Musiktipps im April
Modern Roots
"Cityfolk", "i-330" und "Against The Dying Of The Light"; Diese aktuellen Alben frischen bewusst behutsam Roots-Music wie Blues, Jazz oder Folk mit neuen Ideen auf
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Tim Wegner
06.04.2026
5Min

Als Roots-Music werden oft Musikstile mit Geschichte wie Blues oder Folk bezeichnet. Besonders spannend wird es, wenn diese Musik mit neuen Ideen und modernen Elementen behutsam, aber bestimmt aufgefrischt wird. Wenn dies gelingt, entsteht ein neues Hörerlebnis, das an Vertrautes anknüpft und manchmal kaum merklich Grenzen verschiebt.

Blick nach vorne

Son Little, der in Los Angeles als Aaron Earl Livingston geboren wurde und mittlerweile außerhalb von Atlanta lebt, wird oft in die Kategorie Roots-Musiker eingeordnet. Er sagt dazu: "Die Branche steckt Künstler gern in kleine Schubladen, und für schwarze Künstler bedeutet das, dass sie über ihre Nähe zum ‚Urbanen‘ definiert werden. Aber meine Musik hatte schon immer Anklänge an Country, Rock und Folk sowie Hip-Hop, Blues und R&B. Deshalb hatte ich als Künstler, der meiner Meinung nach in den Zwischenräumen der Genres lebt, immer zu kämpfen."

Dabei ist es genau das, was den besonderen Reiz seines Sounds ausmacht: die Modernisierung von Blues und Folk durch Hip-Hop- und Rock-Elemente beispielsweise. Diese kleine Reibung, die die Songs noch interessanter werden lässt und die Son Littles Art, Geschichten zu erzählen, kongenial unterstützt. Son Little selbst, der so unterschiedliche Künstler wie John Coltrane, Paul McCartney, Kendrick Lamar oder Grizzly Bear zu seinen Einflüssen zählt, bezeichnet seinen Musikstil als Future Soul.

Und in eine ähnliche Richtung weist auch der Titel seines neuen Albums: "Cityfolk". Folgerichtig veröffentlichte der Mann, dessen Stimme gern mit der von Bob Marley, Marvin Gaye oder Leon Bridges verglichen wird, "Be Better" als ersten Song daraus: Ein Stück, in dem es um Transformation und Nach-vorne-Schauen geht, das Bewegung und Erneuerung gegen Verzweiflung setzt, eine "Hymne an die Verwandlung", wie die Plattenfirma mitteilt.

Entstanden ist das Album übrigens in den altehrwürdigen Muscle Shoals Sound Studios in Alabama, in denen Son Little sich mit den Wurzeln seiner Familie beschäftigte und seine Erkenntnisse in Songs goss, in denen er neue Geschichten erzählt. Im Prinzip also "Modern Roots": Storys aus der Vergangenheit, entstanden in traditioneller Umgebung – mit Blick nach vorne.

"Cityfolk" von Son Little bei Spotify anhören

Mit der Zeitmaschine in die moderne Zukunft

Den Blick nach vorne richtet auch Flore Benguigui ganz eindeutig. Nicht nur, dass sie den chansonesken Salon-Jazz und Swing ihrer Formation The Sensible Notes auf ihrem Solodebüt mit Synthesizer-Klängen oder Vocoder-Effekten und einer Prise Indiepop verfremdet und ihn dadurch überraschend zeitgemäß klingen lässt. Sondern auch das Album selbst ist ein Projekt, das sich von ihrer eigenen Vergangenheit absetzt, nämlich der Karriere als Sängerin der in Frankreich überaus erfolgreichen Elektropop-Band L’Impératrice.

Aus der stieg Benguigui vor zwei Jahren aus, um sich ihrer ersten Liebe - dem Jazz - zu widmen. Schließlich ist Jazz für sie vor allem eines: eine zutiefst demokratische Musikform. Und das ist ihr als feministischer Aktivistin wichtig: "Ich habe mich schon immer für die Stellung der Frau in der Musik und insbesondere für die von Frauen im Jazz interessiert. Es hat eine Weile gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich in einem männlich geprägten Umfeld gefangen war. Das war mir im ständigen Rhythmus von Tourneen, Komponieren und Auftritten lange nicht bewusst."

