisch. Niemand sonst nennt die KI eine Waffe. So gesehen macht er sie erst zu einem Kriegsgerät.

Welche Gefahren sieht Leo in der Künstlichen Intelligenz?

Leo warnt vor neuen Formen von Ausbeutung und Ausgrenzung, die KI schafft. Vor allem der "globale Süden" zahlt aus seiner Sicht einen hohen Preis: Dort trainieren Klickarbeiter die KI-Sprachmodelle zu Dumpinglöhnen, während der steigende Bedarf an Rechenleistung wertvolles Wasser verbraucht und den umweltschädlichen Abbau seltener Erden vorantreibt.

Leo greift die Bibelgeschichte vom Turmbau zu Babel auf, um solche Missstände auf eine Formel zu bringen. Man kann das als Technik-Kritik lesen: Die Turmbauer nutzen neuartige Lehmziegel, die alle die gleiche Form haben und sprechen eine einzige Sprache. Daher können sie in die Höhe bauen.

So gesehen ist es ein Projekt, in dem kein Platz für Vielfalt bleibt. Man könnte auch sagen: Deshalb lässt Gott es scheitern, indem er die Sprache der Turmbauer verwirrt. Die KI führt aus Leos Sicht zu neuen Hierarchien und verdrängt Vielfalt, auch in der Sprache. Alles dient einem einzigen Ziel, der Leistungssteigerung.

KI ermöglicht es mir, dank Simultanübersetzung mit Menschen zu sprechen, deren Sprache ich nicht verstehe. Schafft sie nicht auch Verbindungen?

Das tut sie. Doch große Sprachmodelle reduzieren Wissen auf Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten. Dabei geht etwas verloren: die Vielfalt und Lebendigkeit, die menschliches Denken ausmachen. Darauf weist Leo zurecht hin. Auch soziale Unterschiede und Spannungen sieht er als kreative Energien, die es zu nutzen gilt.

Lesen Sie hier: Und wenn die KI leidet?

Wie will er das erreichen?

Leo betont den Wert von Wissenschaft und Forschung, die in vielen Ländern unter Druck stehen. Er fordert Jugendliche auf, kritisch zu denken und das Wissen nicht den Maschinen zu überlassen. Auch Staaten, Unternehmer und Arbeiter sollen die Entwicklung der KI mitgestalten. Was der Papst selbst tun will, bleibt allerdings unklar.

Welche Rolle spielen Tech-Unternehmer wie Elon Musk oder Peter Thiel?

Ihre Namen nennt Leo nicht, aber ihre Ideen schwingen mit, wenn er Technikmonopole und Ideologien wie den Transhumanismus kritisiert.

"In den USA sehen einige Menschen den Transhumanismus als eigentlichen Kern des Christentums"

Anna Puzio

Was versteht man unter Transhumanismus?

Transhumanisten wollen mit Hilfe von Technik das Altern aufhalten und den Tod überwinden. Manche lassen sich einfrieren, um in einer Zukunft aufzuwachen, in der medizinischer Fortschritt ewiges Leben ermöglicht. Andere träumen vom "Mind Uploading", also davon, das menschliche Bewusstsein auf eine Festplatte zu übertragen.

Einige dieser Ideen sind im Silicon Valley weit verbreitet. Peter Thiel etwa lässt sich regelmäßig Bluttransfusionen von jungen Menschen geben. Wie im Christentum geht es auch hier um Erlösung von Krankheit, Leid und Tod – allerdings im Diesseits.

Lesen Sie hier: Wie ein Landwirt dank Prothese und KI weiter arbeiten kann

Gibt es weitere Parallelen zum Christentum?

Für beide ist Unsterblichkeit zentral. Beide stellen den Menschen und das Mehr-als-Menschliche in den Mittelpunkt, was oft den Blick auf ökologische Fragen verstellt. Doch während Christen ihre menschliche Schwäche akzeptieren, so wie Jesus am Kreuz, wollen Transhumanisten sie überwinden.

In Deutschland gilt der Transhumanismus meist als unvereinbar mit dem Christentum. Denn wer seine Leistung nicht technisch steigern kann, etwa weil das nötige Geld fehlt, hat einen biologischen Nachteil – und ist in einer Ideologie, die Heil allein in Produktivität sucht, weniger wert. Davor warnt auch Papst Leo.

Aber?

In den USA, Leos Heimat, sehen einige Menschen den Transhumanismus als eigentlichen Kern des Christentums. Darunter sogar renommierte Professoren.

Wie meinen Sie das?

Sie betrachten Technologien als ein Werkzeug, um christliche Ziele zu erreichen. Technik könne helfen, mehr zu werden als ein Mensch, so wie Jesus Christus. Sie könne genetisch leistungsfähigere Menschen hervorbringen und so die Schöpfung "erneuern". Dass Christen in den USA dem Transhumanismus offener gegenüberstehen als in Deutschland, liegt auch an einem anderen Freiheitsverständnis, das den Einzelnen und sein Glücksstreben betont.

Welche Reaktionen gibt es in der Tech-Bubble auf die Papst-Kritik?

Das bleibt abzuwarten. Einige Tech-Unternehmer werden die Kritik nicht auf sich sitzen lassen. Andere wissen die Enzyklika hingegen für ihre Zwecke zu nutzen. Und der rechtskatholische US-Vizepräsident J.D. Vance hat bereits die "moralische Führung" des Papstes gelobt, er finde dessen KI-Kritik "sehr tiefgründig". Dass Leo in seinem Rundschreiben keine Namen nennt, könnte ihm also auf die Füße fallen.

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