Patricia Huerto Acedo, 47, hatte genug vom Landleben in Spanien und lebt wieder in der Stadt
Patricia Huerto Acedo, 47, hatte genug vom Landleben in Spanien und lebt wieder in der Stadt
Gordon Welters
Familie übernimmt Campingplatz am Jakobsweg – und scheitert
Genug vom Landleben
Patricia Huerto Acedo führte einen Campingplatz in Spanien, doch das Geld war immer knapp. Und im Winter war es sehr einsam für ihre Kinder. Jetzt lebt die Familie wieder in Deutschland.
25.05.2023
3Min

Patricia Huerto Acedo, 47:

Nachdem wir einen Campingurlaub in den Pyrenäen verbracht hatten, waren wir von diesem freiheitlichen Lebensstil angetan. Dann ergab sich die ­Gelegenheit, einen kleinen Campingplatz im Norden Spaniens zu übernehmen, fünf Kilo­meter vom Jakobsweg entfernt. Ich liebe die raue Schönheit dieser Gegend. Mein Mann und ich träumten ­ von einem einfachen Leben in den Bergen. Ich bin in Madrid aufgewachsen, habe in Hamburg studiert und dort meinen Mann Torsten kennengelernt. Wir konnten beide nichts mehr mit dem Stadtleben anfangen. Unser erstes Kind war unterwegs, es sollte in der Natur aufwachsen können.

Also übernahmen wir 2009 diesen Campingplatz mit gerade mal 60 Stellplätzen, obwohl er in einem schlechten Zustand war und wir kaum Geld hatten für Investitionen. Aber wir wandten all unsere Energie und Kreativität auf, um uns und unseren Gästen eine gute Zeit zu machen. Unsere Partys waren legendär, wir organisierten ­Konzerte und Vorträge über die Geschichte der Region und die ­Kinder konnten Clowns erleben und Esel reiten. Das Essensangebot in unserem Restaurant wurde auch von den Einheimischen gern angenommen.

Ines John

Gordon Welters

Gordon Welters arbeitet seit 1998 freiberuflich als Fotojournalist und wird seit 2006 von der Agentur laif vertreten. Er realisiert Auftragsarbeiten für Kunden - Magazine und Zeitungen, sowie Nicht-Regierungsorganisationen, Firmen und Werbeagenturen - weltweit. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Fotojournalismus, Porträt, Reise sowie Corporate. Mit einer Leidenschaft für die sozial engagierte Reportagefotografie widmet sich Gordon in seinen freien Projekten den Geschichten am Rande der Gesellschaft und erzählt in einfühlsamen Reportagen vom Menschsein.

Leider wirft so ein kleiner Campingplatz nicht genug Geld ab, um das ganze Jahr davon leben zu können. Da der Ort auf 1000 Höhenmeter liegt, ist es auch im Sommer recht kalt, die Saison geht nur von Anfang Juni bis Ende August. Die restliche Zeit versuchten wir, mit Aushilfsjobs durchzukommen. Mich zermürbte, dass wir so viel ­schufteten und es am Ende trotzdem nicht reichte.

Wir schufteten - und es reichte trotzdem nicht

Der ganze Stress übertrug sich auf meinen Körper, ­meine Lymphknoten waren permanent angeschwollen. Und dann hatte ich meine erste Panikattacke. Ich unterhielt mich gerade mit jemandem, und plötzlich machte es in meinen Ohren "plopp". Ich hörte nichts mehr. Da war für mich Schluss. Ich sagte zu Torsten: Wir müssen etwas ändern! Aber er ist Romantiker, er will irgendwie immer an ein gutes Ende glauben. Ich bin eher die Realistin.

Dazu kam, dass wir von den Menschen der örtlichen Gemeinde keine Unterstützung bekamen für innovative Ideen. Wir hätten zum Beispiel gern die Straße zum ­Jakobsweg ausgebaut. Abgelehnt. Dabei ist der Jakobsweg hier die wichtigste touristische Einnahmequelle. Die schwerste Erkenntnis war die: Das ist mein Land, das sind meine Leute und trotzdem fühle ich mich wie eine ­Außenseiterin.

Auch die Kinder litten unter der Abgeschiedenheit

Auch die Kinder litten unter der Abgeschiedenheit, den wenigen Kontakten im Winter. Bald würden ihre Bedürfnisse komplexer werden. Wir wollten ihnen nicht unser Wertesystem aufdrücken von einem enthaltsamen Leben, das in Wirklichkeit ein getarntes Leben in Armut wäre. Ich kann mit dieser Romantisierung des Landlebens nichts mehr anfangen. Die Natur allein heilt nicht, ohne regelmäßiges Einkommen funktioniert es auf Dauer nicht.