"It's jazz, but it's fun"

Flore Benguigui

Das wollte sie mit ihrem neuen Album nun ändern, das sie als Bekenntnis zur künstlerischen Freiheit versteht: zu guten Teilen kreiert von Frauen - und frei von überholten Normen. Darauf weist auch der auf den ersten Blick eher kryptische Albumtitel hin: "i-330" ist eine Figur aus dem 1920 verfassten dystopischen Science-Fiction-Roman "Wir" von Jewgeni Samjatin – und zwar eine mysteriöse, rebellische Frau, Teil einer Untergrundbewegung, die den Weg in eine freie Welt sucht.

Und so heißt der erste Song des Albums auch folgerichtig "i-330 Machine à remuer le temps" (i-330 Zeitmaschine). Und mit dieser Zeitmaschine wird keineswegs in die Vergangenheit gereist, sondern natürlich geradewegs in die Zukunft. Inhaltlich – aber eben auch musikalisch. Zum Ergebnis meint Flore Benguigui nur lapidar, aber selbstsicher: "It’s jazz, but it’s fun."

"i-330" von Flore Benguigui bei Spotify anhören

Dunkle Themen mit sanften Rhythmen

Mit der Zukunft beschäftigt sich schließlich auch der in Göteborg geborene und lebende Sohn argentinischer Einwanderer, José González, auf seinem neuen Album. "Against The Dying Of The Light" ist dabei abermals bestimmt vom sanften, regelrecht zarten Fingerpicking-Folk im Stil eines Nick Drake. Aber auch hier lassen modernisierende Elemente aufhorchen und geben der Musik eine andere Richtung und eine interessante, behutsam bereichernde Note.

War auf dem letzten Album noch ein Drum-Computer zu hören, sind es diesmal Echos und andere subtil eingesetzte elektronische Effekte. Dazu kommt die Spiel- und Erzählweise von González, die immer wieder mittels monoton-hypnotischer oder minimalistischer Passagen Spannung aufbaut, die oft in berauschenden Melodiebögen oder dynamischen Volten aufgelöst wird. Er selbst sagt, es gehe ihm bei seiner Musik bei aller Zeitlosigkeit immer auch um Reibung.

Inhaltlich betreibt der Schwede zudem eine kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungen, die dem friedlichen und erfüllten menschlichen Zusammenleben entgegenstehen. Obwohl er zum Beispiel den technologischen Fortschritt immer begrüßt hat, hinterfragt er auf diesem Album explizit die Annahme, dass jede neue Möglichkeit bis zu ihrem maximalen Potenzial ausgeschöpft werden muss. Dahinter steht die Sorge, dass der Fortschritt auf Kosten des menschlichen Wohlergehens, der Achtsamkeit und der Empathie geht.

Dass moderne Entwicklungen spalten, statt die Menschheit voranzubringen – klare Kommentare zu Entwicklungen in den Bereichen Social Media und Künstliche Intelligenz. Das ist für González die Dunkelheit, gegen die er ansingt. Wie im programmatischen Titelstück, in dem es darum geht, das "menschliche Licht" zu verteidigen und in dem er singt: "Disconnect from every algorithm, every perverse incentive that drags you down. Let’s rebel against the replicators, against the dying of the light. Kill the codes that feed the hate, keep the codes that make you thrive, celebrate the f**king fact that we’re alive."

González sagt darüber: "Es ist ein Song, der sich mit der Menschheit im Jahr 2026 auseinandersetzt. Damit, dass wir akzeptieren müssen, wer wir sind und was uns hierhergeführt hat, da die Vergangenheit nicht geändert werden kann. Nun geht es darum, unsere Aufmerksamkeit wieder auf die bevorstehenden Herausforderungen zu richten wie zum Beispiel perverse Anreize und Algorithmen, die nicht im Einklang mit dem menschlichen Wohlergehen stehen."

Das alles verpackt José González in das, was seine Plattenfirma so schön "Trojanerlyrik" nennt: Dunkle und schwierige Themen werden erfolgreich mit sanften Rhythmen, unwiderstehlichen Melodien und zurückhaltend emotionalem Gesang in die Gehörgänge und damit auch Gehirnwindungen geschmuggelt und mitunter auch in Hoffnung aufgelöst. Denn schließlich sind wir Menschen - wie der sanfte Barde es so augenzwinkernd wie treffend formuliert - auch wenn wir alles kognitiv zu erfassen meinen, immer noch "Primaten, die nicht anders können, als zu singen".

"Against The Dying Of The Light" von José González bei Spotify anhören

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