Das Symbol des US-Präsidenten ist das runde Siegel mit dem Weißkopfadler, der in der einen Kralle einen Olivenzweig und in der anderen Pfeile hält. Ob an Rednerpulten oder auf Dokumenten: Wo immer das Wappen auftaucht, dokumentiert es die Autorität des mächtigsten Mannes der Welt.
Seit dem erneuten Amtsantritt von Donald Trump prangt dieses Siegel nun auch auf der Bibel – genauer: der "Presidential Edition" der "God Bless The USA"-Bibel. Man kann sie für 99,99 US-Dollar online bestellen und bekommt vor dem Bezahlen noch eine "Fight, Fight, Fight"-Statue für 59,99 Dollar angeboten – als Erinnerung an das versuchte Attentat im Wahlkampf 2024, das Trump dank göttlicher Fügung überlebt hat.
Die "Trump-Bibel" symbolisiert gleich in mehrfacher Hinsicht die unheilige Allianz von Religion, Macht, Kommerz und Personenkult. Sie enthält nämlich nicht nur die biblischen Testamente, sondern auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, den Fahneneid und als popkulturelle Profanisierung den Refrain seiner Wahlkampfhymne "I’m proud to be an American". Nicht ganz ins Bild passt allerdings, dass die "Trump-Bibeln" in China gedruckt werden und als gedruckte Bücher von Handelszöllen ausdrücklich befreit wurden.
Für christliche Nationalisten war das Jahrhundert vor Trump ein Jahrhundert der Niederlagen
Was in besseren Zeiten nur eine Vorlage für Satiriker wäre, ist heute ein Sinnbild für das Einreißen einer Grundlage der amerikanischen Demokratie: der Trennung von Religion und Staat, wie sie im ersten Verfassungszusatz festgeschrieben ist. Die Gründungsväter hatten verstanden, dass sich die Freiheit des Glaubens nicht in einem Gottesstaat entfalten kann – waren viele Siedler doch selbst den Religionskriegen und Verfolgungen religiöser Minderheiten in Europa entflohen.
Doch erst im 20. Jahrhundert wurden auch die praktischen Konsequenzen gezogen: Die Evolutionslehre setzte sich an den staatlichen Schulen durch und verdrängte die biblische Schöpfungslehre. Schulgebete und Dekalogtafeln in öffentlichen Gebäuden wurden verboten und die angeblich gottgegebenen Ordnungen von Ehe und Familie sowie der Vorherrschaft der Weißen durchbrochen – und das nicht nur unter demokratischen, sondern auch unter republikanischen Präsidenten. Für konservative weiße Christen und christliche Nationalisten war das Jahrhundert vor Trump ein Jahrhundert der Niederlagen.
Das ist die Vorgeschichte, ohne die sich die Treue der religiösen Rechten zu Donald Trump auch nach fast zehn Jahren nicht erklären lässt. Denn den Mann im Weißen Haus und die christlichen Nationalisten verbinden keine religiösen und moralischen Werte – wohl aber die Sehnsucht nach Rache an der offenen Gesellschaft und einem säkularen Staat: "Ich bin euer Krieger! Ich bin eure Gerechtigkeit! Und für alle, die gelitten haben und betrogen wurden: Ich bin eure Rache!" Dieses Versprechen aus dem Wahlkampf prägte das erste Amtsjahr: vom Kampf gegen "woke" Förderprogramme für Minderheiten über die Zerschlagung wichtiger Behörden bis zur brutalen Deportationspolitik, die zunehmend zum offenen Krieg gegen demokratisch geführte Städte und Bundesstaaten wird.
