Interview mit Bethel-Vorstand
Ist die Inklusion bedroht?
Der Rechtsruck wirkt sich auch auf Menschen mit Beeinträchtigung aus. Bartolt Haase, Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, ist erschrocken, wie mittlerweile über sie gesprochen wird
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Anna Lotta Maria Schulze
Tim Wegner
Tim Wegner
02.09.2026
9Min

chrismon: Als Sie Ihr Amt antraten, sagten Sie, der Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wolle sich stärker für demokratische Werte einsetzen. Warum?

Bartolt Haase: Wir spüren deutlich, dass sich die Gesellschaft verändert. Dinge, die wir vor ein paar Jahren noch für selbstverständlich hielten – dass Menschen mit Behinderung dazugehören, dass wir ihnen gemeinsam einen Platz sichern –, geraten ins Wanken.

Manchmal werden wir inzwischen angegangen, wenn wir unser Menschenbild in der Öffentlichkeit vertreten. Da verschiebt sich etwas in der Wahrnehmung unserer Arbeit und im Blick auf die Menschen, für die wir da sind.

von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Vorstand, Gruppenfoto und Porträts des neuen Vorstands, Vorstandsvorsitzender Dr. Bartolt Haase, Foto: Christian WeischeChristian Weische

Bartolt Haase

Bartolt Hasse ist Theologe und seit Februar 2026 Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Im Vorstand ist er bereits seit Januar 2022. Zuvor war er Theologischer Vorstand und Vorstandssprecher der Stiftung Eben-Ezer, die 2022 als fünfte Stiftung dem Verbund Bethels beigetreten ist.

Zum Beispiel?

Im vergangenen Herbst gab es unsere große Plakatkampagne, wie in jedem Jahr, "Siehst du mich?" hieß sie zuletzt. Wir zeigten Menschen, die wir begleiten. Auf einem Plakat sah man einen Menschen mit einer deutlich sichtbaren Behinderung. Im Internet kamen Kommentare mit dem Tenor: Solche Menschen könne man doch nicht in der Öffentlichkeit zeigen, die gehörten hinter verschlossene Türen. Dass so etwas direkt und plump auf unseren Social-Media-Seiten steht, hat uns erschrocken.

Dazu kommen Fragen, die früher niemand gestellt hätte: Müssen wirklich alle Kinder zur Schule? Warum haben behinderte Menschen ein Recht auf Arbeit? Wieso leisten wir uns Inklusion? Da müssen wir die Stimme erheben – für die Werte Bethels. Das sind Grundwerte eines demokratischen Miteinanders!

Warum wird der Ton härter?

Die extremen Kräfte werden stärker, die Gewalttaten aus dem antidemokratischen Lager nehmen zu. Was früher tabu war, wird heute wieder öffentlich postuliert. Auch die Verteilungskämpfe in Krisenzeiten nehmen zu.

Zugleich fragen uns die Mitarbeitenden: Wie positioniert sich Bethel? Viele sagen: Ich arbeite hier, weil eure Werte meinen eigenen entsprechen. Deshalb müssen wir uns mutiger zu diesen Werten bekennen.

Wie würden Sie die Werte Bethels heute formulieren?

Als das, was Bethel im Kern immer schon ausmacht. Wir sind für Menschen da, wir lassen niemanden fallen. Wir wollen jeden Menschen in seiner Lebenssituation ernst nehmen und begleiten ihn dabei, ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen zu können – ob er nun kurz ins Krankenhaus kommt, durch eine Behinderung lebenslang eingeschränkt ist oder im Alter hoch dement wird. Jeden einzelnen Menschen als von Gott geliebt wahrzunehmen und ihm eine würdevolle Begleitung anzubieten, ist unser Auftrag.

Sie sind auch Auftraggeber für andere Firmen. Wie gehen Sie damit um, wenn etwa ein Handwerksbetrieb für Sie arbeitet, dessen Inhaber für eine extreme Partei kandidiert?

