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Reggae und Sommersonne gehören eigentlich nur in der Werbung zusammen. Wer kennt es nicht: Sonne, Palmen, Strand – und dann eine sanfte Melodie zu slicken Offbeats, die ein Getränk oder eine Eismarke bewerben …? Aber tatsächlich geht es auch und besonders bei dieser Musikrichtung, die auf der Karibikinsel Jamaika geboren wurde, häufig um die düsteren Seiten der Welt. Oft sind Armut, Ungerechtigkeit und Missstände Gegenstand der Texte, vielfach geht es um Spirituelles – aber auch alle anderen Themen des Lebens kommen vor.
Weltbekannt geworden sind sowohl die Reggae-Musik als auch ihre emanzipatorische Kraft spätestens mit dem Erfolg von Robert Nesta Marley – genannt Bob – und seinen Wailers in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Etliche Kinder von Bob (und seiner musikalisch ebenfalls sehr versierten und erfolgreichen Frau Rita) haben seitdem selbst viel beachtete Karrieren im Musikbusiness gestartet.
Ziggy Marley auf der "Brightside"
Der älteste Sohn der beiden, der sich "Ziggy" nennt, tritt mit seinem neuen Album wieder in die Fußstapfen seines Vaters. Nicht nur, dass er dessen Spiritualität in psalmartigen Songs wie "JAH We Give Glory" aufgreift. Auch den Aktivismus des Vaters setzt er fort, wenn er, wie in "Racism Is A Killa", den allgegenwärtigen Rassismus mit einem tödlichen Erreger vergleicht, der um jeden Preis bekämpft werden muss.
Und zum ersten Mal in seiner Karriere gibt es auf einem Ziggy-Marley-Album sogar einen Song, der sich direkt mit seinem Vater und dessen Vermächtnis beschäftigt: "Many Mourn For Bob". Entstanden ist dieser aus der Arbeit an dem Biopic über Bob Marley, "One Love" von 2024, das weltweit in den Kinos Erfolge feierte – und das von Ziggy Marley mitproduziert wurde.
Ziggys aktuelles Album "Brightside" jedenfalls konzentriert sich, ganz wie der Titel sagt, tatsächlich auf die "helle Seite" des Lebens – in der Absicht, die dunklen Mächte nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Das schlägt sich sogar in der Produktionsweise nieder: Das Album wurde – was sonst eher unüblich ist – mit 432 Hz aufgenommen.
Diese Klangfrequenz soll angeblich besonders beruhigende Wirkung haben, weshalb sie regelmäßig für Meditation und andere Achtsamkeitspraktiken verwendet wird. Die Klangmischung sollte so eine warme, gefühlvolle Tiefe erhalten, die unterstreicht, dass Ziggy Marley positive, heilende Absichten damit verfolgt.
Lee "Scratch" Perry bei Mouse on Mars
Eine nicht weniger legendäre Gestalt der Reggae-Musik ist Rainford Hugh Perry, besser bekannt als Lee "Scratch" Perry – Produzent, Toningenieur, Labelbetreiber und Performer. Er war definitiv eine der zentralen Figuren der jamaikanischen Popgeschichte, deren Wirken die Linien von Ska über Rocksteady bis zu Roots-Reggae, Dub und den Soundsystemkulturen zeichnet. Künstler wie Bob Marley, Junior Murvin, Max Romeo oder The Congos wären ohne ihn kaum denkbar gewesen. Er starb vor fünf Jahren auf seiner Heimatinsel Jamaika.
Sein letztes Album aber nahm er ausgerechnet bei und mit den Berliner Soundtüftlern von Mouse on Mars auf. Erklärtes Ziel war dabei, dass gerade kein Reggae am Ende herauskommen sollte – auch wenn dessen Einflüsse und verschiedene Reggae-Elemente letztendlich deutlich erkennbar blieben. Und wohl auch erwünscht waren.
Das Duo Jan St. Werner und Andi Toma, das zusammen Mouse on Mars bildet, gilt in der deutschen elektronischen Musik seit den 1990er Jahren als eines der eigenwilligsten Projekte. Ihre bisherigen Alben verbinden experimentelle Elektronik mit Pop, Dada und einer gewissen Freude am absurden Detail.
