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Selbstbehauptung. Darum geht es diesen drei Frauen an ihren jeweiligen Punkten im Leben. Die könnten unterschiedlicher kaum sein. Und doch verbindet sie das Bedürfnis nach Reflexion, nach Auseinandersetzung mit sich selbst – und mit dem, was sie bedrängt, bedrückt und behindert. Diese Auseinandersetzung bestreiten sie mit jeweils unterschiedlichen künstlerischen Mitteln.
Brennan Wedl lebt in Nashville, ist aber in Minnesota aufgewachsen, in einer streng katholischen Familie, umgeben von etlichen Nonnen. Auch ihr erstes Instrument Violine lernte sie von einer Nonne, bevor sie zur Gitarre wechselte. Im Gegensatz zu vielen "fromm" erzogenen Kolleginnen hat sie sich aber nicht komplett von der Religion abgewandt. Sie hat sich eher emanzipiert, ihren eigenen Weg damit gefunden.
"Ich bin wirklich dankbar, eine Menge verschiedener Facetten der katholischen Kirche kennengelernt zu haben", sagt sie. "Ich habe Nonnen gesehen, die sich ganz dem Helfen gewidmet haben oder der Erziehung. Aber ich habe auch Übergriffe auf kleine Jungen mitbekommen." Heute, mit fast 30, hat sie einen erwachsenen Blick auf das Ganze. Das Erwachsenwerden ist überhaupt immer wieder ihr Thema. Und die Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung dabei.
"Ich wollte früher immer hilfsbereit sein, ich denke, Mädchen bekommen das oft beigebracht." Aber in der Auseinandersetzung mit Frauen aus der Riot-Grrrl-Bewegung oder der Künstlerin Marina Abramovic zum Beispiel wurde ihr klar, dass sie ihr ganzes Leben lang versucht hatte, "entzückend" zu sein, um sich nicht mit ihren Schwierigkeiten konfrontieren lassen zu müssen.
Eine andere Strategie, um dies zu erreichen, war für sie der Alkoholkonsum. Heute ist sie trocken, thematisiert aber in ihren Songs sehr pointiert, wie solche täglichen Gewohnheiten das Selbst formen können. Und dieses Selbst ist nicht immer so, wie es nach außen zu sein scheint. Im Refrain der ersten Single von ihrem Solo-Debütalbum, dem Song "Pretty Little Fantasy", ruft sie, dass sie "nicht alles ist, was du zu sehen glaubst". Und das tut sie zum Klang diverser Gitarren, lauter und leiser. "Grunge-try" nennt sie selbst ihren Musikstil. Er pendelt zwischen diversen klassischen Gitarrenmusikrichtungen: Punk und Rock, Country und Blues, Folk und Americana. Mal mehr Courtney Love, mal mehr Sheryl Crow.
Dieser ganz eigene Weg zum Erwachsenwerden, den sie nun auf ihrem selbst betitelten Album beschreibt, fühlt sich bei ihr wie die Suche nach einem imaginären Vater an: "Das Idealbild eines Vaters ist etwas, wonach ich mein ganzes Leben lang gesucht habe, aber wie sich herausstellt, war der Vater, den ich gesucht habe, die ganze Zeit über ich selbst", sagt Wedl. "Sei dein eigener Vater." Denn darum, so die Singer-Songwriterin, gehe es in erster Linie: die Kommunikation zwischen verschiedenen Versionen des Selbst, aus verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Stadien.
Dankbarkeit und Haltung
Die Kalifornierin Julia Holter treibt diesen Gedanken auf ihrem neuen Album auf die Spitze: Das zehnminütige Stück "My Twin" (Mein Zwilling) hat sie allein improvisiert und überwiegend in einem Durchgang aufgenommen. In diesem Song spielt sie buchstäblich den Dialog mit einer anderen Version von sich selbst durch - inklusive aller Schmerzen und Freuden, durch die Menschen zu stolpern scheinen.
Das diesen Song umgebende Album heißt "Materia", genau wie ein Song auf ihrem letzten Album "Something in the Room She Moves". Ihr neues Album versteht sich auch als so etwas wie ein Begleitalbum zum letzten. Zwei weitere Versionen von "Materia" befinden sich darauf: "Materia 2", eine Version mit zwei Stimmen, Drumcomputer, Fretless-Bass und Klarinette, und "Materia 3", das die Originalversion deutlich verlangsamt wieder aufgreift und auf das mitschwingende Thema des Songs verweist: lernen, wie man lebt.
"Blink at the light and hope to survive"
Julia Holter
Das kommt nicht von ungefähr – erlebte Holter doch in der Zeit, da die Songs für beide Alben entstanden, sowohl die Geburt ihres Kindes als auch den Verlust ihres Neffen. Auch die politischen Entwicklungen in ihrem Heimatland erschütterten sie. Das alles brachte sie dazu, in ihren Songs zu thematisieren, dass Dankbarkeit zwar eine unsichere, aber wunderschöne Sache ist – und wie notwendig es ist, Haltung zu zeigen.
