In der Garage des Berliners Karl Dittmer wird alles gesammelt – in säuberlich beschrifteten Kartons
Berliner Karl Dittmer in seiner Garage
Espen Eichhöfer / Ostkreuz
Ukraine
Der Ersatz-Mann
Prothesen sind für ­Klaus Dittmer Beruf und Leidenschaft. Schlimm, dass die nicht recycelt werden! Jetzt schickt er sie in Einzelteilen­ in die Ukraine.
07.07.2023
8Min

Klaus Dittmer gibt seinem Besucher die Hand. Und dann noch eine. Und noch eine. Und dann ein paar Füße. Seine Frau ist nicht begeistert, wenn die Dinger in der geräumigen, hellen Wohnung in Berlin-Zehlendorf herumstehen, aber Klaus Dittmer möchte eine kleine Einführung in die Orthopädietechnik geben. Dabei zeigt er Prothesen aus Holz, Orthesen aus Carbonfaser, Kniegelenke und Schaft­adapter aus Edelstahl und Titan, künstliche Füße aus Carbonfedern und Hände aus Gießharz.

Dittmer, Jahrgang 1941, hellblaue Augen, weiße Haare, wacher Blick, befindet sich in der seltenen Situation, dass sein Fachwissen, zwölf Jahre nach Beginn des Ruhestands, wieder gebraucht wird. "Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, saßen meine Frau und ich vor dem Fernseher und haben geweint", sagt er. Die Bilder von Tod und Zerstörung haben düstere Erinnerungen geweckt – aber auch den Impuls, etwas zu unternehmen.

Lesen Sie hier: Margot Käßmann und Karsten Wächter zum Ukrainekrieg

Im April 2022 las er einen Zeitungsartikel über den Städtepartnerschaftsverein Steglitz-Zehlendorf, der Spenden für die ukrainische Partnerstadt Charkiw sammelte. In diesem Moment reifte eine Idee, die mit vielem zu tun hat, was sein Leben prägte: seine Kenntnisse der Orthopädietechnik, seine Wertschätzung für Gebrauchtes, seine Kindheit im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland. Dittmer rief Olga Pischel vom Städtepartnerschafts­verein an und fragte sie, ob in der Ukraine Prothesenteile gebraucht würden. Pischel kontaktierte das ukrainische Forschungsinstitut für Prothetik und Rehabilitation in Charkiw, ihrer Heimatstadt. Die Institutsleiterin war schnell überzeugt und das Projekt "Prothesenteile für die Ukraine" geboren.

Dittmer aktivierte seine Kontakte aus der langjährigen Berufstätigkeit, schrieb alte ­Kollegen, Krankenversicherungen, Prothesenhersteller, Medien und Amputiertenverbände an. Seitdem bekommt er kistenweise Hand- und Fußprothesen, Halskrausen und Blasenkatheter zugeschickt. Er öffnet die Pakete, sichtet das Material ("Nicht alles ist brauchbar. Ich will ja keinen Müll schicken!"), zerlegt die Prothesen in Einzelteile, reinigt sie, sortiert sie, verpackt sie wieder in Kisten und deklariert sie für den Zoll. Auf den Aufklebern steht dann zum Beispiel: Prothesenschaftadapter, 24 Halsstützen, 12 Füße.

Gute Arbeit, so ein Fuß. Klaus Dittmer, 81, bei einer kleinen Einführung in die Orthopädietechnik in seinem Wohnzimmer

Nachdem die Werkstatt in Charkiw bei einem Raketenbeschuss im Frühjahr 2022 ­beschädigt wurde, zog sie um: Die Mitarbeiter wurden samt ihrer Ausstattung nach Lwiw, im Westen der Ukraine, evakuiert. Dort nahmen sie ihre Arbeit in einem Rehazentrum wieder auf. Und dort landen nun die Prothesenpakete von Klaus Dittmer.

