Nittendorf bei Regensburg: Stephan Doering hat sich vom Klinikalltag verabschiedet und sich als Kinderarzt auf dem Land niedergelassen.
Stephan Döring ist jetzt Landarzt: "Ich bin viel zufriedener als früher"
Sonja Och
Medizin
Jetzt als Landarzt selbstständig
Stephan Döring wollte als Kinderarzt die Kinder länger begleiten als es in großen Kliniken üblich ist – und auch nicht so auswechselbar sein wie dort. Also entschied er sich zu einem Wechsel - aufs Land
Privat
Aktualisiert am 17.05.2024
3Min

Stephan Döring (Jahrgang 1975):

Was mir irgendwann in meinem Berufs­leben fehlte, war ein langfristiger Kontakt zu Kindern und ihren Familien. Als Neonatologe, also Intensivmediziner für Neugeborene in einer Klinik, kannst du nicht miterleben, wie sich die Kinder weiter­entwickeln. Sie werden irgendwann verlegt oder entlassen und dann von einem niedergelassenen Kollegen betreut.

Das war für mich der entscheidende Grund, in eine ­Praxis zu gehen, und das ganz bewusst auf dem Land. Dort kann man Familien doch ganz anders begleiten, eine vertrauens­volle Nähe aufbauen. In der Stadt bist du als Kinderarzt eher auswechselbar. Seit Oktober 2022 bin ich nun im oberpfälzischen Nittendorf.

Ich war 19 Jahre in der Regensburger Uniklinik an­gestellt, bin dort Oberarzt geworden. Klar war es auch anstrengend, aber ich musste mich um nichts sonst ­kümmern. Deswegen hatte ich schon auch Muffensausen davor, selbstständiger Unternehmer zu werden.

Um die Praxis übernehmen zu können, musste ich ­einen hohen Kredit aufnehmen, rund 90 Prozent der ­Kos­ten sind für die Abnahme des Patientenstamms und zehn Prozent für das Material. Auch die Versicherungen, etwa gegen Berufsunfähigkeit oder gegen einen Haftpflichtschaden, kosten einiges. Und ich bin nun zusätzlich verantwortlich für derzeit sieben Mitarbeiterinnen und zwei Halbtagsärztinnen.

Meine Entscheidung, aufs Land zu gehen und mich selbstständig zu machen, habe ich selbstverständlich mit meiner Frau getroffen. Wir konnten sogar in Regensburg wohnen bleiben, nun fahre ich halt täglich rund 30 Kilometer. Meine Frau ist Sozialpädagogin, sie arbeitet derzeit stundenweise in der Praxis mit. Vor allem die Eltern brauchen eine psychosoziale Unterstützung.

Pro Kind bleiben uns nur ein paar Minuten

Ich wäre übrigens auch ohne die Landarztprämie hier Kinderarzt geworden. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, denn es gibt Gebiete, die viel übler unterversorgt sind. Aus meiner Sicht haben die Berechnungen, wo es eine Land­arztprämie gibt, methodische Schwächen. Zum Beispiel wird nicht einbezogen, ob viele Familien mit Migrationshintergrund in der jeweiligen Gegend leben. Dabei dauert da eine Behandlung schon aus sprachlichen Gründen viel länger. Es müsste viel mehr Anreize geben, damit sich Ärzte und Ärztinnen auf dem Land niederlassen. Ganze Praxen werden an manchen Orten verschenkt, und trotzdem will sie niemand.

Lesen Sie hier: Wie sich eine Ärztefamilie um den Anfang und das Ende des Lebens kümmert

Aber die Einmalzahlung von 60.000 Euro ist auch für mich enorm hilfreich, weil ich so den Umzug in größere Räume bezahlen kann. Wir brauchen mehr Platz, damit ich noch einen Arzt, eine Ärztin einstellen kann – ich ­habe ja die Öffnungszeiten von zwei auf drei Nachmittage ­erweitert. Und wir haben den Aufnahmestopp beendet, den es in der Praxis jahrelang gab.

Viel zufriedener als früher

Durch die Arbeit in der Klinik bin ich zum Glück ­ziemlich stressresistent. Denn meine Kolleginnen und ich ­stehen derzeit enorm unter Zeitdruck, pro Quartal ­haben wir rund 1500 Scheine, also Kinder, viele von ihnen kommen aller­dings mehrmals im Vierteljahr. Auch weil in der Corona-­Zeit viele Eltern aus Angst vor Ansteckung ihre Sprösslinge viel seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gebracht haben. Pro Kind bleiben uns da gerade mal ein paar Minuten. Und ich habe ja noch den Schwerpunkt Kinderkardiologie. ­

Inzwischen haben wir auch eine ­Generation von Eltern, die sehr verunsichert ist, nicht selten wegen der Eigen­recherche im Netz. Früher wurde auch mal die Oma gefragt, was gegen Fieber zu tun sei, zum Beispiel Wadenwickel.

Also, ich verbringe sehr viele Stunden in der ­Praxis. Auf Dauer möchte ich mehr Zeit für die einzelnen ­Kinder ­haben. Und auch mal um 20 oder 21 Uhr nach ­Hause ­kommen, mehr mit meiner eigenen Familie ­unter­nehmen und regelmäßig sporteln können. Die derzeitige ­Belastung darf kein Dauerzustand sein. Wir werden vor allem ­eine neue Kollegin oder einen neuen Kollegen brauchen. ­

Wichtig ­wäre halt auch eine zweite Kinderarzt­praxis ­Richtung Land. Die nächste ist 30 Kilometer entfernt. Aber die ­Arbeit hier auf dem Land gibt mir jede Menge Spaß und Erfüllung. Ich kann so Familien über lange Jahre be­gleiten. Ich bin viel zufriedener als früher.

Eine erste Version des Textes erschien am 20. Juni 2023.

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