Fragen an das Leben - Judith Hermann
"Allein sein hat etwas Exquisites", sagt Autorin Judith Hermann
Dirk von Nayhauß
Schriftstellerin Judith Hermann
"Ein Netz aus den Welten der Bücher"
Ohne Lesen käme sie nicht durchs Leben. Schriftstellerin Judith Herrmann im Gespräch über ihre Kraftquellen Schwimmen in kaltem Wasser, allein sein und die Frage: Wann ist man endlich angekommen?
Dirk von Nayhauß
27.05.2021
4Min

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Judith Hermann: Ich gehe von Frühjahr bis Herbst in der Nordsee ­schwimmen. Dieser Moment, in dem ich in das kalte ­Wasser eintauche, macht mich sehr glücklich. Schwimmen in ­kaltem ­Wasser macht mich stärker, körperlich und mental. Ich bin im ­Wasser am ehesten das, was man gegenwärtig nennt, ich kann mich von all meinen Schwierigkeiten entfernen. Komme ich wieder raus, bin ich geerdeter.

Dirk von Nayhauß

Judith Hermann

Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, ­studierte fünf ­Semester Germanistik und Philosophie und ­besuchte dann die ­Berliner Journalistenschule. Mit ihrem ­ers­ten Erzählband "Sommerhaus, später" (in 29 ­Sprachen übersetzt) wurde sie schlagartig bekannt. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, darunter den Kleist-, den Friedrich-­Hölderlin- und den ­Erich- Fried-Preis. ­Judith ­Hermann hat ­einen ­erwachsenen Sohn und lebt in Berlin und in Ostfriesland.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich möchte mir keine unverankerte Welt vorstellen. Ich möchte mir vorstellen, dass es für all diese nicht zu be­greifenden Dinge, die mir und uns geschehen, einen Grund gibt. Ich bin konfessionslos, aber ich gehe häufig in Kirchen, vorzugsweise, wenn sie leer sind. Gern in katholische, was sicher mit meiner Neigung zu Kerzen, Bildern, Ritualen ­zusammenhängt. Ich gehe in die Kirche, wenn ich trostbedürftig, wenn ich erschöpft bin. Der Kirchenraum konzentriert die Gedanken, die mir in schwierigen Zeiten oft davonfliegen, schrecklich werden, ohne jede Zuversicht. Diese Not in einer Kirche zu bedenken, zu beschreiben – und in gewisser Weise auch darauf zu hoffen, dass sie ein Ende haben mag – strukturiert sie und macht sie erträglicher.

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Muss man den Tod fürchten?

Ich kann nicht glauben, dass alles aufhört, wenn wir sterben. Ich möchte mir eine liegende Acht vorstellen, Neuanfang, Wiederkehr in einer anderen Gestalt. In den Momenten, in denen mir diese schlichte Vorstellung gelingt, fürchte ich ihn nicht. Die Frau eines engen Freundes hat seine Asche auf einer Wiese in den Downs in England verstreut. Im Jahr darauf wuchsen an genau dieser Stelle Lichtnelken. Das ist ein einfaches Bild, aber manchmal können die Dinge einfach sein, oder? Rausgehen und sehen, was die Welt dir erzählt: Wenn du dich darauf einlässt, ist sie voller Zeichen.

Wer oder was hilft in der Krise?

Lesen. Ohne Lesen käme ich nicht durchs Leben. Wenn ich ein Buch ausgelesen habe, fange ich sofort das nächste an. Ohne ein Buch zu sein, hat etwas von freiem Fall. Unterhalb meiner Welt ist ein Netz aus den Welten der Bücher, das mich trägt und hält.

Leseempfehlung
Markus Wanzeck/Zeitenspiegel

Wie gehen Sie mit Einsamkeit um?

Es hat mich zu Beginn der Pandemie beschämt zu denken: Mir fehlt nichts, ich habe nicht die geringsten Schwierigkeiten, allein zu sein. Ich mag es, mich mit meinen Ge­danken und offenen Fragen zu beschäftigen, mit Tagträumen oder mit dem, was war. Ich sehe gern aus dem Fenster. Ich bin gern und viel mit Menschen zusammen, aber Alleinsein hat etwas Exquisites.

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Was hätten Sie gern schon mit 16 gewusst?

Dass alles, was du tust, die Dinge verändert? An die Tür meiner ersten eigenen Wohnung habe ich geschrieben: "Je ne regrette rien", "ich bereue nichts". Offenbar war ich vollkommen ahnungslos. Oder eben nicht – ich habe geahnt, dass ein großer Teil des Lebens aus Reue bestehen wird, und dachte vielleicht, ich käme drum herum. Ich bereue einiges. Als ich 18 Jahre alt war, bin ich mit meiner Großmutter verreist, auf dem Rückweg sind wir mit dem Zug über Aachen gefahren. Sie fragte mich, ob ich einen Tag dranhängen und mit ihr in den Aachener Dom gehen würde. Ich sagte: "Nein danke, ich habe zu tun", und sie blieb allein in Aachen. Wir waren eng; kurze Zeit später ist sie gestorben. Es war unsere letzte Reise, das habe ich damals natürlich nicht gewusst. Wenn ich heute durch Aachen komme, gehe ich in den Dom und zünde für meine Großmutter und mich eine Kerze an.

Wo ist Heimat?

Der Titel meines neuen Buches ist "Daheim" – das Wort kommt aber im Buch nicht vor. Daheim ist ein ideeller Zustand, eine Utopie. Früher dachte ich, es ginge im Leben darum, irgendwo anzukommen und einen Tisch zu installieren, an dem ich ein für alle Mal sitzen werde mit den Menschen, die mir wichtig sind. Aber die Reise hört auch mit 50 nicht auf, die Tische werden immer ab- und an anderen Orten wieder aufgebaut. Das Gefühl der Ankunft ist nur für eine begrenzte Zeit möglich. Meine Familie gibt mir einen Halt, auf den ich mich verlasse – und trotzdem ist alles gestundet. Am verlässlichsten ist es, in kaltem Wasser schwimmen zu gehen.