Wir erwarten von allen Geschäftspartnern, dass sie unsere Werte achten, solange sie bei uns tätig sind – und dass sie ihren Auftrag nicht für Parteipolitik nutzen. Bei neuen Partnern fordern wir zunehmend einen Verhaltenskodex ein. Bethel ist qua Satzung eine überparteiliche Stiftung. Wir grenzen keine Partei pauschal aus, machen uns aber auch mit keiner gemein.

Wir setzen uns für die Gleichheit und Würde aller Menschen ein und treten dort entgegen, wenn sie verletzt werden. Wir können niemandem kündigen, weil er sich politisch engagiert. Das ist eine Gratwanderung. Merken wir in der Zusammenarbeit, dass es nicht passt, müssen wir reden – und notfalls getrennte Wege gehen.

Viele Menschen haben heute keine kirchliche Bindung mehr. Wie wollen Sie die Werte hochhalten, wenn die Mitarbeitenden gar nicht mehr christlich geprägt sind?

Wir müssen heute selbst vermitteln, was die Leute früher mitbrachten. Neue Mitarbeitende durchlaufen Schulungen, in denen sie ihre Einrichtung und die Region kennenlernen. Da gibt es mehrere Bausteine. Am "Betheltag" zum Beispiel sehen viele zum ersten Mal überhaupt eine Kirche von innen, wenn wir mittags gemeinsam in die Zionskirche gehen. Das Schöne ist: Wir erleben dabei keine Abwehr, sondern Neugierde und Offenheit.

Björn Höcke nannte Inklusion ein "Ideologieprojekt" und sprach von "Belastungsfaktoren", die man aus den Schulen nehmen müsse. Die Nationalsozialisten nannten Menschen mit Behinderung "Ballastexistenzen". Schon sehr ähnliche Begriffe …

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Das Ermutigende ist aber: Im Gespräch mit seriösen Politikerinnen und Politikern erlebe ich, dass sie diese Gefahr genau sehen. Kritisch würde es erst, wenn es wirklich eine große Mehrheit gäbe. Trotzdem stellen wir uns die Frage: Wo verläuft die Grenze? Wo ist ein No-Go, wo müssen wir rechtzeitig die Stimme erheben?

"Es kann jeden treffen"

Bartolt Haase

Man ertappt sich ja selbst dabei, Wörter zu benutzen, die vor fünf Jahren tabu waren – der Begriff "Remigration" etwa steht heute in ganz normalen Artikeln. Müssen wir auf unsere Sprache aufpassen?

Empathie ist das Wichtigste überhaupt. Was macht es mit Menschen, wenn sie hören, wie über sie geredet wird? Mich hat zum Beispiel die Stadtbild-Debatte beschäftigt. Wir haben hier ein großes Angebot für wohnungslose Menschen, die Kolleginnen leisten eine engagierte Arbeit. Wird so eine Debatte dann polemisch geführt, greift das die Betroffenen an – und auch die, die ihnen helfen. Denn unsere Mitarbeitenden gehören ja auch zu diesem Stadtbild. Die eigentliche Not gerät aus dem Blick.

Vielleicht denken viele: Behinderung – das hat mit mir zum Glück nichts zu tun, ich habe zwei gesunde Kinder …

… es kann jeden treffen. Nur drei Prozent der Behinderungen sind angeboren, alle anderen erwirbt man im Laufe eines Lebens; durch einen Unfall oder eine Erkrankung. Gerade läuft zum Beispiel unsere Kampagne "Helmliebe". Die Unfälle mit E-Rollern haben dramatisch zugenommen. Wir wollen Menschen motivieren, einen Helm aufzusetzen, wenn sie Rad oder Roller fahren – und zugleich sensibilisieren: Ein Unfall kann von jetzt auf gleich passieren, und dann ist man selbst auf Hilfe angewiesen. Oft für den Rest des Lebens! Schirmherr ist Fabian Klos, der frühere Fußballer von Arminia Bielefeld, der selbst einmal eine schwere Kopfverletzung hatte.

