Mann spricht mit Händen Gebärdensprache
Ganz klar: eine Katze. Samuel Z. kann schon ziemlich viele Tiere gebärden
Tara Wolff
Vater lernt Gebärdensprache
Das Kind ist taub - und nun?
Sein Sohn kam taub auf die Welt. Der Kleine kommt schnell voran, der Vater tut sich schon schwerer. Von medizinischer Seite heißt es: Gebärdensprache müssten die Eltern nicht lernen. Sie tun es trotzdem – und haben großen Erfolg
11.10.2023
3Min

Samuel Z., 32:

Beim Neugeborenen-Hörscreening war noch alles in Ordnung gewesen. Als Meo aber später auf Türknallen und andere laute Geräusche nicht reagierte, ahnten wir, dass ­etwas nicht stimmt. Vielleicht war deswegen der Schock nicht so groß, als die Diagnose kam: taub. Die Ursache dafür kennen wir nicht.

Jetzt ist Meo zwei Jahre alt. Seit Januar trägt er ein Cochlea-Implantat. Das wird nach und nach "aktiviert", damit er sich langsam an die akustischen Reize gewöhnen kann. Momentan hört er hohe und tiefe, laute und leise Töne. Aber Türknallen von einer Trommel unterscheiden kann er noch nicht. Auch wenn Meo mit Implantat gut hören und sprechen lernt, wird es anstrengend sein, wenn viele Menschen zusammenkommen und reden.

Trotz Cochlea-Implantat: Er soll die Wahl haben

Wir Eltern lernen darum Gebärdensprache – das erleichtert Meo wiederum das Erlernen der Lautsprache. Er soll die Wahl haben, wann er Laut- oder ­Gebärdensprache nutzen will. Auch mit uns.

Von medizinischer Seite kam wenig Unterstützung. Gebärdensprache? Nicht nötig. Uns wurde nicht gesagt, dass wir einen Rechts­anspruch auf einen individuellen Hausgebärdensprachkurs für uns ­Eltern und für Meo haben. Dabei lässt es sich im gewohnten ­privaten Umfeld deutlich leichter lernen. Von der Sprachschule bekam ich einen Kostenvoranschlag: 30 000 Euro für ein Jahr mit wöchentlich vier Stunden. Bis unser ­Antrag vom Jugendamt bewilligt wird, können noch ­etliche Monate vergehen. Aber wir nehmen jetzt jede Woche anderthalb Stunden Unterricht. Meos Sprachentwicklung soll nicht weiter verzögert werden.

Früher durften taube Kinder gerade in der Schule nicht mit den Händen kommunizieren. Die hatten immer unten zu bleiben. Die Kinder wurden nur zum Sprechen ­erzogen. Erst 2002 hat Deutschland sich mit dem Behindertengleichstellungsgesetz verpflichtet, gegen Diskriminierung vorzugehen, und die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als eigenständige Sprache anerkannt. Passiert ist seitdem wenig. Dolmetschende bei Behörden oder Bildungseinrichtungen findet man kaum. Anlaufstellen für uns sind vor allem Sozialverbände und die Gehörlosen-Community. Für viele dort ist Gebärdensprache ihre Muttersprache.

"Tasse leer" - so was kann er schon gebärden

Ich selbst bin zweisprachig aufgewachsen. Wenn ich mit Meo gebärde, spreche ich dazu nicht Deutsch, sondern Spanisch. Aber ich bin zuversichtlich, dass er dadurch nicht überfordert wird. Er ist ein neugieriges, entspanntes Kind, lernt schnell. Mit Hilfe einfacher Gesten macht er sich bereits verständlich. "Tasse leer" – solche kurzen Sätze zu gebärden klappt gut.

Meos Einschränkung durch die Behinderung hält sich in Grenzen. Er bekommt von seiner Tagesmutter nicht alles immer sofort mit, was sie und die anderen vier ­Pflegekinder machen. Auf dem Spielplatz irritiert es ­manche Kinder, wenn er nicht auf ihre Aufforderung, einen Sandkuchen zu backen, reagiert. Aber wenn beide Seiten ihre Körpersprache – mit dem Finger zeigen, Kopfschütteln – nutzen, funktioniert auch das.

Mich in dieser neuen Situation einzurichten, macht mir zwar Freude, bringt mich aber regelmäßig an meine Belastungsgrenze. Wenn Meo sich mit seinem Laufrad zu schnell zu weit von mir entfernt und ich ­hinterhersprinten muss, weil er mein Rufen nicht hört, wird mir meine ­eigene Anstrengung und Anspannung bewusst.
Es schlaucht, sich diese neue Sprache anzueignen. ­Immerhin konnte ich als Psychologe meine Arbeitszeit verkürzen. Zum Vokabellernen kommen wir jedoch kaum. Wir benutzen eine Lexikon-App, die uns neue Worte als Gebärde zeigt. Beim abendlichen "Vorlesen" haben wir uns so mit der Zeit etliche Tiernamen eingeprägt.

Bei uns in der Familie wurde mit viel Mitgefühl auf Meos Taubheit reagiert. Nur meine Oma hat geweint. Sie fragt sich, warum Gott ihm das angetan hat. Mein Vater sieht das pragmatischer, beherrscht schon einige ­Gebärden. Üblicherweise gebraucht er "Banane", ­"schlafen" oder "essen". Beim Babysitting gelingt die Verständigung zwischen Meo und ihm ganz gut.

Unsere Familienplanung hat das alles nicht beeinträchtigt. Sein neugeborenes Geschwisterchen wird ganz selbstverständlich bilingual mit Laut- und ­Gebärdensprache aufwachsen.

Protokoll: Christa Roth

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