Dittmers Großvater Otto war um die Jahrhundertwende Schuhmacher gewesen. Vater Bruno baute bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Prothesen. Nach Kriegsende eröffnete Bruno Dittmer 1947 eine eigene Werkstatt, in der sich Sohn Klaus als Kind gern aufhielt. "Ich fand diesen Geruch von Leder, Leim und Holzstaub so toll." Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Werkzeugmacher und begann danach seine Ausbildung zum Orthopädietechniker.

Über den Verlust einer Gliedmaße hinwegkommen

Der Kern seiner Arbeit, sagt Dittmer, liege in der Beziehung zu den Patienten. "Orthopädietechniker sind keine Schrauber, sondern müssen sich mit Schicksalen auseinandersetzen. Es ist etwas sehr Intimes, wenn jemand seinen Stumpf zeigt." Dittmer untersucht dann: Gibt es Narbeneinziehungen? Wo ist der Knochenrest? Ist der Stumpf belastbar?

"Das Komplizierte ist die individuelle Schaftanpassung", sagt Dittmer, "also der Übergang zwischen Körper und Prothese." Dazu nimmt er Maß, gießt einen Gipsabdruck des Stumpfes, fertigt die Prothese. Der Patient probiert sie aus. Und dann muss man jus­tieren. Ob jemand mit der Prothese tanzen oder Rad fahren will, stellt sich oft erst ­später heraus. Für Sport oder Baden gibt es extra Prothesen. Der Stumpf verändert sich auch, etwa wenn der Patient an Gewicht zunimmt. Dann muss neu angepasst werden. "Eine gute Prothese kann dabei helfen, über den Verlust einer Gliedmaße hinwegzukommen. Über die Trauer", sagt Dittmer. "Sie kann über Lebensglück oder Verzweiflung entscheiden."

Carbonfaser, Holz, Gießharz: lauter gebrauchte Ersatzteile, vieles davon ist noch verwertbar

Dittmer ist in seinem Leben viel herumgekommen. 1963 verschlug es ihn für zwei ­Jahre in die Vereinigten Staaten. In ­Wisconsin ­absolvierte er eine Ausbildung zum Sozial­arbeiter und betreute schwer erziehbare ­Jugendliche in einem Reservat der Ho-Chunk-­Indianer. Dort lernte er seine erste Frau ­kennen, mit der er über zehn Jahre verheiratet war. "Als junger Mann wollte ich eigentlich nur weg aus diesem zerstörten Berlin, aber das Heimweh war dann doch zu stark", sagt er.

"Ich komme aus einer Zeit, in der selbst ein Nagel von Wert war"

Er kehrte mit seiner Frau zurück nach Deutschland, bekam drei Töchter. Der Sohn, heute ebenfalls Orthopädietechniker, wurde bei Dittmers Auslandsaufenthalt in Tunesien geboren: Von 1968 bis 1971 half er, mit der evangelischen Organisation Dienste in Übersee eine Orthopädiewerkstatt in Tunis aufzubauen, das heutige Mohamed-Kassab-Institut für Orthopädie.

1961 war Klaus Dittmer zum ersten Mal mit der Evangelischen Jugend in der ehemaligen Sowjetunion, 1966 folgte ein Besuch mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Ab 1992 kam er auf Initiative des Berliner ­"Tagesspiegels" jährlich nach St. Petersburg, um Kollegen vor Ort bei der Gründung eines Fachverbands für Orthopädie zu ­unterstützen. Einmal bereiste er auch die Ukraine mit dem Zug und besuchte die Krim. 40 Jahre lang arbeitete er selbstständig, bis er seine Werkstatt 2011 im Alter von 70 Jahren verkaufte. Doch sein Handwerk ließ ihn nicht los.

Klaus Dittmer durchsucht in seiner ­Garage ein paar Kartons und wird fündig: ein Schaft­adapter! Ein Pyramidengelenk! "Das sind Schätze!" Schon lange stört ihn, dass es in Deutschland kein Recyclingsystem für Prothesenteile gibt. "Ich komme aus einer Zeit, in der selbst ein Nagel von Wert war. Wenn er verbogen war, wurde er gerade geklopft", sagt er. Aber niemand möchte abgelegte Prothesen zurücknehmen und wiederverwerten, selbst wenn sie noch in gutem Zustand sind. "Das landet alles im Müll", klagt Dittmer. An viele Ämter, Krankenkassen und Ministerien hat er deswegen schon geschrieben – ohne Erfolg.