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Könnten wir hier in der Gegend Menschen treffen, denen so etwas zugestoßen ist?

In Eckardtsheim, am Stadtrand von Bielefeld, haben wir gerade eine große Einrichtung mit 80 Plätzen für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen eröffnet. Manche können sich irgendwann wieder bewegen, bei anderen bleibt eine geistige Einschränkung, wieder andere sind ganz auf Pflege angewiesen.

Oft sind es junge Menschen. Die Zahlen nehmen zu, zum Beispiel wegen schwerer Unfälle auf Elektrorollern. Ein anderer Fall ging gerade durch die lokale Presse: Hier in der Region stürzte ein Jugendlicher im Schwimmbad vom Dreimeterbrett. Seitdem muss er beatmet und rund um die Uhr intensiv gepflegt werden, weil er nichts mehr selbst machen kann. Das ist so bitter.

"In Wahrheit schließt sie sehr viele Menschen vom Arbeitsleben aus"

Bartolt Haase

Hat die Pränataldiagnostik den Blick auf Menschen mit Behinderung verändert? Was raten Sie jungen Frauen?

Über die Entscheidung einer Frau will ich nicht richten. Vieles an der Schwangerschaftsbegleitung ist ja gut: Sie soll Frau und Kind gesund durch die Schwangerschaft tragen. Problematisch wird es, wenn daraus eine Frage nach dem Wert des Lebens wird, wenn also Druck in unserer Gesellschaft entsteht, sich gegen ein vermeintlich behindertes Kind entscheiden zu müssen.

Die Statistik zeigt einen Zusammenhang: mehr Tests, mehr Abbrüche. Wir wollen deshalb auch die andere Perspektive ins Gespräch bringen – durch Beratung, vor allem aber durch Begegnung. In unseren Schulen lernen viele Kinder mit Trisomie 21, man erlebt, wie lebensfroh sie ihren Weg gehen, wie glücklich ihre Eltern und welche Bereicherung sie für alle in ihrem Umfeld sind.

Im April machte der Paritätische Wohlfahrtsverband ein vertrauliches Papier öffentlich: Bund, Länder und Kommunen verhandeln Kürzungen von mindestens 8,6 Milliarden Euro im Sozialen. Was davon trifft Sie in Bethel?

Neu für uns ist, dass alle unsere Arbeitsfelder zugleich unter starken finanziellen Druck geraten. Früher traf es mal die Pflege, mal die Behindertenhilfe – jetzt steht alles gleichzeitig unter Sparzwang. Wir sind gar nicht gegen Reformen: Wenn Fachkräfte knapper werden, kann man manches besser organisieren, regional bündeln.

Es darf nur nicht dazu führen, dass am Ende Menschen keinen Zugang mehr zur Versorgung haben. In der Behindertenhilfe sorgt mich besonders, dass Menschen still und leise aus der Teilhabe ausgegliedert würden, falls die Sparpläne umgesetzt werden.

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Das müssen Sie bitte erklären.

Es wird zum Beispiel diskutiert, die Fahrtkosten zu den Werkstätten nicht mehr wie bisher zu finanzieren. Die Menschen mit Behinderung, so heißt es, sollten doch den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Tatsächlich käme ein Großteil dann gar nicht mehr zur Arbeit, weil der Nahverkehr nicht barrierefrei funktioniert.

Rolltreppen sind kaputt, Aufzüge defekt. Andere können es trotz intensiver Trainings alleine einfach nicht schaffen. Auf dem Papier ist das nur eine kleine Sparmaßnahme. In Wahrheit schließt sie sehr viele Menschen vom Arbeitsleben aus. Dabei galt jahrzehntelang als Grundüberzeugung: Jeder Mensch soll am Arbeitsleben teilnehmen können.

"Es geht klar rückwärts"

Bartolt Haase

Fallen wir zurück in die 70er Jahre?

