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Was wussten die Deutschen vom Holocaust? Das ist eine Frage, die seit Jahrzehnten diskutiert wird und viele Menschen immer noch nicht loslässt – gerade mit Blick auf die eigene Familiengeschichte. Ihr widmet sich eine Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrum Topografie des Terrors. Sie kommt zu einem klaren Ergebnis, führt aber zu einer weiteren Frage, auf die sie keine ebenso überzeugende Antwort zu geben weiß.
Noch lange nach dem Ende der NS-Diktatur haben viele Deutsche behauptet, sie hätten von der Verfolgung und Ermordung der Juden nichts gewusst. Das haben ihnen schon die eigenen Kinder nicht geglaubt, was in den 1960er und 1970er Jahren zu massiven Generationenkonflikten führte.
Ich selbst bin dieser Entlastungsbehauptung (oder: Entschuldigungslüge) schon lange nicht mehr begegnet, war aber dankbar, wie gründlich und eindringlich die Ausstellung sie mithilfe gut gewählter Beispiele widerlegt. Große Teile der Entrechtung, Beraubung und Verschleppung geschahen in Deutschland vor aller Augen. Nicht wenige haben direkt davon profitiert. Über das, was im Osten geschah, berichteten Soldaten – mal zustimmend begeistert, mal verzweifelt flüsternd. Man wusste "es" also oder hätte es wissen können. Doch gibt es einen Unterschied zwischen "wissen können" und "wissen wollen". Viele Deutsche, so die Ausstellung, konnten von den epochalen Menschheitsverbrechen wissen, wollten es aber nicht.
Aber was folgt aus dieser Einsicht, die heute kaum jemand mehr bestreitet? Hierzu widmet sich ein zweiter Ausstellungsteil der Frage , warum so wenige Deutsche Widerstand geleistet haben. Er hat mich weniger angesprochen. "Widerstand" ist ein hehres Wort, aber mir scheint, dass zu wenig bedacht wird, wie riskant und oft genug aussichtslos er war.
In einem etablierten totalitären System des Terrors ist Widerstand keine realistische Option (für das Verstecken eines Juden brauchte man etwa 15 Mitstreiter, denen man unbedingt vertraute). Natürlich gibt es auch hier gewisse Spielräume freier Entscheidung (zum Beispiel nicht mitzumachen). Aber es gibt keine Möglichkeiten, sich mit vielen Gleichgesinnten zu verbinden und mit Erfolgsaussicht auf einen Regimewechsel hinzuarbeiten.
Diese Chance hätte höchstens das Führungspersonal der Armee gehabt. Trotzdem gab es Einzelne, die mutig ihre Stimme erhoben oder die selbstlos anderen geholfen haben. Das sind ergreifende und immer noch inspirierende Zeugnisse einer Menschlichkeit in menschenfeindlichen Zeiten. Aber – das muss man so deutlich sagen – am Gesamtgeschehen haben sie nichts ändern können. Eine begrenzte Ausnahme war der Protest gegen den NS-Terror gegen Menschen mit Behinderung.
Vor einigen Wochen habe ich mit dem Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt in meinem Podcast über sein Buch "Der vergessene Widerstand" gesprochen. Darin erzählt er, wie viele jüdische Männer und Frauen sich gegen den NS-Terror gewehrt haben. Auf sehr unterschiedliche Weise: mit Waffen, im KZ, auf der Flucht, in Verstecken, mit geistigen Mitteln. Das widerspricht dem Klischee, wonach die meisten Juden ihr gewaltsames Ende ohne Gegenwehr erduldet hätten. Lehnstaedt erzählt von großem Mut und überwältigender Menschlichkeit, aber auch von moralischen Dilemmata und am Schluss von tragischer Vergeblichkeit. Zwar konnte der jüdische Widerstand einige Menschen retten – und für jeden einzelnen hat es sich gelohnt –, aber am großen Ganzen konnte er nichts ändern.
Nicht verfolgte Deutsche hatten mehr Möglichkeiten, sich zu widersetzen. Aber mir scheint, dass sich viele heute – zum Glück – nicht mehr vorstellen können, wie es ist, in einem Gewaltsystem zu leben. Manche haben deshalb ein naives, vielleicht sogar romantisches Verständnis von "Widerstand" und blenden aus, dass versuchte Auflehnung zumeist zu Inhaftierung, Folter und Tod führte. Ein Beispiel ist der Wuppertaler Vikar Helmut Hesse, von dem die Ausstellung erzählt: Er hatte den Mut, gegen die Ermordung der Juden zu protestieren und für die Verfolgten zu beten.
Auf der Tafel wird aber nicht berichtet, wohin ihn das geführt hat. Dazu muss man das ausliegende Heft mit Dokumenten lesen: Hesse wurde sofort denunziert, verhaftet und starb kurz darauf im KZ. Dasselbe Schicksal erlitt der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg. Beide waren übrigens nicht verheiratet und hatten keine Kinder.
Warum hacke ich auf diesem Punkt so herum? Nicht um die Feigheit oder Anpassungsbereitschaft von Kirchenleuten damals zu entschuldigen, sondern wegen einer Lehre für heute. Ich glaube, dass man aus dem Verhalten der Deutschen in der NS-Diktatur für die Gegenwart lernen kann und soll. Dazu gehört die nüchterne Einsicht, dass in einer gefestigten Diktatur Widerstand kaum eine Chance hat (man denke nur an den Iran). Zurzeit meinen manche angesichts hoher Zustimmungswerte für die AfD, dass man ihnen mal ein östliches Bundesland überlassen sollte. Dagegen würde ich sagen, dass Rechtsextreme niemals an die Macht kommen dürfen, denn sie sind so gewissenlos und gewaltbereit, dass sie jede Form von Opposition brutal unterdrücken werden.
Entscheidend ist deshalb die Zeit davor. Entscheidend ist, dass sie nicht an die Macht kommen. Entscheidend ist jetzt. Das hätte diese ansonsten sehr lehrreiche Ausstellung deutlicher machen sollen.
Die Ausstellung: "Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?" läuft noch bis Januar 2027 in Berlin.
Die Podcastfolge von "Draussen mit Claussen" mit Stephan Lehnstaedt über sein Buch "Der vergessene Widerstand" können Sie hier nachhören.









