Porträt von Jakob Schwerdtfeger
Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger
Marvin Ruppert
Funfacts und große Kunst
"Kunstgeschichte ist immer in der Pubertät"
Unser Kunstkolumnist Jakob Schwerdtfeger hat ein neues Buch geschrieben - ein vergnüglicher Ritt durch die Kunstgeschichte. Ursula Ott traf ihn zu einem Rundgang durch das Frankfurter Städel-Museum
Tim Wegner
19.05.2026
4Min

chrismon: Warum soll ich ein Buch über Kunstgeschichte lesen – kann ich nicht einfach so ins Museum gehen?

Jakob Schwerdtfeger: Klar. Aber mit Backgroundwissen macht es mehr Spaß. Wenn Sie ein Stillleben ansehen, finden Sie vielleicht, dass es schön gemalt ist. Aber es macht mehr Spaß zu verstehen: Ah, das zerbrochene Glas ist ein Symbol für Vergänglichkeit. Ich wollte ein Buch schreiben, das viele neue Türen aufmacht. Wie beim Wein. Den können Sie ja auch einfach trinken, und er schmeckt. Oder Sie haben richtig Ahnung und schmecken auf der Zunge: Da ist Wacholder. Ein Genuss!

"Wacholder im Abgang" – das sagt man ja auch gern, um anzugeben …

Klar, mit Kunstwissen kann man auch super angeben.

Sie sagen, die Kunstgeschichte bewegt sich in Pendelbewegungen, was meinen Sie damit?

Die Kunstgeschichte ist ständig in der Pubertät. Künstlerinnen und Künstler rebellierten ständig gegen das Etablierte. Nehmen Sie den Kubismus. Irgendwann waren genug Gesichter zerlegt – lass mal was Neues machen. So grenzt sich eine Epoche immer von der vorigen ab. Im Laufe der Jahrhunderte nimmt die Geschwindigkeit zu.

Fangen wir mit dem Mittelalter an. Warum gab es da fast nur religiöse Kunst?

Weil die Kirche mächtig war und Kunst in Auftrag gab. Es hingen ja in normalen Wohnhäusern kaum Bilder, aber in Kirchen. Viele Bilder sollten für Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, religiöse Geschichten erzählen. Es ging auch um Informationsvermittlung, wie heute bei einer Ikea-Anleitung.

Können Museumsbesucher damit heute etwas anfangen?

Auf jeden Fall! Nehmen Sie den Altenberger Altar. Der wurde damals an Festtagen aufgeklappt wie heute ein Unboxing-Video. Wow! Was für ein Moment! Es muss für die Menschen damals, die ja bilderarm aufwuchsen, ein Feuerwerk gewesen sein. Aber auch für uns – 700 Jahre später – ist vieles erstaunlich aktuell. Der Aufbau, die Leserichtung ist wie im Comic von heute.

Weiter zum Barock. Wir stehen jetzt vor einem Vermeer …

… da geht mir das Herz auf. So unfassbar schön!

Schön ist doch Geschmacksache!

Nein, die Lichtpunkte, die er setzt, die Stoffe – am liebsten würde man das anfassen. Barock war sehr breit und widersprüchlich: Es gab abgeschlagene Köpfe. Stillleben. Es gab den Actionfilm wie bei Caravaggio – und den Arthaus-Film wie hier bei Vermeer. Typisch holländisch, karg und reduziert. Mich wundert gar nicht, dass Vermeer-Ausstellungen im Moment sehr en vogue sind. Er trifft etwas, das wir alle sehr suchen im Moment: Ruhe.

"Häh, malt ihr Männer mit dem Penis? Was zur Hölle!"

Jakob Schwerdtfeger

Publikumsrenner ist ja auf jeden Fall auch der Impressionismus.

Ja! Ich mag zum Beispiel Monet – wie hervorragend der das Wasser malt! Ich glaube, alle lieben ihn, weil bei ihm gefühlt immer Sommer ist. Es ist luftig und leicht und hell, alle haben immer Zeit. Das feiern wir heute, Ausstellungen werden überrannt. Aber als der Impressionismus entstanden ist – in den 1860er Jahren –, wurde er total abgelehnt.

Eine Karikatur von damals zeigt einen Impressionisten, der mit dem Kehrbesen malt. Die totale Verhöhnung! Dass man jeden Pinselstrich sieht – das war verpönt. Denn davor sollte alles glatt gemalt sein. Bloß kein Pinselstrich! Zur selben Zeit wurde die Fotografie immer populärer. Und die Maler mussten überlegen: Was jetzt? So betonte Monet, was die Fotografie nicht konnte: Pinselstrich, Dynamik, Atmosphäre. Das kam erst mal nicht bei allen Leuten gut an.

Woher weiß man das?

Aus Zeitungskritiken, "Impressionist" war fast ein Schimpfwort. So einen Gegenwind sehen wir ganz oft in der Kunstgeschichte. Eigentlich kennen das fast alle Kunstschaffenden, ich kann ein Lied davon singen. Als ich anfing, Kunstcomedy zu machen, waren am Anfang manchmal nur 17 Leute im Publikum. Was soll das, Humor mit Kunst verbinden – das hab ich damals schon gehört.

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Und was hilft dann?

Festbeißen, durchziehen, weitermachen. Und bei mir half auch mein erstes Buch. Das Buch ist ein Medium, das alle kennen. Danach hat man mir zugetraut, dass ich fundiert und trotzdem lustig über Kunst reden kann. Und heute sind viele meiner Shows in ganz Deutschland gut besucht.

Schwer hatten es in der Kunstgeschichte vor allem Frauen. Steht auch in Ihrem Buch. Und heute?

In der Liste der 100 teuersten Kunstwerke taucht nur eine Frau auf – Frida Kahlo, und das ziemlich weit unten. Es ist so krass, wie über Jahrhunderte systematisch versucht wurde, Frauen aus der Kunst fernzuhalten! Lange durften sie keine Kunstakademien besuchen, Genialität wurde ihnen oft abgesprochen. Da denke ich: Häh, malt ihr Männer mit dem Penis? Was zur Hölle! Frauen können doch mit dem Pinsel umgehen!

In Ihrer chrismon-Kolumne ist ja in jeder zweiten Folge eine Künstlerin dran.

Ja. Weil man bei Künstlerinnen noch viel mehr Neues, Experimentelles entdecken kann.

Warum?

Männer werden vom Markt schnell angenommen. Nehmen Sie Jackson Pollock. Einmal erfolgreich, Action-Painting, Nische gefunden – dann macht der jahrelang dasselbe. Langweilig! Frauen probieren häufig mehr rum.

Dann wollen wir jetzt noch eine Frau kennenlernen!

Kennen Sie die Pop-Art-Künstlerin Christa Dichgans? Eben. Hier im Städel hängt ihr Werk "Flipper" von 1969. Der Delfin sieht aus wie aufgeblasen, eine perfekte glatte Oberfläche. Christa Dichgans hatte ein Schlüsselerlebnis, als sie Spielzeug für ihr Kind bei der Heilsarmee in New York suchte. Das war dort massenhaft, aussortiert und weggeworfen.

Da stellt sich die Frage: Was hinterlässt der Kapitalismus? Die amerikanische Pop-Art hat den Konsum eher gefeiert – denken Sie an Warhol und seine Campbell's-Dose – die deutsche Pop-Art war ironischer. Ich mag es an der Kunst, wenn sie uns die Frage stellt: Hey, was machen wir hier eigentlich?

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