Das müssen wir unbedingt verhindern. In den 70er Jahren gab es einen großen Aufbruch, das Individuum rückte in den Blick. Vorher gab es Anstalten, in denen man die Menschen eher verwahrte. Ich will nicht sagen, dass wir komplett dorthin zurückkehren, aber es geht klar rückwärts.

Ich erinnere mich an einen Bewohner in der Stiftung Eben-Ezer in Lemgo, wo ich vorher gearbeitet habe. Er lebte seit 40, 50 Jahren dort und konnte sehr anschaulich erzählen, wie sich sein Leben Schritt für Schritt verbessert hat: Angefangen hatte er im Schlafsaal mit 40 anderen, dann kamen Sechser-, Viererzimmer, zuletzt lebte er im Einzelapartment und kam mit seinem Rollstuhl gut zurecht. Das war seine Erfolgsgeschichte.

Wenn man ihm heute sagt, er muss sich das Bad wieder mit anderen teilen, lässt sich diese Geschichte des selbstbestimmten Lebens nicht mehr erzählen. Für so einen Menschen und für mich persönlich wäre das eine Riesenenttäuschung.

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Die Streichliste trifft auch die Schulassistenzen. Was hätte das für Folgen?

Am Ende müsste man die Kinder mit Assistenzbedarf wieder aus den allgemeinen Schulen herausnehmen und eigene Systeme aufbauen. Ein Kind dauerhaft in einem Extrasystem zu begleiten, ist viel teurer. Man spart die Assistenz an einer Stelle und muss an anderer investieren. Neben den ethischen Fragen ist das also nicht einmal wirtschaftlich schlau.

Dasselbe gilt für die Prävention: Streicht man die Schulsozialarbeit – ebenfalls ein Vorschlag, der im Moment diskutiert wird – kommen mehr Kinder in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die ist aber eh schon komplett überlastet.

Damit wir uns richtig verstehen: Wir sind nicht gegen Veränderungen und Reformen. Wir müssen über Qualitätsstandards und Qualitätsvorgaben sprechen. An mancher Stelle kann man vom hohen Standard heruntergehen – aber man darf das Angebot nicht ganz einstellen. Das wäre fatal.

Wir brauchen eine Flexibilisierung von Personalvorgaben sowie den Abbau überflüssiger Melde- und Nachweispflichten. Notwendige Dokumentationsanforderungen müssen konsequent digitalisiert und länderübergreifend harmonisiert werden, das schafft Einsparungen.

Gibt es auch etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Ja. Bei aller schlechten Stimmung erlebe ich, wenn ich Einrichtungen besuche, eine große Gemeinschaftskraft. Viele junge Menschen machen ihre Arbeit hochmotiviert und entscheiden sich mit Begeisterung dafür. Immer mehr Menschen suchen einen Beruf, der Sinn stiftet. Dieses Potenzial dürfen wir nicht verbrennen – nicht durch Druck, nicht durch Bürokratie. Das ist oft weniger eine Frage des Geldes als der Kultur: Wie gestalten wir unsere Arbeit, wie führen wir, damit die Menschen die Freude an ihr behalten?

Sie hospitieren regelmäßig in unterschiedlichen Häusern der Stiftung. Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

In Dortmund, in einem unserer Wohnheime, traf ich einen Mann Mitte 30. Am ersten Tag umkreiste er mich ein wenig, er merkte: Da ist ein Pastor. Am zweiten Tag kamen wir ins Gespräch. Ihn beschäftigte das Thema Patientenverfügung – er wollte regeln, was geschieht, wenn er einmal selbst nicht mehr sprechen kann.

Wir haben bei uns eine Patientenverfügung in Leichter Sprache, die habe ich ihm zugeschickt, inzwischen hat er sie ausgefüllt und ist deutlich ruhiger geworden. Zu meiner Einführung im Januar war er dann in der Kirche dabei und hat ein Segenswort mitgesprochen. Und nun bin ich nach Dortmund zum Sommerfest eingeladen. Das sind die Highlights.

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