Kunstwerk
Meisterhaft geisterhaft
Hilma af Klint malte abstrakt, lange bevor andere es taten. Berühmt wurde sie erst nach ihrem Tod. Warum ihr Auftraggeber besonders war, lesen Sie in der Kolumne von Jakob Schwerdtfeger
Hilma af Klint: Rose Series, 1906-1907
Gruppe I, Primordial Chaos, Nr. 16, aus der WU / Rose Series, 1906–1907. Stockholm, The Hilma af Klint Foundation / akg-images
Pierre Jarawan
05.01.2026

Keine Ausstellungen zu Lebzeiten und nach dem Tod mindestens 20 Jahre unter Verschluss! Das verfügte die Schwedin Hilma af Klint (1862–1944) über die meisten ihrer Bilder, weil sie das Gefühl hatte, ihrer Zeit zu sehr voraus zu sein – zu Recht. Noch vor dem russischen Künstler Wassily Kandinsky begann sie 1906, abstrakt zu malen. Lange wurde Kandinsky das erste abstrakte Kunstwerk zugeschrieben, das im Jahr 1910 entstanden sein soll. Dann stellte sich heraus, dass er das Aquarell vordatiert und vermutlich erst 1913 geschaffen hatte. Offenbar wollte Kandinsky als Vorreiter gelten und rufen: "Erster!" Tja, nice try.

Pierre Jarawan

Jakob Schwerdtfeger

Jakob Schwerdtfeger, Jahrgang 1988, ist Kunsthistoriker und Comedian. 2023 erschien sein Buch "Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst" (dtv). Er tritt in vielen Museen auf und lebt in Frankfurt am Main.

Mittlerweile ist klar, dass Hilma af Klint früher dran war mit der Abstraktion. Sie schuf Gemälde mit organischen oder geometrischen Formen, eines davon trägt den nicht sonderlich griffigen Titel "Gruppe 1, Urchaos, Nr. 16 (Serie WU/Rosen)". Wir sehen ein blaues Bild mit mehr Spiralen als eine Portion Fusilli.

Wie kam Hilma af Klint Anfang des 20. Jahrhunderts darauf, abstrakt zu arbeiten, während so gut wie alle anderen noch an der gegenständlichen Malerei festhielten? Af Klints Auftraggeber war Amaliel, ein Geist, der sie laut eigener Aussage während einer Séance zu dieser Art der Malerei anregte. Die Künstlerin kreierte also im wahrsten Sinne geistreiche Kunst. Seit den 1880er Jahren nahm af Klint an okkulten Sitzungen teil und widmete sich in der Folge spiritueller Kunst.

Was klingt wie ein Fall für die Ghostbusters, war damals ein Trend. Um die Jahrhundertwende hatten Geisterbeschwörungen Hochkonjunktur und etliche Kunstschaffende ließen sich davon inspirieren. Besonders beeinflusst wurde af Klint durch die Theosophie, eine spirituelle Lehre, die von einer göttlichen Verbindung allen Lebens ausgeht und nach verborgenen Wahrheiten sucht. Für die Malerin eignete sich die abstrakte Kunst, um all die unsichtbaren und ungreifbaren Sphären malen zu können, in denen sie sich bewegte.

Die Künstlerin wäre begeistert gewesen

Hilma af Klint träumte von einem spirituellen Tempel, in dem ihre Kunst präsentiert werden sollte. Drunter machte sie es nicht! Der Bau war spiralförmig geplant und ähnelte damit dem Guggenheim-Museum in New York, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte.

2018 gab es schließlich die perfekte Kombination, als af Klints Werke in genau diesem Museum gezeigt wurden. 2024 bin ich selbst in die Tempelvision der Künstlerin eingetaucht und zwar in einer Ausstellung im Düsseldorfer K20. Dort gab es Virtual-Reality-Brillen, mit denen man durch eine Animation von af Klints Tempel flog – sie selbst wäre von diesem Erlebnis sicher begeistert gewesen.

Erst 1986 wurde af Klint mit einer Ausstellung in Los Angeles international bekannt, 42 Jahre nach ihrem Tod. Mittlerweile hat ihre Kunst eine solide Berühmtheit erlangt, was man daran erkennt, dass es von ihren Werken Seidenschals gibt – ein untrüglicher Indikator.

Das Erbe der Künstlerin wird heutzutage von einer Stiftung in Stockholm verwaltet, doch der Vorsitzende hat kürzlich krude Pläne geäußert. Er möchte Hilma af Klints Werke künftig nur noch "spirituell Suchenden" zugänglich machen – also schnell Kontakt zu Amaliel oder anderen Geistern aufnehmen!

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