Links: Eine Pfarrerin spricht in ein Mikrofon, rechts: eine Frau flüchtet in die Natur
Elisabeth Lang ist Pfarrerin, trennt aber Berufliches und Privates. Zum Abschalten geht sie gerne in den Wald
privat; invizbk / Getty Images
Work-Life-Balance im Pfarramt
Dürfen Pfarrer mal auf Abstand gehen?
Pfarrer wohnen im Pfarrhaus und sind jederzeit ansprechbar - oder? Pfarrerin Elisabeth Lang geht einen anderen Weg, sie trennt Berufliches und Privates. Für Ihre Gemeinde ist sie trotzdem da
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30.06.2026
6Min

chrismon: Sie sind seit 2024 Pfarrerin in einem kleinen Ort, in dem Sie jeder kennt. Wie gelingt es Ihnen, Privates und Berufliches zu trennen?

Elisabeth Lang: Es war eine Erleichterung, als ich durch meinen Umzug nach zwei Jahren endlich die Tür hinter meinem Büro zumachen konnte und nicht von der Couch aus auf die Arbeit schauen musste.

Tatsächlich war es für mich auch wichtig, aus dem Ort – wo meine Kirche und auch das Pfarramt stehen – wegzuziehen. Räumliche Trennung hilft mir sehr in einem Beruf, in dem ich in der Öffentlichkeit immer auch als Amtsperson wahrgenommen werde.

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Elisabeth Lang

Elisabeth Lang (Jahrgang 1993) arbeitet seit 2024 als Pfarrerin in Bexbach. Die gebürtige Pfälzerin gehört seit Februar 2026 zum evangelischen Content-Netzwerk Yeet und gibt auf Instagram regelmäßig Einblicke in ihre geistliche Tätigkeit sowie ihren Alltag als Pfarrerin.

Erwarten die Gemeindemitglieder nicht, dass man vor Ort wohnt? Viele haben ja das Bild: Im Pfarrhaus brennt noch Licht ...

Natürlich gibt es Menschen, die sich gewundert haben. Gleichzeitig habe ich aber eine gute Beziehung zu meiner Gemeinde aufgebaut, die mir nun zugutekommt. Ich nehme an besonderen Festen teil und begegne Gemeindemitgliedern weiterhin auf der Straße.

Wir stehen vor so großen Transformationen in unserer Kirche: Die Pfarrperson im Ort wird da eher eine Seltenheit sein. Meiner Meinung nach kann ich genauso gute Arbeit leisten, wenn ich einen Ort weiter wohne – wenn nicht sogar bessere.

Wie sieht eine reguläre Woche bei Ihnen aus?

Viele sagen ja, der Montag sei der Pfarrerinnensonntag. Das kann ich so für mich nicht bestätigen. Montags arbeite ich viel am Schreibtisch und erreiche viele Menschen gut. Dienstags und mittwochs telefoniere und organisiere ich und bin anschließend für einige Stunden in der Schule im Religionsunterricht meiner ersten und dritten Klasse.

Kurz nach Schulschluss steht oft schon eine Beerdigung an. Konfi-Unterricht ist meist donnerstags oder freitags. Dazu kommen ein bis fünf Gottesdienste pro Woche – von Taufen über Beerdigungen bis zu Seniorengottesdiensten.

Abends sind häufig Sitzungen. An solchen Tagen muss ich mich mittags bewusst an Pausen erinnern, sonst wird es nach hinten raus eng mit der Energie. Niemand achtet auf meinen theoretisch freien Tag, wenn ich es nicht selbst tue. Ich werde besser darin.

Wann haben Sie das letzte Mal gemerkt, dass Sie Grenzen setzen müssen?

Als ich mit Kreislaufproblemen auf dem Friedhof stand, weil ich nach einer Erkrankung noch nicht wieder ganz fit war. Die Vertretungsstruktur ist bei uns leider nicht so einfach, weil viel an Vorbereitung nicht zu übertragen ist. Wir sind zwar füreinander da, wenn die Hütte brennt – aber das war auch ein Learning für mich, dass ich nicht nur für mich, sondern auch für andere Grenzen setzen muss. Im schlimmsten Fall wäre ich dort eben auf dem Friedhof umgekippt – da hat ja niemand was von.

Wie schwer fällt es Ihnen, Grenzen zu setzen?

Es fällt mir nach zwei Jahren im Dienst und supervisorischer Begleitung leichter. Wir haben viel daran gearbeitet, auch Pausen machen zu dürfen, ohne schlechtes Gewissen. Trotzdem bleibt es schwer, weil in meinem Beruf vieles mit meiner Person verknüpft ist und sich Aufgaben eben nicht einfach erledigen, nur weil ich mit Fieber im Bett liege.

Wann haben Sie sich zuletzt richtig entspannt und erholt gefühlt?

Wenn man es drastisch sagen möchte: Im letzten Urlaub, als ich drei Tage lang jeweils zwölf Stunden geschlafen und gemerkt habe, wie müde ich eigentlich war. Ich habe zusätzlich noch Mittagsschläfchen gemacht und in drei Tagen ein ganzes Buch gelesen.