Musikalisch ist das raffiniert eingebettet in einen Stil, der oft als Kunstpop bezeichnet wird. Er klingt mal nach Kammerpop, mal nach elektronischem Experiment, oft ätherisch, aber auch unmittelbar. Vielleicht lässt sich die gefeierte Künstlerin, die Musik und Komposition studierte, mit dieser Musik am ehesten mit Frauen wie Laurie Anderson oder Kate Bush vergleichen. Der Klang, die Stimmung ist fließend, mäandernd, die Entwicklung kaum vorhersehbar. Improvisationen folgen auf Neubearbeitungen, übrig gebliebene Fragmente und spontane Ideen werden zu neuen Kompositionen weiterentwickelt.
Und trotzdem erscheint das Ganze erstaunlich kohärent und auch berührend. So wie die erste Single aus dem Album, "Fantasy": Sie ist aus dem musikalischen Grundgerüst von "My Twin" entstanden und auf unter vier Minuten komprimiert. Sie endet mit der vielsagenden und für Julia Holters Perspektive bezeichnenden Zeile: "Blink at the light and hope to survive" (Blinzle ins Licht und hoffe, zu überleben).
Systemkritik und Resilienz
Ein Ratschlag, der auch auf Delilah Holliday zutreffen könnte: Gerade hat die junge Frau aus London ihr Solo-Debütalbum veröffentlicht, nachdem sie zuvor in der Punkband "Skinny Girl Diet" spielte und mit einem Mixtape reüssierte. Ein Großteil dieses Albums entstand, während die Musikerin schwanger war und mit Krankheit, finanziellen Sorgen und psychischen Belastungen zu tun hatte. In dieser Zeit starben sowohl ihr Onkel und Mentor als auch ihre geliebte Großmutter. Nur einen Monat später verlor sie schließlich ihr Kind.
"Vor diesem Jahr dachte ich, ich verstehe Trauer mittels Empathie", sagt sie. "Aber ich hatte niemals das ganze emotionale Gewicht erfahren." Vielmehr, so Holliday, habe sie dieser massive Verlust regelrecht erschüttert: "Ohne mein Unterstützungsnetzwerk weiß ich ehrlich nicht, ob ich überhaupt noch hier wäre."
Lesen Sie hier: "Wir müssen der Gesellschaft klarmachen, wie weh das tut"
Ihre Bewältigungsstrategie? "Anstatt der Trauer zu erlauben, mich zu zerstören, habe ich den Schmerz umgewandelt – in 'Fat Cat'." So heißt ihr Album, auf dem Delilah Holliday mit verschiedensten musikalischen Mitteln ihre Verzweiflung und ihre Traurigkeit thematisiert, aber diese auch - und das ist das Besondere – in einen größeren Zusammenhang von systemischen und gesellschaftlichen Einflüssen und vor allem Herausforderungen stellt.
Die "fette Katze" ist die, die im Titelsong auf den kleinen Mann tritt und verhindert, dass die Mäuse spielen können. "Ich wollte meine persönliche Tragödie in einen sozialen Kommentar verwandeln, indem ich individuellen Schmerz nutzte, um kollektive Kämpfe und Ungleichheit zu untersuchen und nach Glaube, Sinn und Überleben zu suchen."
"In der Dunkelheit habe ich mich dem Göttlichen zugewandt"
Delilah Holliday
In Songs wie der Single "This Is" geht es deshalb zum Beispiel um Trennung und Herzschmerz, aber in einem größeren sozialen Kontext verortet. Holliday sagt dazu: "Selbst Intimität wird von äußeren Kräften geprägt." Vor allem die kapitalistischen Institutionen und Mechanismen sieht sie äußerst kritisch: "Diese kapitalistische Wirklichkeit ist das Rückgrat des Albums – nicht in der Lage zu sein, die Miete zu bezahlen, keine Sicherheit im Job zu haben, aber dankbar zu sein, trotz allem immer noch Musik machen zu können."
Delilah Holliday weiß, wovon sie spricht beziehungsweise singt: Während der Arbeit an ihrem Album lebte sie zeitweise in Notunterkünften. Und damit ist sie nicht allein. Laut der Organisation Help Musicians geben fast ein Viertel (23 Prozent) der Musikschaffenden im Vereinigten Königreich an, dass sie nicht genug verdienen, um damit sich oder ihre Familien über Wasser zu halten.
Die Wut darüber hört man stellenweise auch in der Musik: Geschredderter Hyperpop und Industrial-Beats treffen auf Elektronik- und Dance-Elemente, aber auch sanften Trip-Hop. Am Ende geht es der jungen Britin aber nicht nur um Kritik. Wege aus der Depression zu finden, ist ihr wichtig.
So wie zum Beispiel in der anderen Single "Odyssey". Hier geht es darum, nach einer heilenden Reise aus den Trümmern heraus zurück nach Hause, zum Selbst zu finden. "Die grundlegende Botschaft des Songs: Resilienz durch schwierige Zeiten", erklärt Holliday. Eigentlich handelt ohnehin das ganze Album von Resilienz. "In der Dunkelheit habe ich mich dem Göttlichen zugewandt", sagt die junge Künstlerin. "Ich musste mein Vertrauen in etwas Größeres als mich selbst setzen, weil ich einen Grund brauchte, um zu überleben."
Drei Alben also, bei denen Selbstbehauptung ins Zentrum rückt. Das Zuhören wird hier immer auch zu einem Akt der Identifikation. Und damit auch der Horizonterweiterung. Oder mindestens zu einem lohnenden Perspektivwechsel.