"Wir wissen, dass Gott liebt. Aber wusstet ihr, dass Gott auch hasst?", fragte er die Offiziere
Wer nur die erratischen Auftritte des Präsidenten und den bizarren Personenkult um ihn herum wahrnimmt, übersieht, wie planmäßig die unheilige Allianz aus entfesselter Macht und Religion die Gesellschaft umbaut. Der Haushaltsdirektor im Weißen Haus, Russell Vought, beschreibt sich selbst als christlichen Nationalisten und verknüpft nahezu unkontrolliert vom Kongress alle staatlichen Zahlungen an politisches Wohlverhalten. Aus Anlass des 250-jährigen Geburtstags der USA wurden die großen Museen der Smithsonian-Stiftung zum Beispiel gedrängt, zahlreiche Exponate zu entfernen, die an dunkle Kapitel der Geschichte wie Sklaverei und Vernichtung der First Nations erinnern.
Als ideologisches Leitbild dient dabei die theokratische Vorstellung des "Seven Mountains Mandate". Danach haben Christinnen und Christen eine göttliche Mission, die sieben Berge einer Gesellschaft zu erobern und zu kontrollieren: Bildung, Regierung, Religion, Familie, Wirtschaft, Medien und Unterhaltung.
Die Trennung von Staat und Religion ist längst eingerissen. Kriegsminister Pete Hegseth, der selbst ernannte "Christian Warrior", lädt seit vorigem Sommer persönlich zu Gottesdiensten in der Dienstzeit des Pentagons. Zu Weihnachten 2025 war mit Franklin Graham einer der Stars der christlichen Nationalisten zu Gast. Er predigte über König Saul. Der sei zum Sünder geworden, als er Gottes Befehl, sämtliche Feinde zu töten, nicht befolgt habe: "Wir wissen, dass Gott liebt. Aber wusstet ihr, dass Gott auch hasst?", fragte er die Offiziere und Beamten. "Wusstet ihr, dass Gott auch ein Gott des Krieges ist? Viele Menschen wollen daran nicht denken oder haben es vergessen." Der Minister wird es gerne gehört haben. Er ließ zu dieser Zeit Fischerboote vor der Küste Venezuelas bombardieren und wurde für seinen Befehl "Kill them all" selbst von republikanischen Abgeordneten kritisiert.
Wenn der Kriegsminister Truppen besucht, betet er regelmäßig mit den Soldaten – sein Pressestab unterlegt das dann mit martialischen Bildern von Waffen und Militärübungen und verbreitet es über soziale Medien.
Weil das unter den MAGA-Gläubigen offensichtlich gut ankommt, postet auch Heimatschutzministerin Kristi Noem von ihren Besuchen bei den paramilitärischen Truppen der Einwanderungsbehörde ICE solche Gebetsvideos. In der Timeline ihres Ministeriums erscheinen die dann zwischen Rechtfertigungen brutaler Verhaftungen und Deportationen.
Für die inszenierten Grausamkeiten hat der Historiker Timothy Snyder schon 2017 den Begriff "Sadopopulismus" geprägt. Was im liberalen Teil der Bevölkerung für zunehmende Empörung sorgt, entschädigt die MAGA-Anhänger für die harte Realität, dass sich ihre soziale und wirtschaftliche Situation allen Versprechungen zum Trotz nicht verbessert. Nur so lässt sich erklären, dass es aus dem Lager der christlichen Nationalisten selbst dann kaum mahnende Stimmen gibt, wenn Menschen bei Einsätzen von ICE getötet oder Kleinkinder von vermummten Agenten aus dem Auto gezerrt und deportiert werden.
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Nach den tödlichen Schüssen auf Renee Nicole Good Anfang Januar in Minneapolis mahnte Franklin Graham, "dass jeder verpflichtet ist, der Obrigkeit zu gehorchen". Er rief zum Gebet "für die Männer, die das Recht durchsetzen und die schwierige Aufgabe haben, die Menschen aus unserem Land zu schaffen, die unter Präsident Biden illegal gekommen sind."
