Es war ein schöner Mittwochabend im August. Heiß war es gewesen, nun stand die Sonne tief, und im feuchten Rasen von Teutonia Köppern warteten die Mücken auf unseren Schweißgeruch. Normalerweise spielten wir, die Alten, auf dem Kunstrasenplatz übers halbe Feld, da muss man nicht so weit laufen, und Flutlicht für die trüben Augen gibt es auch. Im Sommer aber, wenn wir genügend Leute waren und die Tage lang, gingen wir hinauf auf den großen Rasenplatz. Da rannten wir wie die Jungen (so kam es uns vor) und sogen Rasenduft durch unsere Nasen ein. Rasenduft! So ein fußballromantischer Abend war das.
Ich stand im Tor. Wo sonst. Mit zehn Jahren hatten sie mich ins Tor gestellt, nach ein paar erfolglosen Versuchen als rechter Verteidiger. Für eine echte Torwartkarriere war ich zu klein, außerdem oft unsicher bei Flanken, und meine Abschläge waren gefürchtet, leider bei der eigenen Mannschaft. Aber ich war mutig, reaktionsschnell, sprungstark – und leidenschaftlich. Ich haute mich rein ins Spiel, ich litt, wenn der Ball im Tor lag, und nach einem guten Spiel war ich tagelang euphorisch.
Die 90 Minuten im Fußballtor, das war für mich die andere Welt, in allen Phasen meines Lebens: Da waren der spielerische Kampf, das Abtauchen hinein ins Uneigentlich-Eigentliche, der Mannschaftsgeist. Die Angst des Torwarts vor dem Fehler (Torhüter haben nie Angst vorm Elfmeter, Herr Handke!) verursachte auch noch mit 60 Jahren Magenziehen vor Aufregung, wenn das Spiel begann. Das Glück des Torwarts blieb auch mit 60, wenn wieder mal einer dieser jungen Wilden vors Tor gerannt kam. Schön lange stehen bleiben, schauen, wohin der schießen wird, blitzschnell die behandschuhte Pranke ausfahren: gehalten.
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Aber ich war langsamer geworden, sprang nicht mehr so hoch. Ein Achillessehnenriss hatte mich arg zurückgeworfen. Und dann war da dieser Schmerz im rechten Knie. Seit Jahren schon war er ein zuverlässiger Begleiter nach dem Kicken, aber auch zuverlässig wieder weg vorm nächsten Spiel. Zwei Wochen vor diesem warmen Augustabend hatten wir auf nassem Rasen Federball gespielt, ich war ausgerutscht und hatte mir das Bein böse überstreckt. Und seitdem war da was im Knie, was vorher nicht gewesen war.
Der Meniskus ist weg, zerrieben in 50 Jahren Fußballglück
War das ein Grund, zu Hause zu bleiben an diesem Mittwoch? Ohne Torwartschmerz und Torwartglück und Rasenduft? Nichts da. Die Sporttasche gepackt, nach der Arbeit auf zum Sportplatz, zwei Mannschaften gewählt, los gehts. Das Knie scheint zu halten. Bis kurz vor Schluss: Ein Schuss aufs Tor, ein Abwehrbein dazwischen, der Ball fliegt nicht nach rechts, sondern nach links. Ein schneller Reflex, ein Sprung in die andere Ecke – den Ball um den Pfosten gelenkt. "Super!", ruft es von irgendwoher.
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Nur das Knie sagt: au. Es geht nicht mehr. Ich überstehe das Spiel und humple nach Hause. Am nächsten Mittwoch sagt das Knie immer noch: au. Und am übernächsten auch. Es geht zur Hausärztin, zur Radiologie, zum Orthopäden. Im Arztbrief steht das böse Wort "Knochenglatze". Der Meniskus ist weg, zerrieben in 50 Jahren Fußballglück und Fußballleid. Die Mediziner raten zu allem Möglichen: Knieprothese, Krafttraining, Ernährungsumstellung. Nur zu einem nicht: zur Rückkehr ins Fußballtor.
Einmal war ich noch da, habe neben dem Platz ein bisschen Gymnastik gemacht, und die anderen rannten, grätschten, schlugen Pässe. Die Jungs freuten sich, hauten mir auf die Schulter und fragten: Wann kommst du wieder? Ich litt und finanzierte die Kiste Bier nach dem Spiel. Und war seitdem nicht mehr da, ein trauriges, verschämtes Ende.
Ich paddle jetzt, das schont das Knie, ist schön, und die Leute vom Paddelverein sind wirklich nett. Aber nach dem Training schaue ich auf Youtube Filmchen von unterklassigen Amateurtorhütern, die eine Kamera ins Tor stellen, ihre Paraden und Pleiten in der Netzwelt zum Besten geben, das ganze Torwartleben halt. Die Körperspannung steigt. Geht da doch noch was? Ein Abschiedsspiel, ein kleines Comeback?
Au, sagt das Knie. Und: Spinnst du?
