Rückkehr in die Ukraine
Fremde Heimat
In die Ukraine zurückzukehren, ist kompliziert, nachdem man mehrere Jahre im Ausland gelebt hat - ich habe es schon einmal erlebt
Bleiben oder zurückkommen?
Was erwartet mich? Gemischte Gefühle bei der Rückkehr
Aleksandar Nakic/GettyImages
Lena Uphoff
01.04.2025
4Min

Meine erste Auswanderung dauerte fast fünf Jahre. Ich kam aus der Ukraine nach Deutschland und lebte hier von 2014 bis Ende 2018. Ich wollte eigentlich nur meine Schwester besuchen, verliebte mich in die Stadt Wiesbaden und beschloss zu bleiben. 2018 überkamen mich Zweifel, ob ich die richtige Wahl getroffen hatte. Also ging ich für ein paar Monate nach Kyjiw, um herauszufinden, wo ich leben will. Es begannen die Lockdowns wegen Corona und ich blieb viel länger in der Ukraine.

Allerdings war mir schnell klar, dass ich wieder nach Deutschland zurückkehren wollte. Ich fand es unheimlich schwierig, mich in meine alte Heimat zu reintegrieren. Anders als erwartet, hatten mich die Jahre der Abwesenheit enorm verändert. Es war geradezu schockierend für mich, wie sehr.

Da ist zum einen der Unterschied in der, ich nenne es mal, "Grundgeschwindigkeit" des Lebens. In der Ukraine ist sie schneller, viel schneller als in Deutschland. Das hatte ich früher gar nicht bemerkt, doch bei meiner Rückkehr wurde mir klar: Ich war einfach unglaublich langsam geworden, zu langsam für meine alte Heimat. Straßennamen, Restaurants oder neue Geschäfte hatten sich in Kyjiw schon immer schnell geändert. Früher hatte mich das nie gestört. Doch nun bewegte ich mich in der Stadt wie eine Touristin. Ich musste Leute nach dem Weg fragen, und wenn ich ein Straßenschild auf Ukrainisch, in meiner Muttersprache, las, dann übersetzte ich es im Kopf erstmal ins Deutsche. Das war ein merkwürdiges Gefühl, als ich begriff, was ich da ganz intuitiv tat.

Dann der nächste große Unterschied: der Geschmack des Essens. Ich musste mich sogar neu an den Kaffee gewöhnen, obwohl er in der Ukraine von recht hoher Qualität ist.

Schließlich das wohl Wichtigste: Die Kommunikation mit anderen Menschen. Wenn ich mich in Deutschland mit anderen Frauen oder Mädchen traf, besprachen wir völlig unterschiedliche Themen als mit den Frauen zu Hause. Natürlich gibt es etwas, das alle Frauen auf der Welt gemeinsam haben, aber die lokalen Unterschiede sind stärker, als wir denken.

Beispielsweise sind ukrainische Frauen viel offener und können mit Freundinnen über wirklich intime Details ihres Privatlebens sprechen. Zudem wird in der Ukraine in der Regel früher geheiratet als in Deutschland. Daher ist die Suche nach einem würdigen Partner und eine Familie im Allgemeinen ein sehr beliebtes Gesprächsthema - ganz anders als in Deutschland.

Lesetipp: Von Selbständigkeit und Angestelltendasein. Deutsch-ukrainische Unterschiede im Arbeitsleben

All dies wird als "Reintegration" bezeichnet. Und ich finde: Wir sprechen zu selten darüber. Doch es ist ein wichtiges Thema. Und es hat nichts mit einer möglichen Liebe oder Abneigung zur jeweils alten oder neuen Heimat zu tun. Denn unter Reintegration versteht man den Prozess der Anpassung auf körperlicher/psychischer Ebene an die Lebensbedingungen im Heimatland (oder einfach im gewohnten Land) nach einer längeren Pause. Also wie man noch einmal lernt, in der Heimat zu leben.

