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Für Arne Semsrott ist es ganz klar: "Eine wehrhafte Demokratie kann ohne Orte wie den Moritzhof nicht bestehen." Das Angebot, seine Lesung in Magdeburg dort im Kulturzentrum zu halten, sei sofort gekommen: "Voraussetzungslos." Ein Safe Space.
Arne Semsrott ist Journalist, Aktivist und Projektleiter des Transparenzportals "FragDenStaat". Gerade ist sein neues Buch mit dem Titel: "Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück" erschienen. Auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt sollte er daraus in der Stadtbibliothek in Magdeburg lesen.
Doch die Lesung wurde von der Stadt abgesagt. Warum? Das hat Arne Semsrott bis heute nicht offiziell gehört. Die Bürgermeisterin widerspricht öffentlich seiner Theorie, dass es Druck aus der AfD-Fraktion gab. Anstatt still auf einen anderen Ort auszuweichen, ist Arne Semsrott in die Öffentlichkeit gegangen. Daraufhin gab es Proteste, vor allem eben auch in Magdeburg. Und es kam die Einladung an ihn vom Kulturzentrum Moritzhof.
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Katrin Gellrich leitet den Moritzhof. Sie ist studierte Dramaturgin, bezeichnet sich selbst als Kulturmanagerin und wusste, dass sie sofort reagieren musste, als sie von der Absage erfuhr: "Genau dafür sind Einrichtungen wie der Moritzhof da. Wir bieten einen sicheren Ort - und wir ermöglichen dann auch eine kontroverse Diskussion, natürlich." Aber vor allem anderen geht es erst mal um einen Ort, an dem bestimmte Dinge nicht ausdiskutiert werden müssen: Alle Menschen sind gleich zum Beispiel.
Der Moritzhof war bis in die 1960er Jahre ein landwirtschaftlicher Betrieb und wurde in der DDR-Zeit Teil einer LPG. Damit begann der wirtschaftliche Niedergang, der Hof wurde geschlossen, es folgten viele Jahrzehnte der Fremdnutzung und Verfall. 2006 wurde der Hof zum Kulturzentrum umgebaut, organisiert von einem Verein, zu gut einem Drittel finanziert durch die Stadt; der Rest musste selbst erwirtschaftet werden.
Es gibt noch vier weitere, ähnlich organisierte Zentren in der Stadt. Der Moritzhof, so Katrin Gellrich, sei das größte und bekannteste. Ein Schwerpunkt der kulturellen Arbeit ist das hauseigene Kino. Daneben organisieren Katrin Gellrich und ihr Team Konzerte, Lesungen und vor allem auch viel Stadtteilarbeit. Der Hof liegt in der Neuen Neustadt, einem Viertel, das mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen kämpft. Die Bevölkerung ist gemischt, viele unterschiedliche Nationalitäten, oft auf engem Raum, wenig gemeinsamer kultureller Hintergrund. "Die Menschen hier", weiß Katrin Gellrich, "sind schwer zu erreichen." Umso wichtiger ihre Arbeit.
Magdeburg als alte "Arbeiterstadt", so berichtet sie, hatte schon immer einen Schwerpunkt auf Wirtschaftsthemen. Kultur muss sich behaupten, erst recht jetzt, in Zeiten knapper Kassen. Andererseits gebe es viel Unterstützung für kulturelle Arbeit im Stadtrat und in vielen Gremien. Dort wisse man sehr genau, dass der Moritzhof Lücken füllt, die die staatliche Sozial- und Kulturarbeit nicht leisten kann. Und der Fall Semsrott habe gezeigt: Magdeburg hat eine aktive, kulturell interessierte Zivilgesellschaft, und die wehre sich jetzt.
Wie das "sich wehren" geht, das lernen Katrin Gellrich und ihr Team seit Monaten in vielen Workshops und Fortbildungen: "Wir wissen jetzt besser, wie wir uns wehren können, wenn wir angegriffen werden." Ihr Selbstbewusstsein sei gewachsen.
Angriffe drohen vor allem von rechts. In ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Herbst 2026 habe die AfD klar Bezug auf soziokulturelle Einrichtungen wie den Moritzhof genommen und damit gedroht, Mittel zu kürzen. Dabei gehe es nicht nur um Geld, betont Katrin Gellrich. Schlimmer sei die in vielen Verwaltungen grassierende Angst vor einem Wahlsieg der AfD. Immer wieder kommen seit längerem schon Anfragen von dort, die vor allem verunsichern sollen: Wie denn diese oder jene Veranstaltung in einer Bücherhalle, einem Theater, einem Kulturhof mit dem angeblichen "Neutralitätsgebot" staatlicher Einrichtungen vereinbar sei?
Doch dieses angebliche "Neutralitätsgebot" ist ein Mythos, weiß Katrin Gellrich dank der Fortbildungen durch Juristen heute. Denn weit darüber steht der Auftrag an alle Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten: "Sie müssen jeden Angriff gegen die Demokratie abwehren."
Weder Katrin Gellrich noch Arne Semsrott wollen sich auf eine Pauschalbeschimpfung gegen "die" Verwaltung einlassen. Dafür gebe es viel zu viele mutige und auch kämpferische Menschen in den Behörden, vom höchsten Beamten bis zum Sachbearbeiter. Und von außen sei oft kaum einsehbar, wie sehr gerade diese Menschen sich in den letzten Jahren schon verausgabt, teilweise auch verkämpft hätten. "Subtiles Kleinhalten", nennt Arne Semsrott das: "Da wird so lange gebohrt, bis die Menschen einfach nicht mehr können und aufgeben."
In Magdeburg hat es nicht gewirkt. Die städtische Absage wurde zurückgezogen, Arne Semsrott liest jetzt im Moritzhof und in der Stadtbibliothek. Für dort hat die Bürgermeisterin zugesagt und Buchautor Semsrott freut sich auf eine offene und hoffentlich auch kontroverse Diskussion. Denn genau das will er ja: streiten. Für die Demokratie. In Magdeburg, das ist für ihn klar, hat die Zivilgesellschaft gesiegt.