2016 verkauften wir den Campingplatz, hielten uns noch einige Zeit mit Gelegenheitsarbeit über Wasser, 2019 gingen wir nach Deutschland, in die Heimat meines Mannes. Wir zogen nach Neubrandenburg, eine Stadt in der mecklenburgischen Seenplatte. Mein Mann fand eine Anstellung als Eventmanager, ich arbeite mittlerweile an der Hochschule Neubrandenburg: Ich helfe den internationalen Studenten bei ihrer Jobsuche hier in der Region.
Die finanzielle Sicherheit tut gut, ich spüre, dass mein Körper wieder gesund ist. Unsere Kinder mögen ihre Schulen. Es ist angenehm, einfach die Heizung aufdrehen zu können.

Manchmal vermissen wir unser selbstbestimmtes ­Leben in Spanien, der Alltag in Deutschland ist sehr ­strukturiert. Aber ich habe endlich wieder Zeit übrig, um mich politisch zu engagieren. Schließlich hatte ich in ­Hamburg Politik und ländliche Entwicklung studiert, weil ich die Welt ein wenig zum Besseren verändern wollte. An der Hochschule habe ich Aktionswochen über Gewalt gegen Frauen und Mädchen organisiert. Die Resonanz war sehr gut. Ich hätte nicht erwartet, dass ich mir in so ­kurzer Zeit ein so tolles Netzwerk aus inspirierenden Frauen ­aufbauen würde. Endlich fühle ich mich wieder geistig gefordert. Ich kann mir wieder Bücher kaufen und habe Zeit, sie zu lesen.

Protokoll: Annika Kiehn

Permalink

Zitat :
" Dazu kam, dass wir von den Menschen der örtlichen Gemeinde keine Unterstützung bekamen für innovative Ideen. Wir hätten zum Beispiel gern die Straße zum ­Jakobsweg ausgebaut. Abgelehnt. Dabei ist der Jakobsweg hier die wichtigste touristische Einnahmequelle. Die schwerste Erkenntnis war die: Das ist mein Land, das sind meine Leute und trotzdem fühle ich mich wie eine ­Außenseiterin. "

Ich möchte hier auf etwas eingehen, dass ich für wesentlich für die hybride Auffassung von Landleben halte, nämlich das Thema " innovative Ideen ",
Tourismus und die Ideale, die Städter dazu verleiten, die angebliche Freiheit , sich alle Wünsche erfüllen zu können, man müsse es nur wollen, aufs Land treiben.
Schon Loriot wusste sehr genau, wie verführbar Werbung sein kann.
Tut mir leid, aber wenn ich diesen Erfahrungsbericht lese, kann ich nicht umhin, an ihn zu denken. Wie kein anderer nahm er die Naivität auf die Schippe, ohne dabei aber die Menschen bloß zu stellen.
Was ich von chrismon nicht behaupten kann.

Und die " ausgebaute Jacobsstrasse " , behaupte ich, ohne sie zu kennen, würde irgendwann dem Tourismus zu gute kommen, nicht aber der Sache, um die es dabei geht.

Insofern, war das Scheitern ein Glücksfall für die Region.
Nachhaltigkeit bedeutet nicht, neue Strassen in die Natur zu bauen, und die Dinge schöner , bequemer , finanziell ertragreicher zu machen, sondern auch den rationalen Blick zugunsten einer liebenden Betrachtung zu ersetzen.
Wer das Land mit " INNOVATIONEN " vereinnahmen will, zerstört es, und hat auch nicht begriffen, was die Zeit geschlagen hat.

Außerdem, brauchte es wirklich auf dem Pilgerpfad einen solch kommerziellen Campingplatz ?
Die Idee musste scheitern, weil Träume und Wünsche mit der Realität oft nicht vereinbar sind, b.z.w. nicht, wenn man sie gegen den Willen anderer Menschen durchsetzen will.

Ich finde dass der Bericht jede Selbsterkenntnis vermissen lässt, und stattdessen in Selbstmitleid versinkt.

" Aber ich habe endlich wieder Zeit übrig, um mich politisch zu engagieren. Schließlich hatte ich in ­Hamburg Politik und ländliche Entwicklung studiert, weil ich die Welt ein wenig zum Besseren verändern wollte. "

Das entbehrt nicht der Ironie, zeigt aber, dass man Fehler wiederholen kann, ohne nennenswerte Konsequenzen.

Doch die Summe der Dummheiten ergibt Verluste.

Fazit :Wiegen im Himmel Verluste mehr, oder profitiert die Kirche mehr davon ?
Denn an der Wahrheit ist der Kirche nicht gelegen. Meine Vermutung.

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