Weniger drastisch war es beim Cousins- und Cousinentreffen in Ostfriesland – das war zwar auch anstrengend wegen des langen Reisewegs, aber auch sehr schön und verbindend.

Was bringt Sie am besten runter?

Ich habe mir in meine Notizen geschrieben: "Meine Yogamatte sieht mich aktuell viel zu selten." Das ist es auf jeden Fall – und der Wald. Der erdet mich jedes Mal sehr. Auch Telefonieren ist eine große Kraftquelle für mich, weil meine Freundinnen und Freunde in Deutschland und der Welt verteilt leben und ich mich dadurch verbunden fühle. Und dann ist da noch …

Was denn?

Ich gehe gern undercover in Gottesdienste – am liebsten in katholische, weil mich dort niemand kennt. Das ist mir wichtig, weil es wenige Orte gibt, an denen wir Geistliche noch als Suchende unterwegs sein dürfen. In unseren Gemeinden werden wir schließlich oft als Expertinnen wahrgenommen, die wir in vielen Dingen ja auch sind, aber eben nicht in allen.

Was tun Sie noch, um bei sich zu bleiben?

Was ich in jedem Fall immer versuche, ist, morgens in die Ferne zu schauen (lacht). Wenn man viel am Schreibtisch oder Laptop sitzt, nur nach vorne schaut, fehlt irgendwann der Weitblick.

Und ich hüpfe morgens. Seilspringen oder einfach zu Musik – das tut mir gut. Ich bin darauf gekommen, als ich in einer Phase, in der es mir seelisch nicht so gut ging, plötzlich das Bedürfnis hatte, zu hüpfen und mich zu bewegen – auch draußen im Hopserlauf. Erst später habe ich festgestellt, dass das einen neurophysiologischen Hintergrund hat und ein guter Mechanismus meines Körpers war, für mich zu sorgen.

"Ich habe Ihre Story gesehen – ich möchte wieder eintreten"

Elisabeth Lang

In der Serie "Grey’s Anatomy" früher gab es immer das Ritual der "Fünf-Minuten-Tanzparty" …

... das mache ich auch öfter. Es gibt ein Lied, das ich auflege, wenn ich richtig beschissen drauf bin – dann sind das fünf Minuten, die ich einfach tanze. Da darf mir niemand zugucken, ich habe dann meine Over-Ear-Kopfhörer auf und bin danach komplett verschwitzt, weil es so viel Gehüpfe und Gemache ist. Das tut mir wirklich sehr gut. Ich tanze unglaublich gern und komme viel zu selten dazu.

Was erfüllt Sie in Ihrer aktuellen Tätigkeit am meisten?

Was mich sehr erfüllt, ist, dass sich meine Arbeit auf Social Media positiv in meiner gemeindlichen Arbeit niederschlägt. Neulich riefen zwei Menschen vor zehn Uhr morgens an, die wieder in die Kirche eintreten wollten. Das hat mich so berührt, dass ich eine Instagram-Story dazu gemacht habe. Ein anderes Mal sagte jemand um 8:15 Uhr: "Ich habe Ihre Story gesehen – ich möchte wieder eintreten."

Ich finde meine Gemeinde auch nach zwei Jahren einfach total klasse, weil sie mich so offen und herzlich aufnimmt. Und wann immer Jugendliche freiwillig zu mir kommen, erfüllt mich das sehr. Wir haben beispielsweise so einen neuen Mädelstreff für Mädchen ab zwölf, und ich liebe es, wenn sie einfach so sind, wie sie sind – kichernd ankommen, eine halbe Stunde zu spät, weil sie den Bus verpasst haben, und dann – nach einer kleinen Aufwärmphase - sagen: "Elisabeth, das Moodboard ist nichts für mich, kann ich bitte ein Mandala machen?" (lacht)

Stichwort Yogamatte. Yoga und christlicher Glaube - passt das denn zusammen?

Für mich passt das wunderbar zusammen. Ich habe in der Vergangenheit häufig den Eindruck gehabt, dass Protestanten oft vergessen, dass da nicht nur ein Kopf sitzt, sondern ein ganzer Körper. Deshalb lasse ich auch gern yogische Elemente in meine Gottesdienste einfließen. Was spricht denn dagegen, Menschen in der Predigt einfach mal aufstehen zu lassen? Meine Gemeinde ist da mittlerweile vieles gewohnt und macht das sehr rührend mit.

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Ich glaube einfach, dass es im Leben darum geht, in einer guten Beziehung zu sich selbst zu stehen – und nur dann auch in guten Beziehungen zu anderen und zu Gott sein zu können. Wenn ich nicht bei mir bin, wie soll ich dann bei Gott sein? Natürlich weiß ich, dass Gott generell immer bei mir ist, aber manchmal bin – zumindest ich – nicht bereit, das zu spüren oder zuzulassen.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe mir jetzt schon fest vorgenommen, dass ich in meinem dreiwöchigen Sommerurlaub meine Instagram-App löschen werde, weil sie mittlerweile so viel Arbeit für mich ist, dass sich selbst das Posten eines Strandfotos nach Arbeit anfühlen würde. Und gleich packe ich meine Sachen, fahre zu meinen Eltern – und gehe mit meinem Vater in den Wald.

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