In so einem öffentlich verbreiteten "Gebet für ICE" bittet der einflussreiche calvinistische Theologe Andy Naselli, Gott möge "die tapferen und ehrenvollen" Agenten vor "bösen (wicked) Regierungsvertretern wie Gouverneur Tim Walz und Bürgermeister Jacob Frey" beschützen. Das englische Wort wicked für "böse" führt dann nahtlos zum 58. Psalm: "Gott, zerbrich den Bösen (the wicked) die Zähne im Maul." Da ist es wieder: das Motiv der Rache, das Trump und seine MAGA-Gläubigen verbindet. Nur wenige Tage später wurde der Krankenpfleger Alex Pretti von Border-Patrol-Beamten mit neun Schüssen auf offener Straße getötet.
Verschiedene Umfragen nach dem Tod von Renee Good zeigen: Rund sechzig Prozent der Bevölkerung lehnen das gewaltsame Vorgehen von ICE inzwischen ab. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass es immer noch einen harten Kern der MAGA-Bewegung gibt, der die brutale Deportationspolitik der Regierung weiter unterstützt. Und dazu gehören auch Trumps treueste Wähler: die christlichen Nationalisten. Sie haben zwar nur einen Anteil von unter 15 Prozent an der Bevölkerung, konnten ihre Anhänger aber besonders erfolgreich mobilisieren. Im Bündnis mit der entfesselten Macht des Weißen Hauses hat sich der christliche Nationalismus zu einer der gefährlichsten Ideologien der Welt radikalisiert. Religion dient nur noch als Brandbeschleuniger im Kampf gegen die liberale Demokratie.
Das Gift rechter Verschwörungserzählungen schlägt auf die Bewegung zurück
Diese Radikalisierung hat aber ihren Preis: Sie verschreckt auch Teile der Bevölkerung, die 2024 noch für Donald Trump gestimmt haben. Die haben ihn gewählt, weil sie sich von ihm weniger Ausgaben und mehr Geld auf dem Konto erhofft haben – und nicht, weil sie einen religiös aufgeladenen Bürgerkrieg wollten. Schon bei den kommenden Wahlen zum Kongress im November 2026 könnte den Republikanern eine verheerende Niederlage drohen. Damit schwindet schon jetzt die Bindekraft des Präsidenten: Der Personenkult wirkt angesichts der immer wirreren Auftritte zunehmend peinlich. Republikanische Abgeordnete und Senatoren, die um ihre Wiederwahl fürchten, gehen zunehmend auf Distanz zu Trump. Die MAGA-Bewegung ist zunehmend von erbitterten Richtungskämpfen geprägt.
Noch wichtiger aber ist, dass die Narrative des christlichen Nationalismus die Hegemonie über den öffentlichen Raum verloren haben. Das mag auf den ersten Blick überraschen – war die Trauerfeier für Charlie Kirk doch erst im September 2025 eine martialische Demonstration der Einheit von Macht und Religion. Tatsächlich schien es schon in den Jahren zuvor, als wäre die religiöse Rechte mit ihren Medien und Megachurches die bestimmende christliche Kraft in den USA – während Mainline-Kirchen wie Lutheraner, Anglikaner und Unierte in der Bedeutungslosigkeit zu versinken schienen. Die Schwäche der liberalen Kirchen hatte den christlichen Nationalisten den öffentlichen Raum nahezu kampflos überlassen.
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Doch ausgerechnet der Streit um das Erbe von Charlie Kirk hat die Bruchlinien im Lager der christlichen Nationalisten offen zutage gelegt: Auf einer medial viel beachteten Kundgebung von "Turning Point USA" stritten christliche Zionisten und Libertäre auf großer Bühne, ob unter dem Dach von MAGA auch der offene Antisemitismus und Israelhass von Rechtsextremen wie Nick Fuentes Platz hat. Zum Mord an Charlie Kirk kursieren in den sozialen Netzen wilde Theorien über die Rolle Israels und anderer "finsterer Mächte" bei der Ermordung – angefeuert von früheren Mitstreiterinnen mit Millionenreichweiten. Entscheidend ist nicht, was sich belegen lässt, sondern was die meisten Klicks erzeugt. Das Gift rechter Verschwörungserzählungen schlägt nun mit voller Wucht auf eine Bewegung zurück, die die Fundamente eines faktenbasierten Diskurses seit Jahren untergraben hat.
