Väterzeit: Berufswünsche bei Kindern
Früh übt sich: Wenn es nach den Eltern ginge, würden viele Kinder Ärztinnen oder Ärzte werden
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Bevormundung und Freiheit
Vom Kinderspiel zur Menschenwürde
Es ist ein netter Zeitvertreib, die Kinder nach ihrem Berufswunsch zu fragen. Doch was, wenn sie wirklich einmal etwas werden, was den Eltern gar nicht passt?
Lena Uphoff
22.01.2026
4Min

Wenn es nach den Eltern ginge, hätten wir in diesem Land eine regelrechte Ärzteschwemme. Angesichts der langen Wartezeiten auf Facharzttermine wäre das einerseits ja gar keine schlechte Vorstellung. Andererseits: Wenn alle Ärztinnen und Ärzte sind, wer kocht uns dann gutes Essen im Restaurant? Und wer fährt den Bus oder die Bahn? Jedenfalls zeigen Umfragen immer wieder: Der Arztberuf steht auf Platz 1 der Berufe, die sich Eltern für ihre Kinder wünschen.

Das ist nachvollziehbar. Ärztinnen und Ärzte verdienen gut und niemand kann ernsthaft bestreiten, dass dieser Beruf sinnvoll ist. Ich finde die Vorstellung für unsere Kinder auch gut. Wobei es bei drei Kindern natürlich ideal wäre, wenn eines Arzt wird, eines Anwalt und das dritte Pfarrer. So wäre man für alle Fälle gerüstet.

Die Frage "Was willst du mal werden, wenn du groß bist?" gehört wohl zu den meistgestellten Fragen an Kinder überhaupt. Und es macht ja auch Spaß, gemeinsam darüber nachzudenken, was alles möglich wäre. Kindliche Antworten und elterliche Vorstellungen gehen dabei gerne auseinander.

Fragt man die Kinder selbst, stehen eher Polizist, Feuerwehrmann, Tierärztin oder Lehrerin oben auf der Liste. Manchmal sagen sie aber auch Müllmann oder Busfahrerin. Nichts gegen diese Berufe – wirklich nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Eltern, wenn sie dann sagen "Ja, das ist auch ein schöner Beruf", nicht ganz ehrlich ihre Meinung sagen. Vielleicht klicken sie danach vorsichtshalber im Lieblingsonlineshop auf einen Kinderarztkoffer, um die jungen Gedanken behutsam zu lenken.

Neulich, als wir in den Urlaub geflogen sind, sagte einer unserer Söhne, er wolle einer von denen werden, die auf dem Rollfeld am Flughafen herumfahren, Flugzeuge betanken und checken und Gepäck ein- und ausladen. Ich konnte diesen Wunsch gut verstehen. Für ein paar Tage würde mir das auch Spaß machen: Am Flughafen ist immer etwas los, langweilig wird es nicht, man kann große Maschinen bedienen und mit kleinen Autos herumflitzen.

Langfristig allerdings ist der Job vermutlich nicht besonders lukrativ und – gerade beim Koffertragen – auch körperlich wenig gesund. Es ist laut, mal eisig kalt, mal brütend heiß. Wenn man genau hinschaut, gibt es also einiges, was dagegen spricht.

Ich habe den Wunsch meines Sohnes nicht verkompliziert. Vermutlich war es ohnehin eine spontane Idee, die längst wieder vergessen ist. Außerdem lässt sich jeder Beruf schlechtreden. Wenn ein Kind Zahnarzt werden möchte, könnte man einen Vortrag über Mundgeruch halten. Und wenn es Pilot werden will, darüber sprechen, wie schlecht das viele Hin- und Herfliegen fürs Klima ist.

Wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke, wünsche ich mir natürlich, dass sie glücklich sind. Und das stelle ich mir am ehesten in einem Beruf vor, den ich selbst auch mögen könnte: Universitätsprofessor vielleicht. Oder Mitarbeiter in einem literarischen Verlag. Nur: Das sind meine Wünsche. Die meiner Kinder können ganz andere sein.

Als Eltern neigen wir dazu, Kinder in eine Richtung zu erziehen, die wir selbst gut finden. Gerade wenn sie klein sind, geht es ja auch gar nicht anders. Doch je älter sie werden, desto deutlicher tritt das Eigene hervor. Und dann müssen wir uns immer wieder sagen: Unsere Kinder sind nicht dazu da, unsere Wünsche zu erfüllen. Sie sind auch nicht dazu da, die Welt zu retten oder Großes zu erfinden. Sie haben keinen Zweck, der außerhalb ihrer selbst liegt.

Man kann es bei Immanuel Kant lesen, aber auch selbst auf die Idee kommen: Wer den Menschen verzweckt, in welche Richtung auch immer, beraubt ihn seiner Würde. Das widerspricht nicht zuletzt unserem Grundgesetz. Wer oder was ein Mensch sein will, kann nur er oder sie selbst bestimmen.

Der gedankliche Weg von der Würde des Menschen zum harmlosen Spiel, was man das Kind einmal werden will, hat eine ziemliche Fallhöhe, klar. Doch ist die Berufswahl nur ein kleines Beispiel für die grundlegende Frage: Ab wann muss ich als Elternteil akzeptieren, dass mir die Entscheidungen meiner Kinder vielleicht nicht gefallen und sie deswegen nicht falsch sind?

Wenn Sie volljährig sind? Das kann eigentlich nur ein Richtwert sein, denn jede und jeder weiß, dass sich Menschen unterschiedlich schnell entwickeln. Die eine ist mit 16 schon reif für eigenständige Entscheidungen, der andere vielleicht erst mit 21. Wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, müssen Eltern selbst erspüren und ihren Kindern dann zutrauen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

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Kolumne

Michael Güthlein
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Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: ein (2) und drei Kinder (11, 10, 6). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.