Über die Jahre hat Dittmer ausgefallene und historische Prothesen gesammelt. Das hat sich herumgesprochen. Leute aus ganz Deutschland schicken ihm künstliche Beine oder Arme verstorbener Familienmitglieder, auch von Wehrmachtssoldaten. Manchen ­Familien sendet Dittmer einen Fragebogen zur Geschichte der Prothese zu. Die Antworten sammelt er mit Fotos in einem Ordner. In diesem privaten Katalog findet man auch Modelle mit Hakenaufsätzen zum Greifen, die an Piratenklischees erinnern, oder Schaftaufsätze mit einem metallenen Ring statt ­einer Hand, um zum Beispiel einen Spaten zu ­fixieren. "Eine gute Arbeit muss man dokumentieren", sagt Dittmer.

Anders als die meisten Sammler will Dittmer seine Kollektionen aber gar nicht behalten. Ihm geht es darum, dass Dinge, die man noch verwenden kann und die eine Geschichte erzählen, nicht einfach weggeworfen werden. Er kontaktierte Museen und bot ihnen die Objekte an. Drei Sammlungen mit his­torischen Prothesen gingen zum Beispiel an das Hygiene-Museum in Dresden, das Deutsche Museum in München und das Karl-­Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin in Leipzig. Doch mit der Ukrainehilfe hat Dittmer seit einiger Zeit eine sinnvollere Verwendung für ausrangierte Prothesen gefunden.

Der Geruch von trockenem Beton ist ihm unerträglich

Alle paar Wochen, wenn er genug neue ­Materialien gesammelt hat, kommen Freiwillige von der Städtepartnerschaft vorbei, laden die Kartons ein und nehmen sie mit nach Lwiw. Ein Fahrer schenkte ihm zum Dank eine ukrainische Flagge. "Sonst sind mir Nationalsymbole nicht so wichtig, aber das hat mich bewegt", sagt Dittmer. Auch die Abschieds­szene: "Also dann, bis nach dem Krieg!", habe der Fahrer gerufen.

Der Bedarf an neuen Prothesen, Orthesen und anderen Hilfsapparaten ist nach wie vor hoch, denn sie sind unter Kriegsbedingungen nicht immer einfach zu beschaffen. Die Ukraine veröffentlicht keine offiziellen ­Zahlen dazu, wie viele verletzte und ­amputierte Soldaten es gibt, aber die Werkstatt in Charkiw hat vor dem Krieg etwa 40 Personen pro Monat versorgt, sagt Olga Pischel, mittlerweile seien es etwa 100. Benötigt werden vor allem anpassbare Rohradapter und Gelenke sowie stabile, abwaschbare Prothesen, die man in der Landwirtschaft tragen kann – kein Hightech, sondern Praktisches.

Die Amputierten sollen möglichst schnell Prothesen erhalten, damit die Muskulatur nicht zu stark abbaut und sich der Bewegungsapparat an die neue Aufgabe ­anpassen kann. Präzise auf die Bedürfnisse der Person zugeschnittene Prothesen können auch ­später noch angefertigt werden, wenn die ­Operationen abgeschlossen sind und der Stumpf vollständig verheilt ist. Daher schickt Dittmer vor allem austauschbare mechanische Teile, die leicht justiert und miteinander kombiniert werden können.

Rund zehn Dutzend Pakete hat Dittmer schon in die Ukraine geschickt: Füße, Arme und Beine

Olga Pischel hat viele Briefe von Ärzten und Orthopädietechnikern aus der Ukraine erhalten, die sich für die schnelle und flexible Hilfe bedankt haben. Auch Videos und Fotos von Soldaten bekommt sie zugeschickt. Einige der Soldaten, die amputiert wurden, wollten ­sogar zurück an die Front. "Die Unterstützung von Herrn Dittmer ist Gold wert", sagt sie. "Er wusste sofort, was gebraucht und wie sich das entwickeln wird." Pischel hofft, dass sich noch mehr Verbände, Unternehmen und ­Innungen engagieren, um weitere ­Lieferungen, auch von neuwertigen Prothesenteilen, zu ermöglichen.