Christen haben den Kampf um die Deutung des Glaubens aufgenommen
Im Kontrast dazu wirkt die mutige Predigt von Bischöfin Mariann Edgar Budde zur Inauguration von Donald Trump rückblickend wie eine Initialzündung für Tausende von Gemeinden, sich aus ihrem resignativen Fatalismus zu befreien und sich an die Seite derer zu stellen, die sich schon vorher für vulnerable Gruppen engagiert haben. In den ersten Monaten fand dieser Lernprozess noch intern und mitunter auch zögerlich statt – galt doch in vielen Gemeinden die Regel, dass Politik ab dem Parken vor der Kirche kein Thema mehr sein dürfe. Mit der Militarisierung der Angriffe auf Migrantinnen und Migranten in den Wohnvierteln war dieser Modus Vivendi keine Option mehr. Als sich überall in den USA Stadtteilgruppen bildeten, um vor den Razzien von ICE zu warnen, Verhaftungen zu dokumentieren und bedrohte Nachbarn zu versorgen, waren die Mainline-Kirchen die natürlichen Ansprechpartner der Zivilgesellschaft: als Räume der Zuflucht und des Gebetes, aber auch als Orte, die groß genug waren für die Massentrainings, in denen der gewaltfreie Widerstand gegen ICE organisiert und erprobt wurde.
Ebenso wichtig wie das praktische Engagement ist aber, dass Christinnen und Christen auch den Kampf um die Deutung des christlichen Glaubens aufgenommen haben. Den aggressiv-apokalyptisch aufgeladenen Verschwörungserzählungen des MAGA-Kults stellen sie mit großer Beharrlichkeit die Menschenfreundlichkeit des Evangeliums entgegen.
Vermutlich ist neben dem Grundgebot der Nächstenliebe kein biblischer Abschnitt zuletzt nicht nur in Gottesdiensten, sondern auch in politischen Stellungnahmen häufiger zitiert worden als das Jesuswort aus Matthäus 25: "Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan." Das ist nicht nur sehr viel näher am Evangelium. Weil es durch praktisches Handeln beglaubigt wird, überstrahlt es auch im medialen Raum inzwischen die frühere Dominanz der aggressiv-apokalyptischen Verschwörungserzählungen des MAGA-Kults – und das nicht nur in traditionellen Qualitätsmedien, sondern vor allem auch im digitalen Raum.
Nach der Tötung von Renee Nicole Good kamen Hunderte Geistliche aus allen Teilen der USA nach Minneapolis, um die örtlichen Glaubensgemeinschaften und die Zivilgesellschaft in ihrem Widerstand gegen das Auftreten von ICE zu unterstützen. Sie beteiligten sich an der riesigen Demonstration mit Gewerkschaften, Bürgerrechtsgruppen und Nachbarschaftsinitiativen und setzten mit gewaltfreien Aktionen des zivilen Ungehorsams gut abgestimmte eigene Akzente. Über eine inzwischen hochprofessionelle digitale Verbreitung ihrer Botschaften und Bilder erreichten die Proteste, aber auch die Friedensgebete und Mahnwache weit über Minnesota hinaus Reichweiten, die vor kurzem noch undenkbar waren. Die liberalen Kirchen haben auch hier gelernt und die Herausforderung um den öffentlichen Raum angenommen.
Im Kampf gegen den Weg in die Diktatur haben sie ihren Platz in der demokratischen Zivilgesellschaft gefunden. Darüber hinaus bedeutet die Auseinandersetzung mit der menschenfeindlichen Ideologie des christlichen Nationalismus aber eine zusätzliche Herausforderung, die ihnen niemand abnehmen kann.
Donald Trump mag seinen Namen und sein Machtsiegel auf die "God Bless the USA"-Bibel setzen. Die biblische Botschaft kann er nicht umschreiben.
Der Text beruht auf dem Buch "Mit Gott gegen die Demokratie - Warum der christliche Nationalismus alle angeht" (Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten), das am 11. März 2026 erscheint.

