Anfänge - Ausfallschritt auf einem Bein
Anfänge - Ausfallschritt auf einem Bein
Sebastian Arlt
Ausfallschritt auf einem Bein
Auch wenn das Training oft wehtut - der Skiathlet strebt eine Goldmedaille an.
21.01.2021

Leander Kress (Jahrgang 2001):

Ich war nicht traurig, als sie mir mein rechtes Bein amputiert haben. Ich war auch felsenfest davon überzeugt, dass ich den Knochenkrebs und die Chemo überstehen werde – obwohl die Chancen echt gering waren. Ich war immer optimistisch. Dann bekam ich meine erste Prothese – und ­musste Ewigkeiten in der Gangschule gehen lernen. Nichts mehr hat so funktioniert wie früher. Ein absoluter Neu­anfang. Dazu hatte ich echt keine Lust. Aber meine Eltern haben mich wirklich getriezt.

Ich hätte auch hingeschmissen, als ich für eine Reha­woche in den Bergen war. Da sollten Kinder, denen ­wegen einer Krebserkrankung ein Körperteil amputiert ­worden war, Skifahren lernen. Ich weiß nicht, wie oft ich hin­gefallen bin, weil es sauschwer ist, auf einem Ski die ­Balance zu ­halten. Meine Eltern motivierten mich damit, dass sie mir den tollen Milchreis kaufen, den es an der Talstation gab. Den esse ich immer noch jedes Mal, wenn ich dort trainiere. Am Ende der Woche konnte ich schon einen Hügel herunter­fahren. Ich war unfassbar stolz. Und jetzt bin ich in die Nationa­lmannschaft Para Ski alpin berufen worden.

Skiathlet Leander Kreß trainiert für die Paralympics 2026

Nach der Reha hatten wir eine Skitrainingsgruppe ge­gründet, die sich mehrmals im Jahr traf. Das Coole an ­dieser Gruppe: Ich konnte mit diesen Kindern so sein, wie ich bin. Endlich war ich mal nicht der Junge, der mit den anderen Kindern nie mithalten kann.

Denn das war zu Hause schon hin und wieder ein Problem. Mit 14 war ich in einem Kanuverein – ich brauchte ja auch im Sommer ein Training. Und da war ich mit meiner Prothese immer im Nachteil, egal, wie sehr ich mich anstrengte. Meine Teamkollegen ließen mich oft links liegen. Ich habe versucht, das nicht so an mich ranzulassen, damit es nicht so wehtut, aber toll war’s trotzdem nicht.

Irgendwann hat mich ein Junge aus einem anderen Kanuverein, der das alles mitbekommen hat, gefragt: Warum will dich niemand mit dabeihaben? Ich hab ihm die Wahrheit gesagt: Die mögen mich nicht, weil ich wegen meiner Behinderung nicht mithalten kann. Er fand das überhaupt nicht cool. So sind wir Freunde geworden. Aber meine Behinderung macht unsere Freundschaft nicht aus, sondern es sind unsere Persönlichkeiten.

Ich will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden

Ich will als Mensch gesehen werden, der halt zu­fällig ­eine Prothese hat. Ich will auch nicht mit Samthand­schuhen angefasst werden. Zum Glück tun das meine Freunde nicht. Da sagt keiner: Bei Leander darf ich mich nicht über einen schlechten Tag auskotzen, weil der ja nur ein Bein hat und deswegen viel ärmer dran ist.

Ich versuche, auch anderen beinamputierten Kindern und Jugendlichen Mut zu machen. Mir hat als Kind diese Rehawoche so sehr geholfen, dass ich vor ein paar Jahren sagte: Liebe Organisatoren, was haltet ihr davon, wenn ich den "neuen" Einbeinern das Skifahren beibringe anstelle des Professors, der sich ein Bein hochbindet? Beim ersten Mal hatte ich dann einen Achtjährigen und eine 14-Jährige vor mir – am Ende machte ihnen das Skifahren richtig Spaß.

Ich brauche kein Mitleid

Ich trage, wann immer es das Wetter zulässt, ­kurze ­Hosen. Dann sehen die Leute die Prothese gleich und ­starren weniger lang, als wenn ich eine Jeans anhabe und sie sich meinen Gang zu erklären versuchen. Es nervt mich, wenn die Leute hinter meinem Rücken tuscheln. Mir ist ­lieber, sie fragen, was mit mir los ist. Dann erkläre ich das ganz offen. Wenn sie mich bemitleiden, sage ich, dass ich kein Mitleid brauche, dass ich ein ganz normales Leben führe.

Klar, Schlittschuhlaufen oder Inlineskaten kann ich nicht, aber ansonsten mache ich alles mit oder probiere es zumindest aus. Wenn meine Freunde wandern gehen ­wollen, gehe ich mit. Auch wenn ich mir vielleicht die Haut in der Prothese wund scheuere. Dann muss ich halt ein paar Tage mit Krücken gehen.

Schmerzen bin ich eh gewöhnt. Denn der Skischuh ist extrem hart. Wenn ich beim Schleppliftfahren die ­ganze Zeit ohne Entlastung auf dem Fuß stehe, dann tut das ­höllisch weh. Mein bester Freund im Para-National­kader und ich lenken uns dann immer mit dem Singen von selbst gedichteten Liedern ab, damit wir das durch­stehen. Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das überhaupt antue. Der Leistungssport geht extrem in die ­Knochen. Aber ich weiß, dass ich das Potenzial habe, mal wirklich gut zu werden. Für die Paralympics 2026 träume ich von der Goldmedaille.

Protokoll: Lena Christin Ohm

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