Verträge für Expats laufen selten länger als drei Jahre. Es wird angenommen, dass es für eine Person nach drei Jahren ständigem Aufenthalt und Arbeit in einem anderen Land einfacher ist, zu bleiben als in ihr Heimatland zurückzukehren. Wissen Sie, warum? Es dreht sich alles um unseren Körper.

Wissenschaftler behaupten, dass es genau 2,5 bis 3 Jahre dauert, bis sich der menschliche Körper (aufgrund von Gewohnheiten und Sinnesorganen) vollständig an neue Lebensbedingungen gewöhnt hat. Dabei spielt es keine Rolle, was genau diese neuen Lebensbedingungen sind – ob gut oder schlecht. Gleichzeitig bemerken die meisten Menschen nicht, wie sehr sich ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten oder sogar die Art der Kommunikation während des Aufenthalts in einem anderen Land verändert haben.

Lesetipp: Schauspieler Jörg Hartmann über das Gefühl von Heimat, Schuldgefühle und den Tod

Deutschland ist ein Land mit viel Bürokratie und Gesetzen. Um in diesem Land zu überleben, müssen sich Ausländer neue Gewohnheiten, Reaktionen oder Prioritäten aneignen. Ohne diese Veränderungen wird es keinen Fortschritt geben. Das heißt, wir reden über Integration. Gelingt dies, gewinnt man Stabilität und Selbstvertrauen im neuen Land. Allerdings verliert man gleichzeitig den Kontakt zur Heimat.

Ich hatte mehr als drei Jahre in Deutschland gelebt und zurück in Kyjiw merkte ich nach ein paar Monaten, dass ich meinen Lebensrhythmus dem der Deutschen angepasst hatte. Und das gefiel mir gut. Ich hatte mich wohlgefühlt in Deutschland, und so beschloss ich schon 2019, dass ich wieder zurück nach Deutschland wollte. Doch wie oben beschrieben, begann 2020 die Corona-Pandemie, die Lockdowns folgten. Ich konnte nicht wie geplant reisen. Ich zählte die Tage und Monate - und dann brach der Krieg aus, Russland überfiel mein Land und völlig unerwartet wurde meine Rückkehr nach Deutschland von Bomben begleitet.

Jetzt helfe ich vielen ukrainischen Geflüchteten dabei, sich in Deutschland zu integrieren, und meine eigenen Erfahrungen lassen mich klar erkennen: Ihre Rückkehr könnte noch viel schwieriger werden als meine.

Denn jetzt im Krieg verändert sich die Ukraine noch schneller, als sie es sowieso schon immer getan hat. Ich habe Freunde in der Ukraine, die alle drei Jahre des großen Krieges dort verbracht haben. Wenn ich mit ihnen rede, fällt mir auf, dass sie neue Wörter, Gewohnheiten, Reaktionen und Witze haben, die ich nicht verstehe. Nach drei Jahren Kriegsstress und Anpassung an die neuen Lebensrealitäten sehen die Ukrainer*innen in der Ukraine die Welt mit ganz anderen Augen. Wir, die wir nicht dort leben, bekommen davon kaum etwas mit.

Das bedeutet nicht, dass wir alle nun für immer im jeweiligen Ausland bleiben sollten. Denn von vielen Beispielen, andere als meine, weiß ich: Auch die Reintegration dauert nicht ewig, wir Menschen passen uns an. Aber es braucht seine Zeit. Schließlich sollt man nicht nur für den Umzug in ein neues Land, sondern auch für die Rückkehr in die Heimat bereit sein.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.

Kolumne

Tamriko Sholi

Wer bin ich, wenn ich keine Heimatgefühle mehr habe? Was machen Krieg und Flüchtingsdasein mit mir? Darüber schreibt die ukrainisch-georgische Schriftstellerin Tamriko Sholi in Transitraum