"Irgendwo zwischen Rastafari-Kosmologie, Science-Fiction und dadaistischer Sprachakrobatik"
Claudius Grigat
Und genau das hatten sie mit dem jamaikanischen Weirdo Lee "Scratch" Perry gemeinsam: Kaum jemand war so bekannt für seine Experimentierfreude, das Überschreiten von Grenzen und das Präsentieren von absurden Sounds, Effekten, aber auch Textfragmenten und Botschaften wie er. Perry war schließlich einer jener Soundtüftler, die das Studio selbst zu einem Instrument gemacht hatten – und der dabei eine eigene Mythologie entwickelte, irgendwo zwischen Rastafari-Kosmologie, Science-Fiction und dadaistischer Sprachakrobatik.
Der Aufnahmeprozess im Studio in Berlin lief dann auch entsprechend chaotisch, kreativ und intuitiv ab: Es wurde kaum diskutiert. Man spielte, nahm auf, wechselte den Raum. Perry sang, murmelte, hustete, lachte. Das Studio war ein Durcheinander aus Kabeln, Instrumenten und Stimmen. Zwischendurch wurde gekocht, Fischsuppe und Papayas.
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Das Ergebnis auf dem Album "Spatial, No Problem." ist unbeschreiblich unbeschreibbar: elektronische Improvisationen, Reggae-Dub-Fragmente, Textbruchstücke, indische Harmonien, Bläser, digitale Störgeräusche und schräg verschobene Pop-Momente. Und über allem liegt Perrys Stimme – brüchig, tief, faszinierend.
Zusammen ergibt sich aus diesem Klanggemisch ein unwiderstehlicher Sog, der den Fuß mitwippen und den Kopf Achterbahn fahren lässt. Und Perry wäre nicht er selbst, würde er nicht den momentanen Zustand unserer Gesellschaft unter anderem im gleichnamigen Stück als "State Of Emergency" bezeichnen.
Reggae-Altvater Horace Andy auf neuen Wegen
Ein weiterer altgedienter Reggae-Veteran ist Horace Keith Hinds alias Horace Andy. Er ist mit seinen 75 Jahren noch quicklebendig – und das gilt auch für seine Musik. Fing er in den 1970er Jahren mit klassischem Roots-Reggae an, den er mit seiner samtweichen Falsettstimme veredelte, wanderte er später in die USA aus und probierte sich auch in anderen Musikgattungen wie House, Drum ’n’ Bass oder Trip-Hop aus. International sehr erfolgreich wurden seine wiederholten Kollaborationen mit den Briten von Massive Attack. "Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Leute können nicht erwarten, dass ich immer noch den gleichen alten Sound mache", erklärte Horace Andy.
Und so ist es mehr als passend, dass das Hamburger Label Echo Beach nun Musiker und Produzenten aus seinem Umfeld – überwiegend aus Deutschland und Europa – eingeladen hat, alten Songs des Crooner-Meisters mit einem frischen Soundgewand auf dem Album "The Voice In Sound" ganz neues Leben einzuhauchen.
Soundtüftler wie Rob Smith, aDubta, Different Drummer Soundsystem oder Umberto Echo zaubern Hallräume, Echokammern, aufregende Beats, wabernde bis knackige Bässe und flirrende Flächen – auch jenseits reiner Reggae- und Dub-Elemente –, die die Ausnahmestimme von Horace Andy kongenial in Szene setzen.
Alte Hits wie "Skylarking" oder "Cuss Cuss" werden nicht nur wieder lebendig, sondern laden regelrecht zur Neuentdeckung ein, zu einer Reise ins Innere von sorgfältig, ja akribisch erdachten und erarbeiteten Soundwelten, die trotzdem – oder gerade deswegen – intuitiv, ja körperlich erlebbar sind.
Und natürlich geht es bei diesen Songs schon immer um viel mehr als nur Liebe und Sonnenschein. Auch Horace Andy prangert mit Vorliebe Ungerechtigkeiten an. Oder Geldgier: So hört man auf dem Album nicht nur den Track "Money (Can’t Buy Love)", sondern auch den alten Hit "Money Money" in gleich zwei neuen Versionen. Dort singt Horace Andy zuckersüß, aber unmissverständlich sein Credo: "Money is the root of all evil!"
So mag die Musik dieser Alben insgesamt zwar eher weniger von Sonne und Unbeschwertheit handeln. Trotzdem kann man sie natürlich im Sommer hören. Gerade in diesem!