Als Dittmer in einem Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymir Selenskij las, dass in den Bunkern in der Ukraine nicht geheizt werde, erinnerte er sich an das Weihnachtsfest 1944, das er als ­Dreijähriger mit seiner Familie im ­Bunker verbracht hat. "Wir waren immer dick angezogen. Vier Kinder in einem Bett, um uns gegenseitig zu wärmen. Dass in einem ­Bunker nicht geheizt wird, war mir nicht mehr bewusst. Erst jetzt ist mir das wieder ­eingefallen", sagt er. Bis heute kann er keine Bunker betreten. Der Geruch von trockenem Beton ist für ihn unerträglich. "Wenn ich so etwas wie diese Bilder aus Butscha sehe, wo jemand auf der Straße liegt, dann erinnere ich mich daran, dass ich als Kind auch ­Leute auf der Straße habe liegen sehen, die mit ­einer Decke zugedeckt waren. Ich dachte, die schlafen. Aber die waren tot."

In der Schule sei er durch die ­sogenannten Schwedenspeisungen versorgt worden – ­Suppen, die vom schwedischen Roten Kreuz an Tausende Kinder verteilt wurden. Später habe er viel Glück gehabt, dafür sei er dankbar. "Ich habe dieses Inferno eines Kriegs verhältnismäßig unbeschädigt erlebt. Ich war als kleiner Junge unterernährt, aber ich bin nicht erfroren oder verhungert, ich hatte meinen Vater und meine Mutter immer bei mir."

Mit den Prothesenlieferungen in die Ukraine hilft er anderen – und ein bisschen auch sich selbst. "Das gibt mir so viel Energie, ich fühle mich positiv unter Dampf!", sagt er lachend. Sechs Autoladungen mit jeweils 20 Kartons voller Prothesen hat er schon in die Ukraine geschickt. Weitere werden folgen. ­ Die Werkstatt in Lwiw plant, auch den Betrieb in Charkiw wieder aufzubauen.
Klaus Dittmer träumt davon, dass angehende Orthopädietechniker aus der Ukraine zur Aus- und Weiterbildung nach Deutschland kommen. Er sucht schon nach Partnerbetrieben und Gastfamilien. "Die Hilfe, die ich geben kann, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber selbst der kann helfen und jemanden befähigen, Mut zu schöpfen. Und das ist wichtig."

Infobox

Geschichte der Prothese

Die ersten Prothesen gab es schon in der Antike, wie archäologische Funde, historische Berichte und Abbildungen belegen. Im Mittelalter fertigten vor allem Schreiner Krücken und Stelzenbeine aus Holz an. Erstmals im 16. Jahrhundert gab es mechanische Beinprothesen mit sperrbarem Kniegelenk. 1812 entwickelt der Zahnarzt Peter Baliff die erste bewegliche Armprothese.

Hundert Jahre später konstruierte der Chirurg Ferdinand Sauerbruch Prothesen, über die sich Hände und Finger durch Anspannung des Oberarms bewegen ließen. Kurz darauf begründete die Firma Ottobock den modernen Prothesenbau – bis heute ist sie Weltmarktführer in diesem Bereich. Durch die vielen Versehrten im Ersten und Zweiten Weltkrieg kommen immer neue innovative Prothesensysteme auf den Markt.

Ab den 1980ern konnten Muskelbewegungen über Elektroden an die Prothese übertragen werden. Die neuesten, sogenannten myoelektrischen Modelle sind über Schnittstellen und Chips direkt mit dem Nervensystem im Gehirn verbunden. Stümpfe werden über Laserscans abgemessen. Die Prothesen können dann als 3D-Modell im Computer entworfen und mit dem 3D-Drucker produziert werden.

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